Rede von Dr. Gerhard Botz (SPD) – Plenarprotokoll 16/133
Teil von Protokoll der 133. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Gerhard Botz (SPD) – Plenarprotokoll 16/133
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr
Bundesminister! Werte Kolleginnen und Kollegen! Frau
Behm, ich möchte eine Vorbemerkung machen: Die
Redezeit kann immer knapp werden; aber ich war sehr froh,
als Ihre Redezeit zu Ende ging. Ich habe befürchtet, dass
der eine oder andere Gast auf der Tribüne, der aus einem
ländlichen Raum stammt, sich ängstlich in eine Zukunft
verschlagen sieht, in der er sich mit einem Buschmesser
zur nächsten Postdienststelle durchschlagen muss.
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und der
CDU/CSU)
Ich komme zur Sache, also zu unserer Verantwortung
für ländliche Räume. Wenn ich in meinem
strukturschwachen Wahlkreis zu einer öffentlichen
Veranstaltung zu diesem Thema einlade, dann führt das immer zu
drei Fakten: Erstens. Der Saal ist voll. Zweitens.
Selbstverständlich sitzen die Landwirte und die Vertreter der
vor- und nachgelagerten Bereiche im Saal; sie gehören
da auch hin. Drittens. Zur Überraschung dieser Vertreter
stellen sie oft aber nicht die Mehrheit der Anwesenden.
Dr. Gerhard BotzUns als Experten überrascht das nicht. Ich zähle diese
anderen einmal kurz auf: die Kommunalpolitiker, Vertreter
der Krankenhäuser, der Katastrophenschutzorganisationen,
der Naturschutzverbände und Vertreter der Organisationen,
die die Kinderbetreuung und vieles mehr in den
ländlichen Regionen in der Hand haben.
Das macht Folgendes klar – das muss klar gesagt
werden; das lenkt unser Handeln; das dürfen wir nicht
vergessen –: Unsere Bürger in den ländlichen Räumen haben
nicht nur bezogen auf die Landwirtschaft eine
Erwartungshaltung. Wenn es aber um die strukturschwachen
Räume geht – ich beziehe mich in meiner Rede heute
etwas stärker auf diese Räume –, dann sind und bleiben
Landwirtschaft und Forstwirtschaft entscheidende
Teile der Wirtschaft. Diese Branchen bieten den Bürgern
Erwerbsmöglichkeiten. Hier können sie ihr Einkommen
erzielen. Sie sind der Grund für den Verbleib der Bürger in
diesen ländlichen Räumen. Meiner Meinung nach muss
das die entscheidende politische Zielstellung bleiben.
Die Erwartungen, die die Bürger, die in diesen Regionen
leben, an uns haben, wachsen; das spüren wir doch alle.
Dabei geht es aber nicht um irgendwelche überzogenen
Horrorbilder oder Ähnliches. Vielmehr wird die Frage
an uns gerichtet: Was könnt ihr konkret tun? Ich sage
Ihnen eines: Ich bin sehr zufrieden und dankbar, Herr
Bundesminister – das, was ich jetzt sage, richtet sich an die
gesamte Bundesregierung –, dass das im Nationalen
Strategieplan für die Entwicklung ländlicher Räume
2007 bis 2013 aufgegriffen wurde; denn es war höchste
Zeit, dass das geschieht.
Ich hoffe – Herr Minister, Sie wissen ja, wie das ist;
denn Sie sind sehr erfahren –, dass dieser Plan nicht
irgendwann irgendwo verstaubt, sondern dass er in jeder
Abteilung Ihres Hauses immer ganz oben auf dem Tisch
liegt. Da das für alle Häuser gilt, bin ich dankbar, dass
auch Vertreter der anderen Ministerien hier anwesend sind.
Es handelt sich nämlich um den Nationalen Strategieplan
der Bundesregierung für die Jahre 2007 bis 2013. Dieser
Plan ist ein Fortschritt, und dieser Fortschritt ist ein
Verdienst der Großen Koalition.
Zum Schwerpunkt meines Beitrags. Herr Minister, in
Punkt eins unseres Papiers, um das wir miteinander
gerungen haben, ist die Verpflichtung zur Koordinierung
aus Ihrem Haus heraus festgehalten. Wichtig ist, dass
dann, wenn es um die Notwendigkeit von Veränderungen
der Arbeiten oder um die Umgestaltung und
Weiterentwicklung der GAK geht, die Stimme von außen – ich
erinnere nur an den OECD-Prüfbericht vom März 2007 –
und die Stimme der Fachleute in unserem Land, zum
Beispiel der Fachleute, die Ihrem Haus die Ergebnisse
des Bundesprogramms „Regionen aktiv“ geliefert
haben, fast identisch sind. Das, also die GAK, ist sicherlich
nach wie vor ein wichtiges Werkzeug. Aber so, wie es
derzeit ist, reicht es nicht mehr aus, um den Bedürfnissen
des ländlichen Raumes gerecht zu werden.
Werte Kolleginnen und Kollegen, viele von Ihnen
haben bereits das Thema Breitbandversorgung angespro-chen. Ich habe großes Verständnis dafür, dass wir und
vor allen Dingen die Medien immer ein Gipfelthema
brauchen, an dem wir etwas fast symbolisch festmachen.
Das ist nicht schlecht. Um nicht falsch verstanden zu
werden, sage ich aber: Das ist nur ein Gipfelthema.
Dahinter versteckt sich nicht nur der Wunsch, sondern auch
die berechtigte Erwartung, dass auch die anderen
Strukturelemente stabilisiert werden.
Frau Behm, ich sage Ihnen: Nicht nur in dem Teil
Deutschlands, aus dem ich komme, sondern auch in dem
Teil, der den anderen seit inzwischen fast zwei
Jahrzehnten maßgeblich unterstützt, werden in Zukunft Straßen
gebaut werden müssen; auch das muss man in einem
solchen Zusammenhang einmal sagen.
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle noch zwei Dinge
sagen. Die Zeit geht wie immer zu schnell zu Ende.
Erstens. Ich bin nicht bereit – ich hoffe, Ihnen geht es
genauso –, mir von Wissenschaftlern empfehlen zu lassen:
Investiert die verbleibenden Fördermittel, die es mit hoher
Wahrscheinlichkeit nur noch bis dann und dann gibt, in
die Leuchttürme und die Ballungszentren. Dann geht in
Wartehaltung, und hofft, dass das geschieht, was wir euch
prophezeien, nämlich dass irgendwann die
Ausstrahlungskraft dieser Mittel, wenn ihr Glück habt, ausreicht, den
einen oder anderen ländlichen Raum zu erleuchten. – Das
reicht den Menschen nicht.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU – Volker
Kauder [CDU/CSU]: Schon wieder nicht?)
Zweitens. Wir brauchen Netzwerke, minimale
Knotenpunkte, in die Geld gehen muss. Verehrte Kollegen
von der konservativen Seite,
auch deshalb ergibt es einen Sinn, rechtzeitig von der
ersten Säule in die zweite Säule zu wechseln und, bevor
sie uns endgültig verloren geht, das Geld in
landwirtschaftsnah zu definierende Elemente zu investieren.
(Beifall bei der SPD – Peter Bleser [CDU/
CSU]: Tun wir doch schon alles!)
Abschließend muss ich sagen – da muss ich hier
Verschiedene anschauen –: Ich bin enttäuscht.
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Das müssen Sie
nicht sein!)
Ich glaube, dass wir in der Mitte richtig liegen.
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Die Mitte sind
wir, nicht Sie!)
Wir sollten auch als Politiker – das mag als Schwäche
definiert werden – ab und zu mit einem Schuss Emotion
(Heiterkeit und Beifall bei der SPD und der
CDU/CSU)
– diese Freiheit habe ich mir heute genommen – die
Menschen daran erinnern, dass Fördergelder richtig sind,
Dr. Gerhard Botzdass sich die Menschen aber immer wieder in
benachteiligten
ländlichen Gebieten auf sich selber besonnen haben,
Selbstvertrauen und Kraft geschöpft haben, nach vorne
geschaut
(Volker Kauder [CDU/CSU]: Und
Gottvertrauen haben!)
und gesagt haben: Hier ist eine Krise, aber diese Krise
bietet auch Chancen. Wir packen es an, wir gehen da
durch und erarbeiten uns eine gemeinsame vernünftige
Zukunft.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU –
Volker Kauder [CDU/CSU]: Ein bisschen
Gottvertrauen, Herr Kollege!)