Folgen der geplanten EU-Zölle auf Düngemittelimporte aus Russland und Belarus für die deutsche Landwirtschaft und die Lebensmittelpreise (Antwort zu Drs. 21/534)
Text
Folgen der geplanten EU-Zölle auf Düngemittelimporte aus Russland und Belarus für die deutsche Landwirtschaft und die Lebensmittelpreise (Antwort zu Drs. 21/534)
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/757
21. Wahlperiode 04.07.2025
Antwort
der Bundesregierung
auf die Kleine Anfrage der Abgeordneten Stephan Protschka, Peter Felser, Danny
Meiners, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
– Drucksache 21/534 –
Folgen der geplanten EU-Zölle auf Düngemittelimporte aus Russland und Belarus
für die deutsche Landwirtschaft und die Lebensmittelpreise
V o r b e m e r k u n g d e r F r a g e s t e l l e r
Mit Zustimmung des Europäischen Parlaments plant die EU-Kommission eine
drastische Erhöhung der Zölle auf Agrarimporte aus Russland und Belarus,
darunter auch essenzielle Betriebsmittel wie stickstoffbasierte Düngemittel.
Die Maßnahme soll ab dem 1. Juli 2025 in Kraft treten. Nach Angaben der
EU-Kommission sollen diese Sanktionen ein politisches Signal gegen den
Krieg Russlands gegen die Ukraine setzen (www.proplanta.de/agrar-nachricht
en/agrarpolitik/zoelle-auf-agrarwaren-aus-russland-und-belarus-eu-parlament-
gibt-gruenes-licht_article1748160036.html).
Russland und Belarus zählen bislang zu den wichtigsten Lieferanten für
Stickstoff- und Kalidünger. Die Preis- und Versorgungskrise der vergangenen Jahre
hat bereits gezeigt, wie stark die europäische Landwirtschaft von
internationalen Lieferketten abhängig ist. Die nun beschlossenen Strafzölle, mit bis zu
430 Euro pro Tonne und einem zusätzlichen Ad-valorem-Zoll, verschärfen
diese Abhängigkeit, statt sie zu entschärfen. Wie die entstandenen Lücken in
der Versorgung kurzfristig durch die europäische Industrie geschlossen
werden sollen, bleibt nach Auffassung der Fragesteller völlig unklar. Gleichzeitig
scheinen realistische Konzepte zur Sicherstellung der Versorgung oder zur
Kostenkompensation für landwirtschaftliche Betriebe zu fehlen (www.berline
r-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/eu-sanktionen-duenger-toedlich-fu
er-bauern-li.2327655).
Die heimische Landwirtschaft droht nach Ansicht der Fragesteller zum
Leidtragenden einer Symbolpolitik zu werden, die erneut einseitig die Bauern
belastet. Die Bundesregierung wird daher um Auskunft darüber gebeten, wie sie
die Auswirkungen dieser Entscheidung auf Betriebsmittelkosten,
Wettbewerbsfähigkeit und Ernährungssicherheit bewertet und welche konkreten
Maßnahmen geplant sind, um die Folgen für die Landwirtschaft abzufedern.
Die Antwort wurde namens der Bundesregierung mit Schreiben des Bundesministeriums für Landwirtschaft, Ernährung
und Heimat vom 4. Juli 2025 übermittelt.
Die Drucksache enthält zusätzlich – in kleinerer Schrifttype – den Fragetext.
1. Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil der
Mineraldüngerimporte aus Russland und Belarus in den vergangenen fünf Jahren
entwickelt (bitte nach Land, Art und Jahr angeben)?
Die Entwicklung der deutschen Mineraldüngerimporte (weltweit) sowie des
Anteils davon aus Russland und Belarus können der nachfolgenden Übersicht
entnommen werden.
Importe von Mineraldünger nach Deutschland.
2020 2021 2022 2023 2024 2025
(bis April)
Importe gesamt
(aus allen Ländern)
in Tonnen
Kalidüngemittel 227.504 198.506 140.547 196.406 215.729 66.750
Stickstoffdüngemittel 3.052.127 2.843.682 3.213.307 3.182.224 3.267.080 1.292.925
Phosphatdüngemittel 50.986 37.583 17.837 39.076 49.428 23.753
Andere mineralische
oder chemische
Düngemittel
861.272 754.149 594.258 577.183 762.571 383.036
davon: Belarus
Kalidüngemittel 0,04 % 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 %
Stickstoffdüngemittel 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,08 % 0,10 % 0,53 %
Phosphatdüngemittel 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 %
Andere mineralische
oder chemische
Düngemittel
0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,08 % 0,16 %
davon: Russische
Föderation
Kalidüngemittel 0,44 % 1,07 % 1,10 % 5,06 % 1,99 % 0,85 %
Stickstoffdüngemittel 3,65 % 4,25 % 10,78 % 17,38 % 9,85 % 13,35 %
Phosphatdüngemittel 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 % 0,00 %
Andere mineralische
oder chemische
Düngemittel
9,45 % 11,54 % 24,02 % 19,80 % 24,68 % 11,14 %
Quelle: Statistisches Bundesamt
2. Wie wird sich die Bundesregierung bei der Abstimmung über das neue,
gegen Russland und Belarus gerichtete Zollpaket der EU-Kommission
verhalten (www.proplanta.de/agrar-nachrichten/agrarpolitik/zoelle-auf-a
grarwaren-aus-russland-und-belarus-eu-parlament-gibt-gruenes-licht_arti
cle1748160036.html)?
Die Bundesregierung unterstützt die in Rede stehenden Pläne der EU zur
Zollerhöhung auf den Import von bestimmten Agrarwaren sowie stickstoffhaltigen
Düngemitteln aus Russland und Belarus. Sie verfolgen das Ziel, die
Düngemittelproduktion in Deutschland und der Europäischen Union zu stärken und die
Einnahmen Russlands zur Finanzierung seines völkerrechtswidrigen
Angriffskrieges gegen die Ukraine zu schmälern. Dies ist auch im Koalitionsvertrag
vereinbart.
3. Führt die Bundesregierung derzeit Gespräche auf EU-Ebene, um eine
ausgewogene Umsetzung der Zollmaßnahmen sicherzustellen, die
sowohl sicherheitspolitische Ziele als auch die Interessen der heimischen
Landwirtschaft berücksichtigt?
a) Wenn ja, mit welchem konkreten Gesprächsziel, und mit welchen
bisherigen Ergebnissen?
b) Wenn nein, warum nicht, und sind derartige Gespräche geplant?
Die Fragen 3 bis 3b werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Die Bundesregierung hat sich aktiv an den Verhandlungen im Rat zur
Umsetzung der Zollmaßnahmen beteiligt und schätzt die potentiellen direkten
Marktauswirkungen der Zollerhöhungen, ebenso wie Europäische Kommission, als
überschaubar ein. Im Übrigen sieht die am 21. Juni 2025 in Kraft getretene
Verordnung (EU) Nr. 2025/1227 einen Monitoringmechanismus bezüglich der
Preisentwicklung und mögliche Anpassungsmaßnahmen vor.
Die in Rede stehenden Zollerhöhungen der Verordnung (EU) Nr. 2025/1227
wurden auf Grundlage des Artikels 207 Absatz 2 AEUV als Maßnahmen im
Bereich der Handelspolitik erlassen. Sicherheitspolitische Ziele sind nach
Ansicht der Bundesregierung nicht betroffen.
4. Hat sich die Bundesregierung eine Positionierung erarbeitet zu den
Bemühungen des UN-Generalsekretärs (UN = United Nations) Antonio
Guterres, den sanktionierten Export russischer Düngemittel zu
erleichtern, um das Getreideabkommen zwischen der Ukraine und Russland
wiederzubeleben, und wenn ja, welche ist dies (www.tagesschau.de/ausla
nd/asien/guterres-getreideabkommen-kompromissvorschlag-100.html)?
Lediglich der Export von russischem Kali-Dünger ist derzeit nach der
Verordnung (EU) Nr. 833/2014 sanktioniert. Allerdings gelten dabei die in Artikel 3i
Absatz 4 der Verordnung genannten Einfuhrquoten. Bis zu diesen Grenzen ist
der Export von russischem Kali-Dünger weiterhin möglich. In der
Vergangenheit wurden diese Mengen nach Angaben der Europäischen Kommission
jedoch nicht ausgeschöpft, womit de facto keine Sanktionsmaßnahmen gegen
russischen Kali-Dünger gegriffen haben.
5. Welche Auswirkungen erwartet die Bundesregierung durch die erhöhten
EU-Zölle auf stickstoffbasierte Düngemittel und bestimmte
Agrarprodukte aus Russland und Belarus auf die Versorgungssicherheit und
Preisentwicklung bei Düngemitteln in Deutschland?
6. Hat die Bundesregierung Kenntnis davon, ob die deutsche und
europäische Düngemittelindustrie in der Lage sein wird, die wegfallenden
Importe aus Russland und Belarus zu kompensieren, wenn ja, wie konkret,
und mit welchem Zeithorizont soll dies geschehen?
Die Fragen 5 und 6 werden aufgrund des Sachzusammenhangs gemeinsam
beantwortet.
Das vorherrschende Angebot von Düngemitteln aller Art auf den
internationalen Märkten und die aktuelle Preislage, deuten nicht auf Engpässe in der
Verfügbarkeit hin. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Versorgung der
EU-Märkte mit Düngemitteln durch die Produzenten innerhalb der EU und
entsprechende Anpassungen der Lieferanten aus Drittländern weiterhin
marktkonform sichergestellt werden kann.
7. Beabsichtigt die Bundesregierung, Maßnahmen zu ergreifen, um
mögliche negative Auswirkungen der erhöhten Zölle auf die deutsche
Landwirtschaft abzufedern, insbesondere für kleine und mittlere Betriebe
(wenn ja, bitte ausführen)?
Die Bundesregierung beabsichtigt aufgrund der aktuellen Lage auf den
internationalen und europäischen Düngemittelmärkten nicht, Maßnahmen zur
Abfederung eventueller negativer Auswirkungen zu ergreifen.
Auf die Antwort zu den Fragen 5 und 6 wird verwiesen.
8. Gibt es Überlegungen seitens der Bundesregierung, alternative
Bezugsquellen für Düngemittel zu erschließen oder die Nutzung heimischer
Düngemittelquellen zu fördern (wenn ja, bitte ausführen)?
Derzeit sieht die Bundesregierung dazu keine Erfordernisse, da Lieferengpässe
momentan nicht zu erwarten sind.
Auf die Antwort zu den Fragen 5 und 6 wird verwiesen.
9. Sind der Bundesregierung die langfristigen Auswirkungen der erhöhten
Zölle auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft im
europäischen und globalen Kontext bekannt (wenn ja, bitte ausführen)?
Aufgrund der Tatsache, dass die erhöhten Zollsätze in allen Mitgliedstaaten der
EU gelten, sind keine nennenswerten Veränderungen in der
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft im Binnenmarkt zu erwarten. Im Übrigen
wird auf die Antwort zu den Fragen 5 und 6 verwiesen. Mit der Erhöhung von
EU-Zöllen auf stickstoffhaltige Düngemittel aus Russland und Belarus
verlieren diese Anbieter an Preiswettbewerbsfähigkeit auf dem EU-Markt. Selbst
wenn die Erhöhung von Zöllen auf stickstoffhaltige Düngemittel aus Russland
und Belarus zu Preissteigerungen von Mineraldünger insgesamt führen würde,
würden diese sich aber aufgrund der relativ geringen Kostenanteile von
Mineraldünger an den Markterlösen nur im geringen Umfang auf die
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Landwirtschaft gegenüber Drittstaaten niederschlagen.
Am stärksten betroffen wären Ackerbaubetriebe. Hier lag der Kostenanteil von
Mineraldünger an den Gesamterlösen (aus der pflanzlichen Erzeugung) im
Durchschnitt der Wirtschaftsjahre 2018/2019 bis 2020/2021 bei 11 Prozent.
10. Hat die Bundesregierung Kenntnis davon, wie sich die erhöhten Zölle
auf die Preisentwicklung von Lebensmitteln für Verbraucher in
Deutschland auswirken werden (wenn ja, bitte ausführen)?
Die Kosten für Getreide bei vielen verarbeiteten Lebensmitteln (z. B. Brot,
Teigwaren oder Frühstücksflocken) machen weniger als 15 Prozent des
Endverbraucherpreises aus. Der größte Teil entfällt auf Verarbeitung, Verpackung,
Logistik und Handelsspannen.
Analysen des Thünen-Institutes deuten darauf hin, dass insgesamt nur mit
einem sehr begrenzten Einfluss höherer Düngerkosten auf die
Verbraucherpreise für Lebensmittel in Deutschland zu rechnen ist. Die Bundesregierung geht
davon aus, dass die Auswirkungen auf die allgemeine Preisentwicklung sehr
gering bleiben.
11. Gibt es in der Bundesregierung Überlegungen, Förderprogramme oder
Investitionen in Forschung und Entwicklung zu intensivieren, um die
Abhängigkeit von Importdüngemitteln langfristig zu reduzieren (wenn
ja, bitte ausführen)?
Es gibt in der der Bundesregierung keine Überlegungen, derartige
Förderprogramme oder Investitionen in Forschung und Entwicklung zu intensivieren.
12. Werden vonseiten der Bundesregierung Maßnahmen geprüft, um die
Lagerhaltung von Düngemitteln in Deutschland strategisch auszubauen, um
Versorgungslücken in Krisenzeiten abzufedern (wenn ja, bitte
ausführen)?
Die Bundesregierung sieht aktuell keinen Grund für die Bildung eines
staatlichen Düngervorrats.
Auf die Antwort zu den Fragen 5, 6 und 9 wird verwiesen.
13. Gibt es eine Risikoanalyse der Bundesregierung zu möglichen
Lieferengpässen bei Düngemitteln und deren Auswirkungen auf die Ernteerträge
in Deutschland (wenn ja, bitte ausführen)?
Die Bundesregierung sieht aktuell keinen Grund für eine Risikoanalyse mit
dem Szenario eines Lieferengpasses bei Düngemitteln.
Auf die Antwort zu den Fragen 5 und 6 wird verwiesen.
14. Hat die Bundesregierung Kenntnis über die aktuelle Lage der deutschen
Düngerproduktion, insbesondere auch vor dem Hintergrund gestiegener
Produktionskosten, und sind diesbezüglich Maßnahmen geplant, um die
Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Düngerindustrie zu stärken (wenn
ja, bitte ausführen)?
Der deutsche Düngemittelsektor hat sich nach dem Anstieg der Energiepreise
im Zuge des völkerrechtswidrigen russischen Angriffskrieges gegen die
Ukraine anpassen müssen. Mit dem Rückgang der Energiepreise und der
Stabilisierung der internationalen Handelswege und Lieferketten, etwa durch die
Wiederherstellung der Schifffahrt auf dem Schwarzen Meer, die durch Russland
behindert wurde und weiterhin wird, hat sich der deutsche Düngemittelsektor
stabilisiert. Über die im Koalitionsvertrag vereinbarten Maßnahmen zur Stärkung der
Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft sind keine speziellen
Maßnahmen für den Düngesektor vorgesehen.
Im Übrigen wird auf die Antwort zu den Fragen 5 und 6 verwiesen.
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
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