Rede von Ingo Vogel (SPD) – Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,
Teil von Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages · TOP 4: Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,.
Text
Rede von Ingo Vogel (SPD) – Emmerich, Lukas Benner, Dr. Irene Mihalic,
Vielen Dank. – Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine
sehr geehrten Damen und Herren! Der Start in die zweite
Jahreshälfte war mit Blick auf die Organisierte
Kriminalität bereits ereignisreich – und dabei haben wir erst
Anfang Oktober.
In Duisburg haben beispielsweise mehr als 1 000
Polizistinnen und Polizisten ein mutmaßliches
Geldwäschenetzwerk der Hells Angels aufgedeckt.
In Berlin, Hamburg, Thüringen, Sachsen, Sachsen-
Anhalt, Hessen, Nordrhein-Westfalen und Baden-
Württemberg haben 2 200 Einsatzkräfte der Bundespolizei und der
Finanzkontrolle Schwarzarbeit zahlreiche Wohnungen,
Wohnunterkünfte, Firmen und Hotels durchsucht, um
gegen eine mutmaßliche Bande von Schleusern
vorzugehen, die offenbar Urkunden gefälscht und Arbeitsgeld
vorenthalten und veruntreut haben.
In Hessen haben Ermittler bei einer Razzia Luxusautos
und Bargeld sichergestellt und organisierten Sozialbetrug
offengelegt.
In Berlin eskaliert die Schusswaffengewalt zunehmend
bei Auseinandersetzungen unter Clans.
Das sind nur ein paar Beispiele, die zeigen, dass die
Organisierte Kriminalität deutschlandweit stattfindet.
Und sie nimmt Dimensionen an, die niemand mehr
beschönigen kann. Und mehr noch: Organisierte
Kriminalität findet natürlich international statt. Deshalb wollen wir
als Sicherheitskoalition
(Lachen bei Abgeordneten der AfD – Dr. Bernd
Baumann [AfD]: Ha! Sie haben die doch alle
reingelassen!)
einerseits Frontex im Rahmen ihrer schon bestehenden
Zuständigkeiten für grenzüberschreitende
Kriminalitätsformen weiterentwickeln sowie Ressourcen und
Kompetenzen von Europol ausbauen. Deshalb bauen wir
ergänzend die Zuständigkeit des Generalbundesanwaltes
für die Organisierte Kriminalität, innerhalb der
verfassungsmäßigen Grenzen natürlich, aus. So ermöglichen
wir insbesondere bei transnationaler Organisierter
Kriminalität von besonderer Bedeutung oder qualifizierter
Systemgefährdung eine gebündelte Strafverfolgung auf
Bundesebene und schaffen dafür die erforderlichen
zusätzlichen Ressourcen.
Das kürzlich vorgestellte Bundeslagebild zur
Organisierten Kriminalität des Bundeskriminalamtes bestätigt:
Die Organisierte Kriminalität verändert sich derzeit. Sie
ist internationaler, sie ist digitaler, sie ist bewaffneter, und
sie ist brutaler.
Dabei spielen auch die sozialen Medien eine immer
wichtigere Rolle, da kriminelle Gruppen auf der
Plattform insbesondere Macht, Status und Gewalt inszenieren.
Und leider werden dadurch auch zunehmend Jugendliche
für eigens geplante Gewalttaten angeworben und
rekrutiert. Wir haben es eben schon gehört: „Crime-as-a-
Service“ ist das Stichwort. Denn – etwas anders, als Sie es in
Ihrem Antrag zum Teil beschreiben – die aktuellen
Aktivitäten der Organisierten Kriminalität finden eben nicht
mehr nur im Verborgenen, fernab der Öffentlichkeit statt.
Im Gegenteil: Laut des BKA-Lagebildes verändert sich
das Erscheinungsbild bestimmter OK-Strukturen. Die
Organisierte Kriminalität ist im Wandel. Während die
Abschottung lange ein Merkmal der Organisierten
Kriminalität war, setzen insbesondere jüngere kriminelle
Akteure auf Sichtbarkeit in den sozialen Medien.
Diese Entwicklung stellt eine wachsende Gefahr für
unsere innere Sicherheit dar und fordert entsprechende
Reaktionen ein. Es steht außer Frage, dass sich die
Organisierte Kriminalität verändert und dass wir daher auch
ihre Definition weiterentwickeln und an veränderte
Strukturen anpassen müssen; denn die heutige
Organisierte Kriminalität agiert zunehmend in fluiden
Netzwerken und nutzt legale Wirtschaftsstrukturen.
Ihr Antrag greift viele Aspekte auf, die wir gemeinsam
mit der CDU/CSU als Sicherheitskoalition bereits im
Rahmen verschiedener Gesetzesinitiativen abdecken.
Klar ist auch: Wir brauchen leistungsstarke
Sicherheitsbehörden, die Gefahren frühzeitig identifizieren und
insbesondere die Bekämpfung der Organisierten
Kriminalität auf vielen Ebenen verbessern.
Der Gemeinsame Aktionsplan OK unseres
Finanzministers Lars Klingbeil, unseres Innenministers
Alexander Dobrindt und unserer Justizministerin
Stefanie Hubig zur Bekämpfung der Organisierten
Kriminalität und der Finanz- und Rauschgiftkriminalität will
genau das erreichen. Es geht darum, Netzwerke und nicht
Einzeltäter zu bekämpfen, illegale Gewinne aufzuspüren
und die dafür notwendigen Daten auszuwerten; denn als
Sicherheitskoalition wollen wir dort ansetzen, wo es den
kriminellen Netzwerken am meisten wehtut: an den
Finanzierungsquellen, beim Geld.
Wer eine Organisation vom Geld abschneidet, entzieht
ihr nicht nur ihren Gewinn, sondern mindert auch die
Fähigkeit, Personal zu bezahlen, Gewalt zu finanzieren,
Netzwerke aufrechtzuerhalten und ihren Einfluss
auszubauen. Deshalb ist unser gemeinsames Ziel die
Beweislastumkehr und die Vermögensabschöpfung.
Zudem setzen wir auf digitale Prävention, um
insbesondere junge Menschen frühzeitig vor dem Einstieg
in kriminelle Strukturen und gefährliche Konsummuster
zu schützen.
Mit unserem gesetzgeberischen Vorhaben der Stärkung
der digitalen Ermittlungsbefugnisse in der Polizeiarbeit
reagieren wir darüber hinaus auf die vermehrt
stattfindende digitale Vernetzung von kriminellen Akteuren.
Dazu gehört auch, dass es eines schnellen
Informationsaustausches sowie einer effektiven Koordinierung der
Sicherheitsbehörden bedarf. Nicht weniger wichtig ist
dabei die Stärkung des Zolls im Rahmen des anstehenden
Zollfinanzgerechtigkeitsgesetzes, mit dem wir die
Bekämpfung der Finanzkriminalität vorantreiben und
unsere Sicherheitsarchitektur stärken.
Mit der Modernisierung des Bundespolizeigesetzes
haben wir bereits die Weichen gestellt für eine Polizeiarbeit,
die modernen Herausforderungen dank neuer Befugnisse
gewachsen ist. Und mit dem Gesetz zur Modernisierung
und Digitalisierung der Schwarzarbeitsbekämpfung
gehen wir ebenfalls bereits gegen organisierte Strukturen,
Firmengeflechte und illegale Beschäftigung vor. Beiden
Gesetzen, die unter anderem kriminellen Netzwerken das
Handwerk legen wollen, haben Sie als Grüne jedoch
leider gar nicht zugestimmt.
(Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Nicht gut genug! Guten Gesetzen
stimmen wir immer zu!)
Mit unseren Vorhaben stärken wir die Bekämpfung der
Organisierten Kriminalität. Ihr zusätzlicher Antrag ist aus
unserer Sicht nicht erforderlich.
Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU –
Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Nicht gut genug! Guten Gesetzen
stimmen wir immer zu!)
Relationen
- part_of → Protokoll der 98. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
- part_of_vorgang → Organisierte Kriminalität systematisch zerschlagen
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