Baukulturbericht 2026/27 der Bundesstiftung Baukultur mit Stellungnahme der Bundesregierung
Text
Baukulturbericht 2026/27 der Bundesstiftung Baukultur mit Stellungnahme der Bundesregierung
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6220
21. Wahlperiode 26.05.2026
Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Baukulturbericht 2026/27 der Bundesstiftung Baukultur
mit
Stellungnahme der Bundesregierung
Zugeleitet mit Schreiben des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen vom 20. Mai 2026.
Drucksache 21/6220 – II – Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode
Stellungnahme der Bundesregierung
I.
Die durch Bundesgesetz vom 17. Dezember 2006 errichtete Bundesstiftung Baukultur mit Sitz in Potsdam hat die
Aufgabe, das Bewusstsein für gutes Planen und Bauen zu stärken und die Qualität und die Leistungsfähigkeit des
Planungs- und Bauwesens in Deutschland national wie international herauszustellen. Die Stiftung erfüllt ihren
Auftrag, indem sie insbesondere durch vielfältige Veranstaltungsformate den bundesweiten öffentlichen Diskurs
über Maßstäbe der Baukultur in Deutschland organisiert, dem deutschen Architektur- und Ingenieurwesen im In-
und Ausland Aufmerksamkeit verschafft und Analysen und Berichte zu Fragen der Baukultur in Deutschland
erstellt, um Entwicklungen und Handlungsbedarf in diesem Bereich aufzuzeigen.
Wesentliches Instrument der Stiftung ist der alle zwei Jahre erscheinende Bericht zur Lage der Baukultur in
Deutschland, der sogenannte „Baukulturbericht“. Der Bericht gibt der Bundesregierung und dem Deutschen
Bundestag Hinweise für die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für mehr Baukultur. Er gilt als Gradmesser
für das baukulturelle Klima in der Bundesrepublik und erfährt auch in Fachwelt und Öffentlichkeit hohe
Aufmerksamkeit.
Das Bundeskabinett hat sich bereits mehrfach mit den Baukulturberichten der Stiftung befasst und dazu jeweils
Stellungnahmen beschlossen:
1. „Gebaute Lebensräume der Zukunft – Fokus Stadt“ (2014)
2. „Stadt und Land“ (2016)
3. „Erbe – Bestand – Zukunft“ (2018)
4. „Öffentliche Räume“ (2020)
5. „Neue Umbaukultur“ (2022)
6. „Infrastrukturen“ (2024)
So hat sich der Deutsche Bundestag, insbesondere in seinen Fachausschüssen, intensiv mit den Berichten
auseinandergesetzt und Entschließungen zu den Baukulturberichten verabschiedet (Bundestags- bzw.
Ausschussdrucksachen 18/4850, 18/11384, 19/11191, 19(24)305, 20/10998, 21/4022).
Mit dem Baukulturbericht 2026/27 unter dem Titel „Gestalten – Prozesse, Bauen, Zusammenhalt“ legt die
Bundesstiftung Baukultur nun ihren siebten Bericht zur Lage der Baukultur in Deutschland vor.
Die Stiftung hat den Bericht selbständig erarbeitet und hierzu vier Baukulturwerkstätten sowie eine Reihe von
Baukulturdialogen und Fachgesprächen durchgeführt. Sie hat zudem zahlreiche Verbände und
Interessensvertreter aus den für die Stiftung relevanten Arbeitsbereichen in die Erarbeitung des Berichts einbezogen. Eine
Bevölkerungsbefragung, eine Kommunalumfrage und eine Umfrage bei den planenden Berufen haben die
Erkenntnisbasis des Berichts ebenso erweitert wie die Untersuchung richtungsweisender Referenzprojekte.
Am 7. April 2026 hat der Stiftungsrat den Baukulturbericht 2026/27 satzungsgemäß verabschiedet.
II.
Der Baukulturbericht 2026/27 mit dem Titel „Gestalten – Prozesse, Bauen, Zusammenhalt“ behandelt Fragen des
städtebaulichen Gestaltens, des baulichen Entwerfens und Konstruierens sowie des gesellschaftlichen
Zusammenhalts. Er knüpft an die Erkenntnisse der bisherigen Baukulturberichte an und stellt die Frage der Gestaltung
unserer gebauten Umwelt und die hierbei zugrunde liegenden Prozesse in den Fokus. Eine gute Gestaltung trägt
maßgeblich zu einer erfolgreichen Baukultur bei – sie führt zu größerer Akzeptanz in der Bevölkerung, verlängert die
Lebensdauer von Bauwerken und Freiräumen und steigert die Kosteneffizienz. Ihr Einfluss auf die psychische
Gesundheit findet nach wie vor zu wenig Beachtung. Der Paradigmenwechsel hin zu Umbauprozessen und
ressourceschonenden Bauweisen und der stetig steigende Einsatz digitaler Methoden erfordern neue ästhetische
Ansätze in Planung und Bau. Gestaltung umfasst jedoch nicht nur die ästhetische Auseinandersetzung mit dem
Raum; der Baukulturbericht 2026/27 blickt auch auf das Gestalten gemeinwohlorientierter Orte sowie die
Ausgestaltung der Prozesse in allen Phasen eines Bauprojekts – von der „Phase Null“ bis zur „Phase Zehn“.
Der Bericht gliedert sich in drei Fokusthemen:
⎯ Prozesse gestalten,
⎯ Bauen gestalten und
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – III – Drucksache 21/6220
⎯ Zusammenhalt gestalten.
Im Fokusthema „Prozesse gestalten“ zeigt der Bericht auf, dass erfolgreiche Bauvorhaben das Ergebnis
zielgerichteter Zusammenarbeit sind. Er empfiehlt daher u.a.,
⎯ planende Prozesse bewusst zu gestalten und Qualität langfristig zu sichern (sogenannte Leistungshasen
Null und Zehn; Lebenszyklusbetrachtung),
⎯ Vergabeprozesse, öffentliche Förderprogramme und Bauunterhaltung konsequent an Qualitätsmaßstäben
auszurichten,
⎯ den Erwerb baukultureller Kompetenzen in Ausbildung und Handwerk zu stärken.
Im Fokusthema „Bauen gestalten“ macht der Bericht deutlich, dass Gebäude und Freiräume in vielfältiger Weise
unmittelbar auf Bewohnerinnen und Bewohner wirken. Er empfiehlt daher u.a.,
⎯ Planung und Gestaltung von Bauten und Räumen stärker an menschlichen Bedürfnissen auszurichten,
⎯ konsistente städtebauliche Strategien zu entwickeln, die Gebäude, Grün- und Freiflächen ebenso wie
Fehlstellen im Raumgefüge ganzheitlich betrachten,
⎯ das Wissen über Materialität in Ausbildung und Praxis zu stärken, die Bauforschung auszuweiten und
Nachhaltigkeitsaspekte bei Vergabe von Aufträgen und Fördermitteln höher zu gewichten.
Im Fokusthema „Zusammenhalt gestalten“ stellt der Bericht schließlich fest, dass Bauen über den privaten Nutzen
hinaus dem Gemeinwohl dienen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken sollte. Er empfiehlt daher
Bund, Ländern und Kommunen u.a.,
⎯ ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden und Orte zu schaffen, die Identität stiften und Austausch sowie
demokratische Teilhabe ermöglichen,
⎯ Instrumente der Bodenpolitik auf kommunaler Ebene aktiv zu nutzen, um etwa leerstehende Immobilien
anzukaufen, Konzeptvergaben anzuwenden oder Grundstücke in Erbbaurecht zu vergeben,
⎯ zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken und Bürgerbeteiligungen zu erleichtern.
Der Bericht versteht sich – wie bereits die Vorgängerberichte – als Grundlage für den Dialog über „gute Wege
für ein Mehr an Baukultur in Deutschland“. Er zeigt auf, dass die Gestaltqualität von Bauten und Freiräumen
entscheidend zum Wohlbefinden und zur Identifikation der Menschen mit ihrem Lebensraum beiträgt.
Die Handlungsempfehlungen des Baukulturberichts 2026/27 richten sich an unterschiedlichste
Entscheidungsträger auf allen staatlichen Ebenen und betreffen den öffentlichen Sektor ebenso wie private Dritte.
Die Bundesregierung nimmt die Erkenntnisse des Berichts sowie dessen Handlungsempfehlungen zur Kenntnis
und wird diese im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel insbesondere bei baukultureller
Forschung und Förderung, bei Anwendung der Baukulturellen Leitlinien des Bundes, bei Wettbewerbsverfahren, im
Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik oder bei der Bund-Länder-Städtebauförderung berücksichtigen.
Im Hinblick auf die Zuständigkeiten von Ländern und Kommunen wird die Bundesregierung zudem die
Bauministerkonferenz und die kommunalen Spitzenverbände über den Bericht und die Stellungnahme der
Bundesregierung unterrichten.
III.
Die Bundesregierung begrüßt die Vorlage des Baukulturberichts 2026/27 durch die Bundesstiftung Baukultur.
Der Bericht leistet einen wichtigen Beitrag zur Bestandsaufnahme der baukulturellen Situation in Deutschland
und schafft die Basis für eine sachorientierte politische Diskussion über die Weiterentwicklung der
Rahmenbedingungen zur Förderung von Baukultur durch Bund, Länder und Kommunen.
Die Bundesregierung sieht sich durch den Bericht darin bestätigt, die Förderung der Baukultur unter dem Leitbild
„Vorbild – Partner – Förderer“ als ein wichtiges baupolitisches Ziel weiter zu verfolgen. Der Bund – insbesondere
das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen – ist ein zentraler Baukulturakteur und
wirkt im Rahmen seiner Zuständigkeiten maßgeblich daran mit, die Qualität der baulich-räumlichen Umwelt in
Deutschland positiv zu beeinflussen. Dies geschieht vor allem durch regulative Maßnahmen, über Förderung und
Forschung sowie durch das Bauen im eigenen Zuständigkeitsbereich.
Drucksache 21/6220 – IV – Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode
Die Bundesregierung misst der Aufgabe der Bundesstiftung Baukultur einen hohen fachpolitischen Stellenwert
bei. Sie wird die Bundesstiftung Baukultur im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel weiterhin
darin unterstützen, ihre Aufgabe als Baukulturvermittlerin auf allen staatlichen Ebenen sowie als wahrnehmbare
Stimme für mehr Baukultur in Deutschland zu erfüllen.
Baukultur
Bericht
Gestalten
Prozesse – Bauen – Zusammenhalt
2026/27
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 1 –
Die Kernbotschaften des
Baukulturberichts 2026/27
Mit der Phase Null die Basis für Baukultur legen!
Erfolgreiche Projekte sind das Ergebnis zielgerichteter Zusammenarbeit. Wenn schon
in der vorbereitenden Phase Null gestalterische Qualität zur durchgängigen Leitlinie
wird, schaffen wir dauerhaft akzeptierte, vielfältig genutzte und gemeinschaftlich
wertgeschätzte Räume.
Gute Prozesse führen zu gelingenden Projekten!
Erfolgreiche Bauvorhaben entstehen, wenn Bauherrschaft und Planende Prozesse
bewusst gestalten und Qualität langfristig sichern. Zentrale Weichenstellungen sind
eine sorgfältige und vorausschauende Projektvorbereitung und eine konsequente
Lebenszyklusbetrachtung.
Gestaltungsqualität dauerhaft sichern!
Gestaltungsqualität muss strukturell gesichert werden. Qualitätsfragen müssen
früh und verbindlich in Planung, Vergabe und Förderung integriert werden. Klare
Qualitätsanforderungen, fachliche Beratung und modernisierte Verfahren stärken
den Prozess.
Baukulturelle Kompetenzen und umfassende
Ausbildung stärken!
Baukultur und Handwerk müssen früh im Schulunterricht verankert werden.
Ausbildungswege sind gleichwertiger auszurichten: Hochschulen sollten dazu
interdisziplinäre, praxisnahe Lehrformate ausbauen. Das Handwerk sollte
umgekehrt von der Einbindung und dem Ausbau von Gestaltungskompetenz in
Praxis und Theorie profitieren.
Räume für Menschen gestalten!
Gesundheit, Produktivität, Wohlbefinden und Sicherheit hängen wesentlich von
der Gestaltqualität unserer gebauten Umwelt ab. Der Mensch ist mit allen Sinnen
Empfänger von Gestaltung. Schönheit liegt dabei nicht allein in den Augen der
Betrachtenden: Das Fehlen angemessener Gestaltung ist stressfördernd und störend.
Gestaltung am Menschen ausrichten!
Die gebaute Umwelt wirkt unmittelbar auf uns als biologische Wesen. Deshalb
müssen menschliche Bedürfnisse, wissenschaftliche Erkenntnisse und
multidimensionale Gestaltungsansätze verbindlich in Planung und Baupraxis einfließen.
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Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 2 –
Mit Städtebau und Stadtgrün Räume aufwerten!
Eine konsistente städtebauliche Idee verbindet Gebäude, Freiräume und Fehlstellen
der Gesamtstadt zu einem schlüssigen Ganzen. Hochwertig gestaltete Freiräume
verbessern Klima und Wohlbefinden. Stadtgrün und städtebauliche Strategien sichern
so eine nachhaltige Entwicklung und die Aufwertung des Bestands.
Materialbewusst und zukunftsfähig bauen!
Material prägt die Atmosphäre und Identität der gebauten Umwelt. Es braucht
fundiertes Wissen über Materialqualitäten und handwerkliche Kompetenzen für einen
professionellen Einsatz. Der gesellschaftliche Wandel erfordert zudem ausgereifte
und flexible Gebäude. Forschung und Innovationen sind entscheidend, um
zukunftsfähiges Bauen in der Breite zu ermöglichen.
Durch Baukultur den gesellschaftlichen
Zusammenhalt stärken!
Bauen muss über den privaten Nutzen hinaus dem Gemeinwohl dienen und Orte
schaffen, an denen Menschen gut leben und sich begegnen können. Dafür braucht
es angemessene Gestaltung, Zusammenarbeit und klare Qualitätsansprüche.
Baukultur wird hier zum verbindenden Element unserer Demokratie.
Räume für Demokratie schaffen!
Öffentliche Bauvorhaben prägen das Bild unserer Demokratie. Sie müssen Transparenz,
Teilhabe und Gemeinwohl unterstützen und höchste architektonische, ökologische
und soziale Standards erfüllen. Als Vorbilder gestalten Bund, Länder und Kommunen
Orte, die Austausch ermöglichen, Identität stiften und demokratische Kultur im Alltag
erfahrbar machen.
Austausch und Zusammenleben fördern!
Begegnungsorte sind entscheidend für sozialen Zusammenhalt und demokratische
Teilhabe. Ob Nachbarschaftstreff, Bibliothek, Park oder gemeinschaftliches Wohnen –
gut gestaltete und gepflegte Räume geben Menschen Halt, fördern Engagement und
beleben Stadt und Land.
Mit Baukultur gesellschaftliche
Verantwortung übernehmen!
Zivilgesellschaftliches Engagement stärkt Vertrauen, Zusammenhalt und Demokratie.
Wenn Menschen erleben, dass ihre Ideen gehört und sichtbar werden, wächst ihre
Bereitschaft, Städte, Orte und Nachbarschaften aktiv mitzugestalten. Politik und
Verwaltung müssen Beteiligung erleichtern, Initiativen unterstützen und Räume öffnen, damit
gemeinsames Handeln gelingt.
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Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 3 –
Einleitung 6
Aktuelle Lage der Baukultur
in Deutschland
Wohnen 10
• Demografische Entwicklung
• Wohnungsversorgung und Wohnungsbedarf
• Bezahlbares Wohnen
• Potenziale im Bestand
Arbeiten und Mobilität 14
• Verflechtungen
• Polyzentralität
• Mobilität
Zustand der Infrastrukturen 17
• Sanierungsstau
• Investitionsbedarf
• Sondervermögen für Infrastruktur
Neue Umbaukultur 21
• Paradigmenwechsel
• Blau-grüner Umbau
• Emissionseffizienz
• Einfach Bauen
Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen 25
• Relevanz der Bauwirtschaft
• Baukosten und Finanzierung
• Fachkräftebedarf
Gestalten – Die Ausgangslage
Gestaltungs- und Ordnungsprinzipien im Städtebau 28
• Stadtgründung und Stadtentwicklung
• Geometrische Ordnung
• Stadterweiterungen im 19. Jahrhundert
• Städtebau als Sozialreform
• Grüne Siedlungen, Garten- und Trabantenstädte
• Stadtkronen
• Funktionale, aufgelockerte und autogerechte Stadt
• Ort, Identität, Vielfalt
Wohnhäuser am Fraenkelufer in Berlin 34
Manifeste und Leitlinien 36
• Kosmos, menschliches Maß und Harmonie
• Wirkungsästhetik und Psychologie
• Bau, Schmuck und Ornament
• Einfach und funktional
• Visuelle Kultur und Umweltgestaltung
• Raum, Körper und Licht
Olympiapark München 42
• Tradition, Ort und Bestand
Rahmenbedingungen für qualitätvolle Gestaltung 44
• Der Davos-Prozess
• Baukulturelle Leitlinien
• Bauordnungen, Gestaltungssatzungen und
Denkmalschutz
• Normen und Standards
• Selbstverpflichtung der Immobilienwirtschaft
Gestalten – Die Fokusthemen
Prozesse gestalten
Baukulturelle Ausbildung 52
• Verankerung in der Gesellschaft
• Orte baukultureller Bildung
Bürgerzentrum Alte Feuerwache Köln 54
• Handwerk in der Schule
• Gestaltung in der Handwerksausbildung
• Gestaltung im Studium der planenden Disziplinen
Inhaltsverzeichnis
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 4 –
Entwurfsprozesse 59
• Analoges und digitales Entwerfen
Lernhaus Neusath 60
• Mit künstlicher Intelligenz gestalten
• Gestaltungsverantwortung
Planungskultur 65
• Wettbewerbe und qualitätssichernde Maßnahmen
Elbphilharmonie Hamburg 66
• Phase Null und Beteiligungsformate
Bürgerzentrum MittenIm Niederwerrn 74
• Phase Zehn und Lebenszyklus
Bauen gestalten
Wahrnehmung und Wohlbefinden 78
• Ästhetische Bedürfnisse
• Gesundheit
• Sicherheit
• Leistung und Ökonomie
Der Wert des Details 85
• Material
„Unser Gartenhaus“ in München 86
• Fügen
• Detail
• Ornament
Hyparschale Magdeburg 92
Bauwerk und Gebäude 95
• Konstruktion
Skywalk am Königsstuhl 98
„Holz Ziegel Lehm“ in Berlin-Britz 100
• Typologie und Nutzung
Holzparkhaus Schwanenweg in Wendlingen 102
• Fassade und Raumwirkung
Heizkraftwerk Leipzig Süd 104
Stadt und Raum 106
• Städtebau
Regensburger Viertel in Nürnberg 108
• Stadtgrün und Freiraum
• Landschaft
• Raumplanung
Zusammenhalt gestalten
Orte der Demokratie 116
• Die öffentliche Hand als Bauherrin
• Öffentliche Räume und Räume der Mobilität
Planten un Blomen in Hamburg 120
• Erinnerungskultur
Orte der Gemeinschaft 125
• Dritte und vierte Orte
Dornbuschkirche in Frankfurt am Main 126
• Wohnen als Gemeinschaftsaufgabe
Franklin Village Mannheim 132
• Inklusion und Teilhabe
Übernachtungsschutz in München 135
Praxis der Zusammenarbeit 136
• Interdisziplinäre Zusammenarbeit
• Zivilgesellschaftliches Engagement
• Initiativ für Baukultur
Die Handlungsempfehlungen
des Baukulturberichts 2026/27
Mit der Phase Null die Basis für Baukultur legen! 144
Räume für Menschen gestalten! 146
Durch Baukultur den gesellschaftlichen
Zusammenhalt stärken! 148
Anhang
Projektsteckbriefe 151
Quellen und Literatur 157
Bevölkerungsbefragung 171
Kommunalumfrage 182
Umfrage bei den planenden Berufen 186
Bildnachweis 188
Danksagung 188
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 5 –
6
Einleitung
Baukultur empfiehlt sich für einen Spitzenplatz auf der politischen Agenda. Das betrifft
die Prinzipien des Planens und Bauens in Deutschland ebenso wie ihr Gestaltungspotenzial
für das Gelingen der Zukunft. Zu diesen Erkenntnissen kommt der vorliegende
Baukulturbericht aufgrund eines umfassenden Recherche- und Erarbeitungsprozesses aller am Bauen
beteiligten Akteursgruppen, aufgrund von Umfrageergebnissen und der Untersuchung
richtungsweisender Referenzprojekte.
Zwischen dem, was Menschen an Qualität und Gestaltung ihrer Lebensräume
erwarten, und dem, was sie in der gebauten Realität vorfinden, klafft häufig eine
Lücke. Zwar investieren wir massiv in Gebäude und Infrastrukturen,
beschleunigen Verfahren und suchen nach Lösungen für schnelleres und günstigeres
Bauen. Doch im Alltag erleben viele Menschen, dass das Ergebnis den
Erwartungen nicht standhält. Gutes Gestalten ist in diesem Zusammenhang keine
Frage von Geschmack, sondern von Vertrauen: in Kompetenz, in Entscheidungen,
in Zukunftsfähigkeit.
Baukultur ist kein Luxus, den man sich in guten Zeiten gönnt und ansonsten
vertagt. Gerade in Krisenzeiten ist sie unverzichtbar. Klimawandel, Energiewende,
Ressourcenknappheit, demografischer Wandel, Migration und Digitalisierung
verändern unsere Räume, und diese Räume wirken auf uns zurück. Die gebaute
Umwelt prägt Tag für Tag unsere Gesundheit, Sicherheit, Orientierung,
Leistungsfähigkeit und das Zusammenleben. Umso problematischer ist, dass
vielerorts Bauten und Anlagen entstehen, die beliebig wirken und den Ort nicht
aufwerten. Was kurzfristig effizient scheint, ist oft langfristig weder günstig noch
dauerhaft. Wenn Gestaltung vernachlässigt wird, werden Kosten nicht
vermieden, sondern verlagert – in spätere Umbauten, Konflikte, soziale und
gesundheitliche Folgelasten, sinkende Standortqualität und wachsende Entfremdung.
Gleichzeitig herrscht durchaus ein Bewusstsein für die Relevanz von Gestaltung.
In Bereichen wie Mode, Medien oder Produktdesign wird darüber
leidenschaftlich gestritten. Wenn die Autobranche in eine Designkrise gerät, wird das zum
wirtschaftlichen Problem. Warum behandeln wir ausgerechnet Bauwerke und
Räume zunehmend so, als sei ihre Wirkung nebensächlich? Die gebaute Umwelt
ist das wichtigste Produkt, das wir als Gesellschaft gemeinsam gestalten.
Der Anteil öffentlicher Mittel für die Gestaltung der Umwelt in den
Kommunen ist zwischen 1992 und 2022 von 34 % auf 20 % zurückgegangen, ergab eine
Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Projekte geraten deshalb ins
Stocken oder werden auf Minimalstandards reduziert. Dabei kommt öffentlichen
Räumen und Infrastruktureinrichtungen eine Schlüsselrolle zu, wenn es um Orte
des Austauschs und der Begegnung geht. Sie stimulieren und wirken dem
zunehmenden Rückzug ins Private entgegen. Deshalb behandelt dieser
Baukulturbericht über die Fragen des städtebaulichen Gestaltens, baulichen Entwerfens
und Konstruierens hinaus auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viele
bekennen sich zur Demokratie, zugleich wächst die Unzufriedenheit mit ihrem
Funktionieren. Das Misstrauen nimmt zu, ebenso das Gefühl, kaum Einfluss zu
haben. Gut gestaltete Orte und Räume können Vertrauen und Zuversicht stiften,
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 6 –
7Baukulturbericht 2026/27 – Einleitung
weil sie Orientierung bieten, Sicherheit ausstrahlen und Begegnung und Teilhabe
ermöglichen.
Damit setzt sich der Baukulturbericht 2026/27 auseinander: Gestalten – als
Haltung und als Aufgabe, in Prozessen, im Bauen und im gesellschaftlichen
Miteinander. Wie kommen Entscheidungen zustande, wer wird gehört, wie
entsteht Verbindlichkeit, wie wird Qualität gesichert? Wie gestalten wir unsere
gebaute Umwelt als Lebensraum – von Detail und Material über Konstruktion
und Fassaden bis hin zu Stadt- und Landschaftsräumen? Und wie können Räume
Demokratie, Zugehörigkeit und ein gutes Miteinander stützen?
Ein Teil der Antworten liegt nahe: In vielen Regionen ist noch immer ein
reiches Wissen vorhanden, wie man klimagerecht, in der gegebenen Topografie,
mit lokalem Material und Handwerk angemessen baut. Regionale Bauweisen
und robuste Konstruktionen, die auf Witterung und Jahreszeiten reagieren, sind
keine Nostalgie, sondern angemessen und zeitgemäß. Ortsnahe Materialien wie
Holz, Lehm oder Naturstein verbinden Ressourcenschonung mit Atmosphäre,
Dauerhaftigkeit mit Sinnlichkeit. So entstehen jene stillen
Selbstverständlichkeiten, die man erst vermisst, wenn sie fehlen. Schatten und Windschutz,
Proportionen, die dem menschlichen Maß entsprechen, Übergänge, die Orientierung
schaffen, Details, die Wertschätzung zeigen.
Architektur kann Menschen zusammenbringen, weil sie etwas Gemeinsames
stiftet: größer als der Einzelne und doch für jeden unmittelbar spürbar. Nicht
zufällig entstehen Architekturrouten, Architekturführer oder ähnliche Formate,
die zeigen, wie stark Baukultur den Charakter einer Stadt oder Region prägt und
wie sehr sie Tourismus, lokale Wertschöpfung und Standortattraktivität
beeinflussen kann. Rund 90 % der Bevölkerung sind der Ansicht, dass gute Gestaltung
beim Bauen stark oder sehr stark zur Verbesserung des Wohlbefindens beiträgt.
In gelungenen Projekten zeigt sich dann auch Werkstolz: Freude am Können, die
P3
2b
Dreiklang der Baukultur
Quelle: Bundesstiftung Baukultur
Bauen
Selbstwirksamkeit durch
die aktive Gestaltung
lebenswerter Räume
Prozesse
gelungene Projekte
durch integrierte
und lösungsorientierte
Abläufe
Zusammenhalt
Mehrwert für die Gesellschaft
durch gemeinsam verantwortungsvoll
genutzte und unterhaltene Bauwerke
Phase Zehn
Pha
se
N
ul
l
Phase 1–9
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 7 –
8
Erfahrung, gebraucht zu werden, und das gestärkte Vertrauen, dass gemeinsames
Handeln Wirkung zeigt. Das ist das Potenzial von Baukultur. Gestaltung hat eine
weitere Dimension: Sie aktiviert schöpferische Kraft. Menschen wollen
gestalten, nicht nur konsumieren oder verwalten. Wir blühen auf und setzen bei der
Verwirklichung schöpferischer Ideen innere Kräfte frei. Wir sind Wesen, die die
Welt begreifen – im wörtlichen Sinn. Entwicklungsgeschichtlich beginnt
Wahrnehmung mit dem Tastsinn, mit dem Greifen und mit dem Impuls, eine Umgebung
nicht nur zu erdulden, sondern zu formen. Aus Reflex wird Bewusstsein, aus
Bedürfnis wird Gestaltung, aus Erfahrung wird Kultur. Bauen ist eine der
ältesten kollektiven Kulturtechniken. Umso problematischer ist es, wenn wir diese
schöpferische Kraft durch Regeln, Zuständigkeiten und Misstrauen einengen,
statt ihr Raum zu geben. Manches davon ist notwendig, vieles gut gemeint, doch
einiges ist widersprüchlich, übertrieben und lähmt. Wo technische Regeln das
entwurfsbezogene Denken ersetzen, verliert Gestaltung ihren Raum. Qualität
entsteht nicht zufällig. Sie braucht eine klare Leitvorstellung und Verfahren, die
dieser Leitvorstellung Raum geben. Fehlt der innere Zusammenhang, wird
Planen und Bauen schnell zur nüchternen Erfüllung von Anforderungen. Musik ist
dafür ein passendes Bild. Sie wirkt unmittelbar, körperlich, emotional und ist
doch hochgradig organisiert. Bevor ein Orchester spielen kann, braucht es eine
klare Vorstellung: eine tragende Idee vom Klang, von Spannung, Rhythmus,
Dynamik. Ohne diese Idee bleibt nur ein korrektes Nebeneinander von Tönen.
Ähnlich ist es beim Planen und Bauen: Eine tragfähige Leitlinie ist kein
dekoratives Motto, sondern ein Konzept, das Funktion und Konstruktion, Material und
Atmosphäre, Nutzung und Ort so verbindet, dass am Ende ein stimmiges Ganzes
entsteht. Stimmigkeit führt all diese Ebenen zusammen. Orte müssen stimmen:
Sie sollen funktionieren und einleuchten, dem Alltag standhalten und zugleich
schön sein. Schönheit ist kein Luxus, sondern eine Ressource. Sie tröstet,
motiviert, macht widerstandsfähig. Sie hilft, das Schlechte in der Welt auszuhalten,
ohne sich damit abzufinden. Fjodor Dostojewski hat es so zugespitzt: „Gewiss
können wir nicht ohne Brot leben, aber es ist ebenso unmöglich, ohne Schönheit
zu leben!“
Der Baukulturbericht 2026/27 ist wie seine Vorgänger Bestandsaufnahme
und Arbeitsinstrument in einem. Er bündelt Erkenntnisse aus Forschung und
Praxis, zeigt Zusammenhänge, formuliert Kriterien und macht das gute Beispiel
sichtbar. Der Bericht ist in einem fachübergreifenden Prozess entstanden: Die
Arbeit im Kompetenzteam der Bundesstiftung Baukultur wurde begleitet von
Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen. In vier
Baukulturwerkstätten wurden Erfahrungen aus Verwaltung, Planung, Bauwirtschaft und
Zivilgesellschaft zusammengeführt. In Berlin lautete das Thema „Gestalten – es ist
nicht egal, wie’s aussieht“, in Bergisch-Gladbach „Aus Impulsen werden
Prozesse“, in Lübeck „Wohnen neu denken“ und in Bonn „Gemeinwohl gestalten“.
Baukulturdialoge und Fachgespräche ergänzten die Werkstätten. Grafiken und
Projektbeispiele veranschaulichen die Erkenntnisse. Umfragen in der
Bevölkerung, bei Kommunen und planenden Berufen ermittelten Wahrnehmungen und
Bedürfnisse. Aus all dem sind die Empfehlungen entstanden – an Politik,
Verwaltung, die planenden und ausführenden Berufe, die Bau- und
Immobilienwirtschaft, aber auch an Initiativen und eine engagierte Öffentlichkeit.
Damit knüpft der Bericht an die Erkenntnisse der bisherigen
Baukulturberichte an. Im Baukulturbericht 2020/21 standen öffentliche Räume als zentrale
Orte des Alltags und der Demokratie im Zentrum. Der Baukulturbericht 2022/23
thematisierte eine neue Umbaukultur mit einem Paradigmenwechsel hin zu
Erhalt statt Abriss – mit Blick auf Klima, Ressourcen und Identität. Im
Baukulturbericht 2024/25 rückten die Infrastrukturen in den Fokus, deren Gestaltung
und Zustand Grundlagen des Gemeinwohls sind. Der Baukulturbericht 2026/27
führt diese Themen fort und geht der Frage nach, wie Transformation so gelingen
kann, dass sie nicht nur technisch funktioniert, sondern auch baukulturell
überzeugt und gesellschaftlich trägt.
Wenn wir gestalten, können wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen
und mit anpacken – nicht im Sinne hektischer Beschleunigung, sondern im Sinne
gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft.
Gute Gestaltung entscheidend
für Projekterfolg
Fast zwei Drittel der befragten Planerinnen
und Planer (63 %) sind der Ansicht, dass
eine gute Gestaltung einen maßgeblichen
Einfluss auf den Erfolg von Bauprojekten hat.
P 5
P3
2a
Der politische und
gesellschaftliche Weg des
Baukulturberichts 2026/27
Quelle: Bundesstiftung Baukultur
Erstellung
Baukulturbericht
2026/27
Fertigstellung
Sommer 2026
Politisches Verfahren
Kommunikation
Fachöffentlichkeit /
Öffentlichkeit
Erstellung
Baukulturbericht
2028/29
Verteilung an Städte
und Gemeinden
Verteilung
• auf Veranstaltungen der
Bundesstiftung und ihrer Partner
• an Planende unterschiedlicher Disziplinen
• an Kommunen
• an die Immobilien- und Wohnungswirtschaft
• an Hochschulen
• bei Messeauftritten
• an Baukulturinteressierte
• als Download auf der Website
der Bundesstiftung
Baukulturberichte
Umfragen
Gremien
Fachgespräche
Veranstaltungen
Recherchen
Konvent der Baukultur
Konvent der Baukultur
11.06.2026
öffentliche Präsentation
und Debatte
Ausschusssitzungen des Bundestages
Bauministerkonferenz
Kabinettsbefassung
bis zu 16
Landtagsdebatten
Parlamentsdebatte
Entschließungsantrag des Bundestages
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 8 –
9Baukulturbericht 2026/27 – Einleitung
Sie sollen funktionieren und einleuchten, dem Alltag standhalten und zugleich
schön sein. Schönheit ist kein Luxus, sondern eine Ressource. Sie tröstet,
motiviert, macht widerstandsfähig. Sie hilft, das Schlechte in der Welt auszuhalten,
ohne sich damit abzufinden. Fjodor Dostojewski hat es so zugespitzt: „Gewiss
können wir nicht ohne Brot leben, aber es ist ebenso unmöglich, ohne Schönheit
zu leben!“
Der Baukulturbericht 2026/27 ist wie seine Vorgänger Bestandsaufnahme
und Arbeitsinstrument in einem. Er bündelt Erkenntnisse aus Forschung und
Praxis, zeigt Zusammenhänge, formuliert Kriterien und macht das gute Beispiel
sichtbar. Der Bericht ist in einem fachübergreifenden Prozess entstanden: Die
Arbeit im Kompetenzteam der Bundesstiftung Baukultur wurde begleitet von
Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen. In vier
Baukulturwerkstätten wurden Erfahrungen aus Verwaltung, Planung, Bauwirtschaft und
Zivilgesellschaft zusammengeführt. In Berlin lautete das Thema „Gestalten – es ist
nicht egal, wie’s aussieht“, in Bergisch-Gladbach „Aus Impulsen werden
Prozesse“, in Lübeck „Wohnen neu denken“ und in Bonn „Gemeinwohl gestalten“.
Baukulturdialoge und Fachgespräche ergänzten die Werkstätten. Grafiken und
Projektbeispiele veranschaulichen die Erkenntnisse. Umfragen in der
Bevölkerung, bei Kommunen und planenden Berufen ermittelten Wahrnehmungen und
Bedürfnisse. Aus all dem sind die Empfehlungen entstanden – an Politik,
Verwaltung, die planenden und ausführenden Berufe, die Bau- und
Immobilienwirtschaft, aber auch an Initiativen und eine engagierte Öffentlichkeit.
Damit knüpft der Bericht an die Erkenntnisse der bisherigen
Baukulturberichte an. Im Baukulturbericht 2020/21 standen öffentliche Räume als zentrale
Orte des Alltags und der Demokratie im Zentrum. Der Baukulturbericht 2022/23
thematisierte eine neue Umbaukultur mit einem Paradigmenwechsel hin zu
Erhalt statt Abriss – mit Blick auf Klima, Ressourcen und Identität. Im
Baukulturbericht 2024/25 rückten die Infrastrukturen in den Fokus, deren Gestaltung
und Zustand Grundlagen des Gemeinwohls sind. Der Baukulturbericht 2026/27
führt diese Themen fort und geht der Frage nach, wie Transformation so gelingen
kann, dass sie nicht nur technisch funktioniert, sondern auch baukulturell
überzeugt und gesellschaftlich trägt.
Wenn wir gestalten, können wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen
und mit anpacken – nicht im Sinne hektischer Beschleunigung, sondern im Sinne
gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft.
Gute Gestaltung entscheidend
für Projekterfolg
Fast zwei Drittel der befragten Planerinnen
und Planer (63 %) sind der Ansicht, dass
eine gute Gestaltung einen maßgeblichen
Einfluss auf den Erfolg von Bauprojekten hat.
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Der politische und
gesellschaftliche Weg des
Baukulturberichts 2026/27
Quelle: Bundesstiftung Baukultur
Erstellung
Baukulturbericht
2026/27
Fertigstellung
Sommer 2026
Politisches Verfahren
Kommunikation
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Öffentlichkeit
Erstellung
Baukulturbericht
2028/29
Verteilung an Städte
und Gemeinden
Verteilung
• auf Veranstaltungen der
Bundesstiftung und ihrer Partner
• an Planende unterschiedlicher Disziplinen
• an Kommunen
• an die Immobilien- und Wohnungswirtschaft
• an Hochschulen
• bei Messeauftritten
• an Baukulturinteressierte
• als Download auf der Website
der Bundesstiftung
Baukulturberichte
Umfragen
Gremien
Fachgespräche
Veranstaltungen
Recherchen
Konvent der Baukultur
Konvent der Baukultur
11.06.2026
öffentliche Präsentation
und Debatte
Ausschusssitzungen des Bundestages
Bauministerkonferenz
Kabinettsbefassung
bis zu 16
Landtagsdebatten
Parlamentsdebatte
Entschließungsantrag des Bundestages
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 9 –
10
Aktuelle Lage der Baukultur
in Deutschland
Wohnen
Demografische Entwicklung 2025 lebten rund 84 Millionen Menschen in
Deutschland. Das Statistische Bundesamt erwartet, dass diese Zahl sinken wird.
Gemäß dem moderaten Entwicklungsszenario der 16. koordinierten
Bevölkerungsvorausberechnung werden es 2070 nur noch 69 bis 81 Millionen Menschen
sein. Der Rückgang betrifft die westdeutschen und stärker noch die
ostdeutschen Flächenländer. Die Stadtstaaten können dagegen mit leichten Zuwächsen
rechnen. Eine solche Vorausberechnung ist aber keine Prognose, sondern ein
Wenn-dann-Szenario. Sie zeigt, wie sich Bevölkerungszahl und -struktur unter
bestimmten demografischen Annahmen entwickeln. Die letzten Jahre haben
verdeutlicht, dass internationale Krisen diesen angenommenen Rahmen
verschieben können.
Deutlich ändern wird sich die Altersstruktur. Die Generation der Babyboomer
erreicht das Rentenalter: Das sind 15,3 Millionen Menschen, die zwischen 1957
und 1968 geboren wurden. Bereits 2035 wird jede vierte Person in Deutschland
67 oder älter sein. Auch die Zahl der über 80-Jährigen nimmt nach 2030
kontinuierlich zu und könnte sich bis 2050 fast verdoppeln. Von den mehr als acht
Millionen Menschen über 65, die derzeit allein leben, gibt rund eine Million an,
nicht barrierearm zu wohnen. Dadurch steigt der Bedarf an altersgerechten
Wohnungen und Umbauten. Rund vier Millionen Haushalte, in denen die Person
mit dem Haupteinkommen 65 oder älter ist, wohnen im Eigenheim. Das betrifft
damit jeden dritten Haushalt, der im eigenen Einfamilienhaus wohnt. Viele
dieser Gebäude werden in absehbarer Zeit durch Altersfluktuation frei und könnten
vermehrt als Leerstände auf den Markt kommen. Die Transformation
bestehender Einfamilienhausgebiete zu lebendigeren Quartieren wird damit schon in den
nächsten Jahren zu einer der zentralen Aufgaben der Städte und Gemeinden.
Auch wenn die Gesellschaft älter wird, stellen die 18- bis 27-Jährigen nach
den Berechnungen 2035 etwa 10 % der Bevölkerung. Das sind 8,5 Millionen
Auszubildende, Studierende und Berufsstarter – eine Gruppe, die laut dem
Sozialen Wohn-Monitor 2026 des Pestel-Instituts heute erhebliche Probleme
hat, eine angemessene Wohnung zu finden. Um wohnungspolitisch und
wirtschaftlich vorausschauend zu handeln, gilt es, so dauerhaft, anpassungsfähig
100
95
90
85
80
75
70
65
60
55
50
45
40
35
30
25
20
15
10
5
Wir werden älter!
Altersstruktur der Bevölkerung
in Deutschland gemäß
Vorausberechnung für 2040
Quelle: Destatis 2025, 16. koordinierte
Bevölkerungsvorausberechnung – moderate Annahme
Männer (in Tausend)Frauen
0 200 400 400 200 0
15%
60%
26 %
17%
63%
20%
2025
P6
Grafik: 3c
Kapitel: 3.1
Bereits 2040 werden 26 %
der Bevölkerung 67 Jahre
oder älter sein …
… 15 % der Bevölkerung werden
18 Jahre oder jünger sein.
Die Bundesstiftung Baukultur veröffentlicht alle zwei Jahre einen Bericht zur Lage der
Baukultur in Deutschland. Die Berichte greifen aktuelle Schwerpunktthemen auf und
verfolgen diese weiter. Bisher standen die Entwicklung städtischer (2014/15) und ländlicher
Räume (2016/17), der Umgang mit dem baukulturellen Erbe (2018/19), die Bedeutung
öffentlicher Räume (2020/21), eine neue Umbaukultur (2022/23) und Infrastrukturen
(2024/25) im Fokus. Alle diese Themen werden von der Stiftung weiterverfolgt und in
ihrer Umsetzung begleitet.
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 10 –
11Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
und werthaltig zu bauen, dass heutige und künftige Bestände langfristig
nutzbar sind und sich an die demografische Entwicklung anpassen lassen.
Entscheidend ist die Qualität, die sich auch in einem künftigen Nachfragemarkt
durchsetzen kann.
Wohnungsversorgung und Wohnungsbedarf Während die Bevölkerung
seit den 1950er-Jahren nur um rund 20 % gewachsen ist, hat sich der
Wohnungsbestand in dieser Zeit nahezu verdreifacht. Gleichwohl ist der Druck am
Wohnungsmarkt hoch. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung
(BBSR) beziffert den bundesweiten Neubaubedarf bis 2030 auf jährlich rund
320.000 Wohnungen. Laut Pestel-Institut liegt der jährliche Neubaubedarf bis
2030 bei 400.000, laut empirica (je nach Zuwanderung) bei 170.000 bis 280.000
Wohnungen. Tatsächlich entstanden sind 2025 235.000 Neubauwohnungen,
schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW).
Dass trotz des hohen Bestands Wohnungen fehlen, hat unter anderem
demografische Gründe: Ältere bleiben oft allein in größeren Wohnungen und Häusern
(Remanenzeffekt), und die Haushalte werden kleiner. Die Wohnfläche pro Kopf
ist dadurch seit 1950 von 14 auf heute 49,2 Quadratmeter angewachsen.
Laut Zensus 2022 gibt es in Deutschland mittlerweile 17,4 Millionen
Singlehaushalte, das sind 43 %. Auch wenn dieser Haushaltsstruktur nur 5,6
Millionen Ein- und Zweizimmerwohnungen gegenüberstehen (14,6 %), ist die
Leerstandsquote bei Einzimmerwohnungen mit 8 % am höchsten. Auch die
Nachfrage von Singlehaushalten geht in Richtung größere Wohnungen. In jeder
zweiten Dreizimmerwohnung wohnt nur eine Person. Das macht deutlich:
Angebot und Nachfrage gehen bei kleinen Wohnungen nicht automatisch Hand in
Hand. Mittelgroße Wohnungen in integrierten Lagen und mit hoher
Wohnqualität, die für Haushalte von ein bis vier Personen funktionieren, bieten die Chance,
dass im Zuge künftiger Fluktuationen die durchschnittliche Wohnfläche wieder
kleiner wird.
Bisher halten viele Menschen an günstigen Mietverträgen fest und behalten
trotz Veränderungswunsch ihre als zu groß empfundenen Wohnungen. Im
Ergebnis entsteht Stagnation auf dem Wohnungsmarkt, die durch Anreize,
entsprechende Managementangebote zum Wohnungswechsel und vor allem attraktive
Fluktuationsangebote aufgelöst werden könnte.
Auch regional zeigen sich große Unterschiede. Sind in einigen Regionen
Wohnungen knapp, stehen andernorts viele leer. Die anhaltende, aber kaum
kalkulierbare Zuwanderung und der Rückgang der Suburbanisierung führen
dazu, dass der Bedarf in den kommenden Jahren in Großstädten und
wirtschaftlich starken Regionen hoch bleiben oder sogar weiter steigen wird – nicht zuletzt,
um Fachkräfte unterzubringen, wie eine Studie von PricewaterhouseCoopers
bestätigt. Bis zu einem gewissen Grad erleben daher Werkswohnungen eine
Renaissance, schreibt das BBSR in einer Bestandsaufnahme. Auch die
Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) hatte 2018 angekündigt, bis 2028 6.000
Wohnungen für Bundesbedienstete zu bauen. Bis Mitte 2025 wurden davon
rund 1.000 realisiert. Große Probleme am Wohnungsmarkt haben Studierende
in Schwarmstädten wie München oder Heidelberg, die viele junge Menschen
anziehen. Gravierender Mangel herrscht seit Jahren zudem an Sozialwohnungen
und größeren Wohnungen für Familien. Das zeigt eine Studie, die die
Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen und RegioKontext 2025 vorgelegt haben.
P1
3.1b
Wohnungsbau von 1950 bis 2024
in Deutschland
Bevölkerungsentwicklung im Vergleich
zu dem Bau von Wohnungen
Quellen: Destatis 2022, 2023, 2025, 2026
176,9 %
20,6 %
Wachstum
in %
Bevölkerungswachstum
Anstieg Wohnungszahl
1960
100
1980 2000 2020
150
50
2,2 % (1,8 Mio.)
mehr Menschen
21,7 % (7,8 Mio.)
mehr Wohnungen
von 1995 bis 2024
Der Wohnungsbestand ist seit
1995 viermal so stark gewachsen
wie die Bevölkerung.
Zufriedenheit mit eigener
Wohnfläche
Zwei Drittel der Bevölkerung (65 %) sind mit
der Wohnfläche, die sie zur Verfügung haben,
zufrieden. Während sich insgesamt jede fünfte
Person (20 %) mehr Wohnfläche wünscht,
ist es in Großstädten fast jede dritte (30 %).
Über alle Haushaltsgrößen hinweg liegt der
Anteil derer, die sich verkleinern möchten,
bei nur 14 %. B1
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 11 –
12
In ländlichen und strukturschwachen Regionen dürfte die Bevölkerung weiter
sinken: Die Menschen werden älter, viele Junge wandern ab. Damit sinkt der
Bedarf, und der Leerstand wächst. Wohnungsmärkte sind allerdings kleinräumig
geprägt. Nach einer Prognose des BBSR wird die Zahl der Haushalte im Osten
(außer in Berlin und seinem Umland) stagnieren oder sinken. Im Süden
Deutschlands konzentrieren sich Zuwächse, und in Nord und West liegen stagnierende
und wachsende Regionen nah beieinander.
Umso wichtiger ist es, leerstandsgeprägte Regionen durch infrastrukturelle
und soziale Angebote zu stärken. Wo der Wohnraumbedarf hoch ist, sollten
Neu- und Umbauten auf flexible Grundrisse setzen, um divergierende Wünsche
zu erfüllen und Anpassungen zu erlauben, wenn sich die Haushaltsgröße ändert.
Bezahlbares Wohnen Wohnungsbau wird immer teurer. Allein zwischen 2020
und 2024 sind die Baukosten in Großstädten um 50 % gestiegen. Grund dafür
sind Materialknappheit, gestiegene Energiepreise, höhere Lohnkosten und
wachsende gesetzliche und technische Anforderungen (vgl. Kapitel
Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen). Dies hat zu einer Vielzahl von Initiativen und
Modellvorhaben geführt, um den Wohnungsbau zu beschleunigen und Bau- und
Wohnkosten zu senken. Als Reaktion auf eine Empfehlung der
Baukostensenkungskommission der Bundesregierung hat etwa das Bundesbauministerium
Anfang 2025 mit dem DIN-Institut eine Folgekostenabschätzung im
Normungsverfahren eingeführt. Sie soll weitere Kostensteigerungen durch technische
Baunormen verhindern.
Im Oktober 2025 hat der Bundestag das Gesetz zur Beschleunigung des
Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung beschlossen. Mit dem neu im
Baugesetzbuch verankerten sogenannten Bau-Turbo sollen schneller die
bauplanungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden können, die für die
Genehmigung eines Bauvorhabens erforderlich sind.
Die bis Ende 2030 befristete Experimentierklausel im Paragraf 246e BauGB
und weitere Neuregelungen erlauben es Gemeinden, bei Neu- und
Umbauvorhaben, Aufstockungen oder Nutzungsänderungen zu Wohnzwecken vom BauGB
Auch schrumpfende Gemeinden
melden Wohnraumbedarf
Alle stark wachsenden (100 %) und fast
alle wachsenden (98 %) Gemeinden melden
einen sehr hohen oder eher hohen
Wohnraumbedarf. Bei Gemeinden mit stabiler
demografischer Entwicklung sind es 74 %.
Auch die Hälfte der befragten
schrumpfenden Gemeinden (50 %) gibt an, dass
Wohnraumbedarf besteht. K6
P1
3.1e
Wohnungsbau dominiert
Nominales Bauvolumen 2024 in
Deutschland nach Baubereichen
Quelle: DIW Econ 2025
Wohnungsbau
306,1 Mrd. €
Wirtschaftsbau
134,2 Mrd. €
101,2 Mrd. €
Hochbau
33,0 Mrd. €
Tiefbau
Öffentlicher Bau
94,0 Mrd. €
25,8 Mrd. €
Hochbau
68,2 Mrd. €
Tiefbau
534,3 Mrd. €
Bauvolumen in Deutschland
abzuweichen und zum Beispiel auf die Aufstellung oder Änderung eines
Bebauungsplans zu verzichten. Institutionen wie die Bundesarchitektenkammer, der
Deutsche Städte- und Gemeindebund, der Deutsche Bauernverband oder der
NABU sehen darin einen Anreiz für Neubau und Flächenverbrauch und plädieren
stattdessen dafür, Umbaupotenziale zu heben, was mit der gesetzlichen
Neuregelung ebenfalls machbar ist.
Auch die Bundesländer vereinfachen Vorgaben und Abläufe im
Bauordnungsrecht. Seit der Novellierung der Bayerischen Landesbauordnung ist es
beispielsweise möglich, Dachgeschosse ohne Baugenehmigung zu
Wohnzwecken auszubauen. Auch die generelle Stellplatzpflicht hat Bayern abgeschafft
und folgt damit den Regelungen in Berlin seit 1997 und Hamburg seit 2013.
Zudem will die Bundesregierung das serielle Bauen erleichtern und den
neuen Gebäudetyp E einführen und rechtlich absichern, um damit technische
Vorgaben zu reduzieren und Baukosten zu senken (vgl. Kapitel Neue
Umbaukultur). Einen ähnlichen Weg geht Hamburg seit 2025 mit dem „Hamburg-Standard“:
Vereinfachte Baustandards oder der Verzicht auf teure Tiefgaragen sollen die
Baukosten um ein Drittel senken, ohne Wohnqualität und Gestaltung zu
beeinträchtigen. 2025 hat in Hamburg-Wilhelmsburg der Bau eines ersten
Modellquartiers mit 1.900 Wohnungen begonnen. Wohnqualität bemisst sich dabei
weniger an Fläche und Ausstattung als an funktionalen Zuschnitten, Atmosphäre
und der Einbettung in lebendige, tragfähige Nachbarschaften.
Potenziale im Bestand Laut Zensus standen in Deutschland 2022 rund
1,9 Millionen Wohnungen leer. Das entspricht einer Leerstandsquote von 4,5 %.
Dabei fällt der Leerstand regional sehr unterschiedlich aus. Zwar stehen auch in
Großstädten mit Wohnungsnachfrage zehntausende Wohnungen leer – wegen
Sanierungsbedarf, Eigentumswechsel oder Spekulation. Besonders hoch ist die
Quote allerdings in ländlichen und strukturschwachen Regionen. Leer stehen
dabei nicht nur Mehrfamilienhäuser, sondern auch Einfamilienhäuser außerhalb
wachsender Regionen, wie das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung
(IÖR) in einer Studie für das Umweltbundesamt ermittelt hat. Das
Bundesbauministerium hat 2025 die Onlineplattform „Potenzial Leerstand“ freigeschaltet.
Sie liefert praktische Beispiele und konkrete Hilfen, um gerade in ländlichen und
strukturschwachen Regionen leer stehende Immobilien als Wohnraum zu
aktivieren. Darin liegt auch eine Chance, diese Regionen wieder für Zuziehende
attraktiv zu machen und so den Wohnungsmarkt in Großstädten zu entlasten.
Auf Landes- und kommunaler Ebene gibt es ebenfalls Ansätze,
Wohnraumpotenziale im Bestand zu heben. Die Kleinstadt Pößneck in Thüringen etwa hat
durch strategisches Liegenschaftsmanagement, den gezielten Einsatz von
Fördermitteln und das Einbinden gemeinnütziger Partnerinnen und Partner die
Leerstandsquote in der Altstadt deutlich gesenkt. Im pfälzischen Landau
ermöglicht die Initiative Zwischenwohnen den Menschen, leer stehende Wohnungen
mietfrei zu nutzen – zeitlich begrenzt und gegen Übernahme der Betriebskosten.
Für Nichtwohngebäude gibt es in Deutschland keine amtliche,
flächendeckende Leerstandsstatistik, doch Zahlen zu kurzfristig verfügbaren Büroflächen
können ein Anhaltspunkt sein. In boomenden Großstädten wird seit Jahren
diskutiert, leer stehende Büroimmobilien zu Wohngebäuden umzubauen. In den
Top-7-Städten der Immobilienbranche (Berlin, Hamburg, München, Köln,
Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart) liegt der Leerstand bei rund 8 %, Tendenz
P6
Grafik: 3e
Kapitel: 3.1
Kosten senken,
Qualität steigern
Bedarfsgerechte Lösungen
schaffen Gestaltungsspielraum
und langlebige, funktional
bessere Bauwerke.
Quellen: ARGE 2025; BKI 2025;
Initiative kostenreduziertes Bauen 2025
ca. – 1.300 €/m²
vereinfachte Baustandards
– 221 €/m²
Ein Tiefgaragenstellplatz kostet bis zu …
Einsparpotenzial
Höhere Qualität für …
… der Kosten.
95.000 €
Gestaltqualität
nicht einsparen!
– 30 %*
ohne Aufzug
– 96 €/m²
ohne Tiefgarage
– 339 €/m²
ohne Keller
– 233 €/m²
optimierter Brandschutz
– 125 €/m²
optimierter
Schallschutz
– 55 €/m²
bedarfsgerechte
Barrierefreiheit
– 94 €/m²
reduzierte Technik
– 130 €/m²
Angaben beziehen sich auf
Herstellungskosten (Kostengruppen
200–700) pro m2 Wohnfläche bei
einem angenommenen Kostenniveau
für Wohnungsneubau von 4.600 €/m2
*
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 12 –
13Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
In ländlichen und strukturschwachen Regionen dürfte die Bevölkerung weiter
sinken: Die Menschen werden älter, viele Junge wandern ab. Damit sinkt der
Bedarf, und der Leerstand wächst. Wohnungsmärkte sind allerdings kleinräumig
geprägt. Nach einer Prognose des BBSR wird die Zahl der Haushalte im Osten
(außer in Berlin und seinem Umland) stagnieren oder sinken. Im Süden
Deutschlands konzentrieren sich Zuwächse, und in Nord und West liegen stagnierende
und wachsende Regionen nah beieinander.
Umso wichtiger ist es, leerstandsgeprägte Regionen durch infrastrukturelle
und soziale Angebote zu stärken. Wo der Wohnraumbedarf hoch ist, sollten
Neu- und Umbauten auf flexible Grundrisse setzen, um divergierende Wünsche
zu erfüllen und Anpassungen zu erlauben, wenn sich die Haushaltsgröße ändert.
Bezahlbares Wohnen Wohnungsbau wird immer teurer. Allein zwischen 2020
und 2024 sind die Baukosten in Großstädten um 50 % gestiegen. Grund dafür
sind Materialknappheit, gestiegene Energiepreise, höhere Lohnkosten und
wachsende gesetzliche und technische Anforderungen (vgl. Kapitel
Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen). Dies hat zu einer Vielzahl von Initiativen und
Modellvorhaben geführt, um den Wohnungsbau zu beschleunigen und Bau- und
Wohnkosten zu senken. Als Reaktion auf eine Empfehlung der
Baukostensenkungskommission der Bundesregierung hat etwa das Bundesbauministerium
Anfang 2025 mit dem DIN-Institut eine Folgekostenabschätzung im
Normungsverfahren eingeführt. Sie soll weitere Kostensteigerungen durch technische
Baunormen verhindern.
Im Oktober 2025 hat der Bundestag das Gesetz zur Beschleunigung des
Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung beschlossen. Mit dem neu im
Baugesetzbuch verankerten sogenannten Bau-Turbo sollen schneller die
bauplanungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden können, die für die
Genehmigung eines Bauvorhabens erforderlich sind.
Die bis Ende 2030 befristete Experimentierklausel im Paragraf 246e BauGB
und weitere Neuregelungen erlauben es Gemeinden, bei Neu- und
Umbauvorhaben, Aufstockungen oder Nutzungsänderungen zu Wohnzwecken vom BauGB
Auch schrumpfende Gemeinden
melden Wohnraumbedarf
Alle stark wachsenden (100 %) und fast
alle wachsenden (98 %) Gemeinden melden
einen sehr hohen oder eher hohen
Wohnraumbedarf. Bei Gemeinden mit stabiler
demografischer Entwicklung sind es 74 %.
Auch die Hälfte der befragten
schrumpfenden Gemeinden (50 %) gibt an, dass
Wohnraumbedarf besteht. K6
P1
3.1e
Wohnungsbau dominiert
Nominales Bauvolumen 2024 in
Deutschland nach Baubereichen
Quelle: DIW Econ 2025
Wohnungsbau
306,1 Mrd. €
Wirtschaftsbau
134,2 Mrd. €
101,2 Mrd. €
Hochbau
33,0 Mrd. €
Tiefbau
Öffentlicher Bau
94,0 Mrd. €
25,8 Mrd. €
Hochbau
68,2 Mrd. €
Tiefbau
534,3 Mrd. €
Bauvolumen in Deutschland
abzuweichen und zum Beispiel auf die Aufstellung oder Änderung eines
Bebauungsplans zu verzichten. Institutionen wie die Bundesarchitektenkammer, der
Deutsche Städte- und Gemeindebund, der Deutsche Bauernverband oder der
NABU sehen darin einen Anreiz für Neubau und Flächenverbrauch und plädieren
stattdessen dafür, Umbaupotenziale zu heben, was mit der gesetzlichen
Neuregelung ebenfalls machbar ist.
Auch die Bundesländer vereinfachen Vorgaben und Abläufe im
Bauordnungsrecht. Seit der Novellierung der Bayerischen Landesbauordnung ist es
beispielsweise möglich, Dachgeschosse ohne Baugenehmigung zu
Wohnzwecken auszubauen. Auch die generelle Stellplatzpflicht hat Bayern abgeschafft
und folgt damit den Regelungen in Berlin seit 1997 und Hamburg seit 2013.
Zudem will die Bundesregierung das serielle Bauen erleichtern und den
neuen Gebäudetyp E einführen und rechtlich absichern, um damit technische
Vorgaben zu reduzieren und Baukosten zu senken (vgl. Kapitel Neue
Umbaukultur). Einen ähnlichen Weg geht Hamburg seit 2025 mit dem „Hamburg-Standard“:
Vereinfachte Baustandards oder der Verzicht auf teure Tiefgaragen sollen die
Baukosten um ein Drittel senken, ohne Wohnqualität und Gestaltung zu
beeinträchtigen. 2025 hat in Hamburg-Wilhelmsburg der Bau eines ersten
Modellquartiers mit 1.900 Wohnungen begonnen. Wohnqualität bemisst sich dabei
weniger an Fläche und Ausstattung als an funktionalen Zuschnitten, Atmosphäre
und der Einbettung in lebendige, tragfähige Nachbarschaften.
Potenziale im Bestand Laut Zensus standen in Deutschland 2022 rund
1,9 Millionen Wohnungen leer. Das entspricht einer Leerstandsquote von 4,5 %.
Dabei fällt der Leerstand regional sehr unterschiedlich aus. Zwar stehen auch in
Großstädten mit Wohnungsnachfrage zehntausende Wohnungen leer – wegen
Sanierungsbedarf, Eigentumswechsel oder Spekulation. Besonders hoch ist die
Quote allerdings in ländlichen und strukturschwachen Regionen. Leer stehen
dabei nicht nur Mehrfamilienhäuser, sondern auch Einfamilienhäuser außerhalb
wachsender Regionen, wie das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung
(IÖR) in einer Studie für das Umweltbundesamt ermittelt hat. Das
Bundesbauministerium hat 2025 die Onlineplattform „Potenzial Leerstand“ freigeschaltet.
Sie liefert praktische Beispiele und konkrete Hilfen, um gerade in ländlichen und
strukturschwachen Regionen leer stehende Immobilien als Wohnraum zu
aktivieren. Darin liegt auch eine Chance, diese Regionen wieder für Zuziehende
attraktiv zu machen und so den Wohnungsmarkt in Großstädten zu entlasten.
Auf Landes- und kommunaler Ebene gibt es ebenfalls Ansätze,
Wohnraumpotenziale im Bestand zu heben. Die Kleinstadt Pößneck in Thüringen etwa hat
durch strategisches Liegenschaftsmanagement, den gezielten Einsatz von
Fördermitteln und das Einbinden gemeinnütziger Partnerinnen und Partner die
Leerstandsquote in der Altstadt deutlich gesenkt. Im pfälzischen Landau
ermöglicht die Initiative Zwischenwohnen den Menschen, leer stehende Wohnungen
mietfrei zu nutzen – zeitlich begrenzt und gegen Übernahme der Betriebskosten.
Für Nichtwohngebäude gibt es in Deutschland keine amtliche,
flächendeckende Leerstandsstatistik, doch Zahlen zu kurzfristig verfügbaren Büroflächen
können ein Anhaltspunkt sein. In boomenden Großstädten wird seit Jahren
diskutiert, leer stehende Büroimmobilien zu Wohngebäuden umzubauen. In den
Top-7-Städten der Immobilienbranche (Berlin, Hamburg, München, Köln,
Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart) liegt der Leerstand bei rund 8 %, Tendenz
P6
Grafik: 3e
Kapitel: 3.1
Kosten senken,
Qualität steigern
Bedarfsgerechte Lösungen
schaffen Gestaltungsspielraum
und langlebige, funktional
bessere Bauwerke.
Quellen: ARGE 2025; BKI 2025;
Initiative kostenreduziertes Bauen 2025
ca. – 1.300 €/m²
vereinfachte Baustandards
– 221 €/m²
Ein Tiefgaragenstellplatz kostet bis zu …
Einsparpotenzial
Höhere Qualität für …
… der Kosten.
95.000 €
Gestaltqualität
nicht einsparen!
– 30 %*
ohne Aufzug
– 96 €/m²
ohne Tiefgarage
– 339 €/m²
ohne Keller
– 233 €/m²
optimierter Brandschutz
– 125 €/m²
optimierter
Schallschutz
– 55 €/m²
bedarfsgerechte
Barrierefreiheit
– 94 €/m²
reduzierte Technik
– 130 €/m²
Angaben beziehen sich auf
Herstellungskosten (Kostengruppen
200–700) pro m2 Wohnfläche bei
einem angenommenen Kostenniveau
für Wohnungsneubau von 4.600 €/m2
*
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 13 –
14
steigend. Allein in diesen „A-Städten“ könnten durch Umbau rund 150.000
Wohnungen entstehen. Der Landesverband Bayern des Bundes Deutscher
Architektinnen und Architekten (BDA) hat erarbeitet, welche Bürogebäude sich wie gut für
eine Umnutzung eignen. Ein Ergebnis ist, dass die Umwandlung nicht nur in der
Innenstadt, sondern auch in Randlagen sinnvoll sein kann, um Quartiere zu
beleben und Immobilien in Wert zu setzen. Der Verband schlägt steuerliche, planungs-
und förderrechtliche Gestaltungsmöglichkeiten vor, um eine Umwandlung im
großen Maßstab zu ermöglichen. Ziel all dieser Ansätze ist es, Leerstände zu
nutzen, um neuen Wohnraum zu schaffen, der den Bedürfnissen vor Ort entspricht.
Bereits der Baukulturbericht 2022/23 hatte die Potenziale des Bestands
für die Wohnungsfrage betont und dabei nicht nur Leerstand und Umnutzung,
sondern im Sinne einer neuen Umbaukultur auch weitere Potenziale wie
Dachaufstockungen in den Blick genommen. Zudem können Erhalt und
Weiterentwicklung vorhandener Bausubstanz unter dem Kostenniveau eines
vergleichbaren Neubaus liegen und zugleich Identität, Atmosphäre und die im Bestand
gebundenen Ressourcen bewahren. Es spricht also vieles dafür, die politische
und administrative Perspektive zu verlagern und konsequent auf den Umbau im
Bestand zu setzen.
Arbeiten und Mobilität
Verflechtungen Städte und Gemeinden sind eng mit ihrem Umland verbunden
– vor allem durch gemeinsame Wohn- und Arbeitsmärkte. Laut dem
Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ist die Zahl
sozialversicherungspflichtig Beschäftigter, die in einer Gemeinde wohnen und in einer
anderen arbeiten, 2024 auf rund 20,6 Millionen gestiegen – ein neuer Rekord. Auch
die Pendeldistanz ist größer geworden. Sie liegt nun im Durchschnitt bei 17,2
Kilometern. Die zunehmende Verbreitung des mobilen Arbeitens macht einen
weiteren Weg zur Arbeit akzeptabel, weil er nicht mehr täglich zurückgelegt wird.
Das zeigt eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
(IAB). Davon profitieren vor allem gut angebundene Regionen, während ländliche
Wohnraumschaffung vor allem
durch Innenentwicklung
Die meisten befragten Kommunen setzen auf
Nachverdichtung in bestehenden Quartieren
(83 %), den Erhalt und die Weiterentwicklung
des Bestands (61 %) sowie die Aktivierung
von Leerständen und Baulücken (60 %).
Dennoch weisen weiterhin 69 % der Kommunen
neue Baugebiete aus, um zusätzlichen
Wohnraum zu schaffen. K8
P1
3.1c
1,9 Mio.
Wohnungen
leer stehend
2022
41 Mio.
Wohnungen
bewohnt
2022
1,2 Mio.
Wohnungen
fertiggestellt
2020–2023
1,3 Mio.
Wohnungen
benötigt
2024–2027
1,4 Mio.
Wohnungen
genehmigt
2020–2023
Verhältnis von Wohnungsbau
und -bestand in Deutschland
Quellen: BBSR 2025; Destatis 2024, 2025, 2026
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 14 –
15
Gebiete mit schlechter Infrastruktur benachteiligt bleiben. Der Verband
Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und der Fahrgastverband Allianz pro Schiene
plädieren seit Jahren dafür, 325 stillgelegte Bahnstrecken mit über 5.000
Kilometern Länge zu reaktivieren. 379 Städte und Gemeinden mit 3,8 Millionen
Menschen könnten dadurch wieder Anschluss erhalten. Im Dezember 2019 hat
die damalige DB Netz AG bekannt gegeben, keine Streckeninfrastruktur mehr
stilllegen zu wollen. Allerdings liegt die Reaktivierungsleistung derzeit erst bei
durchschnittlich 24 Kilometern pro Jahr.
Ob die Menschen nun an ihrem Wohnort oder andernorts arbeiten (und damit
definitionsgemäß pendeln) – die Trennung zwischen Wohnen, Arbeiten,
Versorgung und Erholung war jahrzehntelang gewollt und der Normalfall. Längst gilt
jedoch die Stadt der kurzen Wege (oder 15-Minuten-Stadt), in der Wohnen,
Arbeiten und Freizeit nah beieinander liegen, als Gegenmodell. Solche Wohnlagen
sind heute besonders gefragt und teuer. Stadtentwicklungsprojekte wie
Hamburgs HafenCity oder Freiham in München orientieren sich an diesem Leitbild
der europäischen Stadt. Zugleich bauen viele Kommunen ihre
monofunktionalen Fußgängerzonen zu gemischten Zentren um, in denen Menschen nicht nur
einkaufen oder arbeiten, sondern auch wohnen und Freizeit-, Kultur- und
Bildungsangebote wahrnehmen können. So versuchen Hamburg und Bremen, den
Wandel der Innenstädte mit einer aktiven Innenstadtkoordinierung zu begleiten
und beispielsweise die Aufenthaltsqualität von Stadtplätzen zu verbessern,
Innovation im stationären Handel zu befördern, Bildungs- und
Kultureinrichtungen anzusiedeln oder leer stehende Büros zu Wohnungen umzubauen.
Polyzentralität Ähnlich wie gemischte Quartiere und Kiezstrukturen als
Schlüssel für lebendige und resiliente Städte gelten, kann auch eine Förderung
der regionalen Polyzentralität zu kürzeren Wegen und weniger Verkehr führen.
Die engmaschige Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur in Deutschland ist nach
wie vor ein Vorteil gegenüber vielen anderen europäischen Ländern, auch wenn
auf dem Land vielerorts Dienstleistungen und Infrastrukturen abgebaut wurden.
Diese polyzentrale Struktur gezielt weiterzuentwickeln, dient der vom
Grundgesetz angestrebten Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse.
Das Bild wachsender Städte und entvölkerter Dörfer ist ohnehin
unvollständig. Seit 2014 ziehen mehr Menschen aus der Stadt aufs Land als umgekehrt,
wie der Sozialbericht 2024 der Bundeszentrale für politische Bildung zeigt. Diese
Trendumkehr hat auch das Thünen-Institut in seinem Forschungsprojekt „Vom
Kommen, Gehen und Bleiben“ bestätigt. Vor allem Familien und Berufstätige
zwischen 30 und 50 Jahren verlassen die Großstadt auf der Suche nach
bezahlbaren Mieten und Lebenshaltungskosten, nach mehr Platz, Natur und
Lebensqualität. Die aktuelle Bevölkerungsbefragung der Bundesstiftung Baukultur hat
wiederum gezeigt, dass die meisten Menschen – unabhängig von den
Rahmenbedingungen – lieber in Mittel- und Kleinstädten oder ländlichen Regionen als
in Großstädten wohnen möchten.
Doch jeder ländliche Raum ist anders. Nicht überall sind die Potenziale und
Perspektiven gut. Um möglichst viele Regionen im Sinne der Polyzentralität
aufzuwerten, bedarf es geeigneter Strategien. Durch interkommunale
Zusammenarbeit können benachbarte Städte und Gemeinden Infrastrukturen der
Daseinsvorsorge sichern und dem demografischen Wandel aktiv begegnen.
Auch digitale Infrastruktur, innovative Mobilitätskonzepte und die Stärkung
P6
Grafik: 3.2a
Kapitel: 3.2
Polyzentralität
Die Vielzahl der Landkreise und
kreisfreien Städte in Deutschland
stärkt die regionale Selbstständigkeit.
Quelle: eurostat 2024
400
Landkreise und kreisfreie Städte
101
Départements
21
Län
47
Provincias
F
D
S
E
0 500 km
Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 15 –
16
zivilgesellschaftlichen Engagements und lokaler Netzwerke eröffnen Chancen,
kleine Städte als Wohn- und Wirtschaftsstandorte attraktiver zu machen. 2024
hat der Bund deshalb die Kleinstadt Akademie mit Sitz in Wittenberge gestartet.
Sie soll die 2.100 deutschen Kleinstädte mit 5.000 bis 20.000 Einwohnerinnen
und Einwohnern (und damit die Wohnorte von insgesamt 24,2 Millionen
Menschen) vernetzen, ihren Wissens- und Erfahrungsaustausch stärken und ihren
Anliegen im öffentlichen Diskurs Gehör verschaffen.
Mobilität Die Studie Mobilität in Deutschland des Bundesverkehrsministeriums
zeigte 2025: Während auf dem Land das Auto prägend bleibt, verschiebt sich
im urbanen Raum das Gewicht allmählich vom Auto zum Umweltverbund
(Fußverkehr, Radverkehr und ÖPNV). Der Modal Split ändert sich langsam, aber
stetig. Zwar gibt es immer mehr gemeldete Pkw, doch sie werden immer
weniger genutzt. Mit bundesweit 49,3 Millionen gab es 2025 die bisher höchste
jemals registrierte Zahl an gemeldeten Autos – gleichzeitig sinkt aber die Zahl
der gefahrenen Kilometer je Auto. In den beiden größten Städten Berlin und
Hamburg ist die Zahl der gemeldeten Autos trotz wachsender Bevölkerung leicht
zurückgegangen, und der motorisierte Individualverkehr geht dort seit Jahren
zurück. Doch gerade der ruhende Verkehr ist eine Herausforderung für die
öffentlichen Räume (vgl. Baukulturbericht 2020/21). Nicht nur immer größere Pkw,
sondern auch die inzwischen über eine Million Wohnmobile tragen zu einem
hohen Flächenverbrauch bei und verstellen Raum- und Sichtbeziehungen.
2025 hat die Bundesregierung eine Fußverkehrsstrategie beschlossen und
damit erstmals den Fußverkehr als gleichberechtigte Säule der Alltagsmobilität
definiert.
Menschen auf dem Land sind
zufriedener mit ihrem Wohnort
78 % der Menschen in ländlichen Gemeinden
möchten dort wohnen bleiben. In Städten
mit mehr als 500.000 Einwohnerinnen und
Einwohnern hingegen will knapp die Hälfte
der Befragten lieber woanders leben (47 %).
Nur 1 % der Menschen aus ländlichen
Gemeinden zieht ein Leben in der Großstadt
in Betracht. B2
Immer weniger junge Menschen
zieht es in die Großstadt
Nur noch 22 % der jungen Menschen streben
heute ein Leben in der Großstadt an, 2015
waren es noch 40 %. B2
P5
B13
Wohnpräferenzen
der Bevölkerung
in Deutschland
Quelle: Bevölkerungsbefragung
zum Baukulturbericht 2026/27
34 %
42 % 43 %
37 %
42 %
36 %
40 %
49 %
22 % 22 %
15 % 14 %
B2
Landgemeinde
39%
Großstadt
17%
Mittel- oder Kleinstadt
43%
unabhängig von Ihrer finanziellen Situation oder
anderen Rahmenbedingungen und wenn Sie es
sich aussuchen könnten?
Wo würden Sie am liebsten wohnen?
…
30–44
Jahre
45–59
Jahre
30–44
Jahre
45–59
Jahre
30–44
Jahre
45–59
Jahre
14–29
Jahre
14–29
Jahre
14–29
Jahre
60+
Jahre
60+
Jahre
60+
Jahre
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 16 –
17
Einen Paradigmenwechsel in der deutschen Verkehrsplanung markierte das
Papier E Klima 2022 der Forschungsgesellschaft für Straßen- und
Verkehrswesen (FGSV). Für Regelwerke wie die Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen
(RASt) setzte es den Klimaschutz und die Reduktion von
Treibhausgasemissionen als gleichwertige Ziele neben Verkehrssicherheit und Verkehrsfluss. Zwei
Jahre später veröffentlichte die FGSV Ergänzende Handlungsanleitungen zur
Anwendung der RASt 06, die den Umweltverbund bevorzugen, auf mehr
Sicherheit und Aufenthaltsqualität setzen und es erlauben, Flächen schnell und
flexibel umzuwidmen. Bis zu einer vollständigen Überarbeitung der RASt empfiehlt
die FGSV, diese Anleitungen anzuwenden.
Auch bei der Verkehrsplanung vor Ort haben Kommunen heute größere
Spielräume. Das 2024 mit der Neufassung von Straßenverkehrsgesetz (StVG)
und Straßenverkehrsordnung (StVO) reformierte Straßenverkehrsrecht macht
es Städten und Gemeinden leichter, Tempo-30-Zonen, Fahrradstreifen oder
-straßen einzurichten. Diese fachplanerischen und gesetzlichen Änderungen
eröffnen auch der Gestaltung öffentlicher Räume neue Möglichkeiten.
Zustand der Infrastrukturen
Sanierungsstau Deutschlands Infrastruktur ist marode und muss an vielen
Stellen saniert werden. Verkehrsunsichere Brücken, gesperrte Bahnstrecken,
Straßen voller Schlaglöcher und defekte Schultoiletten sorgen für Schlagzeilen
und haben zu einer Vertrauenskrise geführt: 70 % der Deutschen, so eine forsa-
Umfrage im Auftrag von dbb beamtenbund und tarifunion, halten den Staat
mittlerweile für überfordert. Nur noch knapp ein Viertel glaubt, dass er seine
Aufgaben erfüllen kann.
Tatsächlich fehlt es zunächst am Geld. Das Institut für Makroökonomie und
Konjunkturforschung und das Institut der deutschen Wirtschaft konstatierten
schon 2019 eine gewaltige Finanzierungslücke für die notwendigen
Investitionen. Damals bezifferten die Institute diese Lücke für die Zeit von 2020 bis 2030
auf 457 Milliarden Euro. Die Aktualisierung von 2024 geht für den Zeitraum 2025
bis 2035 von 600 Milliarden aus. Als Gründe für den Anstieg nennt das Papier
unter anderem den weiter aufgelaufenen Sanierungsbedarf für Autobahnen und
Bahnstrecken. Dabei sind in dem Betrag weitere Investitionen in die
Landesverteidigung oder in Krankenhäuser noch gar nicht enthalten.
Das KfW-Kommunalpanel 2025, durchgeführt vom Deutschen Institut für
Urbanistik, zeigt: Jede fünfte Kommune kann sich den Unterhalt ihrer
Infrastruktur nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr leisten. Der Investitionsstau, den
die befragten Städte und Gemeinden angaben, hat 2024 um 15,9 % zugenommen
und 2025 mit über 215 Milliarden Euro einen Höchststand erreicht.
Investitionsbedarf Der größte Teil des kommunalen Investitionsrückstands
entfällt mit rund 68 Milliarden Euro auf die Schulen, von denen viele in den
1960er- und 1970er-Jahren gebaut wurden. Die Kommunalumfrage zum
Baukulturbericht 2024/25 ergab, dass 73 % der Maßnahmen im Schulbau auf
Bestandsmodernisierungen entfallen. Erweiterungsbauten machen knapp die
Hälfte aus, während Neubauten seltener realisiert werden. Immer häufiger
setzen Städte und Gemeinden auf Kooperationen mit der Privatwirtschaft. In Köln
P6
Grafik: 3.4a
Kapitel: 3.4
P7
Grafik: 3.4b
Kapitel: 3.4
Umbau als Konjunkturmotor
Entwicklung genehmigter
Baumaßnahmen im Neubau und Bestand in
Deutschland seit 2019
Quelle: Destatis 2025
60
80
100
120
2019 = 100 %
202420232022202120202019
–48%
–10%
Neubau
Umbau
Tiefbau trägt die Bauwirtschaft
Entwicklung der Auftragsbestände
im Bauhauptgewerbe in Deutschland
seit 2021
Quelle: Destatis 2025
60
80
100
120
2021 = 100 %
2024202320222021
+15%
–1%
–15%
gesamt
Hochbau
Tiefbau
Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 17 –
18
etwa werden aktuell mehrere Schulen in öffentlich-privaten Partnerschaften
(ÖPP) oder Investorenmodellen gebaut und saniert. Beim Investorenmodell
mietet die Stadt die privat finanzierten Gebäude langfristig an. So baut das
Immobilienunternehmen Hemsö, das mehrheitlich im Eigentum eines
schwedischen staatlichen Pensionsfonds steht, das ehemalige Abenteuermuseum
Odysseum im Stadtteil Kalk zu einer Gesamtschule um. Wieder andere Schulen
lässt die Stadt von Generalunternehmen errichten, erweitern oder instand
setzen. An die 90 Schulen sollen mit dieser Mischstrategie innerhalb weniger
Jahre saniert, erweitert oder neu gebaut werden. Viele Kommunen möchten im
Rahmen von Schulbauoffensiven durch eine modulare Bauweise Zeit und
Kosten sparen. Dabei ist zu beachten, dass Schulen als Lernorte auch ästhetische
und baukulturelle Werte vermitteln und damit die Grundlage für
Gestaltungsfähigkeit in der Gesellschaft bereiten (vgl. Kapitel Baukulturelle Ausbildung).
Zweitgrößter Posten ist die Straßen- und Verkehrsinfrastruktur. Hier sehen
die Kommunen einen Investitionsrückstand von gut 53 Milliarden Euro.
Besonders symbolträchtig ist die Situation der Brücken. In Dresden stürzte 2024 ein
Teil der Carolabrücke ein. In Berlin, Magdeburg und andernorts wurden Brücken
wegen Einsturzgefahr gesperrt und abgerissen. Viele Brücken stammen aus der
Nachkriegszeit und sind nicht für den heutigen Schwerlastverkehr ausgelegt.
Das gilt auch für die Brücken an Bundesfernstraßen. Von den mehr als 52.000
Brückenbauwerken an Autobahnen und Bundesstraßen müssen laut
Bundesverkehrsministerium rund 8.000 instand gesetzt oder saniert werden.
Sanierungsprogramme wurden zwar seit den 1990er-Jahren wiederholt aufgelegt,
aber nur teilweise umgesetzt. Der Bundesrechnungshof monierte 2025 die
schleppende Modernisierung und forderte eine politische Neuausrichtung,
mehr Tempo, klare Prioritäten und eine konsequente Zweckbindung der Mittel
für die Brückensanierung.
Als Erfolgsgeschichte kann der Ersatzneubau für die 2023 gesprengte
Rahmedetalbrücke gelten, die schon Ende 2025 zur Hälfte wieder für den
Verkehr freigegeben werden konnte. Dafür wurde unter anderem das
Planfeststellungsverfahren übersprungen, und notwendige Einzelschritte wie
Baugrunduntersuchungen, die Anlage von Baustraßen und Detailplanung wurden
parallel statt nacheinander durchgeführt. Auch funktionale Ausschreibungen
und ein interdisziplinär arbeitendes Projektteam haben sich bewährt und lassen
sich auf ähnliche Großprojekte übertragen. Ähnlich erfolgreich verlief der
Neubau des Terminals 3 am Frankfurter Flughafen. Zwar verzögerte sich die
Fertigstellung aufgrund externer Faktoren wie der Coronapandemie um vier Jahre,
aber der von Mäckler Architekten entworfene und privat finanzierte Bau blieb
weitgehend im Kostenrahmen.
Wie bei der Verkehrsinfrastruktur gibt es auch im Gesundheitswesen
Handlungsbedarf: Die vom Bund 2022 eingesetzte Regierungskommission für eine
moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung bezifferte 2025 den
Investitionsbedarf nur für den Substanzerhalt der Krankenhäuser auf sechs bis
acht Milliarden Euro im Jahr. Dazu kommen Investitionen im hohen zweistelligen
Milliardenbereich in die strukturelle Erneuerung, die auch klimagerechten Umbau
und Digitalisierung einschließt.
Während es 2021 in Deutschland noch 1.887 Krankenhäuser gab, waren es
laut dem Bundes-Klinik-Atlas 2024 nur noch 1.614. Die Schließungen haben meist
wirtschaftliche Gründe. 2025 trat die Krankenhausreform in Kraft. Sie soll unter
anderem verhindern, dass viele weitere Kliniken wegen mangelnder Rentabilität
schließen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) befürchtet dagegen,
dass die Reform genau dazu führen könnte und spricht von drohenden
„regionalen Verwerfungen“, die es zu vermeiden gelte, um die flächendeckende Versorgung
zu erhalten. Ein Blick über die Grenzen zeigt: Im Vergleich mit anderen EU-Ländern
ist Deutschland bislang sehr gut mit Krankenhäusern ausgestattet.
Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist der
Zivilschutz wieder in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Nachdem
Deutschland 2007 das Schutzraumprogramm aufgegeben und die Wartung der
Schutzräume eingestellt hatte, erarbeitet seit 2024 eine Bund-Länder-
Arbeitsgruppe ein neues Schutzraumkonzept. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz
und Katastrophenhilfe hat 2025 angekündigt, bis 2029 Schutzplätze für eine
Million Menschen zu schaffen, vornehmlich in U-Bahntunneln, Tiefgaragen und
Kellern öffentlicher Gebäude. Die Bundesregierung hat reagiert und im
Bundeshaushalt 2026 für den Zivilschutz 759 Millionen Euro zusätzlich eingeplant.
Sondervermögen für Infrastruktur 2025 hat die Bundesregierung das
Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität beschlossen und die
Schuldenbremse gelockert. Beides hat Hoffnungen geweckt, dass sich der Sanierungsstau
in den kommenden Jahren ein Stück weit auflösen lässt. 500 Milliarden Euro
sollen innerhalb von zwölf Jahren in Infrastruktur, Klimaschutz, Bevölkerungsschutz
und Innovationsförderung fließen. Der größte Anteil entfällt auf die Modernisierung
der Infrastruktur. Neben Verkehrswegen und Bildungsbauten sollen die Mittel
auch Krankenhäusern oder dem Glasfaserausbau zugutekommen. Davon können
nicht zuletzt Kleinstädte und ländliche Räume profitieren.
Baukultur mitdenken bei
notwendigen Sanierungen
Wahrgenommener
Investitionsrückstand der Kommunen
in Deutschland 2024 (in Euro)
Quelle: KfW/Difu 2025 53,4 Mrd.
(24,7 %)
Straßen und
Verkehrsinfrastruktur
11,2 Mrd.
(5,2 %)
Kinderbetreuung
(Kita)
6,6 Mrd.
(3,1 %)
Kultur
15,6 Mrd.
(7,2 %)
Sportstätten
und Bäder
2,0 Mrd.
(0,9 %)
Gesundheit
19,9 Mrd.
(9,2 %)
Brand- und
Katastrophenschutz
1,5 Mrd.
(0,7 %)
Wohnungswirtschaft
9,7 Mrd.
(4,5 %)
Wasserversorgung
und -entsorgung
0,1 Mrd.
(0,1 %)
Abfallwirtschaft
19,5 Mrd.
(9,0 %)
öffentliche
Verwaltungsgebäude
0,4 Mrd.
(0,2 %)
ÖPNV
1,8 Mrd.
(0,9 %)
Informations- und
Kommunikationstechnik
67,8 Mrd.
(31,4 %)
Schulen
6,1 Mrd.
(2,8 %)
Sonstiges
0,2 Mrd.
(0,1 %)
Energieerzeugung
und -versorgung
insgesamt
215,8 Mrd.
BITTE ALLES
GUT GESTALTEN!
P6
Grafik: 3.3b
Kapitel: 3.3
Auch Infrastruktur
braucht Gestaltung!
Quelle: Bevölkerungsbefragung
zum Baukulturbericht 2022/23
Finden Sie, dass
Infrastrukturbauten optisch ansprechend
gestaltet werden sollten?
Finden Sie, dass
Infrastrukturbauten derzeit gut gestaltet sind?
nein
15 %
weiß nicht
5 %
weiß nicht
18 %
nein
55 %
ja
80 %
ja
27 %
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 18 –
19
mehr Tempo, klare Prioritäten und eine konsequente Zweckbindung der Mittel
für die Brückensanierung.
Als Erfolgsgeschichte kann der Ersatzneubau für die 2023 gesprengte
Rahmedetalbrücke gelten, die schon Ende 2025 zur Hälfte wieder für den
Verkehr freigegeben werden konnte. Dafür wurde unter anderem das
Planfeststellungsverfahren übersprungen, und notwendige Einzelschritte wie
Baugrunduntersuchungen, die Anlage von Baustraßen und Detailplanung wurden
parallel statt nacheinander durchgeführt. Auch funktionale Ausschreibungen
und ein interdisziplinär arbeitendes Projektteam haben sich bewährt und lassen
sich auf ähnliche Großprojekte übertragen. Ähnlich erfolgreich verlief der
Neubau des Terminals 3 am Frankfurter Flughafen. Zwar verzögerte sich die
Fertigstellung aufgrund externer Faktoren wie der Coronapandemie um vier Jahre,
aber der von Mäckler Architekten entworfene und privat finanzierte Bau blieb
weitgehend im Kostenrahmen.
Wie bei der Verkehrsinfrastruktur gibt es auch im Gesundheitswesen
Handlungsbedarf: Die vom Bund 2022 eingesetzte Regierungskommission für eine
moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung bezifferte 2025 den
Investitionsbedarf nur für den Substanzerhalt der Krankenhäuser auf sechs bis
acht Milliarden Euro im Jahr. Dazu kommen Investitionen im hohen zweistelligen
Milliardenbereich in die strukturelle Erneuerung, die auch klimagerechten Umbau
und Digitalisierung einschließt.
Während es 2021 in Deutschland noch 1.887 Krankenhäuser gab, waren es
laut dem Bundes-Klinik-Atlas 2024 nur noch 1.614. Die Schließungen haben meist
wirtschaftliche Gründe. 2025 trat die Krankenhausreform in Kraft. Sie soll unter
anderem verhindern, dass viele weitere Kliniken wegen mangelnder Rentabilität
schließen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) befürchtet dagegen,
dass die Reform genau dazu führen könnte und spricht von drohenden
„regionalen Verwerfungen“, die es zu vermeiden gelte, um die flächendeckende Versorgung
zu erhalten. Ein Blick über die Grenzen zeigt: Im Vergleich mit anderen EU-Ländern
ist Deutschland bislang sehr gut mit Krankenhäusern ausgestattet.
Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist der
Zivilschutz wieder in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Nachdem
Deutschland 2007 das Schutzraumprogramm aufgegeben und die Wartung der
Schutzräume eingestellt hatte, erarbeitet seit 2024 eine Bund-Länder-
Arbeitsgruppe ein neues Schutzraumkonzept. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz
und Katastrophenhilfe hat 2025 angekündigt, bis 2029 Schutzplätze für eine
Million Menschen zu schaffen, vornehmlich in U-Bahntunneln, Tiefgaragen und
Kellern öffentlicher Gebäude. Die Bundesregierung hat reagiert und im
Bundeshaushalt 2026 für den Zivilschutz 759 Millionen Euro zusätzlich eingeplant.
Sondervermögen für Infrastruktur 2025 hat die Bundesregierung das
Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität beschlossen und die
Schuldenbremse gelockert. Beides hat Hoffnungen geweckt, dass sich der Sanierungsstau
in den kommenden Jahren ein Stück weit auflösen lässt. 500 Milliarden Euro
sollen innerhalb von zwölf Jahren in Infrastruktur, Klimaschutz, Bevölkerungsschutz
und Innovationsförderung fließen. Der größte Anteil entfällt auf die Modernisierung
der Infrastruktur. Neben Verkehrswegen und Bildungsbauten sollen die Mittel
auch Krankenhäusern oder dem Glasfaserausbau zugutekommen. Davon können
nicht zuletzt Kleinstädte und ländliche Räume profitieren.
Baukultur mitdenken bei
notwendigen Sanierungen
Wahrgenommener
Investitionsrückstand der Kommunen
in Deutschland 2024 (in Euro)
Quelle: KfW/Difu 2025 53,4 Mrd.
(24,7 %)
Straßen und
Verkehrsinfrastruktur
11,2 Mrd.
(5,2 %)
Kinderbetreuung
(Kita)
6,6 Mrd.
(3,1 %)
Kultur
15,6 Mrd.
(7,2 %)
Sportstätten
und Bäder
2,0 Mrd.
(0,9 %)
Gesundheit
19,9 Mrd.
(9,2 %)
Brand- und
Katastrophenschutz
1,5 Mrd.
(0,7 %)
Wohnungswirtschaft
9,7 Mrd.
(4,5 %)
Wasserversorgung
und -entsorgung
0,1 Mrd.
(0,1 %)
Abfallwirtschaft
19,5 Mrd.
(9,0 %)
öffentliche
Verwaltungsgebäude
0,4 Mrd.
(0,2 %)
ÖPNV
1,8 Mrd.
(0,9 %)
Informations- und
Kommunikationstechnik
67,8 Mrd.
(31,4 %)
Schulen
6,1 Mrd.
(2,8 %)
Sonstiges
0,2 Mrd.
(0,1 %)
Energieerzeugung
und -versorgung
insgesamt
215,8 Mrd.
BITTE ALLES
GUT GESTALTEN!
P6
Grafik: 3.3b
Kapitel: 3.3
Auch Infrastruktur
braucht Gestaltung!
Quelle: Bevölkerungsbefragung
zum Baukulturbericht 2022/23
Finden Sie, dass
Infrastrukturbauten optisch ansprechend
gestaltet werden sollten?
Finden Sie, dass
Infrastrukturbauten derzeit gut gestaltet sind?
nein
15 %
weiß nicht
5 %
weiß nicht
18 %
nein
55 %
ja
80 %
ja
27 %
Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 19 –
20
Vereinfachungen im komplexen Planungs- und Genehmigungsrecht, die über
die schon 2023 für den Verkehrsbereich beschlossenen Maßnahmen
hinausgehen, könnten helfen, Verfahren zu beschleunigen und Projekte schneller
umzusetzen. In ihrem Koalitionsvertrag hat die amtierende Bundesregierung
signalisiert, dass sie das Thema weiter vorantreiben will.
Die Chancen, die sich aus Sondervermögen und gelockerter
Schuldenbremse ergeben, sind groß. Entsprechend melden sich viele Verbände und
Institutionen zu Wort, bringen ihre Perspektiven ein und formulieren Bedarfe
und Empfehlungen. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten, die
Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und der Verband Bildung und
Erziehung etwa fordern in einem gemeinsamen Positionspapier, die Gelder für eine
Qualitätsoffensive im Schulbau zu nutzen. Dazu wollen sie an die Projekte ein
Set fester Kriterien – wie eine Phase Null oder die Öffnung der Schule für die
Nachbarschaft – anlegen.
Doch das Sondervermögen stellt auch eine Herausforderung dar: Geld allein
baut keine Infrastrukturen. Der Investitionsschub wird die Bautätigkeit deutlich
erhöhen. Er stößt damit auf Ressourcenengpässe und kann Kostensteigerungen
auslösen. Um zu verhindern, dass die Qualität ins Hintertreffen gerät, sollten
Baukultur und nachhaltige Planung zur Richtschnur werden. Hieran hat auch
die Bevölkerung hohes Interesse. In einer Befragung der Bundesstiftung
Baukultur antworteten schon 2021 auf die Frage, ob Infrastrukturbauwerke
ansprechend gestaltet werden sollen, 80 % der Bevölkerung mit ja. Die Gegenfrage,
ob Infrastruktur gut gestaltet werde, beantworteten hingegen 55 % mit nein.
Hier zeigt sich deutlicher Handlungsbedarf, architektonische Qualität, langlebige
Bauweisen und eine vorausschauende Stadt- und Landschaftsentwicklung
konsequent mitzudenken – auch bei sichtbarer technischer Infrastruktur. Gerade
dort braucht es qualifizierte Gestaltung und Ausführung: Alles, was für uns
sichtbar und spürbar ist, prägt den Raum. Durch Synergien und Mehrfachnutzung
können technische, soziale und blau-grüne Infrastrukturprojekte Mehrwerte für
das Gemeinwohl schaffen, ihr Umfeld verbessern und so der Gesellschaft über
den sektoralen Nutzen hinaus zugutekommen.
P7
Grafik: 3.3c
Kapitel: 3.3
Vom Sondervermögen
zum Anlagevermögen
Regelmäßige Instandhaltung
sichert Werte und spart
auf lange Sicht Kosten.
Quelle: Bundesstiftung Baukultur nach
Marx 2026
500
€ in Mrd.
Jahre
Anlagevermögen
Verlust
2030
Instandhaltung Instandhaltung Instandhaltung
Sondervermögen
Kostenfaktor
Instandhaltung
Kostenfaktor
Generalsanierung
2060 2090 2120
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 20 –
21
Neue Umbaukultur
Paradigmenwechsel Das Bewusstsein für die sogenannte goldene Energie
im Bestand, für dessen materielle und immaterielle Werte, ist in den letzten
Jahren deutlich gestiegen. Der Baukulturbericht 2022/23 Neue Umbaukultur
hat diesen Paradigmenwechsel mit ins Rollen gebracht. Auch auf europäischer
Ebene wird der Ruf nach einem Kurswechsel lauter: Die Europäische
Bürgerinitiative HouseEurope! wirbt für ein „Right to Reuse“ und will Umbau und
Weiterbauen gegenüber Abriss und Neubau strukturell stärken. Umbauen statt neu zu
bauen birgt ökonomisch wie ökologisch klare Vorteile.
Mittlerweile ist die Zahl der jährlich abgerissenen Gebäude tatsächlich
gesunken, so das 2025 veröffentlichte Ergebnis eines Forschungsprojekts an
der TU Dresden. Als Gründe nennt der Bericht den gesellschaftlichen
Bewusstseinswandel und die zunehmende Umnutzung von Bestandsgebäuden. Eine
Umfrage der Forschenden unter Fachleuten ergab, dass auch wirtschaftliche
Erwägungen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Laut dem Deutschen
Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) steigt der Anteil des Bauvolumens im
Bestand seit Jahren. 2025 lag er im Wohnungsbau bei rund drei Vierteln. Das
entspricht rund 230 Milliarden Euro Bauvolumen im Bestand gegenüber gut
80 Milliarden im Neubau. Auch bei Nichtwohngebäuden übertreffen die
Bauleistungen im Bestand mit 80 Milliarden jene im Neubau mit 60 Milliarden Euro.
Trotz dieser positiven Trends gibt es weiterhin Luft nach oben. Immer noch
werden Denkmäler und auch neuere Bauwerke abgerissen, wie das Schwarzbuch
der Denkmalpflege der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigt.
P6
Grafik: 5.1.3a
Kapitel: 5.1.3
Wo steckt die
goldene Energie?
Durch Bestandserhalt können
nicht nur materielle, sondern
auch immaterielle Werte bewahrt
und weiterentwickelt werden.
Quelle: Bundesstiftung Baukultur
Zeitgenössische Gestaltung
• regionale Bauweisen
• zeittypische Materialien
• sichtbare Geschichte
Instandhaltung
• investierte Pflege
• Optimierung während der Nutzung
• angesammeltes Wissen
Entwurfsprozess
• planerische Entscheidungen
• kreative Leistungen
• Abwägungsprozesse
Bauleistung
• handwerkliche Arbeit
• Erfahrungswissen
• Detailqualität
Identifikation
• Teil der Ortsstruktur
• emotionale Bindung
• kollektive Erinnerung
• ideelle Bedeutung
Integration ins Umfeld
• nachbarschaftliche Beziehung
• funktionale Verknüpfungen
• gewachsene Einbindung
Nutzung
• funktionale Erprobung
• Nutzungsgeschichte
• Nachbarschaft
Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 21 –
22
Die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) und die
REGIONALE 2025 Bergisches RheinLand zeigen verstärkt Projekte, die sich mit
der Transformation und Weiterentwicklung bestehender Gebäude,
Infrastrukturen und Quartiere beschäftigen. Das Umdenken geht indes längst über solche
programmatischen Formate und Veranstaltungen hinaus: Auf den großen
Immobilienmessen ist das Thema angekommen und nimmt in den Diskussionen und
Präsentationen zentralen Raum ein. In Niedersachsen hat sich die Industrie- und
Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg gegen den bereits beschlossenen
Ersatzneubau ihrer Geschäftsstelle entschieden und baut stattdessen nun um. Sie
trifft mit ihrer Strategie des Weiterbauens sowohl bei ihren Mitgliedern als auch
bei der Stadtgesellschaft auf große Zustimmung. Wie bereits im Baukulturbericht
2022/23 empfohlen, ist eine hierfür passendere Landesbauordnung als
Umbauordnung von zentraler Bedeutung. Niedersachsen hat mit der 2024 novellierten
Landesbauordnung diesen Schritt inzwischen vollzogen: Für die Umnutzung
von Bestandsgebäuden reicht es nun, dass diese nach dem Umbau die
niedrigeren technischen Standards des ursprünglichen Baujahrs einhalten.
Blau-grüner Umbau Fast alle Kommunen haben die Dringlichkeit erkannt,
sich an den Klimawandel und Extremwetterereignisse wie Starkregen,
Hochwasser oder Hitzeperioden anzupassen, wie eine Umfrage des Deutschen
Instituts für Urbanistik (Difu) zeigt. Viele Städte haben sich auf den Weg gemacht,
Klimapläne und Anpassungskonzepte erstellt oder mit konkreten Maßnahmen
begonnen. So haben in Berlin der Senat und drei Landesunternehmen 2025 eine
blau-grüne Allianz gegründet, um Schwammstadtprojekte im landeseigenen
Bestand voranzutreiben. Erste Vorhaben sind die Umgestaltung des Platzes der
Luftbrücke und des Spreeufers am Marx-Engels-Forum. In Karlsruhe wurde der
Bahnhofsvorplatz Süd ebenfalls unter Schwammstadtaspekten umgestaltet:
mit neuen Bäumen, Versickerungsflächen und kühlenden Wasserfontänen.
In München wird die klimaangepasste Umgestaltung der Ludwigstraße durch
einen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb vorbereitet, bei dem die
Anforderungen der Denkmalpflege zentraler Teil der Aufgabe sind. In Hamburg
hat die 2014 eingeführte Gründachstrategie erreicht, dass inzwischen über 200
Hektar Dachflächen begrünt sind. Das Programm soll Stadtklima und
Regenwassermanagement verbessern, indem 60 % der Niederschläge auf den Dächern
zurückgehalten werden. Hamburg gilt damit bundesweit als Vorreiter.
Erfolgsfaktoren sind neben intensiver Kommunikation eine finanzielle Förderung von
bis zu 60 % der Kosten durch die Stadt und eine schrittweise Verschärfung der
Vorgaben. Waren bisher Gründächer nur in manchen Bebauungsplänen
vorgeschrieben, müssen ab 2027 hamburgweit bei nahezu allen Neubauten mit
Flachdach mindestens 70 % der Dachfläche begrünt werden.
Am stärksten wirken Maßnahmen im Verbund. Gegen Hitzestress schaffen
Entsiegelung, Verschattung, Wasser und helle Oberflächen beispielsweise zu
unterschiedlichen Tageszeiten Abhilfe. Über einzelne Vorhaben hinaus braucht
es daher integrierte Konzepte, die Wirkung und Umsetzung zusammenführen.
Ein stadtweiter und umfassender Umbau, wie ihn unter anderem Kopenhagen
oder Amsterdam auf Basis integrierter Planung entschlossen umsetzen, lässt
in Deutschland noch auf sich warten.
Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA)
fordert daher, Klimaanpassung als Gemeinschaftaufgabe nach dem Vorbild von
P6
Grafik: 3.4a
Kapitel: 3.4
P7
Grafik: 3.4b
Kapitel: 3.4
Umbau als Konjunkturmotor
Entwicklung genehmigter
Baumaßnahmen im Neubau und Bestand in
Deutschland seit 2019
Quelle: Destatis 2025
60
80
100
120
2019 = 100 %
202420232022202120202019
–48%
–10%
Neubau
Umbau
Tiefbau trägt die Bauwirtschaft
Entwicklung der Auftragsbestände
im Bauhauptgewerbe in Deutschland
seit 2021
Quelle: Destatis 2025
60
80
100
120
2021 = 100 %
2024202320222021
+15%
–1%
–15%
gesamt
Hochbau
Tiefbau
P7
Grafik: 3.4d
Kapitel: 3.4
Hitzereduktion in Städten
Mit folgenden Maßnahmen lassen sich
die Temperaturen in der Stadt senken:
Quelle: Stadt Zürich 2020
Dachbegrünung
2–3 m
2–4 m 2–4 m
2–4 m
2–3 m
2–4 m
7–20 m 3–6 m
4–14 m
Pergola auf Asphalt
Helle Bodenbeläge
Rasengitter statt Asphalt
Wasserfläche
statt Rasen
Baum auf Rasen bis zu
‡ 6,6 ‰C
bis zu
‡ 8,7 ‰C
bis zu
‡ 1,8 ‰C
bis zu
‡ 2,8 ‰C
bis zu
‡ 6 ‰C
bis zu
‡ 6,6 ‰C
bis zu
‡ 4 ‰C
bis zu
‡ 2,1 ‰C
bis zu
‡ 7,6 ‰C
bis zu
‡ 6,6 ‰C
Rasen statt
Asphalt
Helles Dach
Fassadenbegrünung
Temperaturreduktion
Wirkradius
Helle Fassade
2–4 m
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 22 –
23
Die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) und die
REGIONALE 2025 Bergisches RheinLand zeigen verstärkt Projekte, die sich mit
der Transformation und Weiterentwicklung bestehender Gebäude,
Infrastrukturen und Quartiere beschäftigen. Das Umdenken geht indes längst über solche
programmatischen Formate und Veranstaltungen hinaus: Auf den großen
Immobilienmessen ist das Thema angekommen und nimmt in den Diskussionen und
Präsentationen zentralen Raum ein. In Niedersachsen hat sich die Industrie- und
Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg gegen den bereits beschlossenen
Ersatzneubau ihrer Geschäftsstelle entschieden und baut stattdessen nun um. Sie
trifft mit ihrer Strategie des Weiterbauens sowohl bei ihren Mitgliedern als auch
bei der Stadtgesellschaft auf große Zustimmung. Wie bereits im Baukulturbericht
2022/23 empfohlen, ist eine hierfür passendere Landesbauordnung als
Umbauordnung von zentraler Bedeutung. Niedersachsen hat mit der 2024 novellierten
Landesbauordnung diesen Schritt inzwischen vollzogen: Für die Umnutzung
von Bestandsgebäuden reicht es nun, dass diese nach dem Umbau die
niedrigeren technischen Standards des ursprünglichen Baujahrs einhalten.
Blau-grüner Umbau Fast alle Kommunen haben die Dringlichkeit erkannt,
sich an den Klimawandel und Extremwetterereignisse wie Starkregen,
Hochwasser oder Hitzeperioden anzupassen, wie eine Umfrage des Deutschen
Instituts für Urbanistik (Difu) zeigt. Viele Städte haben sich auf den Weg gemacht,
Klimapläne und Anpassungskonzepte erstellt oder mit konkreten Maßnahmen
begonnen. So haben in Berlin der Senat und drei Landesunternehmen 2025 eine
blau-grüne Allianz gegründet, um Schwammstadtprojekte im landeseigenen
Bestand voranzutreiben. Erste Vorhaben sind die Umgestaltung des Platzes der
Luftbrücke und des Spreeufers am Marx-Engels-Forum. In Karlsruhe wurde der
Bahnhofsvorplatz Süd ebenfalls unter Schwammstadtaspekten umgestaltet:
mit neuen Bäumen, Versickerungsflächen und kühlenden Wasserfontänen.
In München wird die klimaangepasste Umgestaltung der Ludwigstraße durch
einen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb vorbereitet, bei dem die
Anforderungen der Denkmalpflege zentraler Teil der Aufgabe sind. In Hamburg
hat die 2014 eingeführte Gründachstrategie erreicht, dass inzwischen über 200
Hektar Dachflächen begrünt sind. Das Programm soll Stadtklima und
Regenwassermanagement verbessern, indem 60 % der Niederschläge auf den Dächern
zurückgehalten werden. Hamburg gilt damit bundesweit als Vorreiter.
Erfolgsfaktoren sind neben intensiver Kommunikation eine finanzielle Förderung von
bis zu 60 % der Kosten durch die Stadt und eine schrittweise Verschärfung der
Vorgaben. Waren bisher Gründächer nur in manchen Bebauungsplänen
vorgeschrieben, müssen ab 2027 hamburgweit bei nahezu allen Neubauten mit
Flachdach mindestens 70 % der Dachfläche begrünt werden.
Am stärksten wirken Maßnahmen im Verbund. Gegen Hitzestress schaffen
Entsiegelung, Verschattung, Wasser und helle Oberflächen beispielsweise zu
unterschiedlichen Tageszeiten Abhilfe. Über einzelne Vorhaben hinaus braucht
es daher integrierte Konzepte, die Wirkung und Umsetzung zusammenführen.
Ein stadtweiter und umfassender Umbau, wie ihn unter anderem Kopenhagen
oder Amsterdam auf Basis integrierter Planung entschlossen umsetzen, lässt
in Deutschland noch auf sich warten.
Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA)
fordert daher, Klimaanpassung als Gemeinschaftaufgabe nach dem Vorbild von
P6
Grafik: 3.4a
Kapitel: 3.4
P7
Grafik: 3.4b
Kapitel: 3.4
Umbau als Konjunkturmotor
Entwicklung genehmigter
Baumaßnahmen im Neubau und Bestand in
Deutschland seit 2019
Quelle: Destatis 2025
60
80
100
120
2019 = 100 %
202420232022202120202019
–48%
–10%
Neubau
Umbau
Tiefbau trägt die Bauwirtschaft
Entwicklung der Auftragsbestände
im Bauhauptgewerbe in Deutschland
seit 2021
Quelle: Destatis 2025
60
80
100
120
2021 = 100 %
2024202320222021
+15%
–1%
–15%
gesamt
Hochbau
Tiefbau
P7
Grafik: 3.4d
Kapitel: 3.4
Hitzereduktion in Städten
Mit folgenden Maßnahmen lassen sich
die Temperaturen in der Stadt senken:
Quelle: Stadt Zürich 2020
Dachbegrünung
2–3 m
2–4 m 2–4 m
2–4 m
2–3 m
2–4 m
7–20 m 3–6 m
4–14 m
Pergola auf Asphalt
Helle Bodenbeläge
Rasengitter statt Asphalt
Wasserfläche
statt Rasen
Baum auf Rasen bis zu
‡ 6,6 ‰C
bis zu
‡ 8,7 ‰C
bis zu
‡ 1,8 ‰C
bis zu
‡ 2,8 ‰C
bis zu
‡ 6 ‰C
bis zu
‡ 6,6 ‰C
bis zu
‡ 4 ‰C
bis zu
‡ 2,1 ‰C
bis zu
‡ 7,6 ‰C
bis zu
‡ 6,6 ‰C
Rasen statt
Asphalt
Helles Dach
Fassadenbegrünung
Temperaturreduktion
Wirkradius
Helle Fassade
2–4 m
Artikel 91a ins Grundgesetz aufzunehmen, um wie auch bei den Themen der
regionalen Wirtschaftsstruktur, der Agrarstruktur und des Küstenschutzes eine
verbindliche, koordinierte und langfristig finanzierte Zusammenarbeit von Bund,
Ländern und Kommunen zu ermöglichen. Dazu hat sie im Februar 2025
gemeinsam mit den Mitgliedern der Allianz für eine wasserbewusste Stadtentwicklung
ein Positionspapier veröffentlicht. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung
hat diese Forderung aufgegriffen. Die Regierung will die Einführung einer
Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung prüfen, die Deutsche Anpassungsstrategie an
den Klimawandel umsetzen und die Finanzierung von Vorsorgemaßnahmen
gemeinsam mit den Ländern sicherstellen. Klimaanpassung kann dabei mehr als
eine Pflichtaufgabe sein: Sie kann Schutz und Vorsorge leisten – und zugleich
Städte schöner und lebenswerter machen (vgl. Kapitel Stadt und Raum).
Emissionseffizienz Von 1990 bis 2024 sind die Treibhausgasemissionen in
Deutschland um fast die Hälfte gesunken. Besonders stark ist die Abnahme seit
2019. Damit scheint das im Klimaschutzgesetz des Bundes verankerte Ziel
erreichbar, die Emissionswerte von 1990 bis 2030 um 65 % zu senken. Im
Verkehrssektor wurden die spezifischen jährlichen Klimaziele aber schon zum
vierten Mal in Folge verfehlt, im Gebäudesektor sogar schon zum fünften Mal.
Ein Grund dafür ist die hohe CO2-Emission von Massivbauten. Je nach
Gebäudetyp entfallen 50 bis 70 % der Emissionen auf die Tragkonstruktion. Sie
entstehen primär bei der Zementproduktion.
Deshalb mehren sich Stimmen aus Wissenschaft und Praxis, die eine
Neuausrichtung der Klimapolitik im Gebäudesektor fordern: weg vom Primat
der reinen Energieeffizienz, hin zu einer konsequenten Ausrichtung auf CO2-
Reduktion, Bestandserhalt und Kreislaufwirtschaft, die schon der
Baukulturbericht 2022/23 gefordert hatte. Vorbild dafür ist Dänemark, wo seit 2023 ein
Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 23 –
24
Emissionsdeckel für Neubauten gilt, der je nach Gebäudetyp und -größe
unterschiedlich ausfällt. Das Forschungsprojekt „Einfach Um-Bauen“ der TU München
zeigt, dass bei älteren Bestandsbauten ein Wechsel des Heizungssystems
wirtschaftlicher ist als eine Gebäudesanierung auf Effizienzhaus-55-Niveau und
genauso viel CO2 einspart.
Auf europäischer Ebene verpflichtet die 2024 überarbeitete EU-
Gebäuderichtlinie (EBPD) die Mitgliedstaaten dazu, ab 2030 nur noch emissionsfreie
Neubauten mit sehr hoher Energieeffizienz zu genehmigen. Zudem wird es für
jeden Neubau Pflicht, sein Treibhauspotenzial über einen Lebenszyklus von
50 Jahren, also von der Herstellung bis zum Rückbau, zu berechnen und
offenzulegen. Dazu müssen die Mitgliedstaaten bis 2027 nationale Grenzwerte für
Emissionen festlegen. Neben die Energieeffizienz tritt damit die
Emissionseffizienz als Ziel. Im Bestand sind Sanierungspflichten für die energetisch
schlechtesten Nichtwohngebäude vorgesehen.
In Deutschland soll das seit 2020 mehrfach novellierte
Gebäudeenergiegesetz (GEG) diese EU-Richtlinie jetzt in nationales Recht umsetzen. Wie der
Gebäudesektor dadurch in Zukunft seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten wird,
ist nun Gegenstand der Diskussion.
Einfach Bauen Als Reaktion auf wachsende Komplexität, Normenflut und
Kostensteigerungen hat die Bayerische Architektenkammer schon 2022 das
Konzept eines Gebäudetyps E (wie „einfach“, „erleichtert“ oder „experimentell“)
vorgestellt. Bayern und Schleswig-Holstein haben den Gebäudetyp E 2023
durch geänderte Bauordnungen ermöglicht. Auch die Bundesregierung möchte
ihn rechtlich absichern. Die Forschungshäuser in Bad Aibling zeigen, was
möglich ist: Sie sind einfach im Sinne von robust, komponenten- und
instandhaltungsarm und damit bezahlbar. Einfachheit ist dabei nicht nur technisch, sondern
auch gestalterisch zu verstehen: Die Ästhetik setzt auf Reduktion und
bewusstes Weglassen – und kann gerade im Imperfekten eine eigene Qualität sichtbar
machen. Statt einer kostspieligen Unterkellerung gibt es zum Beispiel Anbauten,
Nachhaltige Bauweise wichtiger
als Kosten oder Bauzeit
74 % der befragten Kommunen geben an,
dass sie bei kommunalen Bauvorhaben
besonders großen Wert auf eine
klimaverträgliche und nachhaltige Bauweise legen.
Damit messen sie diesem Aspekt mehr
Bedeutung bei als geringen Baukosten oder
einer kurzen Bauzeit. K13
die notwendige Abstellflächen bieten, nachbarschaftliche Begegnungen
ermöglichen und zugleich den Baukörper gliedern. Ein weiteres Wohnhaus in
Holz-Hybrid-Bauweise ist geplant – als eines von 19 Pilotprojekten für den
Gebäudetyp E in Bayern. Darunter ist auch ein Wohnungsbauprojekt des
Wohnungsunternehmens IGEWO in Augsburg, das in hohem Vorfertigungsgrad,
ohne Tiefgaragen und Unterkellerung sowie mit außenliegenden Treppen und
reduzierter Haustechnik umgesetzt wird. Außer Wohnhäusern stehen auf der
Liste auch Schulen und mischgenutzte Gebäude als Neubauten oder als
Erweiterungen, Aufstockungen und Umnutzungen im Bestand. Alle 19 Projekte
werden wissenschaftlich begleitet, um Erfahrungen für die weitere Anwendung
und eine mögliche Ausweitung zu sammeln. Auch in Hamburg wird der
technikreduzierte „Hamburg-Standard“ seit 2025 in mehreren Pilotprojekten
angewendet und dabei wissenschaftlich begleitet.
Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen
Relevanz der Bauwirtschaft Die Bedeutung des Bauens für die deutsche
Wirtschaft ist beachtlich: Fast 5,3 Millionen Menschen sind einschließlich
nachgelagerter Bereiche wie Baustoffindustrie, Planung oder Dienstleistungen in
baukulturell relevanten Berufen beschäftigt. Damit trägt die Bauwirtschaft rund
10 % zur Wirtschaftsleistung bei. Allerdings schwankten die Zahlen zuletzt.
Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird
das reale Bauvolumen 2026 um 1,7 % und 2027 um 3,7 % auf dann 605
Milliarden Euro steigen. Zuvor war es – inflationsbereinigt und anteilig am
Bruttoinlandsprodukt – fünf Jahre in Folge gesunken. Das Bruttoinlandsprodukt blieb
dagegen annähernd stabil. Gründe für den zwischenzeitlichen Rückgang waren
steigende Zinsen und Baupreise, fehlende Fachkräfte und eine abnehmende
Investitionsbereitschaft. Die 2026 erwartete Trendwende wird laut DIW vor
allem durch den öffentlichen Bau getrieben.
Innerhalb der Bauwirtschaft gibt es dabei divergierende Entwicklungen.
Während das Bauhauptgewerbe 2023 und 2024 unter massiven
Auftragsrückgängen im Wohnungsbau litt, legte der Tiefbau schon 2024 dank Großaufträgen
für die Infrastruktur zu. Vor allem die Autobahn-, Brücken- und Tunnelsanierung
und der Ausbau des Stromnetzes sorgten für ein Rekordergebnis – mit einem
Auftragseingang von 56,3 Milliarden Euro. Dennoch bleibt der Wohnungsbau
mit rund 57 % des gesamten Bauvolumens der dominierende Bereich.
Wachsenden Anteil daran haben Maßnahmen im Bestand, während die Bedeutung
des Neubaus abnimmt (vgl. Kapitel Neue Umbaukultur). Auch Architektur- und
Ingenieurbüros bewerteten in einer Umfrage von IW-Consult im Auftrag des
Ausschusses der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für
die Honorarordnung, der Bundesarchitektenkammer, des Verbands Beratender
Ingenieure sowie der Bundesingenieurkammer ihre Lage unterschiedlich. Von
den knapp 2.500 teilnehmenden Büros klagten 40 % über Auftragsrückgänge.
Im Vergleich zum Vorjahr, als 97 % der Büros Gewinne verzeichneten, waren es
2025 nur noch 84 %. Immerhin knapp die Hälfte der Büros erwartet für 2026 eine
Verbesserung ihrer betriebswirtschaftlichen Lage. Die insgesamt angespannte
Situation führen die Büros auf gestörte Projektabläufe, starke Regulierung und
das Ringen um eine angemessene Vergütung zurück. Viele Büros beobachten
P6
Grafik: 3.4c
Kapitel: 3.4
„Eisberg-Effekt“
Mit der Gründung liegen
große Teile eines Bauwerks oft
unsichtbar im Untergrund.
Quellen: Florian Nagler Architekten 2025;
Genossenschaft Gröninger Hof 2025;
Wuppertal Institut 2026
Klimabilanz der Materialherstellung
verschiedener Gründungsarten
Holzbau ohne Zement
MFH Holzbauweise mit Stahlpfahlgründung
Sonderfall Parkhaus
Gröninger Hof in Hamburg
Massivbau
MFH Stahlbetonbauweise mit Keller und Tiefgarage
= 1/3 im Material
gebundene Emissionen
im Untergrund!
oberirdisch
(0,33 t CO‘ e/m‘)
oberirdisch
(0,54 t CO‘ e/m‘)
unterirdisch
(0,03 t CO‘ e/m‘)
unterirdisch
(0,48 t CO‘ e/m‘)
63 %
37 %
4 %
96 %
P1
3b
Wie viel wird
in Deutschland gebaut?
Bauvolumen im Größenvergleich
Quellen: BMF 2025; DIW Econ 2025; ZDK 2025
75,5 Mrd. €
Umsatz Kraftfahrzeuggewerbe (Neuwagen)
in Deutschland 2024
474,8 Mrd. €
Gesamte Staatsausgaben
Deutschlands 2024
534,3 Mrd. €
Bauvolumen in Deutschland 2024
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 24 –
25
die notwendige Abstellflächen bieten, nachbarschaftliche Begegnungen
ermöglichen und zugleich den Baukörper gliedern. Ein weiteres Wohnhaus in
Holz-Hybrid-Bauweise ist geplant – als eines von 19 Pilotprojekten für den
Gebäudetyp E in Bayern. Darunter ist auch ein Wohnungsbauprojekt des
Wohnungsunternehmens IGEWO in Augsburg, das in hohem Vorfertigungsgrad,
ohne Tiefgaragen und Unterkellerung sowie mit außenliegenden Treppen und
reduzierter Haustechnik umgesetzt wird. Außer Wohnhäusern stehen auf der
Liste auch Schulen und mischgenutzte Gebäude als Neubauten oder als
Erweiterungen, Aufstockungen und Umnutzungen im Bestand. Alle 19 Projekte
werden wissenschaftlich begleitet, um Erfahrungen für die weitere Anwendung
und eine mögliche Ausweitung zu sammeln. Auch in Hamburg wird der
technikreduzierte „Hamburg-Standard“ seit 2025 in mehreren Pilotprojekten
angewendet und dabei wissenschaftlich begleitet.
Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen
Relevanz der Bauwirtschaft Die Bedeutung des Bauens für die deutsche
Wirtschaft ist beachtlich: Fast 5,3 Millionen Menschen sind einschließlich
nachgelagerter Bereiche wie Baustoffindustrie, Planung oder Dienstleistungen in
baukulturell relevanten Berufen beschäftigt. Damit trägt die Bauwirtschaft rund
10 % zur Wirtschaftsleistung bei. Allerdings schwankten die Zahlen zuletzt.
Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird
das reale Bauvolumen 2026 um 1,7 % und 2027 um 3,7 % auf dann 605
Milliarden Euro steigen. Zuvor war es – inflationsbereinigt und anteilig am
Bruttoinlandsprodukt – fünf Jahre in Folge gesunken. Das Bruttoinlandsprodukt blieb
dagegen annähernd stabil. Gründe für den zwischenzeitlichen Rückgang waren
steigende Zinsen und Baupreise, fehlende Fachkräfte und eine abnehmende
Investitionsbereitschaft. Die 2026 erwartete Trendwende wird laut DIW vor
allem durch den öffentlichen Bau getrieben.
Innerhalb der Bauwirtschaft gibt es dabei divergierende Entwicklungen.
Während das Bauhauptgewerbe 2023 und 2024 unter massiven
Auftragsrückgängen im Wohnungsbau litt, legte der Tiefbau schon 2024 dank Großaufträgen
für die Infrastruktur zu. Vor allem die Autobahn-, Brücken- und Tunnelsanierung
und der Ausbau des Stromnetzes sorgten für ein Rekordergebnis – mit einem
Auftragseingang von 56,3 Milliarden Euro. Dennoch bleibt der Wohnungsbau
mit rund 57 % des gesamten Bauvolumens der dominierende Bereich.
Wachsenden Anteil daran haben Maßnahmen im Bestand, während die Bedeutung
des Neubaus abnimmt (vgl. Kapitel Neue Umbaukultur). Auch Architektur- und
Ingenieurbüros bewerteten in einer Umfrage von IW-Consult im Auftrag des
Ausschusses der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für
die Honorarordnung, der Bundesarchitektenkammer, des Verbands Beratender
Ingenieure sowie der Bundesingenieurkammer ihre Lage unterschiedlich. Von
den knapp 2.500 teilnehmenden Büros klagten 40 % über Auftragsrückgänge.
Im Vergleich zum Vorjahr, als 97 % der Büros Gewinne verzeichneten, waren es
2025 nur noch 84 %. Immerhin knapp die Hälfte der Büros erwartet für 2026 eine
Verbesserung ihrer betriebswirtschaftlichen Lage. Die insgesamt angespannte
Situation führen die Büros auf gestörte Projektabläufe, starke Regulierung und
das Ringen um eine angemessene Vergütung zurück. Viele Büros beobachten
P6
Grafik: 3.4c
Kapitel: 3.4
„Eisberg-Effekt“
Mit der Gründung liegen
große Teile eines Bauwerks oft
unsichtbar im Untergrund.
Quellen: Florian Nagler Architekten 2025;
Genossenschaft Gröninger Hof 2025;
Wuppertal Institut 2026
Klimabilanz der Materialherstellung
verschiedener Gründungsarten
Holzbau ohne Zement
MFH Holzbauweise mit Stahlpfahlgründung
Sonderfall Parkhaus
Gröninger Hof in Hamburg
Massivbau
MFH Stahlbetonbauweise mit Keller und Tiefgarage
= 1/3 im Material
gebundene Emissionen
im Untergrund!
oberirdisch
(0,33 t CO‘ e/m‘)
oberirdisch
(0,54 t CO‘ e/m‘)
unterirdisch
(0,03 t CO‘ e/m‘)
unterirdisch
(0,48 t CO‘ e/m‘)
63 %
37 %
4 %
96 %
P1
3b
Wie viel wird
in Deutschland gebaut?
Bauvolumen im Größenvergleich
Quellen: BMF 2025; DIW Econ 2025; ZDK 2025
75,5 Mrd. €
Umsatz Kraftfahrzeuggewerbe (Neuwagen)
in Deutschland 2024
474,8 Mrd. €
Gesamte Staatsausgaben
Deutschlands 2024
534,3 Mrd. €
Bauvolumen in Deutschland 2024
Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 25 –
26
zudem eine Verlängerung der Projektlaufzeiten. Zunehmende Arbeitsbelastung
und fehlende Fachkräfte verstärken die Kapazitätsengpässe.
Baukosten und Finanzierung In den letzten zehn Jahren sind die Baukosten
erheblich gestiegen. Ursachen sind vor allem Materialknappheit, gestiegene
Energiepreise und höhere Lohnkosten, aber auch gesetzliche Anforderungen
und Normen. Eine Studie der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen und
RegioKontext hat die Herstellungskosten im Wohnungsneubau untersucht: 2020
lagen sie in Großstädten noch bei 3.028 Euro je Quadratmeter Wohnfläche für
die Kostengruppen 200 bis 700. 2024 waren es bereits 4.473 Euro – ein Anstieg
um fast 50 % in vier Jahren. Dabei wirken sich per Faustformel 1.000 Euro bei
den Errichtungskosten mit etwa vier Euro pro Quadratmeter monatlich auf die
Kostenmieten aus. Auch Bauland ist in dieser Zeit bundesweit teurer geworden.
Der durchschnittliche Preis für einen Quadratmeter stieg laut Statistischem
Bundesamt von 199 Euro auf 256 Euro, wobei die regionale Spanne von elf Euro
im Landkreis Spree-Neiße bis 2.900 Euro in München reicht.
2025 und 2026 dürfte sich der Anstieg der Baukosten zumindest
verlangsamen. Bauen bleibt aber teuer, nicht zuletzt durch gestiegene Bauzinsen. Sie
bewegten sich vor 2023 auf einem Rekordtief von 1 % bis 1,5 % für zehnjährige
Darlehen. Mit der Zinswende der Europäischen Zentralbank stiegen sie ab 2023
auf Werte von rund 4 %. Die Kombination aus hohen Baukosten und gestiegenen
Zinsen hat die Finanzierung neuer Bauprojekte erheblich erschwert. Die
Nachfrage nach Baufinanzierungen ist dadurch deutlich gesunken. Entsprechend ist
auch die Zahl der Baugenehmigungen und Fertigstellungen vor allem im privaten
529.514
Baustoffindustrie
424.677
Handel mit
Baumaterialien
4,73 Mio.
Beschäftigte
im Bauwesen
in Deutschland
637.602
Immobilienwirtschaft
und Wohnungswesen
7.456
Vermessungswesen
14.341
Gebäude- und
Versorgungstechnik
157.365
Bauwesen
116.364
Hochbauarchitektur
7.947
Landschaftsarchitektur
6.871
Stadtplanung
6.176
Innenarchitektur955.961
Bauhauptgewerbe
1.313.521
Ausbaugewerbe
179.162
Bauingenieurwesen
137.358
Architektur
und Planung**
32.056
Bauträger 147.427
Immobilienfinanzierung
60.312
Beteiligungsgesellschaften
324.199
Vermietung
und Verpachtung233.948
Vermittlung
und Verwaltung
174.855
Gebäudebetreuung
192.911
Garten- und
Landschaftsbau
19.143
Immobilienhandel
P6
Grafik: 3.a
Kapitel: 3.5
Arbeitgeber Bauen
Gesamtbeschäftigte ausgewählter
Berufe des Planens und Bauens in
Deutschland 2024*
Quellen: BAK 2024; Bundesagentur für Arbeit 2025;
ZIA 2025
* Abweichungen zu vorherigen Baukulturberichten
durch Ergänzung „Gebäudebetreuung“
** Angaben entsprechend der Bundeskammerstatistik
Wohnungsbau zwischenzeitlich zurückgegangen. Die Zahl der genehmigten
Wohnungen stieg 2025 nach drei Jahren Rückgang wieder an: Im Vergleich zu
2024 wurden 10,5 % mehr Wohnungen genehmigt, dabei gab es vor allem bei
neuen Einfamilienhäusern mit 17,2 % einen deutlichen Anstieg.
Fachkräftebedarf Die Fachkräftesituation im deutschen Bausektor bleibt
angespannt, obwohl infolge der Baukrise etwas weniger offene Stellen zu
besetzen sind. Besonders das Bauhandwerk leidet unter einem strukturellen Mangel
an qualifizierten Arbeitskräften. In allen baurelevanten Berufen zusammen gibt
es laut Auswertungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) knapp 322.000
offene Stellen. Etwa 40 % davon können rein rechnerisch nicht durch passend
qualifizierte Arbeitslose besetzt werden. Am weitesten klafft die Fachkräftelücke
in der Bauelektrik und in den Gewerken Sanitär, Heizung und Klima. Die meisten
Fachkräfte fehlen in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands und Bayerns,
aber auch in Metropolräumen wie Frankfurt, München und Berlin.
Der Fachkräftebedarf führt zu Verzögerungen, höheren Kosten und
gefährdet die Umsetzung wichtiger Bau- und Infrastrukturprojekte. Trotzdem baute
die Branche zwischenzeitlich Stellen ab. Allein im Bauhauptgewerbe ging die
Zahl der Beschäftigten 2024 um 12.000 auf 916.000 zurück. Zurückzuführen war
dieser Personalabbau vor allem auf Insolvenzen und die schwache
Baukonjunktur. Für 2025 und 2026 wird aber wieder mit Neueinstellungen gerechnet – wenn
sich genügend Fachkräfte finden lassen. Positiv stimmt, dass 2025 mit 13.500
Auszubildenden deutlich mehr junge Menschen eine Ausbildung im
Bauhauptgewerbe begonnen haben als im Vorjahr, was einem Plus von 12,7 % entspricht.
Das reicht allerdings immer noch nicht aus, um die Zahl der jährlich altersbedingt
ausscheidenden Beschäftigten auszugleichen – zumal rund 40 % der
Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ihre Ausbildung nicht beenden. Für
Betriebsinhabende wird es indes immer schwieriger, eine Nachfolge zu finden – nicht
nur aufgrund des demografischen Wandels, sondern auch aufgrund der
wirtschaftlichen Risiken und bürokratischen Hürden, die mit einer Selbstständigkeit
verbunden sind. Das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk
an der Universität Göttingen rechnet damit, dass 27.000 Betriebe und 17.000
Unternehmen allein im Jahr 2027 übergeben werden sollen. Ohne gezielte
Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -sicherung – durch qualifizierende
Ausbildung und anreizstiftende Weiterbildung – und ohne Zuwanderung wird sich
die Lage mittelfristig weiter verschärfen (vgl. Kapitel Baukulturelle Ausbildung).
Kostenfaktoren erschweren
Schaffung von Wohnraum
Die befragten Kommunen nennen vor allem
steigende Baukosten (89 %), hohe Zinsen
(63 %) und geringe Investitionsbereitschaft
wegen wirtschaftlicher Unsicherheiten
(59 %) als Faktoren, die die Schaffung von
Wohnraum erschweren. Für etwa die Hälfte
der befragten Kommunen (51 %) ist
fehlendes Bauland ein Hindernis. K7
P1
5.1a
Fachkräftesituation
in baurelevanten Berufen
Verhältnis von offenen Stellen und
Arbeitslosen in Deutschland 2024
Quelle: KOFA/IW 2025
Arbeitslose (391.643)
offene Stellen (321.623)
besetzbare Stellen
Qualifizierungsbedarf
Die Qualifizierung arbeitsloser
Fachkräfte könnte die
Fachkräftelücke verkleinern.
Fachkräftelücke
(125.743)
Situation der Planungsbüros
Zwei Drittel der befragten Planerinnen und
Planer (66 %) rechnen damit, dass ihr Büro auf
dem aktuellen Niveau stabil bleibt. 17 % der
Befragten erwarten, dass sich ihr Büro in den
kommenden Jahren verkleinern wird. Im
Vergleich dazu gehen nur 14 % von Wachstum
und einer Erweiterung ihres Teams aus. P 2
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 26 –
27
Wohnungsbau zwischenzeitlich zurückgegangen. Die Zahl der genehmigten
Wohnungen stieg 2025 nach drei Jahren Rückgang wieder an: Im Vergleich zu
2024 wurden 10,5 % mehr Wohnungen genehmigt, dabei gab es vor allem bei
neuen Einfamilienhäusern mit 17,2 % einen deutlichen Anstieg.
Fachkräftebedarf Die Fachkräftesituation im deutschen Bausektor bleibt
angespannt, obwohl infolge der Baukrise etwas weniger offene Stellen zu
besetzen sind. Besonders das Bauhandwerk leidet unter einem strukturellen Mangel
an qualifizierten Arbeitskräften. In allen baurelevanten Berufen zusammen gibt
es laut Auswertungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) knapp 322.000
offene Stellen. Etwa 40 % davon können rein rechnerisch nicht durch passend
qualifizierte Arbeitslose besetzt werden. Am weitesten klafft die Fachkräftelücke
in der Bauelektrik und in den Gewerken Sanitär, Heizung und Klima. Die meisten
Fachkräfte fehlen in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands und Bayerns,
aber auch in Metropolräumen wie Frankfurt, München und Berlin.
Der Fachkräftebedarf führt zu Verzögerungen, höheren Kosten und
gefährdet die Umsetzung wichtiger Bau- und Infrastrukturprojekte. Trotzdem baute
die Branche zwischenzeitlich Stellen ab. Allein im Bauhauptgewerbe ging die
Zahl der Beschäftigten 2024 um 12.000 auf 916.000 zurück. Zurückzuführen war
dieser Personalabbau vor allem auf Insolvenzen und die schwache
Baukonjunktur. Für 2025 und 2026 wird aber wieder mit Neueinstellungen gerechnet – wenn
sich genügend Fachkräfte finden lassen. Positiv stimmt, dass 2025 mit 13.500
Auszubildenden deutlich mehr junge Menschen eine Ausbildung im
Bauhauptgewerbe begonnen haben als im Vorjahr, was einem Plus von 12,7 % entspricht.
Das reicht allerdings immer noch nicht aus, um die Zahl der jährlich altersbedingt
ausscheidenden Beschäftigten auszugleichen – zumal rund 40 % der
Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ihre Ausbildung nicht beenden. Für
Betriebsinhabende wird es indes immer schwieriger, eine Nachfolge zu finden – nicht
nur aufgrund des demografischen Wandels, sondern auch aufgrund der
wirtschaftlichen Risiken und bürokratischen Hürden, die mit einer Selbstständigkeit
verbunden sind. Das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk
an der Universität Göttingen rechnet damit, dass 27.000 Betriebe und 17.000
Unternehmen allein im Jahr 2027 übergeben werden sollen. Ohne gezielte
Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -sicherung – durch qualifizierende
Ausbildung und anreizstiftende Weiterbildung – und ohne Zuwanderung wird sich
die Lage mittelfristig weiter verschärfen (vgl. Kapitel Baukulturelle Ausbildung).
Kostenfaktoren erschweren
Schaffung von Wohnraum
Die befragten Kommunen nennen vor allem
steigende Baukosten (89 %), hohe Zinsen
(63 %) und geringe Investitionsbereitschaft
wegen wirtschaftlicher Unsicherheiten
(59 %) als Faktoren, die die Schaffung von
Wohnraum erschweren. Für etwa die Hälfte
der befragten Kommunen (51 %) ist
fehlendes Bauland ein Hindernis. K7
P1
5.1a
Fachkräftesituation
in baurelevanten Berufen
Verhältnis von offenen Stellen und
Arbeitslosen in Deutschland 2024
Quelle: KOFA/IW 2025
Arbeitslose (391.643)
offene Stellen (321.623)
besetzbare Stellen
Qualifizierungsbedarf
Die Qualifizierung arbeitsloser
Fachkräfte könnte die
Fachkräftelücke verkleinern.
Fachkräftelücke
(125.743)
Situation der Planungsbüros
Zwei Drittel der befragten Planerinnen und
Planer (66 %) rechnen damit, dass ihr Büro auf
dem aktuellen Niveau stabil bleibt. 17 % der
Befragten erwarten, dass sich ihr Büro in den
kommenden Jahren verkleinern wird. Im
Vergleich dazu gehen nur 14 % von Wachstum
und einer Erweiterung ihres Teams aus. P 2
Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 27 –
28
Gestalten – Die Ausgangslage
Gestaltungs- und Ordnungsprinzipien im Städtebau
Stadtgründung und Stadtentwicklung Die Topografie einer Stadt ist
entscheidend für ihre Gestalt. In der Auseinandersetzung mit den Standort- und
Geländegegebenheiten gewannen viele Städte ihr räumliches Profil und
Erscheinungsbild. Die Städte der griechischen Antike lagen oft am Meer.
Blickfang aus der Ferne war in der Regel eine befestigte Anhöhe (Akropolis) über
der Stadt. Konstitutiv war jedoch die Agora, der zentrale Platz für Handel und
Versammlungen.
Im fünften Jahrhundert vor Christus entwickelte der Staatstheoretiker
Hippodamos von Milet ein Grundschema für Städte: Er konzipierte ein rechtwinkliges
Straßennetz aus breiten Haupt- und schmalen Querstraßen, die gleich große,
zweireihig bebaute Wohninseln umschlossen. Für öffentliche Plätze und Bauten
blieben in diesem Raster Flächen ausgespart. Das hippodamische System erwies
sich beim Wiederaufbau zerstörter Städte, bei Stadterweiterungen oder
Neugründungen als anpassungsfähig und wurde vom Römischen Reich übernommen.
Auch Stadtgründungen der Neuzeit griffen auf die rechtwinklige Struktur
zurück, wenn Koloniestädte, Garnisonen oder Festungsstädte strategisch
geplant werden sollten. Die barocke Festungsstadt Mannheim zeugt ebenso
davon wie der 1811 entwickelte Stadtgrundriss von New York.
Die Stadt ist ein Rechtsraum. Der Kaiser oder die jeweilige Grundherrschaft
legten fest, ob sich eine Ansiedlung Stadt nennen durfte und wo ihre Grenze
zum Umland verlief. Diese Grundherren waren zunächst auch Nutznießer der
Markt-, Münz- und Zollrechte. Der Bau einer Stadtmauer gab dem Rechtsraum
Gestalt und Schutz. Meist wurden seitlich einer Handelsroute ein Marktplatz
ausgewiesen, eine Kirche gebaut und erste Grundstücke parzelliert.
Die weitere Entwicklung und Gestalt bestimmten je nach Stadt
unterschiedliche Akteure wie Feudalherren, Bischöfe oder Klöster. Händler und
Handwerker, denen die Städte ihr wirtschaftliches Wachstum verdankten, erhielten
zunehmend mehr Rechte. Schließlich bildeten sich im 13. Jahrhundert aus den
Eliten der Stadtgesellschaft eigenständige und handlungsfähige
Körperschaften. In Nürnberg, das seit 1219 Reichsstadt war, ist ein solcher Rat ab 1256
belegt. Ein eigenes Bauamt etablierte sich wohl gegen Ende des 13.
Jahrhunderts. Die Aufsicht führten sogenannte Baumeister. Die neue Souveränität der
Seit jeher formen und verändern Menschen ihre gebaute Umwelt – angetrieben und
beeinflusst von gesellschaftlichen, technischen und ästhetischen Vorstellungen. So entstanden in
Planung, Kunst und Wissenschaft eine Vielzahl von Leitbildern, Gestaltungs- und
Ordnungsprinzipien, die den Städtebau und die Architektur bis heute prägen. Während rechtliche
Vorgaben, Normen und Standards zunehmend Einfluss auf Planung und Gestaltung nehmen,
wächst zugleich das Bewusstsein, Baukultur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu
begreifen und auch auf übergeordneter Ebene stärker zu verankern.
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 28 –
29
Bürgerinnen und Bürger manifestierte sich allerorten im Bau markanter
Rathäuser, städtischer Kornspeicher oder im Ausbau der Stadtkirchen.
Ein Amt für den Schmuck der Stadt, wie es italienische Städte im 14.
Jahrhundert einrichteten, gab es im deutschsprachigen Raum nicht. Dennoch
ergriffen viele Städte aus Brandschutzgründen Maßnahmen, die ihr Erscheinungsbild
verbesserten. München verbot 1370 hölzerne Lauben, vorstehende
Kellereingänge, Vordächer und weit in Straßen und Plätze ragende Dachrinnen. In der
Handelsmetropole Nürnberg setzten sich im 14. Jahrhundert steinerne
Erdgeschosse durch. 1479 und 1483 begünstigte der Rat alle, die ihr Haus ganz aus
Stein errichten wollten. Sie durften bis zu einer Traufhöhe von 15 Metern bauen,
während Fachwerkhäuser unter zwölf Metern bleiben mussten. Wasserkünste,
Marktbrunnen und Wasserläufe waren seit dem 14. Jahrhundert Ausdruck
städtischer Baukultur. Gepflasterte Straßen hoben ab dem 15. Jahrhundert das
Ansehen größerer Städte. Die Geschichte des Augsburger Stadtwerkmeisters Elias
Holl zeigt, wie viel Einfluss der Leiter einer Stadtbehörde auf Stadtgestalt und
-erneuerung hatte. Mit den Infrastrukturprojekten der Stadtmetzg (Schlachterei)
und des Zeughauses ließ Holl Anfang des 17. Jahrhunderts neue Plätze anlegen.
Er gestaltete Wehranlagen und Stadttore um, baute ein Rathaus und stockte
den benachbarten Perlachturm auf.
Geometrische Ordnung Eine wohlgeordnete Stadt als Sinnbild einer idealen
Gesellschaft hatte schon Platon entworfen. Die Vitruv-Rezeption bescherte der
antiken Idee in der Renaissance neue Aufmerksamkeit. Der in Mailand tätige
Baumeister Filarete veröffentlichte 1464 eine Erzählung, in der er die Idealstadt
Sforzinda als Verkörperung eines Musterstaates beschrieb. Kreis, Stern und ein
radiales Straßensystem bestimmten den zentrierten Stadtgrundriss. Anwendung
fand das Modell im Festungsbau: 1593 etwa entstand in Venetien Palmanova,
eine Planstadt auf sternförmigem Grundriss.
Absolutistische Herrscher griffen beim Neubau ihrer Residenzstädte
gleichfalls auf das Konzept zurück. Die auf den Souverän ausgerichtete Staatsordnung
spiegelte sich in Grundrissen, die einem Sonnensystem glichen. Bestes Beispiel
ist das markgräfliche Schloss in Karlsruhe, das ein Strahlenkranz aus 32 Alleen
und Straßen umgab – heute noch Fächerplan genannt. Die auf die Residenz
bezogene barocke Stadtplanung schrieb für die Bebauung an den Straßen
einfache, schmucklose Typenhäuser vor.
Stadterweiterungen im 19. Jahrhundert Bis zum Beginn des 19.
Jahrhunderts entwickelten sich die meisten Städte innerhalb des zuletzt gezogenen
Rings aus Befestigungen. Als die Stadtmauern diese Funktion verloren, wurden
sie vielerorts geschleift, um die Stadtplanung auf die umliegenden, meist
ländlich geprägten Vororte auszudehnen. Die meisten Städte nutzten das Terrain
der Graben-, Wall- und Wehranlagen, um Alleen, Promenaden oder Parks
anzulegen und so den Bürgern und Bürgerinnen der engen, dunklen Altstädte frische
Luft und Bewegung zu verschaffen. Oft machten es die ehemaligen Wallanlagen
auch möglich, neue Infrastrukturen anzulegen, zum Beispiel für die Eisenbahn
oder als Ringstraße zur Umfahrung des Stadtkerns.
In Preußen erhielten die Stadtverwaltungen erst 1855 wieder das Recht zur
Bauplanung. München erließ 1863 erstmals seit 1489 wieder eine Bauordnung.
Das Planungsinstrument par excellence waren schematische Fluchtlinienpläne.
Baukulturbericht 2026/27 – Die Ausgangslage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 29 –
30
Breite Ausfallsstraßen, abzweigende Wohnstraßen und Ringstraßen bildeten
1862 das Gerüst von James Hobrechts „Bebauungsplan der Umgebungen
Berlins“. Als Quartiersmittelpunkte wies Hobrecht vereinzelt große Plätze aus, auf
denen Grünanlagen mit Schmuckbeeten, Bassins und Parkbänken entstanden.
Von diesen grünen Inseln, häufig auch mit öffentlichen Gebäuden oder Kirchen
in der Blickachse, führten Alleen sternförmig in alle Richtungen. Durch diese
Verkehrsstruktur entstanden an den Einmündungen dreieckige Grundstücke
und an den Straßen Baublöcke von großer Tiefe. Sie zu bebauen überließ die
Stadt der Privatwirtschaft. Teils übernahmen Terraingesellschaften die
Entwicklung ganzer Quartiere. Da die Berliner Bauordnung die Grundstücksausnutzung
lange nicht reglementierte, kam es zu einer dichten Bebauung mit Mietshäusern,
den berüchtigten Mietskasernen.
Städtebau als Sozialreform Die Angst vor Seuchen und Aufständen in den
eng besiedelten Groß- und Industriestädten führte im letzten Drittel des 19.
Jahrhunderts dazu, dass Städtebau mehr und mehr als sozialreformerische Aufgabe
begriffen wurde. Dass dabei auch ästhetische Aufgaben zu lösen waren,
unterstrich Camillo Sitte 1889 mit seinem Buch Der Städtebau nach seinen
künstlerischen Grundsätzen. Sitte verglich darin, wie das Raumgefüge alter Städte auf
die Menschen wirkte. Gustav Theodor Fechner hatte 1876 in seiner Vorschule
der Ästhetik nach anthropologischen „Gesetzen des Gefallens“ gesucht und war
auf das „Prinzip der einheitlichen Verknüpfung des Mannigfaltigen“ gestoßen.
Dieses Prinzip sah Sitte bei gekrümmten Straßen erfüllt. Entschieden wandte
er sich gegen die „Motivenarmut und Nüchternheit“ der bisherigen Stadtplanung
mit ihren langen, nach barocker Manier auf einzelne Baumonumente
zulaufenden Straßenfluchten.
Die Stadt München rief nach einem ergebnislosen Städtebauwettbewerb
1893 ein Stadterweiterungsreferat ins Leben. Wilhelm Rettig, Leiter des
Stadtbauamts, verschob den Fokus der Planung vom Verkehr auf die Gestaltung von
Stadtteilen, in denen sich die Menschen wohl und heimisch fühlen sollten. An die
Spitze des neuen Referats berief Rettig Theodor Fischer. Pragmatisch von den
geschwungenen alten Wegen, Gemarkungs- und Grundstücksgrenzen
ausgehend, führte Fischer eine „elastische“ Straßenführung ein, die im Gegensatz zu
einer starr geometrischen Planung tiefe Einschnitte in Besitzverhältnisse vermied.
Fischer nahm damit Flurgeschichte und Topografie in die Stadtplanung auf. Um
Berliner Verhältnisse mit engen, dunklen Hinterhöfen zu vermeiden, entwickelte
er einen gestaffelten Plan mit vier- bis fünfgeschossiger geschlossener
Bebauung an den Hauptstraßen, die sich in den Quartieren bis zu einer offenen
Bebauung abstufte. Diese Staffelbauordnung trat 1904 in Kraft und galt bis 1979.
Straßen verstand Fischer als Räume. Plätze sollten einen geschlossenen
Eindruck machen. Ihre Leitbauten, oft waren es Reformschulen, waren so
durchgeformt, dass sich aus verschiedenen Richtungen immer neue,
spannungsgeladene Ansichten ergaben. Sittes Einfluss auf diesen malerisch genannten
Städtebau war unverkennbar.
Den Ansatz, den Städtebau auf menschliche Wahrnehmung und Orientierung
auszurichten, hat erst der US-amerikanische Forscher Kevin Lynch 1960
weiterverfolgt. Seine Studie The Image of the City trug endgültig zu einer
Neuausrichtung der Stadtplanung bei: weg vom abstrakten Funktionalismus und hin
zur Berücksichtigung von Stadterleben und örtlichem Kontext.
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 30 –
31
Grüne Siedlungen, Garten- und Trabantenstädte Wohnungsnot und
Lebensverhältnisse der Armen in den schnell wachsenden Städten führten Ende
des 19. Jahrhunderts zu reformerischen Initiativen. Gemeinnütziges Bauen sollte
Alternativen zum kapitalistischen Wohnungsmarkt eröffnen. Seit der
Novellierung des Genossenschaftsgesetzes von 1889 wurden verstärkt
Wohnungsbaugenossenschaften und Spar- und Bauvereine aktiv. Sie konnten vergünstigte
Kredite der Landesversicherungsanstalten in Anspruch nehmen, wenn sie damit
„dauernd gesunde und billige Wohnungen“ finanzierten.
Alfred Messel entwarf 1897 für den Berliner Spar- und Bauverein gleich
mehrere große Wohnhöfe. Die Anlage an der Proskauer Straße wurde 1900 auf
der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet: Ein Blockrand ohne Seitenflügel
umschloss den Hof mit Gemeinschaftsgarten, Spielplatz und einem
vierstöckigen Gartenhaus mit Gemeinschaftsraum, Bibliothek und Kindergarten. Die
hellen und quer zu lüftenden Wohnungen verfügten über Küche, Speisekammer
und eine eigene Toilette, Erker, Balkone und Loggien. Im Erdgeschoss gab es
Läden und eine Eckkneipe.
Hofhaussiedlungen prägten etliche Stadterweiterungen der 1920er-Jahre.
In Köln legte Fritz Schumacher den Entwurf für eine blockweise Bebauung des
ehemaligen Festungsgeländes vor. Die Vorgärten und Gartenhöfe waren
öffentlich zugänglich. Große Volksgärten mit Sport- und Spielplätzen gehörten
ebenfalls zum städtebaulichen Programm.
Ausgehend von Ebenezer Howards Schrift Garden Cities of Tomorrow, die
1898 erschien und schnell international Verbreitung fand, propagierte die
Lebensreformbewegung neue Siedlungen auf dem Land. Licht, Luft und Sonne
sollten die Gesundheit fördern, eine überschaubare Siedlungsgröße das soziale
Miteinander. Gute Gestaltung galt als Mittel ästhetischer Erziehung. 1902 wurde
die Deutsche Gartenstadtgesellschaft gegründet. Angeregt durch Sittes
Bestseller entstanden malerische, der Topografie angepasste, dorfähnliche
Kleinhaussiedlungen, deren Gärten die Möglichkeit zur Selbstversorgung boten. In
Hellerau bei Dresden ließ der Möbelfabrikant Karl Schmidt ab 1909 eine
genossenschaftlich organisierte Gartenstadt bauen – als Gesamtkunstwerk nach
einem städtebaulichen Entwurf von Richard Riemerschmid, der kurz zuvor den
Deutschen Werkbund mitbegründet hatte. Zur gleichen Zeit entstanden mit der
Siedlung Margarethenhöhe in Essen nach Plänen von Georg Metzendorf
Werkswohnungen für die Mitarbeitenden des Krupp-Konzerns. Beide Siedlungen
waren in der Zeit ihrer Errichtung durch einen Regierungserlass von allen
Bauvorschriften befreit.
Das Gartenstadtkonzept beeinflusste den modernen Siedlungsbau bis 1930.
Die Entwicklungslinie führt zu den mehrheitlich im Geschosswohnungsbau
realisierten Berliner Siedlungen der 1920er-Jahre. Nach Weltkrieg,
Währungsreform und Einführung der Hauszinssteuer wurde der soziale Wohnungsbau ab
1924 staatlich stark gefördert. Manche Städte hatten sich Grundstücke am
Stadtrand gesichert und traten selbst als Bauträgerinnen und Planende auf. In
Frankfurt am Main konzipierten Ernst May als Hochbaudezernent und Martin
Elsässer als künstlerischer Leiter gemeinsam die neuen, üppig durchgrünten
Siedlungen. Typisierung, industrielle Vorfertigung und Funktionalität auf
knappem Raum bestimmten das Programm des Neuen Bauens. Wichtige
Gestaltungsmittel waren neben Farbakzenten und Eckbetonungen Reihung und
Rhythmisierung. Die ausgeprägte Topografie des Nidda-Tals verhalf der Siedlung
Baukulturbericht 2026/27 – Die Ausgangslage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 31 –
32
Römerstadt zu einem eigenständigen Ortsbild, während die Siedlung
Westhausen mit der immergleichen Abfolge von Hauszeile, Wohnweg und Garten
zugunsten des Gleichheitsprinzips auf jegliche Raumbildung verzichtete.
Ebenezer Howard hatte seine Gartenstadt als Alternative zur Großstadt
gedacht: als wirtschaftlich unabhängige Neugründung für maximal 58.000
Menschen auf dem Land mit einem Kranz kleinerer Gemeinden um ihren
Agrargürtel. Der Architekt Raymond Unwin entwickelte daraus das Konzept der
Trabantenstadt als kompakte Wohnstadt im Grünen, um das ausufernde Wachstum
der Metropolen zu begrenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente dieses Modell
dazu, die schnell wachsende Bevölkerung mit Wohnungen zu versorgen. Dafür
arrangierte man auf der grünen Wiese Hochhäuser zu Großsiedlungen. Der
Aufwand für Infrastruktur und Erschließung und der spätere Aufwand zur
Nachbesserung städtebaulicher Mängel waren immens.
Stadtkronen Utopisches Denken durchzog das frühe 20. Jahrhundert. Nach
dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und der Gründung der Weimarer
Republik hofften viele auf eine gesellschaftliche Erneuerung. Der Arbeitsrat für Kunst
mit Bruno Taut als Wortführer forderte die Abschaffung staatlicher Baubehörden
und das experimentelle Engagement freier Architektinnen und Architekten.
Kunst solle „Glück und Leben der Masse“ sein, so ein Flugblatt der Gruppe, zu
der auch Walter Gropius und Adolf Behne gehörten. Alle Künste sollten sich
„unter den Flügeln einer großen Baukunst“ zusammenschließen. Den Künsten
gewidmete, von der Gemeinschaft erbaute Volkshäuser sollten den
Gartenstädten sinnstiftende Stadtkronen aufsetzen. Der Arbeitsrat legte 1919
expressionistische Visualisierungen kristalliner, vielfarbiger Lichtarchitekturen vor. Sie
blieben Vision.
Das von der Akropolis und kirchturmreichen Stadtbildern des Mittelalters
geprägte Motiv der Stadtkrone fasziniert Planende bis heute. Fritz Schumacher
betonte 1920, aus dem „ruhigen neutralen Grund“ der modernen Städte
müssten einzelne, besondere Architekturwerke hervorgehoben werden. Mies van der
Rohe sah im aufragenden Ingenieurbau, im Bürohochhaus, den neuen
„Zeitwillen“ manifestiert. Die DDR überhöhte ihre Nachkriegsbauleistung mit Bildzeichen
wie dem 142 Meter hohen Turm des Universitätshauptgebäudes in Leipzig.
Schließlich wandelte sich die Stadtkrone zum abstrakten Kompositionsprinzip
städtebaulicher Dominanten und ging in der Skyline auf.
Funktionale, aufgelockerte und autogerechte Stadt Die bestehenden
Städte böten ein „Bild des Chaos“ und könnten die Bedürfnisse ihrer Bewohner
nicht befriedigen, konstatierte der Congrès Internationaux d’Architecture
Moderne (CIAM) auf seiner IV. Konferenz 1933 und forderte, die Stadt in getrennte
Zonen für Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr aufzuteilen, um ein
lebenswertes städtisches Umfeld zu schaffen. Die Forderungen des Kongresses, die
Le Corbusier überarbeitete und 1943 als Charta von Athen veröffentlichte,
zeigten nach dem Krieg lang anhaltende Wirkung. Die funktionale Stadt wurde zum
Leitbild des Nachkriegsstädtebaus.
Etwa zur selben Zeit entwickelten Stadtplanerinnen und Stadtplaner unter
dem Eindruck der Verwüstungen des Luftkrieges an der Deutschen Akademie
für Städtebau, Reichs- und Landesplanung das Konzept der gegliederten und
aufgelockerten Stadt, das 1957 mit wenigen Korrekturen neu aufgelegt wurde.
B24
P2
B11
Baukultur ist Trumpf
Bekannte Gebäude und Bauwerke
in Deutschland, die der Bevölkerung
besonders gut gefallen
Quelle: Bevölkerungsbefragung
zum Baukulturbericht 2026/27
Die Hamburger Elbphilharmonie
und der Kölner Dom liegen
auf dem 1. Platz.
2. Platz Bundestag Berlin
3. Platz Schloss Neuschwanstein
4. Platz Frauenkirche Dresden
5. Platz Brandenburger Tor Berlin
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 32 –
33
Daraus ergaben sich die Leitbilder der autogerechten Stadt und der
Stadtlandschaft. Fürsprecher des radikalen Neuanfangs waren nicht selten
technokratische Planer, die bereits zur NS-Zeit aktiv und dadurch bestens vernetzt waren.
In ihrer Ablehnung der Stadt des 19. Jahrhunderts unterschieden sich ihre
Stadtkonzepte indes kaum von denen der internationalen Avantgarde.
Die DDR startete 1950 mit einem Bekenntnis zur Stadt als der
„wirtschaftlichsten und kulturreichsten Siedlungsform für das Gemeinschaftsleben der
Menschen“. Das von der Volkskammer abgesegnete Positionspapier Grundsätze
des Städtebaus forderte eine Neugestaltung, die dem „politischen Leben“ und
dem „nationalen Bewusstsein des Volkes“ Ausdruck geben sollte. Als
grundlegende Kompositionselemente der Stadt galten große, zentrale Plätze,
Magistralen und durchgrünte Wohnkomplexe. Sichtbar wurde dies in neuen
Planstädten, Stadterweiterungen und teilweise auch in überformten alten Stadtzentren.
Ort, Identität, Vielfalt Als „Angriff auf die orthodoxe Stadtplanung und
Sanierung“ verstand Jane Jacobs ihre viel diskutierte, 1963 ins Deutsche übersetzte
Streitschrift Tod und Leben großer amerikanischer Städte. Ihre Feldstudien
hatten ergeben, dass die Mannigfaltigkeit der Nutzungen in einer Straße oder
in einem Quartier eines der wichtigsten Merkmale vitaler städtischer Räume ist.
Mit seinem Buch Die Unwirtlichkeit der Städte brachte der Psychoanalytiker
Alexander Mitscherlich 1965 das Versagen der Stadtplanung auf den Punkt. Die
Entmischung verhindere eine Bindung der Menschen an die neuen Städte. Die
Monotonie der Wohngebiete lasse niemand heimisch werden. Dafür brauche es
„Markierungen der Identität eines Ortes“.
Ende der 1960er-Jahre formierte sich Widerstand gegen den Abriss
preiswerter Wohnungen in Gründerzeitquartieren zugunsten sogenannter City-
Erweiterungen wie im Frankfurter Westend. Das Europäische Denkmalschutzjahr griff
1975 den Protest auf. Es ging nicht mehr um einzelne Bauwerke, sondern um
Fülle und Vielfalt der Lebensbereiche. Damit begann die Ära von
Ensembleschutz und städtebaulicher Denkmalpflege. In West-Berlin kulminierte die Wende
von der Flächensanierung zur Stadtreparatur in der vom Bausenator Harry
Ristock 1975 herausgegebenen Schrift Historische Stadtgestalt und
Stadterneuerung, die eine Weiterentwicklung der Kieze in Aussicht stellte. Für die
Internationale Bauausstellung (IBA) 1984/87 in West-Berlin entwickelte Hardt-
Waltherr Hämer Strategien, um die „Kreuzberger Mischung“ zu erhalten. Die
„behutsame Stadterneuerung“ setze unter anderem auf partizipative Formate
und Selbsthilfeprojekte. Die Gruppe Oekotop stellte ein Modell für den
ökologischen Umbau des Kiezes vor.
Gleichzeitig schlug die IBA-Neubau unter Leitung von Josef Paul Kleihues
den Weg der kritischen Rekonstruktion ein: Die Neubebauung kriegszerstörter
Quartiere sollte dem alten Stadtgrundriss, dem Maßstab der
Gründerzeitbebauung und ihren Typologien folgen. Auch in der DDR kam es seit den 1970er-Jahren
zu Reformdiskursen, die Bestandserhalt, Durchmischung und Stadtreparatur in
den Blick nahmen.
In der Bundesrepublik unterstützten die Programme der
Städtebauförderung von Bund und Ländern die Weiterentwicklung und den Umbau von Städten
und Gemeinden. Das Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ zielte nach
der Wiedervereinigung darauf ab, die lange vernachlässigten bau- und
kulturgeschichtlich wertvollen Stadtkerne und Quartiere in ihrer Eigenheit und
Baukulturbericht 2026/27 – Die Ausgangslage
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 33 –
34
Baukultur eröffnet Spielräume
Wohnhäuser am Fraenkelufer in Berlin –
Qualität jenseits des Mainstreams
von Hardt-Waltherr Hämer. Das Projekt zeigte den Umbruch
von der brachialen Flächensanierung zur behutsamen
Stadterneuerung, die die Menschen an der Planung beteiligte. Im
Block 70 sollten Kriegslücken geschlossen, die Altbauten
modernisiert und der bereits entkernte Innenhof gärtnerisch
gestaltet werden. Die Vertretung der Anwohner und
Anwohnerinnen, die in den Entscheidungsprozess des
Gutachterverfahrens eingebunden war, votierte für den Entwurf der
Ballers und gab damit den Ausschlag für die Beauftragung.
Der von den ersten Mieterinnen und Mietern mitgestaltete
Innenhof hat sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem üppigen
Garten entwickelt. An seinen schmalen Wegen liegen
Spielplätze und verschwiegene Sitzgruppen. Alle Wohnungen
profitieren von dieser angenehm kühlen Oase und bereichern sie
durch Kübelpflanzen auf Terrassen und Balkonen, von denen
einige ganze Stockwerke hoch ranken. Von den unteren Etagen
der Häuserzeile an der Brandmauer führen Außentreppen
direkt in den Garten. Stellflächen für Autos sind dagegen
geschickt unter dem auskragenden Hochparterre versteckt.
Die Mietwohnungen am Kreuzberger Fraenkelufer sind noch
immer begehrt. Wer einmal eingezogen ist, bleibt in der Regel.
Die Häuser, die vor 40 Jahren im engen Kostenrahmen des
sozialen Wohnungsbaus entstanden, bieten ihren
Bewohnerinnen und Bewohnern bis heute reichlich Möglichkeiten
sich zu entfalten.
Die eigenwillige Formensprache von Inken und Hinrich
Baller balanciert fröhlich zwischen Tradition und Innovation. Ein
verglaster Turmerker am Eckhaus, schräge Stützen an
Hofeinfahrten und Durchgängen, Fassaden, die vor und
zurück schwingen, weit auskragende, nach oben gewölbte
Balkone mit filigranen Brüstungen, große Fensterfronten,
Wintergärten, spitzbogige Dachgauben: Die Anleihen bei
Berliner Altbauten sind deutlich zu erkennen. Die Häuser am
Landwehrkanal beleben bis heute die Nachbarschaft und
sind zu einer bekannten Adresse im Kiez geworden.
Das Eckhaus an der Admiralbrücke, die beiden Torhäuser am
Kanal und die Häuserzeile vor einer Brandmauer im Hof waren
ein Projekt der IBA 1987, genauer: der IBA-Alt unter Leitung
Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 34 –
Das Architektenpaar verzichtete auf große
Erschließungsräume, um Wohnfläche zu gewinnen. Die Treppenhäuser sind
knapp bemessen, wirken aber durch gekrümmte Wände und
Deckenausschnitte, das einfallende Licht und wechselnde
Materialien und Farben überall interessant. Auch in den
Wohnungen gibt es keine Flure. Dafür gehen die Räume
ineinander über. Die Wohnlandschaften liegen oft auf mehreren
Ebenen und Galerien. Flügeltüren erlauben es, die Räume
wie in einem Altbau flexibel zu nutzen. Die Vielfalt der
Wohnungszuschnitte überrascht. Die Küche ist Teil des
Wohnraums und liegt zum Garten hin. Statt rechter Winkel gibt es
immer wieder bauchige oder zurücktretende Wände, die den
Bewohnerinnen und Bewohnern kreative Antworten
abverlangen. Wohnen ist hier weniger ein Unterkommen, als ein
sehr persönlicher Lebensentwurf. Dass das Architektenpaar
dennoch im Rahmen der angesetzten Kostenmiete blieb, lag
daran, dass tragende Wände fast nur zwischen den
Wohnungen und zum Treppenhaus hin gebaut wurden. Seriell
hergestellte Bauelemente führten gespiegelt und leicht gedreht
zu ästhetischer Varianz. Wie die ornamentalen, zur
Stabilisierung gebogenen Geländer und Balkongitter ist diese
Varianz kein Luxus, sondern Zeichen einer sozial
ausgerichteten Planung.
In der aktuellen Wohnungskrise entdecken vor allem jüngere
Architektinnen und Architekten die Häuser am Fraenkelufer
neu. Die große Frage ist: Lässt sich das Modell reaktivieren?
Die Voraussetzungen sind heute andere als in den 1970er-
und 1980er-Jahren. Damals machten die Bodenpreise nicht
den Löwenteil der Baukosten aus, der Wohnungsbau in
Berlin wurde durch hohe Abschreibungen staatlich gefördert,
und die um eine sozialverträgliche Belebung der
Altstadtquartiere bemühte IBA-Alt lieferte den Impuls, experimentell
aus dem gewohnten Raster auszubrechen.
Ort: Berlin
Bauherrin: GSW Gemeinnützige
Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft
Planung: Inken Baller und Hinrich Baller,
Berlin
Planungs- und Bauzeit: 1980–1984
Größe: 8.300 m2 Wohnfläche
Kosten: im Rahmen des sozialen
Wohnungsbaus
Mehr Informationen im Projektsteckbrief
im Anhang auf S. 151
Fakten
BAUKULTUR AUF EINEN BLICK
• individuelle Gestaltung trotz engem Kostenrahmen
• Weiterentwicklung vorhandener Strukturen in neuer
Formensprache
• Bauausstellung als Impulsgeber
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 35 –
36
Geschlossenheit zu erhalten und wiederzubeleben. Das Programm „Stadtumbau“
wurde aufgelegt, um ab 2002 in den ostdeutschen und ab 2004 in den
westdeutschen Bundesländern Innenstädte zu stärken, Brachen zu revitalisieren, Lücken
in der Stadtstruktur zu vermeiden und das Wohnungsangebot an die Nachfrage
anzupassen. Bei der Neustrukturierung der Städtebauförderung flossen 2020
diese Ziele in die aktuellen Programme „Lebendige Zentren“, „Sozialer
Zusammenhalt“ und „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ ein: Mit unterschiedlichen
Schwerpunkten unterstützen sie Städte und Gemeinden dabei, städtebaulich
angemessene Antworten auf Strukturveränderungen zu geben. In Großstädten
sind das Fehlen bezahlbarer Wohnungen und auch Geschäftsaufgaben in den
Zentren die Hauptprobleme. Mittlere und kleine Städte dagegen sind vor allem in
ländlichen Gebieten mit wachsendem Leerstand in Geschäftslagen wie
Wohnquartieren konfrontiert. Seit Jahren stehen außerdem Nachhaltigkeitsstrategien
und die Anpassung an den Klimawandel im Fokus des Stadtumbaus.
Europaweit herrscht Konsens, dass die Städte ihrer Rolle als
Impulsgeberinnen gesellschaftlichen Fortschritts und wirtschaftlichen Wachstums auf Dauer
nur gerecht werden können, „wenn es gelingt, die soziale Balance innerhalb und
zwischen den Städten aufrecht zu erhalten, ihre kulturelle Vielfalt zu ermöglichen
und eine hohe gestalterische, bauliche und Umweltqualität zu schaffen.“ So
steht es in der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt, die 27 für
Stadtentwicklung zuständige Ministerinnen und Minister der EU-
Mitgliedstaaten 2007 verabschiedeten. Als nachhaltig gelten kompakte Siedlungsstrukturen
und die Mischung von Wohnen, Arbeiten, Bildung, Freizeit und Versorgung.
Besonderes Augenmerk richtete die Charta auf die Entwicklung benachteiligter
Quartiere. Um das Gemeinwesen zu stärken, empfahl sie, in der Stadtentwicklung
integrative und partizipative Ansätze zu forcieren.
Als Reaktion initiierten Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände noch
im selben Jahr eine Nationale Stadtentwicklungspolitik. Ihr Ziel war es,
deutschlandweit eine integrierte, nachhaltige Stadtentwicklung zu stärken.
Coronapandemie, Klimawandel und gesellschaftliche wie wirtschaftliche
Umbrüche brachten die EU-Staaten bereits 2020 dazu, die Charta mit neuer
Gewichtung fortzuschreiben. Schon der Untertitel der Neuen Leipzig-Charta
unterstreicht die Gemeinwohlorientierung als Grundlage guter
Stadtentwicklung. Die Transformation soll zu gerechten, grünen, weiterhin produktiven und
damit resilienten Städten führen. Damit das gelingt, braucht es eine umfassende
Baukultur.
Manifeste und Leitlinien
Kosmos, menschliches Maß und Harmonie Kaum eine Architekturtheorie
hat eine so anhaltende Resonanz erfahren wie die zehn Bücher des römischen
Militärtechnikers Vitruv (Marcus Vitruvius Pollio). Um 30 v. Chr. verfasst, ist De
architectura libri decem das einzige aus der Antike überlieferte Grundlagenwerk
für Architekturschaffende. In mittelalterlichen Handschriften fragmentarisch
tradiert, erschien die erste gedruckte Ausgabe 1486 in Rom, die erste illustrierte
1511 in Venedig und 1548 die erste und lange Zeit einzige deutsche Übersetzung
in Nürnberg. Unzählige Kommentare und Interpretationen des schwer
verständlichen Textes folgten.
Grundlage jeder Architektur, so Vitruv, seien Festigkeit (firmitas),
Zweckmäßigkeit (utilitas) und Anmut (venustas). Diese Qualitäten galt es beim Planen und
Bauen gleichwertig zu berücksichtigen. Gute Gestaltung beruhe auf einer
grundlegenden Maßordnung (ordinario), einem klaren Layout (dispositio) und dem
Befolgen mathematisch definierter Harmoniegesetze (symmetria). Alle Teile
eines Bauwerks sollten zueinander und zum Ganzen in einem wohlgeordneten
Verhältnis stehen, dem ein modulus – eine berechnete Grundeinheit – zugrunde
liege. Um die Naturgesetzlichkeit der Proportionen zu beweisen, vermaß Vitruv
einen Menschen vom Scheitel bis zur Sohle und errechnete ganzzahlige
Verhältnisse der einzelnen Körperteile zur Gesamtgröße. Nach der Lehre des
griechischen Philosophen und Mathematikers Pythagoras durchwirkten solche
Ganzzahlenverhältnisse den Kosmos und die Natur. Den geometrischen Beweis
für eine höhere (göttliche) Ordnung führte Vitruv, indem er seinen vermessenen
Menschen mit ausgestreckten Armen und gespreizten Beinen mit einem
Quadrat und einem Kreis umschrieb, deren Mittelpunkt der Nabel bildete. Diese
Figur des vitruvianischen Menschen im Zentrum des Kosmos wurde zum
Idealbild des Humanismus und in der zeichnerischen Umsetzung da Vincis zum
Sinnbild der Renaissance.
Die erste umfassende, auf Vitruv fußende, aber eigenständige
Architekturtheorie der Neuzeit schrieb 1452 der Humanist Leon Battista Alberti mit De re
aedificatoria. Alberti, mit den Gelehrten seiner Zeit in engem
Gedankenaustausch, verband die Proportionslehre mit der musikalischen Harmonielehre, die
ebenfalls auf Pythagoras zurückging. Die Intervalle wohlklingender Akkorde
würden auch in der Geometrie von Gebäuden als harmonisch wahrgenommen
und empfunden. Aus der Musik sollten Architekturschaffende „das ganze Gesetz
der Beziehungen“ ableiten. Schönheit definierte Alberti entsprechend als
„Zusammenklang der Teile zu einem Ganzen, das nach einer bestimmten Zahl,
einer besonderen Beziehung und Anordnung ausgeführt wurde, wie es das
Ebenmaß, das heißt das vollkommenste und oberste Naturgesetz fordert“. Anders
gesagt: Es ging um Ordnung und Beziehung. Nach welchen aus der
Harmonielehre abgeleiteten Proportionsgesetzen Alberti und weitaus komplexer Andrea
Palladio gebaut haben, hat der Kunsthistoriker Rudolf Wittkower 1949 in seinen
Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus dargelegt. Dieses Werk
beeinflusste wieder neue Generationen von Architektinnen und Architekten.
Die naturgesetzliche Proportions- und Harmonielehre blieb für die
Architekturtheorien bis ins 18. Jahrhundert zentral und verfestigte sich zu einer
normativen Architekturästhetik.
Die Vorstellung, dass Architektur prinzipiell an einen menschlichen Maßstab
gebunden ist, ging nicht verloren. Im Rückgriff auf Vitruv und Alberti, vertraut mit
den Tempeln der griechischen Antike und den Villen Palladios, entwickelte der
schweizerische Künstler und Architekt Le Corbusier während des Zweiten
Weltkriegs den Modulor: ein anwendungsorientiertes anthropometrisches
Proportionssystem. Das System unterteilt die Körpergröße eines erwachsenen Mannes
von 1,839 Metern analog zur Anatomie in Längenabschnitte, deren Proportionen
dem Goldenen Schnitt folgen. Diese Formel, eine Strecke zu teilen, war seit der
griechischen Antike bekannt und faszinierte Mathematiker, Philosophen,
Theologen, Mystiker und Kunstsc
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Relationen
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