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Baukulturbericht 2026/27 der Bundesstiftung Baukultur mit Stellungnahme der Bundesregierung

dip / drucksache 26.05.2026 · WP 21 · 21/6220 · Unterrichtung · Original ↗

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Baukulturbericht 2026/27 der Bundesstiftung Baukultur mit Stellungnahme der Bundesregierung Deutscher Bundestag Drucksache 21/6220 21. Wahlperiode 26.05.2026 Unterrichtung durch die Bundesregierung Baukulturbericht 2026/27 der Bundesstiftung Baukultur mit Stellungnahme der Bundesregierung Zugeleitet mit Schreiben des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen vom 20. Mai 2026. Drucksache 21/6220 – II – Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Stellungnahme der Bundesregierung I. Die durch Bundesgesetz vom 17. Dezember 2006 errichtete Bundesstiftung Baukultur mit Sitz in Potsdam hat die Aufgabe, das Bewusstsein für gutes Planen und Bauen zu stärken und die Qualität und die Leistungsfähigkeit des Planungs- und Bauwesens in Deutschland national wie international herauszustellen. Die Stiftung erfüllt ihren Auftrag, indem sie insbesondere durch vielfältige Veranstaltungsformate den bundesweiten öffentlichen Diskurs über Maßstäbe der Baukultur in Deutschland organisiert, dem deutschen Architektur- und Ingenieurwesen im In- und Ausland Aufmerksamkeit verschafft und Analysen und Berichte zu Fragen der Baukultur in Deutschland erstellt, um Entwicklungen und Handlungsbedarf in diesem Bereich aufzuzeigen. Wesentliches Instrument der Stiftung ist der alle zwei Jahre erscheinende Bericht zur Lage der Baukultur in Deutschland, der sogenannte „Baukulturbericht“. Der Bericht gibt der Bundesregierung und dem Deutschen Bundestag Hinweise für die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen für mehr Baukultur. Er gilt als Gradmesser für das baukulturelle Klima in der Bundesrepublik und erfährt auch in Fachwelt und Öffentlichkeit hohe Aufmerksamkeit. Das Bundeskabinett hat sich bereits mehrfach mit den Baukulturberichten der Stiftung befasst und dazu jeweils Stellungnahmen beschlossen: 1. „Gebaute Lebensräume der Zukunft – Fokus Stadt“ (2014) 2. „Stadt und Land“ (2016) 3. „Erbe – Bestand – Zukunft“ (2018) 4. „Öffentliche Räume“ (2020) 5. „Neue Umbaukultur“ (2022) 6. „Infrastrukturen“ (2024) So hat sich der Deutsche Bundestag, insbesondere in seinen Fachausschüssen, intensiv mit den Berichten auseinandergesetzt und Entschließungen zu den Baukulturberichten verabschiedet (Bundestags- bzw. Ausschussdrucksachen 18/4850, 18/11384, 19/11191, 19(24)305, 20/10998, 21/4022). Mit dem Baukulturbericht 2026/27 unter dem Titel „Gestalten – Prozesse, Bauen, Zusammenhalt“ legt die Bundesstiftung Baukultur nun ihren siebten Bericht zur Lage der Baukultur in Deutschland vor. Die Stiftung hat den Bericht selbständig erarbeitet und hierzu vier Baukulturwerkstätten sowie eine Reihe von Baukulturdialogen und Fachgesprächen durchgeführt. Sie hat zudem zahlreiche Verbände und Interessensvertreter aus den für die Stiftung relevanten Arbeitsbereichen in die Erarbeitung des Berichts einbezogen. Eine Bevölkerungsbefragung, eine Kommunalumfrage und eine Umfrage bei den planenden Berufen haben die Erkenntnisbasis des Berichts ebenso erweitert wie die Untersuchung richtungsweisender Referenzprojekte. Am 7. April 2026 hat der Stiftungsrat den Baukulturbericht 2026/27 satzungsgemäß verabschiedet. II. Der Baukulturbericht 2026/27 mit dem Titel „Gestalten – Prozesse, Bauen, Zusammenhalt“ behandelt Fragen des städtebaulichen Gestaltens, des baulichen Entwerfens und Konstruierens sowie des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Er knüpft an die Erkenntnisse der bisherigen Baukulturberichte an und stellt die Frage der Gestaltung unserer gebauten Umwelt und die hierbei zugrunde liegenden Prozesse in den Fokus. Eine gute Gestaltung trägt maßgeblich zu einer erfolgreichen Baukultur bei – sie führt zu größerer Akzeptanz in der Bevölkerung, verlängert die Lebensdauer von Bauwerken und Freiräumen und steigert die Kosteneffizienz. Ihr Einfluss auf die psychische Gesundheit findet nach wie vor zu wenig Beachtung. Der Paradigmenwechsel hin zu Umbauprozessen und ressourceschonenden Bauweisen und der stetig steigende Einsatz digitaler Methoden erfordern neue ästhetische Ansätze in Planung und Bau. Gestaltung umfasst jedoch nicht nur die ästhetische Auseinandersetzung mit dem Raum; der Baukulturbericht 2026/27 blickt auch auf das Gestalten gemeinwohlorientierter Orte sowie die Ausgestaltung der Prozesse in allen Phasen eines Bauprojekts – von der „Phase Null“ bis zur „Phase Zehn“. Der Bericht gliedert sich in drei Fokusthemen: ⎯ Prozesse gestalten, ⎯ Bauen gestalten und Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – III – Drucksache 21/6220 ⎯ Zusammenhalt gestalten. Im Fokusthema „Prozesse gestalten“ zeigt der Bericht auf, dass erfolgreiche Bauvorhaben das Ergebnis zielgerichteter Zusammenarbeit sind. Er empfiehlt daher u.a., ⎯ planende Prozesse bewusst zu gestalten und Qualität langfristig zu sichern (sogenannte Leistungshasen Null und Zehn; Lebenszyklusbetrachtung), ⎯ Vergabeprozesse, öffentliche Förderprogramme und Bauunterhaltung konsequent an Qualitätsmaßstäben auszurichten, ⎯ den Erwerb baukultureller Kompetenzen in Ausbildung und Handwerk zu stärken. Im Fokusthema „Bauen gestalten“ macht der Bericht deutlich, dass Gebäude und Freiräume in vielfältiger Weise unmittelbar auf Bewohnerinnen und Bewohner wirken. Er empfiehlt daher u.a., ⎯ Planung und Gestaltung von Bauten und Räumen stärker an menschlichen Bedürfnissen auszurichten, ⎯ konsistente städtebauliche Strategien zu entwickeln, die Gebäude, Grün- und Freiflächen ebenso wie Fehlstellen im Raumgefüge ganzheitlich betrachten, ⎯ das Wissen über Materialität in Ausbildung und Praxis zu stärken, die Bauforschung auszuweiten und Nachhaltigkeitsaspekte bei Vergabe von Aufträgen und Fördermitteln höher zu gewichten. Im Fokusthema „Zusammenhalt gestalten“ stellt der Bericht schließlich fest, dass Bauen über den privaten Nutzen hinaus dem Gemeinwohl dienen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken sollte. Er empfiehlt daher Bund, Ländern und Kommunen u.a., ⎯ ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden und Orte zu schaffen, die Identität stiften und Austausch sowie demokratische Teilhabe ermöglichen, ⎯ Instrumente der Bodenpolitik auf kommunaler Ebene aktiv zu nutzen, um etwa leerstehende Immobilien anzukaufen, Konzeptvergaben anzuwenden oder Grundstücke in Erbbaurecht zu vergeben, ⎯ zivilgesellschaftliches Engagement zu stärken und Bürgerbeteiligungen zu erleichtern. Der Bericht versteht sich – wie bereits die Vorgängerberichte – als Grundlage für den Dialog über „gute Wege für ein Mehr an Baukultur in Deutschland“. Er zeigt auf, dass die Gestaltqualität von Bauten und Freiräumen entscheidend zum Wohlbefinden und zur Identifikation der Menschen mit ihrem Lebensraum beiträgt. Die Handlungsempfehlungen des Baukulturberichts 2026/27 richten sich an unterschiedlichste Entscheidungsträger auf allen staatlichen Ebenen und betreffen den öffentlichen Sektor ebenso wie private Dritte. Die Bundesregierung nimmt die Erkenntnisse des Berichts sowie dessen Handlungsempfehlungen zur Kenntnis und wird diese im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel insbesondere bei baukultureller Forschung und Förderung, bei Anwendung der Baukulturellen Leitlinien des Bundes, bei Wettbewerbsverfahren, im Rahmen der Nationalen Stadtentwicklungspolitik oder bei der Bund-Länder-Städtebauförderung berücksichtigen. Im Hinblick auf die Zuständigkeiten von Ländern und Kommunen wird die Bundesregierung zudem die Bauministerkonferenz und die kommunalen Spitzenverbände über den Bericht und die Stellungnahme der Bundesregierung unterrichten. III. Die Bundesregierung begrüßt die Vorlage des Baukulturberichts 2026/27 durch die Bundesstiftung Baukultur. Der Bericht leistet einen wichtigen Beitrag zur Bestandsaufnahme der baukulturellen Situation in Deutschland und schafft die Basis für eine sachorientierte politische Diskussion über die Weiterentwicklung der Rahmenbedingungen zur Förderung von Baukultur durch Bund, Länder und Kommunen. Die Bundesregierung sieht sich durch den Bericht darin bestätigt, die Förderung der Baukultur unter dem Leitbild „Vorbild – Partner – Förderer“ als ein wichtiges baupolitisches Ziel weiter zu verfolgen. Der Bund – insbesondere das Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen – ist ein zentraler Baukulturakteur und wirkt im Rahmen seiner Zuständigkeiten maßgeblich daran mit, die Qualität der baulich-räumlichen Umwelt in Deutschland positiv zu beeinflussen. Dies geschieht vor allem durch regulative Maßnahmen, über Förderung und Forschung sowie durch das Bauen im eigenen Zuständigkeitsbereich. Drucksache 21/6220 – IV – Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Die Bundesregierung misst der Aufgabe der Bundesstiftung Baukultur einen hohen fachpolitischen Stellenwert bei. Sie wird die Bundesstiftung Baukultur im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel weiterhin darin unterstützen, ihre Aufgabe als Baukulturvermittlerin auf allen staatlichen Ebenen sowie als wahrnehmbare Stimme für mehr Baukultur in Deutschland zu erfüllen. Baukultur Bericht Gestalten  Prozesse – Bauen – Zusammenhalt 2026/27 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 1 – Die Kernbotschaften des Baukulturberichts 2026/27 Mit der Phase Null die Basis für Baukultur legen! Erfolgreiche Projekte sind das Ergebnis zielgerichteter Zusammenarbeit. Wenn schon in der vorbereitenden Phase Null gestalterische Qualität zur durchgängigen Leitlinie wird, schaffen wir dauerhaft akzeptierte, vielfältig genutzte und gemeinschaftlich wertgeschätzte Räume. Gute Prozesse führen zu gelingenden Projekten! Erfolgreiche Bauvorhaben entstehen, wenn Bauherrschaft und Planende Prozesse bewusst gestalten und Qualität langfristig sichern. Zentrale Weichenstellungen sind eine sorgfältige und vorausschauende Projektvorbereitung und eine konsequente Lebenszyklusbetrachtung. Gestaltungsqualität dauerhaft sichern! Gestaltungsqualität muss strukturell gesichert werden. Qualitätsfragen müssen früh und verbindlich in Planung, Vergabe und Förderung integriert werden. Klare Qualitätsanforderungen, fachliche Beratung und modernisierte Verfahren stärken den Prozess. Baukulturelle Kompetenzen und umfassende Ausbildung stärken! Baukultur und Handwerk müssen früh im Schulunterricht verankert werden. Ausbildungswege sind gleichwertiger auszurichten: Hochschulen sollten dazu interdisziplinäre, praxisnahe Lehrformate ausbauen. Das Handwerk sollte umgekehrt von der Einbindung und dem Ausbau von Gestaltungskompetenz in Praxis und Theorie profitieren. Räume für Menschen gestalten! Gesundheit, Produktivität, Wohlbefinden und Sicherheit hängen wesentlich von der Gestaltqualität unserer gebauten Umwelt ab. Der Mensch ist mit allen Sinnen Empfänger von Gestaltung. Schönheit liegt dabei nicht allein in den Augen der Betrachtenden: Das Fehlen angemessener Gestaltung ist stressfördernd und störend. Gestaltung am Menschen ausrichten! Die gebaute Umwelt wirkt unmittelbar auf uns als biologische Wesen. Deshalb müssen menschliche Bedürfnisse, wissenschaftliche Erkenntnisse und multidimensionale Gestaltungsansätze verbindlich in Planung und Baupraxis einfließen. → → → → Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 2 – Mit Städtebau und Stadtgrün Räume aufwerten! Eine konsistente städtebauliche Idee verbindet Gebäude, Freiräume und Fehlstellen der Gesamtstadt zu einem schlüssigen Ganzen. Hochwertig gestaltete Freiräume verbessern Klima und Wohlbefinden. Stadtgrün und städtebauliche Strategien sichern so eine nachhaltige Entwicklung und die Aufwertung des Bestands. Materialbewusst und zukunftsfähig bauen! Material prägt die Atmosphäre und Identität der gebauten Umwelt. Es braucht fundiertes Wissen über Materialqualitäten und handwerkliche Kompetenzen für einen professionellen Einsatz. Der gesellschaftliche Wandel erfordert zudem ausgereifte und flexible Gebäude. Forschung und Innovationen sind entscheidend, um zukunftsfähiges Bauen in der Breite zu ermöglichen. Durch Baukultur den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken! Bauen muss über den privaten Nutzen hinaus dem Gemeinwohl dienen und Orte schaffen, an denen Menschen gut leben und sich begegnen können. Dafür braucht es angemessene Gestaltung, Zusammenarbeit und klare Qualitätsansprüche. Baukultur wird hier zum verbindenden Element unserer Demokratie. Räume für Demokratie schaffen! Öffentliche Bauvorhaben prägen das Bild unserer Demokratie. Sie müssen Transparenz, Teilhabe und Gemeinwohl unterstützen und höchste architektonische, ökologische und soziale Standards erfüllen. Als Vorbilder gestalten Bund, Länder und Kommunen Orte, die Austausch ermöglichen, Identität stiften und demokratische Kultur im Alltag erfahrbar machen. Austausch und Zusammenleben fördern! Begegnungsorte sind entscheidend für sozialen Zusammenhalt und demokratische Teilhabe. Ob Nachbarschaftstreff, Bibliothek, Park oder gemeinschaftliches Wohnen – gut gestaltete und gepflegte Räume geben Menschen Halt, fördern Engagement und beleben Stadt und Land. Mit Baukultur gesellschaftliche Verantwortung übernehmen! Zivilgesellschaftliches Engagement stärkt Vertrauen, Zusammenhalt und Demokratie. Wenn Menschen erleben, dass ihre Ideen gehört und sichtbar werden, wächst ihre Bereitschaft, Städte, Orte und Nachbarschaften aktiv mitzugestalten. Politik und Verwaltung müssen Beteiligung erleichtern, Initiativen unterstützen und Räume öffnen, damit gemeinsames Handeln gelingt. → → → → → Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 3 – Einleitung 6 Aktuelle Lage der Baukultur in Deutschland Wohnen 10 • Demografische Entwicklung • Wohnungsversorgung und Wohnungsbedarf • Bezahlbares Wohnen • Potenziale im Bestand Arbeiten und Mobilität 14 • Verflechtungen • Polyzentralität • Mobilität Zustand der Infrastrukturen 17 • Sanierungsstau • Investitionsbedarf • Sondervermögen für Infrastruktur Neue Umbaukultur 21 • Paradigmenwechsel • Blau-grüner Umbau • Emissionseffizienz • Einfach Bauen Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen 25 • Relevanz der Bauwirtschaft • Baukosten und Finanzierung • Fachkräftebedarf Gestalten – Die Ausgangslage Gestaltungs- und Ordnungsprinzipien im Städtebau 28 • Stadtgründung und Stadtentwicklung • Geometrische Ordnung • Stadterweiterungen im 19. Jahrhundert • Städtebau als Sozialreform • Grüne Siedlungen, Garten- und Trabantenstädte • Stadtkronen • Funktionale, aufgelockerte und autogerechte Stadt • Ort, Identität, Vielfalt Wohnhäuser am Fraenkelufer in Berlin 34 Manifeste und Leitlinien 36 • Kosmos, menschliches Maß und Harmonie • Wirkungsästhetik und Psychologie • Bau, Schmuck und Ornament • Einfach und funktional • Visuelle Kultur und Umweltgestaltung • Raum, Körper und Licht Olympiapark München 42 • Tradition, Ort und Bestand Rahmenbedingungen für qualitätvolle Gestaltung 44 • Der Davos-Prozess • Baukulturelle Leitlinien • Bauordnungen, Gestaltungssatzungen und Denkmalschutz • Normen und Standards • Selbstverpflichtung der Immobilienwirtschaft Gestalten – Die Fokusthemen Prozesse gestalten Baukulturelle Ausbildung 52 • Verankerung in der Gesellschaft • Orte baukultureller Bildung Bürgerzentrum Alte Feuerwache Köln 54 • Handwerk in der Schule • Gestaltung in der Handwerksausbildung • Gestaltung im Studium der planenden Disziplinen Inhaltsverzeichnis Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 4 – Entwurfsprozesse 59 • Analoges und digitales Entwerfen  Lernhaus Neusath 60 • Mit künstlicher Intelligenz gestalten • Gestaltungsverantwortung Planungskultur 65 • Wettbewerbe und qualitätssichernde Maßnahmen  Elbphilharmonie Hamburg 66 • Phase Null und Beteiligungsformate  Bürgerzentrum MittenIm Niederwerrn 74 • Phase Zehn und Lebenszyklus Bauen gestalten Wahrnehmung und Wohlbefinden 78 • Ästhetische Bedürfnisse • Gesundheit • Sicherheit • Leistung und Ökonomie Der Wert des Details 85 • Material  „Unser Gartenhaus“ in München 86 • Fügen • Detail • Ornament  Hyparschale Magdeburg 92 Bauwerk und Gebäude 95 • Konstruktion  Skywalk am Königsstuhl 98  „Holz Ziegel Lehm“ in Berlin-Britz 100 • Typologie und Nutzung  Holzparkhaus Schwanenweg in Wendlingen 102 • Fassade und Raumwirkung  Heizkraftwerk Leipzig Süd 104 Stadt und Raum 106 • Städtebau  Regensburger Viertel in Nürnberg 108 • Stadtgrün und Freiraum • Landschaft • Raumplanung Zusammenhalt gestalten Orte der Demokratie 116 • Die öffentliche Hand als Bauherrin • Öffentliche Räume und Räume der Mobilität  Planten un Blomen in Hamburg 120 • Erinnerungskultur Orte der Gemeinschaft 125 • Dritte und vierte Orte  Dornbuschkirche in Frankfurt am Main 126 • Wohnen als Gemeinschaftsaufgabe  Franklin Village Mannheim 132 • Inklusion und Teilhabe  Übernachtungsschutz in München 135 Praxis der Zusammenarbeit 136 • Interdisziplinäre Zusammenarbeit • Zivilgesellschaftliches Engagement • Initiativ für Baukultur Die Handlungsempfehlungen des Baukulturberichts 2026/27 Mit der Phase Null die Basis für Baukultur legen! 144 Räume für Menschen gestalten! 146 Durch Baukultur den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken! 148 Anhang Projektsteckbriefe 151 Quellen und Literatur 157 Bevölkerungsbefragung 171 Kommunalumfrage 182 Umfrage bei den planenden Berufen 186 Bildnachweis 188 Danksagung 188 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 5 – 6 Einleitung Baukultur empfiehlt sich für einen Spitzenplatz auf der politischen Agenda. Das betrifft die Prinzipien des Planens und Bauens in Deutschland ebenso wie ihr Gestaltungspotenzial für das Gelingen der Zukunft. Zu diesen Erkenntnissen kommt der vorliegende Baukulturbericht aufgrund eines umfassenden Recherche- und Erarbeitungsprozesses aller am Bauen beteiligten Akteursgruppen, aufgrund von Umfrageergebnissen und der Untersuchung richtungsweisender Referenzprojekte. Zwischen dem, was Menschen an Qualität und Gestaltung ihrer Lebensräume erwarten, und dem, was sie in der gebauten Realität vorfinden, klafft häufig eine Lücke. Zwar investieren wir massiv in Gebäude und Infrastrukturen, beschleunigen Verfahren und suchen nach Lösungen für schnelleres und günstigeres Bauen. Doch im Alltag erleben viele Menschen, dass das Ergebnis den Erwartungen nicht standhält. Gutes Gestalten ist in diesem Zusammenhang keine Frage von Geschmack, sondern von Vertrauen: in Kompetenz, in Entscheidungen, in Zukunftsfähigkeit. Baukultur ist kein Luxus, den man sich in guten Zeiten gönnt und ansonsten vertagt. Gerade in Krisenzeiten ist sie unverzichtbar. Klimawandel, Energiewende, Ressourcenknappheit, demografischer Wandel, Migration und Digitalisierung verändern unsere Räume, und diese Räume wirken auf uns zurück. Die gebaute Umwelt prägt Tag für Tag unsere Gesundheit, Sicherheit, Orientierung, Leistungsfähigkeit und das Zusammenleben. Umso problematischer ist, dass vielerorts Bauten und Anlagen entstehen, die beliebig wirken und den Ort nicht aufwerten. Was kurzfristig effizient scheint, ist oft langfristig weder günstig noch dauerhaft. Wenn Gestaltung vernachlässigt wird, werden Kosten nicht vermieden, sondern verlagert – in spätere Umbauten, Konflikte, soziale und gesundheitliche Folgelasten, sinkende Standortqualität und wachsende Entfremdung. Gleichzeitig herrscht durchaus ein Bewusstsein für die Relevanz von Gestaltung. In Bereichen wie Mode, Medien oder Produktdesign wird darüber leidenschaftlich gestritten. Wenn die Autobranche in eine Designkrise gerät, wird das zum wirtschaftlichen Problem. Warum behandeln wir ausgerechnet Bauwerke und Räume zunehmend so, als sei ihre Wirkung nebensächlich? Die gebaute Umwelt ist das wichtigste Produkt, das wir als Gesellschaft gemeinsam gestalten. Der Anteil öffentlicher Mittel für die Gestaltung der Umwelt in den Kommunen ist zwischen 1992 und 2022 von 34 % auf 20 % zurückgegangen, ergab eine Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft. Projekte geraten deshalb ins Stocken oder werden auf Minimalstandards reduziert. Dabei kommt öffentlichen Räumen und Infrastruktureinrichtungen eine Schlüsselrolle zu, wenn es um Orte des Austauschs und der Begegnung geht. Sie stimulieren und wirken dem zunehmenden Rückzug ins Private entgegen. Deshalb behandelt dieser Baukulturbericht über die Fragen des städtebaulichen Gestaltens, baulichen Entwerfens und Konstruierens hinaus auch den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Viele bekennen sich zur Demokratie, zugleich wächst die Unzufriedenheit mit ihrem Funktionieren. Das Misstrauen nimmt zu, ebenso das Gefühl, kaum Einfluss zu haben. Gut gestaltete Orte und Räume können Vertrauen und Zuversicht stiften, Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 6 – 7Baukulturbericht 2026/27 – Einleitung weil sie Orientierung bieten, Sicherheit ausstrahlen und Begegnung und Teilhabe ermöglichen. Damit setzt sich der Baukulturbericht 2026/27 auseinander: Gestalten – als Haltung und als Aufgabe, in Prozessen, im Bauen und im gesellschaftlichen Miteinander. Wie kommen Entscheidungen zustande, wer wird gehört, wie entsteht Verbindlichkeit, wie wird Qualität gesichert? Wie gestalten wir unsere gebaute Umwelt als Lebensraum – von Detail und Material über Konstruktion und Fassaden bis hin zu Stadt- und Landschaftsräumen? Und wie können Räume Demokratie, Zugehörigkeit und ein gutes Miteinander stützen? Ein Teil der Antworten liegt nahe: In vielen Regionen ist noch immer ein reiches Wissen vorhanden, wie man klimagerecht, in der gegebenen Topografie, mit lokalem Material und Handwerk angemessen baut. Regionale Bauweisen und robuste Konstruktionen, die auf Witterung und Jahreszeiten reagieren, sind keine Nostalgie, sondern angemessen und zeitgemäß. Ortsnahe Materialien wie Holz, Lehm oder Naturstein verbinden Ressourcenschonung mit Atmosphäre, Dauerhaftigkeit mit Sinnlichkeit. So entstehen jene stillen Selbstverständlichkeiten, die man erst vermisst, wenn sie fehlen. Schatten und Windschutz, Proportionen, die dem menschlichen Maß entsprechen, Übergänge, die Orientierung schaffen, Details, die Wertschätzung zeigen. Architektur kann Menschen zusammenbringen, weil sie etwas Gemeinsames stiftet: größer als der Einzelne und doch für jeden unmittelbar spürbar. Nicht zufällig entstehen Architekturrouten, Architekturführer oder ähnliche Formate, die zeigen, wie stark Baukultur den Charakter einer Stadt oder Region prägt und wie sehr sie Tourismus, lokale Wertschöpfung und Standortattraktivität beeinflussen kann. Rund 90 % der Bevölkerung sind der Ansicht, dass gute Gestaltung beim Bauen stark oder sehr stark zur Verbesserung des Wohlbefindens beiträgt. In gelungenen Projekten zeigt sich dann auch Werkstolz: Freude am Können, die P3 2b Dreiklang der Baukultur Quelle: Bundesstiftung Baukultur Bauen Selbstwirksamkeit durch die aktive Gestaltung lebenswerter Räume Prozesse gelungene Projekte durch integrierte und lösungsorientierte Abläufe Zusammenhalt Mehrwert für die Gesellschaft durch gemeinsam verantwortungsvoll genutzte und unterhaltene Bauwerke Phase Zehn Pha se N ul l Phase 1–9 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 7 – 8 Erfahrung, gebraucht zu werden, und das gestärkte Vertrauen, dass gemeinsames Handeln Wirkung zeigt. Das ist das Potenzial von Baukultur. Gestaltung hat eine weitere Dimension: Sie aktiviert schöpferische Kraft. Menschen wollen gestalten, nicht nur konsumieren oder verwalten. Wir blühen auf und setzen bei der Verwirklichung schöpferischer Ideen innere Kräfte frei. Wir sind Wesen, die die Welt begreifen – im wörtlichen Sinn. Entwicklungsgeschichtlich beginnt Wahrnehmung mit dem Tastsinn, mit dem Greifen und mit dem Impuls, eine Umgebung nicht nur zu erdulden, sondern zu formen. Aus Reflex wird Bewusstsein, aus Bedürfnis wird Gestaltung, aus Erfahrung wird Kultur. Bauen ist eine der ältesten kollektiven Kulturtechniken. Umso problematischer ist es, wenn wir diese schöpferische Kraft durch Regeln, Zuständigkeiten und Misstrauen einengen, statt ihr Raum zu geben. Manches davon ist notwendig, vieles gut gemeint, doch einiges ist widersprüchlich, übertrieben und lähmt. Wo technische Regeln das entwurfsbezogene Denken ersetzen, verliert Gestaltung ihren Raum. Qualität entsteht nicht zufällig. Sie braucht eine klare Leitvorstellung und Verfahren, die dieser Leitvorstellung Raum geben. Fehlt der innere Zusammenhang, wird Planen und Bauen schnell zur nüchternen Erfüllung von Anforderungen. Musik ist dafür ein passendes Bild. Sie wirkt unmittelbar, körperlich, emotional und ist doch hochgradig organisiert. Bevor ein Orchester spielen kann, braucht es eine klare Vorstellung: eine tragende Idee vom Klang, von Spannung, Rhythmus, Dynamik. Ohne diese Idee bleibt nur ein korrektes Nebeneinander von Tönen. Ähnlich ist es beim Planen und Bauen: Eine tragfähige Leitlinie ist kein dekoratives Motto, sondern ein Konzept, das Funktion und Konstruktion, Material und Atmosphäre, Nutzung und Ort so verbindet, dass am Ende ein stimmiges Ganzes entsteht. Stimmigkeit führt all diese Ebenen zusammen. Orte müssen stimmen: Sie sollen funktionieren und einleuchten, dem Alltag standhalten und zugleich schön sein. Schönheit ist kein Luxus, sondern eine Ressource. Sie tröstet, motiviert, macht widerstandsfähig. Sie hilft, das Schlechte in der Welt auszuhalten, ohne sich damit abzufinden. Fjodor Dostojewski hat es so zugespitzt: „Gewiss können wir nicht ohne Brot leben, aber es ist ebenso unmöglich, ohne Schönheit zu leben!“ Der Baukulturbericht 2026/27 ist wie seine Vorgänger Bestandsaufnahme und Arbeitsinstrument in einem. Er bündelt Erkenntnisse aus Forschung und Praxis, zeigt Zusammenhänge, formuliert Kriterien und macht das gute Beispiel sichtbar. Der Bericht ist in einem fachübergreifenden Prozess entstanden: Die Arbeit im Kompetenzteam der Bundesstiftung Baukultur wurde begleitet von Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen. In vier Baukulturwerkstätten wurden Erfahrungen aus Verwaltung, Planung, Bauwirtschaft und Zivilgesellschaft zusammengeführt. In Berlin lautete das Thema „Gestalten – es ist nicht egal, wie’s aussieht“, in Bergisch-Gladbach „Aus Impulsen werden Prozesse“, in Lübeck „Wohnen neu denken“ und in Bonn „Gemeinwohl gestalten“. Baukulturdialoge und Fachgespräche ergänzten die Werkstätten. Grafiken und Projektbeispiele veranschaulichen die Erkenntnisse. Umfragen in der Bevölkerung, bei Kommunen und planenden Berufen ermittelten Wahrnehmungen und Bedürfnisse. Aus all dem sind die Empfehlungen entstanden – an Politik, Verwaltung, die planenden und ausführenden Berufe, die Bau- und Immobilienwirtschaft, aber auch an Initiativen und eine engagierte Öffentlichkeit. Damit knüpft der Bericht an die Erkenntnisse der bisherigen Baukulturberichte an. Im Baukulturbericht 2020/21 standen öffentliche Räume als zentrale Orte des Alltags und der Demokratie im Zentrum. Der Baukulturbericht 2022/23 thematisierte eine neue Umbaukultur mit einem Paradigmenwechsel hin zu Erhalt statt Abriss – mit Blick auf Klima, Ressourcen und Identität. Im Baukulturbericht 2024/25 rückten die Infrastrukturen in den Fokus, deren Gestaltung und Zustand Grundlagen des Gemeinwohls sind. Der Baukulturbericht 2026/27 führt diese Themen fort und geht der Frage nach, wie Transformation so gelingen kann, dass sie nicht nur technisch funktioniert, sondern auch baukulturell überzeugt und gesellschaftlich trägt. Wenn wir gestalten, können wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und mit anpacken – nicht im Sinne hektischer Beschleunigung, sondern im Sinne gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft. Gute Gestaltung entscheidend für Projekterfolg Fast zwei Drittel der befragten Planerinnen und Planer (63 %) sind der Ansicht, dass eine gute Gestaltung einen maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg von Bauprojekten hat. P 5 P3 2a Der politische und gesellschaftliche Weg des Baukulturberichts 2026/27 Quelle: Bundesstiftung Baukultur Erstellung Baukulturbericht 2026/27 Fertigstellung Sommer 2026 Politisches Verfahren Kommunikation Fachöffentlichkeit / Öffentlichkeit Erstellung Baukulturbericht 2028/29 Verteilung an Städte und Gemeinden Verteilung • auf Veranstaltungen der Bundesstiftung und ihrer Partner • an Planende unterschiedlicher Disziplinen • an Kommunen • an die Immobilien- und Wohnungswirtschaft • an Hochschulen • bei Messeauftritten • an Baukulturinteressierte • als Download auf der Website der Bundesstiftung Baukulturberichte Umfragen Gremien Fachgespräche Veranstaltungen Recherchen Konvent der Baukultur Konvent der Baukultur 11.06.2026 öffentliche Präsentation und Debatte Ausschusssitzungen des Bundestages Bauministerkonferenz Kabinettsbefassung bis zu 16 Landtagsdebatten Parlamentsdebatte Entschließungsantrag des Bundestages Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 8 – 9Baukulturbericht 2026/27 – Einleitung Sie sollen funktionieren und einleuchten, dem Alltag standhalten und zugleich schön sein. Schönheit ist kein Luxus, sondern eine Ressource. Sie tröstet, motiviert, macht widerstandsfähig. Sie hilft, das Schlechte in der Welt auszuhalten, ohne sich damit abzufinden. Fjodor Dostojewski hat es so zugespitzt: „Gewiss können wir nicht ohne Brot leben, aber es ist ebenso unmöglich, ohne Schönheit zu leben!“ Der Baukulturbericht 2026/27 ist wie seine Vorgänger Bestandsaufnahme und Arbeitsinstrument in einem. Er bündelt Erkenntnisse aus Forschung und Praxis, zeigt Zusammenhänge, formuliert Kriterien und macht das gute Beispiel sichtbar. Der Bericht ist in einem fachübergreifenden Prozess entstanden: Die Arbeit im Kompetenzteam der Bundesstiftung Baukultur wurde begleitet von Expertinnen und Experten unterschiedlicher Disziplinen. In vier Baukulturwerkstätten wurden Erfahrungen aus Verwaltung, Planung, Bauwirtschaft und Zivilgesellschaft zusammengeführt. In Berlin lautete das Thema „Gestalten – es ist nicht egal, wie’s aussieht“, in Bergisch-Gladbach „Aus Impulsen werden Prozesse“, in Lübeck „Wohnen neu denken“ und in Bonn „Gemeinwohl gestalten“. Baukulturdialoge und Fachgespräche ergänzten die Werkstätten. Grafiken und Projektbeispiele veranschaulichen die Erkenntnisse. Umfragen in der Bevölkerung, bei Kommunen und planenden Berufen ermittelten Wahrnehmungen und Bedürfnisse. Aus all dem sind die Empfehlungen entstanden – an Politik, Verwaltung, die planenden und ausführenden Berufe, die Bau- und Immobilienwirtschaft, aber auch an Initiativen und eine engagierte Öffentlichkeit. Damit knüpft der Bericht an die Erkenntnisse der bisherigen Baukulturberichte an. Im Baukulturbericht 2020/21 standen öffentliche Räume als zentrale Orte des Alltags und der Demokratie im Zentrum. Der Baukulturbericht 2022/23 thematisierte eine neue Umbaukultur mit einem Paradigmenwechsel hin zu Erhalt statt Abriss – mit Blick auf Klima, Ressourcen und Identität. Im Baukulturbericht 2024/25 rückten die Infrastrukturen in den Fokus, deren Gestaltung und Zustand Grundlagen des Gemeinwohls sind. Der Baukulturbericht 2026/27 führt diese Themen fort und geht der Frage nach, wie Transformation so gelingen kann, dass sie nicht nur technisch funktioniert, sondern auch baukulturell überzeugt und gesellschaftlich trägt. Wenn wir gestalten, können wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen und mit anpacken – nicht im Sinne hektischer Beschleunigung, sondern im Sinne gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft. Gute Gestaltung entscheidend für Projekterfolg Fast zwei Drittel der befragten Planerinnen und Planer (63 %) sind der Ansicht, dass eine gute Gestaltung einen maßgeblichen Einfluss auf den Erfolg von Bauprojekten hat.  P 5 P3 2a Der politische und gesellschaftliche Weg des Baukulturberichts 2026/27 Quelle: Bundesstiftung Baukultur Erstellung Baukulturbericht 2026/27 Fertigstellung Sommer 2026 Politisches Verfahren Kommunikation Fachöffentlichkeit / Öffentlichkeit Erstellung Baukulturbericht 2028/29 Verteilung an Städte und Gemeinden Verteilung • auf Veranstaltungen der Bundesstiftung und ihrer Partner • an Planende unterschiedlicher Disziplinen • an Kommunen • an die Immobilien- und Wohnungswirtschaft • an Hochschulen • bei Messeauftritten • an Baukulturinteressierte • als Download auf der Website der Bundesstiftung Baukulturberichte Umfragen Gremien Fachgespräche Veranstaltungen Recherchen Konvent der Baukultur Konvent der Baukultur 11.06.2026 öffentliche Präsentation und Debatte Ausschusssitzungen des Bundestages Bauministerkonferenz Kabinettsbefassung bis zu 16 Landtagsdebatten Parlamentsdebatte Entschließungsantrag des Bundestages Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 9 – 10 Aktuelle Lage der Baukultur in Deutschland Wohnen Demografische Entwicklung 2025 lebten rund 84 Millionen Menschen in Deutschland. Das Statistische Bundesamt erwartet, dass diese Zahl sinken wird. Gemäß dem moderaten Entwicklungsszenario der 16. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung werden es 2070 nur noch 69 bis 81 Millionen Menschen sein. Der Rückgang betrifft die westdeutschen und stärker noch die ostdeutschen Flächenländer. Die Stadtstaaten können dagegen mit leichten Zuwächsen rechnen. Eine solche Vorausberechnung ist aber keine Prognose, sondern ein Wenn-dann-Szenario. Sie zeigt, wie sich Bevölkerungszahl und -struktur unter bestimmten demografischen Annahmen entwickeln. Die letzten Jahre haben verdeutlicht, dass internationale Krisen diesen angenommenen Rahmen verschieben können. Deutlich ändern wird sich die Altersstruktur. Die Generation der Babyboomer erreicht das Rentenalter: Das sind 15,3 Millionen Menschen, die zwischen 1957 und 1968 geboren wurden. Bereits 2035 wird jede vierte Person in Deutschland 67 oder älter sein. Auch die Zahl der über 80-Jährigen nimmt nach 2030 kontinuierlich zu und könnte sich bis 2050 fast verdoppeln. Von den mehr als acht Millionen Menschen über 65, die derzeit allein leben, gibt rund eine Million an, nicht barrierearm zu wohnen. Dadurch steigt der Bedarf an altersgerechten Wohnungen und Umbauten. Rund vier Millionen Haushalte, in denen die Person mit dem Haupteinkommen 65 oder älter ist, wohnen im Eigenheim. Das betrifft damit jeden dritten Haushalt, der im eigenen Einfamilienhaus wohnt. Viele dieser Gebäude werden in absehbarer Zeit durch Altersfluktuation frei und könnten vermehrt als Leerstände auf den Markt kommen. Die Transformation bestehender Einfamilienhausgebiete zu lebendigeren Quartieren wird damit schon in den nächsten Jahren zu einer der zentralen Aufgaben der Städte und Gemeinden. Auch wenn die Gesellschaft älter wird, stellen die 18- bis 27-Jährigen nach den Berechnungen 2035 etwa 10 % der Bevölkerung. Das sind 8,5 Millionen Auszubildende, Studierende und Berufsstarter – eine Gruppe, die laut dem Sozialen Wohn-Monitor 2026 des Pestel-Instituts heute erhebliche Probleme hat, eine angemessene Wohnung zu finden. Um wohnungspolitisch und wirtschaftlich vorausschauend zu handeln, gilt es, so dauerhaft, anpassungsfähig 100 95 90 85 80 75 70 65 60 55 50 45 40 35 30 25 20 15 10 5 Wir werden älter! Altersstruktur der Bevölkerung in Deutschland gemäß Vorausberechnung für 2040 Quelle: Destatis 2025, 16. koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung – moderate Annahme Männer (in Tausend)Frauen 0 200 400 400 200 0 15% 60% 26 % 17% 63% 20% 2025 P6 Grafik: 3c Kapitel: 3.1 Bereits 2040 werden 26 % der Bevölkerung 67 Jahre oder älter sein … … 15 % der Bevölkerung werden 18 Jahre oder jünger sein. Die Bundesstiftung Baukultur veröffentlicht alle zwei Jahre einen Bericht zur Lage der Baukultur in Deutschland. Die Berichte greifen aktuelle Schwerpunktthemen auf und verfolgen diese weiter. Bisher standen die Entwicklung städtischer (2014/15) und ländlicher Räume (2016/17), der Umgang mit dem baukulturellen Erbe (2018/19), die Bedeutung öffentlicher Räume (2020/21), eine neue Umbaukultur (2022/23) und Infrastrukturen (2024/25) im Fokus. Alle diese Themen werden von der Stiftung weiterverfolgt und in ihrer Umsetzung begleitet. Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 10 – 11Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage und werthaltig zu bauen, dass heutige und künftige Bestände langfristig nutzbar sind und sich an die demografische Entwicklung anpassen lassen. Entscheidend ist die Qualität, die sich auch in einem künftigen Nachfragemarkt durchsetzen kann. Wohnungsversorgung und Wohnungsbedarf Während die Bevölkerung seit den 1950er-Jahren nur um rund 20 % gewachsen ist, hat sich der Wohnungsbestand in dieser Zeit nahezu verdreifacht. Gleichwohl ist der Druck am Wohnungsmarkt hoch. Das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) beziffert den bundesweiten Neubaubedarf bis 2030 auf jährlich rund 320.000 Wohnungen. Laut Pestel-Institut liegt der jährliche Neubaubedarf bis 2030 bei 400.000, laut empirica (je nach Zuwanderung) bei 170.000 bis 280.000 Wohnungen. Tatsächlich entstanden sind 2025 235.000 Neubauwohnungen, schätzt das Institut der deutschen Wirtschaft (IW). Dass trotz des hohen Bestands Wohnungen fehlen, hat unter anderem demografische Gründe: Ältere bleiben oft allein in größeren Wohnungen und Häusern (Remanenzeffekt), und die Haushalte werden kleiner. Die Wohnfläche pro Kopf ist dadurch seit 1950 von 14 auf heute 49,2 Quadratmeter angewachsen. Laut Zensus 2022 gibt es in Deutschland mittlerweile 17,4 Millionen Singlehaushalte, das sind 43 %. Auch wenn dieser Haushaltsstruktur nur 5,6 Millionen Ein- und Zweizimmerwohnungen gegenüberstehen (14,6 %), ist die Leerstandsquote bei Einzimmerwohnungen mit 8 % am höchsten. Auch die Nachfrage von Singlehaushalten geht in Richtung größere Wohnungen. In jeder zweiten Dreizimmerwohnung wohnt nur eine Person. Das macht deutlich: Angebot und Nachfrage gehen bei kleinen Wohnungen nicht automatisch Hand in Hand. Mittelgroße Wohnungen in integrierten Lagen und mit hoher Wohnqualität, die für Haushalte von ein bis vier Personen funktionieren, bieten die Chance, dass im Zuge künftiger Fluktuationen die durchschnittliche Wohnfläche wieder kleiner wird. Bisher halten viele Menschen an günstigen Mietverträgen fest und behalten trotz Veränderungswunsch ihre als zu groß empfundenen Wohnungen. Im Ergebnis entsteht Stagnation auf dem Wohnungsmarkt, die durch Anreize, entsprechende Managementangebote zum Wohnungswechsel und vor allem attraktive Fluktuationsangebote aufgelöst werden könnte. Auch regional zeigen sich große Unterschiede. Sind in einigen Regionen Wohnungen knapp, stehen andernorts viele leer. Die anhaltende, aber kaum kalkulierbare Zuwanderung und der Rückgang der Suburbanisierung führen dazu, dass der Bedarf in den kommenden Jahren in Großstädten und wirtschaftlich starken Regionen hoch bleiben oder sogar weiter steigen wird – nicht zuletzt, um Fachkräfte unterzubringen, wie eine Studie von PricewaterhouseCoopers bestätigt. Bis zu einem gewissen Grad erleben daher Werkswohnungen eine Renaissance, schreibt das BBSR in einer Bestandsaufnahme. Auch die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) hatte 2018 angekündigt, bis 2028 6.000 Wohnungen für Bundesbedienstete zu bauen. Bis Mitte 2025 wurden davon rund 1.000 realisiert. Große Probleme am Wohnungsmarkt haben Studierende in Schwarmstädten wie München oder Heidelberg, die viele junge Menschen anziehen. Gravierender Mangel herrscht seit Jahren zudem an Sozialwohnungen und größeren Wohnungen für Familien. Das zeigt eine Studie, die die Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen und RegioKontext 2025 vorgelegt haben. P1 3.1b Wohnungsbau von 1950 bis 2024 in Deutschland Bevölkerungsentwicklung im Vergleich zu dem Bau von Wohnungen Quellen: Destatis 2022, 2023, 2025, 2026 176,9 % 20,6 % Wachstum in % Bevölkerungswachstum Anstieg Wohnungszahl 1960 100 1980 2000 2020 150 50 2,2 % (1,8 Mio.) mehr Menschen 21,7 % (7,8 Mio.) mehr Wohnungen von 1995 bis 2024 Der Wohnungsbestand ist seit 1995 viermal so stark gewachsen wie die Bevölkerung. Zufriedenheit mit eigener Wohnfläche Zwei Drittel der Bevölkerung (65 %) sind mit der Wohnfläche, die sie zur Verfügung haben, zufrieden. Während sich insgesamt jede fünfte Person (20 %) mehr Wohnfläche wünscht, ist es in Großstädten fast jede dritte (30 %). Über alle Haushaltsgrößen hinweg liegt der Anteil derer, die sich verkleinern möchten, bei nur 14 %.  B1 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 11 – 12 In ländlichen und strukturschwachen Regionen dürfte die Bevölkerung weiter sinken: Die Menschen werden älter, viele Junge wandern ab. Damit sinkt der Bedarf, und der Leerstand wächst. Wohnungsmärkte sind allerdings kleinräumig geprägt. Nach einer Prognose des BBSR wird die Zahl der Haushalte im Osten (außer in Berlin und seinem Umland) stagnieren oder sinken. Im Süden Deutschlands konzentrieren sich Zuwächse, und in Nord und West liegen stagnierende und wachsende Regionen nah beieinander. Umso wichtiger ist es, leerstandsgeprägte Regionen durch infrastrukturelle und soziale Angebote zu stärken. Wo der Wohnraumbedarf hoch ist, sollten Neu- und Umbauten auf flexible Grundrisse setzen, um divergierende Wünsche zu erfüllen und Anpassungen zu erlauben, wenn sich die Haushaltsgröße ändert. Bezahlbares Wohnen Wohnungsbau wird immer teurer. Allein zwischen 2020 und 2024 sind die Baukosten in Großstädten um 50 % gestiegen. Grund dafür sind Materialknappheit, gestiegene Energiepreise, höhere Lohnkosten und wachsende gesetzliche und technische Anforderungen (vgl. Kapitel Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen). Dies hat zu einer Vielzahl von Initiativen und Modellvorhaben geführt, um den Wohnungsbau zu beschleunigen und Bau- und Wohnkosten zu senken. Als Reaktion auf eine Empfehlung der Baukostensenkungskommission der Bundesregierung hat etwa das Bundesbauministerium Anfang 2025 mit dem DIN-Institut eine Folgekostenabschätzung im Normungsverfahren eingeführt. Sie soll weitere Kostensteigerungen durch technische Baunormen verhindern. Im Oktober 2025 hat der Bundestag das Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung beschlossen. Mit dem neu im Baugesetzbuch verankerten sogenannten Bau-Turbo sollen schneller die bauplanungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden können, die für die Genehmigung eines Bauvorhabens erforderlich sind. Die bis Ende 2030 befristete Experimentierklausel im Paragraf 246e BauGB und weitere Neuregelungen erlauben es Gemeinden, bei Neu- und Umbauvorhaben, Aufstockungen oder Nutzungsänderungen zu Wohnzwecken vom BauGB Auch schrumpfende Gemeinden melden Wohnraumbedarf Alle stark wachsenden (100 %) und fast alle wachsenden (98 %) Gemeinden melden einen sehr hohen oder eher hohen Wohnraumbedarf. Bei Gemeinden mit stabiler demografischer Entwicklung sind es 74 %. Auch die Hälfte der befragten schrumpfenden Gemeinden (50 %) gibt an, dass Wohnraumbedarf besteht.  K6 P1 3.1e Wohnungsbau dominiert Nominales Bauvolumen 2024 in Deutschland nach Baubereichen Quelle: DIW Econ 2025 Wohnungsbau 306,1 Mrd. € Wirtschaftsbau 134,2 Mrd. € 101,2 Mrd. € Hochbau 33,0 Mrd. € Tiefbau Öffentlicher Bau 94,0 Mrd. € 25,8 Mrd. € Hochbau 68,2 Mrd. € Tiefbau 534,3 Mrd. € Bauvolumen in Deutschland abzuweichen und zum Beispiel auf die Aufstellung oder Änderung eines Bebauungsplans zu verzichten. Institutionen wie die Bundesarchitektenkammer, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, der Deutsche Bauernverband oder der NABU sehen darin einen Anreiz für Neubau und Flächenverbrauch und plädieren stattdessen dafür, Umbaupotenziale zu heben, was mit der gesetzlichen Neuregelung ebenfalls machbar ist. Auch die Bundesländer vereinfachen Vorgaben und Abläufe im Bauordnungsrecht. Seit der Novellierung der Bayerischen Landesbauordnung ist es beispielsweise möglich, Dachgeschosse ohne Baugenehmigung zu Wohnzwecken auszubauen. Auch die generelle Stellplatzpflicht hat Bayern abgeschafft und folgt damit den Regelungen in Berlin seit 1997 und Hamburg seit 2013. Zudem will die Bundesregierung das serielle Bauen erleichtern und den neuen Gebäudetyp E einführen und rechtlich absichern, um damit technische Vorgaben zu reduzieren und Baukosten zu senken (vgl. Kapitel Neue Umbaukultur). Einen ähnlichen Weg geht Hamburg seit 2025 mit dem „Hamburg-Standard“: Vereinfachte Baustandards oder der Verzicht auf teure Tiefgaragen sollen die Baukosten um ein Drittel senken, ohne Wohnqualität und Gestaltung zu beeinträchtigen. 2025 hat in Hamburg-Wilhelmsburg der Bau eines ersten Modellquartiers mit 1.900 Wohnungen begonnen. Wohnqualität bemisst sich dabei weniger an Fläche und Ausstattung als an funktionalen Zuschnitten, Atmosphäre und der Einbettung in lebendige, tragfähige Nachbarschaften. Potenziale im Bestand Laut Zensus standen in Deutschland 2022 rund 1,9 Millionen Wohnungen leer. Das entspricht einer Leerstandsquote von 4,5 %. Dabei fällt der Leerstand regional sehr unterschiedlich aus. Zwar stehen auch in Großstädten mit Wohnungsnachfrage zehntausende Wohnungen leer – wegen Sanierungsbedarf, Eigentumswechsel oder Spekulation. Besonders hoch ist die Quote allerdings in ländlichen und strukturschwachen Regionen. Leer stehen dabei nicht nur Mehrfamilienhäuser, sondern auch Einfamilienhäuser außerhalb wachsender Regionen, wie das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in einer Studie für das Umweltbundesamt ermittelt hat. Das Bundesbauministerium hat 2025 die Onlineplattform „Potenzial Leerstand“ freigeschaltet. Sie liefert praktische Beispiele und konkrete Hilfen, um gerade in ländlichen und strukturschwachen Regionen leer stehende Immobilien als Wohnraum zu aktivieren. Darin liegt auch eine Chance, diese Regionen wieder für Zuziehende attraktiv zu machen und so den Wohnungsmarkt in Großstädten zu entlasten. Auf Landes- und kommunaler Ebene gibt es ebenfalls Ansätze, Wohnraumpotenziale im Bestand zu heben. Die Kleinstadt Pößneck in Thüringen etwa hat durch strategisches Liegenschaftsmanagement, den gezielten Einsatz von Fördermitteln und das Einbinden gemeinnütziger Partnerinnen und Partner die Leerstandsquote in der Altstadt deutlich gesenkt. Im pfälzischen Landau ermöglicht die Initiative Zwischenwohnen den Menschen, leer stehende Wohnungen mietfrei zu nutzen – zeitlich begrenzt und gegen Übernahme der Betriebskosten. Für Nichtwohngebäude gibt es in Deutschland keine amtliche, flächendeckende Leerstandsstatistik, doch Zahlen zu kurzfristig verfügbaren Büroflächen können ein Anhaltspunkt sein. In boomenden Großstädten wird seit Jahren diskutiert, leer stehende Büroimmobilien zu Wohngebäuden umzubauen. In den Top-7-Städten der Immobilienbranche (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart) liegt der Leerstand bei rund 8 %, Tendenz P6 Grafik: 3e Kapitel: 3.1 Kosten senken, Qualität steigern Bedarfsgerechte Lösungen schaffen Gestaltungsspielraum und langlebige, funktional bessere Bauwerke. Quellen: ARGE 2025; BKI 2025; Initiative kostenreduziertes Bauen 2025 ca. – 1.300 €/m² vereinfachte Baustandards – 221 €/m² Ein Tiefgaragenstellplatz kostet bis zu … Einsparpotenzial Höhere Qualität für … … der Kosten. 95.000 € Gestaltqualität nicht einsparen! – 30 %* ohne Aufzug – 96 €/m² ohne Tiefgarage – 339 €/m² ohne Keller – 233 €/m² optimierter Brandschutz – 125 €/m² optimierter Schallschutz – 55 €/m² bedarfsgerechte Barrierefreiheit – 94 €/m² reduzierte Technik – 130 €/m² Angaben beziehen sich auf Herstellungskosten (Kostengruppen 200–700) pro m2 Wohnfläche bei einem angenommenen Kostenniveau für Wohnungsneubau von 4.600 €/m2 * Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 12 – 13Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage In ländlichen und strukturschwachen Regionen dürfte die Bevölkerung weiter sinken: Die Menschen werden älter, viele Junge wandern ab. Damit sinkt der Bedarf, und der Leerstand wächst. Wohnungsmärkte sind allerdings kleinräumig geprägt. Nach einer Prognose des BBSR wird die Zahl der Haushalte im Osten (außer in Berlin und seinem Umland) stagnieren oder sinken. Im Süden Deutschlands konzentrieren sich Zuwächse, und in Nord und West liegen stagnierende und wachsende Regionen nah beieinander. Umso wichtiger ist es, leerstandsgeprägte Regionen durch infrastrukturelle und soziale Angebote zu stärken. Wo der Wohnraumbedarf hoch ist, sollten Neu- und Umbauten auf flexible Grundrisse setzen, um divergierende Wünsche zu erfüllen und Anpassungen zu erlauben, wenn sich die Haushaltsgröße ändert. Bezahlbares Wohnen Wohnungsbau wird immer teurer. Allein zwischen 2020 und 2024 sind die Baukosten in Großstädten um 50 % gestiegen. Grund dafür sind Materialknappheit, gestiegene Energiepreise, höhere Lohnkosten und wachsende gesetzliche und technische Anforderungen (vgl. Kapitel Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen). Dies hat zu einer Vielzahl von Initiativen und Modellvorhaben geführt, um den Wohnungsbau zu beschleunigen und Bau- und Wohnkosten zu senken. Als Reaktion auf eine Empfehlung der Baukostensenkungskommission der Bundesregierung hat etwa das Bundesbauministerium Anfang 2025 mit dem DIN-Institut eine Folgekostenabschätzung im Normungsverfahren eingeführt. Sie soll weitere Kostensteigerungen durch technische Baunormen verhindern. Im Oktober 2025 hat der Bundestag das Gesetz zur Beschleunigung des Wohnungsbaus und zur Wohnraumsicherung beschlossen. Mit dem neu im Baugesetzbuch verankerten sogenannten Bau-Turbo sollen schneller die bauplanungsrechtlichen Voraussetzungen geschaffen werden können, die für die Genehmigung eines Bauvorhabens erforderlich sind. Die bis Ende 2030 befristete Experimentierklausel im Paragraf 246e BauGB und weitere Neuregelungen erlauben es Gemeinden, bei Neu- und Umbauvorhaben, Aufstockungen oder Nutzungsänderungen zu Wohnzwecken vom BauGB Auch schrumpfende Gemeinden melden Wohnraumbedarf Alle stark wachsenden (100 %) und fast alle wachsenden (98 %) Gemeinden melden einen sehr hohen oder eher hohen Wohnraumbedarf. Bei Gemeinden mit stabiler demografischer Entwicklung sind es 74 %. Auch die Hälfte der befragten schrumpfenden Gemeinden (50 %) gibt an, dass Wohnraumbedarf besteht.  K6 P1 3.1e Wohnungsbau dominiert Nominales Bauvolumen 2024 in Deutschland nach Baubereichen Quelle: DIW Econ 2025 Wohnungsbau 306,1 Mrd. € Wirtschaftsbau 134,2 Mrd. € 101,2 Mrd. € Hochbau 33,0 Mrd. € Tiefbau Öffentlicher Bau 94,0 Mrd. € 25,8 Mrd. € Hochbau 68,2 Mrd. € Tiefbau 534,3 Mrd. € Bauvolumen in Deutschland abzuweichen und zum Beispiel auf die Aufstellung oder Änderung eines Bebauungsplans zu verzichten. Institutionen wie die Bundesarchitektenkammer, der Deutsche Städte- und Gemeindebund, der Deutsche Bauernverband oder der NABU sehen darin einen Anreiz für Neubau und Flächenverbrauch und plädieren stattdessen dafür, Umbaupotenziale zu heben, was mit der gesetzlichen Neuregelung ebenfalls machbar ist. Auch die Bundesländer vereinfachen Vorgaben und Abläufe im Bauordnungsrecht. Seit der Novellierung der Bayerischen Landesbauordnung ist es beispielsweise möglich, Dachgeschosse ohne Baugenehmigung zu Wohnzwecken auszubauen. Auch die generelle Stellplatzpflicht hat Bayern abgeschafft und folgt damit den Regelungen in Berlin seit 1997 und Hamburg seit 2013. Zudem will die Bundesregierung das serielle Bauen erleichtern und den neuen Gebäudetyp E einführen und rechtlich absichern, um damit technische Vorgaben zu reduzieren und Baukosten zu senken (vgl. Kapitel Neue Umbaukultur). Einen ähnlichen Weg geht Hamburg seit 2025 mit dem „Hamburg-Standard“: Vereinfachte Baustandards oder der Verzicht auf teure Tiefgaragen sollen die Baukosten um ein Drittel senken, ohne Wohnqualität und Gestaltung zu beeinträchtigen. 2025 hat in Hamburg-Wilhelmsburg der Bau eines ersten Modellquartiers mit 1.900 Wohnungen begonnen. Wohnqualität bemisst sich dabei weniger an Fläche und Ausstattung als an funktionalen Zuschnitten, Atmosphäre und der Einbettung in lebendige, tragfähige Nachbarschaften. Potenziale im Bestand Laut Zensus standen in Deutschland 2022 rund 1,9 Millionen Wohnungen leer. Das entspricht einer Leerstandsquote von 4,5 %. Dabei fällt der Leerstand regional sehr unterschiedlich aus. Zwar stehen auch in Großstädten mit Wohnungsnachfrage zehntausende Wohnungen leer – wegen Sanierungsbedarf, Eigentumswechsel oder Spekulation. Besonders hoch ist die Quote allerdings in ländlichen und strukturschwachen Regionen. Leer stehen dabei nicht nur Mehrfamilienhäuser, sondern auch Einfamilienhäuser außerhalb wachsender Regionen, wie das Leibniz-Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) in einer Studie für das Umweltbundesamt ermittelt hat. Das Bundesbauministerium hat 2025 die Onlineplattform „Potenzial Leerstand“ freigeschaltet. Sie liefert praktische Beispiele und konkrete Hilfen, um gerade in ländlichen und strukturschwachen Regionen leer stehende Immobilien als Wohnraum zu aktivieren. Darin liegt auch eine Chance, diese Regionen wieder für Zuziehende attraktiv zu machen und so den Wohnungsmarkt in Großstädten zu entlasten. Auf Landes- und kommunaler Ebene gibt es ebenfalls Ansätze, Wohnraumpotenziale im Bestand zu heben. Die Kleinstadt Pößneck in Thüringen etwa hat durch strategisches Liegenschaftsmanagement, den gezielten Einsatz von Fördermitteln und das Einbinden gemeinnütziger Partnerinnen und Partner die Leerstandsquote in der Altstadt deutlich gesenkt. Im pfälzischen Landau ermöglicht die Initiative Zwischenwohnen den Menschen, leer stehende Wohnungen mietfrei zu nutzen – zeitlich begrenzt und gegen Übernahme der Betriebskosten. Für Nichtwohngebäude gibt es in Deutschland keine amtliche, flächendeckende Leerstandsstatistik, doch Zahlen zu kurzfristig verfügbaren Büroflächen können ein Anhaltspunkt sein. In boomenden Großstädten wird seit Jahren diskutiert, leer stehende Büroimmobilien zu Wohngebäuden umzubauen. In den Top-7-Städten der Immobilienbranche (Berlin, Hamburg, München, Köln, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Stuttgart) liegt der Leerstand bei rund 8 %, Tendenz P6 Grafik: 3e Kapitel: 3.1 Kosten senken, Qualität steigern Bedarfsgerechte Lösungen schaffen Gestaltungsspielraum und langlebige, funktional bessere Bauwerke. Quellen: ARGE 2025; BKI 2025; Initiative kostenreduziertes Bauen 2025 ca. – 1.300 €/m² vereinfachte Baustandards – 221 €/m² Ein Tiefgaragenstellplatz kostet bis zu … Einsparpotenzial Höhere Qualität für … … der Kosten. 95.000 € Gestaltqualität nicht einsparen! – 30 %* ohne Aufzug – 96 €/m² ohne Tiefgarage – 339 €/m² ohne Keller – 233 €/m² optimierter Brandschutz – 125 €/m² optimierter Schallschutz – 55 €/m² bedarfsgerechte Barrierefreiheit – 94 €/m² reduzierte Technik – 130 €/m² Angaben beziehen sich auf Herstellungskosten (Kostengruppen 200–700) pro m2 Wohnfläche bei einem angenommenen Kostenniveau für Wohnungsneubau von 4.600 €/m2 * Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 13 – 14 steigend. Allein in diesen „A-Städten“ könnten durch Umbau rund 150.000 Wohnungen entstehen. Der Landesverband Bayern des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) hat erarbeitet, welche Bürogebäude sich wie gut für eine Umnutzung eignen. Ein Ergebnis ist, dass die Umwandlung nicht nur in der Innenstadt, sondern auch in Randlagen sinnvoll sein kann, um Quartiere zu beleben und Immobilien in Wert zu setzen. Der Verband schlägt steuerliche, planungs- und förderrechtliche Gestaltungsmöglichkeiten vor, um eine Umwandlung im großen Maßstab zu ermöglichen. Ziel all dieser Ansätze ist es, Leerstände zu nutzen, um neuen Wohnraum zu schaffen, der den Bedürfnissen vor Ort entspricht. Bereits der Baukulturbericht 2022/23 hatte die Potenziale des Bestands für die Wohnungsfrage betont und dabei nicht nur Leerstand und Umnutzung, sondern im Sinne einer neuen Umbaukultur auch weitere Potenziale wie Dachaufstockungen in den Blick genommen. Zudem können Erhalt und Weiterentwicklung vorhandener Bausubstanz unter dem Kostenniveau eines vergleichbaren Neubaus liegen und zugleich Identität, Atmosphäre und die im Bestand gebundenen Ressourcen bewahren. Es spricht also vieles dafür, die politische und administrative Perspektive zu verlagern und konsequent auf den Umbau im Bestand zu setzen. Arbeiten und Mobilität Verflechtungen Städte und Gemeinden sind eng mit ihrem Umland verbunden – vor allem durch gemeinsame Wohn- und Arbeitsmärkte. Laut dem Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) ist die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter, die in einer Gemeinde wohnen und in einer anderen arbeiten, 2024 auf rund 20,6 Millionen gestiegen – ein neuer Rekord. Auch die Pendeldistanz ist größer geworden. Sie liegt nun im Durchschnitt bei 17,2  Kilometern. Die zunehmende Verbreitung des mobilen Arbeitens macht einen weiteren Weg zur Arbeit akzeptabel, weil er nicht mehr täglich zurückgelegt wird. Das zeigt eine Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Davon profitieren vor allem gut angebundene Regionen, während ländliche Wohnraumschaffung vor allem durch Innenentwicklung Die meisten befragten Kommunen setzen auf Nachverdichtung in bestehenden Quartieren (83 %), den Erhalt und die Weiterentwicklung des Bestands (61 %) sowie die Aktivierung von Leerständen und Baulücken (60 %). Dennoch weisen weiterhin 69 % der Kommunen neue Baugebiete aus, um zusätzlichen Wohnraum zu schaffen.  K8 P1 3.1c 1,9 Mio. Wohnungen leer stehend 2022 41 Mio. Wohnungen bewohnt 2022 1,2 Mio. Wohnungen fertiggestellt 2020–2023 1,3 Mio. Wohnungen benötigt 2024–2027 1,4 Mio. Wohnungen genehmigt 2020–2023 Verhältnis von Wohnungsbau und -bestand in Deutschland Quellen: BBSR 2025; Destatis 2024, 2025, 2026 Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 14 – 15 Gebiete mit schlechter Infrastruktur benachteiligt bleiben. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) und der Fahrgastverband Allianz pro Schiene plädieren seit Jahren dafür, 325 stillgelegte Bahnstrecken mit über 5.000 Kilometern Länge zu reaktivieren. 379 Städte und Gemeinden mit 3,8 Millionen Menschen könnten dadurch wieder Anschluss erhalten. Im Dezember 2019 hat die damalige DB Netz AG bekannt gegeben, keine Streckeninfrastruktur mehr stilllegen zu wollen. Allerdings liegt die Reaktivierungsleistung derzeit erst bei durchschnittlich 24 Kilometern pro Jahr. Ob die Menschen nun an ihrem Wohnort oder andernorts arbeiten (und damit definitionsgemäß pendeln) – die Trennung zwischen Wohnen, Arbeiten, Versorgung und Erholung war jahrzehntelang gewollt und der Normalfall. Längst gilt jedoch die Stadt der kurzen Wege (oder 15-Minuten-Stadt), in der Wohnen, Arbeiten und Freizeit nah beieinander liegen, als Gegenmodell. Solche Wohnlagen sind heute besonders gefragt und teuer. Stadtentwicklungsprojekte wie Hamburgs HafenCity oder Freiham in München orientieren sich an diesem Leitbild der europäischen Stadt. Zugleich bauen viele Kommunen ihre monofunktionalen Fußgängerzonen zu gemischten Zentren um, in denen Menschen nicht nur einkaufen oder arbeiten, sondern auch wohnen und Freizeit-, Kultur- und Bildungsangebote wahrnehmen können. So versuchen Hamburg und Bremen, den Wandel der Innenstädte mit einer aktiven Innenstadtkoordinierung zu begleiten und beispielsweise die Aufenthaltsqualität von Stadtplätzen zu verbessern, Innovation im stationären Handel zu befördern, Bildungs- und Kultureinrichtungen anzusiedeln oder leer stehende Büros zu Wohnungen umzubauen. Polyzentralität Ähnlich wie gemischte Quartiere und Kiezstrukturen als Schlüssel für lebendige und resiliente Städte gelten, kann auch eine Förderung der regionalen Polyzentralität zu kürzeren Wegen und weniger Verkehr führen. Die engmaschige Siedlungs- und Wirtschaftsstruktur in Deutschland ist nach wie vor ein Vorteil gegenüber vielen anderen europäischen Ländern, auch wenn auf dem Land vielerorts Dienstleistungen und Infrastrukturen abgebaut wurden. Diese polyzentrale Struktur gezielt weiterzuentwickeln, dient der vom Grundgesetz angestrebten Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse. Das Bild wachsender Städte und entvölkerter Dörfer ist ohnehin unvollständig. Seit 2014 ziehen mehr Menschen aus der Stadt aufs Land als umgekehrt, wie der Sozialbericht 2024 der Bundeszentrale für politische Bildung zeigt. Diese Trendumkehr hat auch das Thünen-Institut in seinem Forschungsprojekt „Vom Kommen, Gehen und Bleiben“ bestätigt. Vor allem Familien und Berufstätige zwischen 30 und 50 Jahren verlassen die Großstadt auf der Suche nach bezahlbaren Mieten und Lebenshaltungskosten, nach mehr Platz, Natur und Lebensqualität. Die aktuelle Bevölkerungsbefragung der Bundesstiftung Baukultur hat wiederum gezeigt, dass die meisten Menschen – unabhängig von den Rahmenbedingungen – lieber in Mittel- und Kleinstädten oder ländlichen Regionen als in Großstädten wohnen möchten. Doch jeder ländliche Raum ist anders. Nicht überall sind die Potenziale und Perspektiven gut. Um möglichst viele Regionen im Sinne der Polyzentralität aufzuwerten, bedarf es geeigneter Strategien. Durch interkommunale Zusammenarbeit können benachbarte Städte und Gemeinden Infrastrukturen der Daseinsvorsorge sichern und dem demografischen Wandel aktiv begegnen. Auch digitale Infrastruktur, innovative Mobilitätskonzepte und die Stärkung P6 Grafik: 3.2a Kapitel: 3.2 Polyzentralität Die Vielzahl der Landkreise und kreisfreien Städte in Deutschland stärkt die regionale Selbstständigkeit. Quelle: eurostat 2024 400 Landkreise und kreisfreie Städte 101 Départements 21 Län 47 Provincias F D S E 0 500 km Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 15 – 16 zivilgesellschaftlichen Engagements und lokaler Netzwerke eröffnen Chancen, kleine Städte als Wohn- und Wirtschaftsstandorte attraktiver zu machen. 2024 hat der Bund deshalb die Kleinstadt Akademie mit Sitz in Wittenberge gestartet. Sie soll die 2.100 deutschen Kleinstädte mit 5.000 bis 20.000 Einwohnerinnen und Einwohnern (und damit die Wohnorte von insgesamt 24,2 Millionen Menschen) vernetzen, ihren Wissens- und Erfahrungsaustausch stärken und ihren Anliegen im öffentlichen Diskurs Gehör verschaffen. Mobilität Die Studie Mobilität in Deutschland des Bundesverkehrsministeriums zeigte 2025: Während auf dem Land das Auto prägend bleibt, verschiebt sich im urbanen Raum das Gewicht allmählich vom Auto zum Umweltverbund (Fußverkehr, Radverkehr und ÖPNV). Der Modal Split ändert sich langsam, aber stetig. Zwar gibt es immer mehr gemeldete Pkw, doch sie werden immer weniger genutzt. Mit bundesweit 49,3 Millionen gab es 2025 die bisher höchste jemals registrierte Zahl an gemeldeten Autos – gleichzeitig sinkt aber die Zahl der gefahrenen Kilometer je Auto. In den beiden größten Städten Berlin und Hamburg ist die Zahl der gemeldeten Autos trotz wachsender Bevölkerung leicht zurückgegangen, und der motorisierte Individualverkehr geht dort seit Jahren zurück. Doch gerade der ruhende Verkehr ist eine Herausforderung für die öffentlichen Räume (vgl. Baukulturbericht 2020/21). Nicht nur immer größere Pkw, sondern auch die inzwischen über eine Million Wohnmobile tragen zu einem hohen Flächenverbrauch bei und verstellen Raum- und Sichtbeziehungen. 2025 hat die Bundesregierung eine Fußverkehrsstrategie beschlossen und damit erstmals den Fußverkehr als gleichberechtigte Säule der Alltagsmobilität definiert. Menschen auf dem Land sind zufriedener mit ihrem Wohnort 78 % der Menschen in ländlichen Gemeinden möchten dort wohnen bleiben. In Städten mit mehr als 500.000 Einwohnerinnen und Einwohnern hingegen will knapp die Hälfte der Befragten lieber woanders leben (47 %). Nur 1 % der Menschen aus ländlichen Gemeinden zieht ein Leben in der Großstadt in Betracht.  B2 Immer weniger junge Menschen zieht es in die Großstadt Nur noch 22 % der jungen Menschen streben heute ein Leben in der Großstadt an, 2015 waren es noch 40 %.  B2 P5 B13 Wohnpräferenzen der Bevölkerung in Deutschland Quelle: Bevölkerungsbefragung zum Baukulturbericht 2026/27 34 % 42 % 43 % 37 % 42 % 36 % 40 % 49 % 22 % 22 % 15 % 14 % B2 Landgemeinde 39% Großstadt 17% Mittel- oder Kleinstadt 43% unabhängig von Ihrer finanziellen Situation oder anderen Rahmenbedingungen und wenn Sie es sich aussuchen könnten? Wo würden Sie am liebsten wohnen? … 30–44 Jahre 45–59 Jahre 30–44 Jahre 45–59 Jahre 30–44 Jahre 45–59 Jahre 14–29 Jahre 14–29 Jahre 14–29 Jahre 60+ Jahre 60+ Jahre 60+ Jahre Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 16 – 17 Einen Paradigmenwechsel in der deutschen Verkehrsplanung markierte das Papier E Klima 2022 der Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen (FGSV). Für Regelwerke wie die Richtlinien für die Anlage von Stadtstraßen (RASt) setzte es den Klimaschutz und die Reduktion von Treibhausgasemissionen als gleichwertige Ziele neben Verkehrssicherheit und Verkehrsfluss. Zwei Jahre später veröffentlichte die FGSV Ergänzende Handlungsanleitungen zur Anwendung der RASt 06, die den Umweltverbund bevorzugen, auf mehr Sicherheit und Aufenthaltsqualität setzen und es erlauben, Flächen schnell und flexibel umzuwidmen. Bis zu einer vollständigen Überarbeitung der RASt empfiehlt die FGSV, diese Anleitungen anzuwenden. Auch bei der Verkehrsplanung vor Ort haben Kommunen heute größere Spielräume. Das 2024 mit der Neufassung von Straßenverkehrsgesetz (StVG) und Straßenverkehrsordnung (StVO) reformierte Straßenverkehrsrecht macht es Städten und Gemeinden leichter, Tempo-30-Zonen, Fahrradstreifen oder -straßen einzurichten. Diese fachplanerischen und gesetzlichen Änderungen eröffnen auch der Gestaltung öffentlicher Räume neue Möglichkeiten. Zustand der Infrastrukturen Sanierungsstau Deutschlands Infrastruktur ist marode und muss an vielen Stellen saniert werden. Verkehrsunsichere Brücken, gesperrte Bahnstrecken, Straßen voller Schlaglöcher und defekte Schultoiletten sorgen für Schlagzeilen und haben zu einer Vertrauenskrise geführt: 70 % der Deutschen, so eine forsa- Umfrage im Auftrag von dbb beamtenbund und tarifunion, halten den Staat mittlerweile für überfordert. Nur noch knapp ein Viertel glaubt, dass er seine Aufgaben erfüllen kann. Tatsächlich fehlt es zunächst am Geld. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung und das Institut der deutschen Wirtschaft konstatierten schon 2019 eine gewaltige Finanzierungslücke für die notwendigen Investitionen. Damals bezifferten die Institute diese Lücke für die Zeit von 2020 bis 2030 auf 457 Milliarden Euro. Die Aktualisierung von 2024 geht für den Zeitraum 2025 bis 2035 von 600 Milliarden aus. Als Gründe für den Anstieg nennt das Papier unter anderem den weiter aufgelaufenen Sanierungsbedarf für Autobahnen und Bahnstrecken. Dabei sind in dem Betrag weitere Investitionen in die Landesverteidigung oder in Krankenhäuser noch gar nicht enthalten. Das KfW-Kommunalpanel 2025, durchgeführt vom Deutschen Institut für Urbanistik, zeigt: Jede fünfte Kommune kann sich den Unterhalt ihrer Infrastruktur nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr leisten. Der Investitionsstau, den die befragten Städte und Gemeinden angaben, hat 2024 um 15,9 % zugenommen und 2025 mit über 215 Milliarden Euro einen Höchststand erreicht. Investitionsbedarf Der größte Teil des kommunalen Investitionsrückstands entfällt mit rund 68 Milliarden Euro auf die Schulen, von denen viele in den 1960er- und 1970er-Jahren gebaut wurden. Die Kommunalumfrage zum Baukulturbericht 2024/25 ergab, dass 73 % der Maßnahmen im Schulbau auf Bestandsmodernisierungen entfallen. Erweiterungsbauten machen knapp die Hälfte aus, während Neubauten seltener realisiert werden. Immer häufiger setzen Städte und Gemeinden auf Kooperationen mit der Privatwirtschaft. In Köln P6 Grafik: 3.4a Kapitel: 3.4 P7 Grafik: 3.4b Kapitel: 3.4 Umbau als Konjunkturmotor Entwicklung genehmigter Baumaßnahmen im Neubau und Bestand in Deutschland seit 2019 Quelle: Destatis 2025 60 80 100 120 2019 = 100 % 202420232022202120202019 –48% –10% Neubau Umbau Tiefbau trägt die Bauwirtschaft Entwicklung der Auftragsbestände im Bauhauptgewerbe in Deutschland seit 2021 Quelle: Destatis 2025 60 80 100 120 2021 = 100 % 2024202320222021 +15% –1% –15% gesamt Hochbau Tiefbau Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 17 – 18 etwa werden aktuell mehrere Schulen in öffentlich-privaten Partnerschaften (ÖPP) oder Investorenmodellen gebaut und saniert. Beim Investorenmodell mietet die Stadt die privat finanzierten Gebäude langfristig an. So baut das Immobilienunternehmen Hemsö, das mehrheitlich im Eigentum eines schwedischen staatlichen Pensionsfonds steht, das ehemalige Abenteuermuseum Odysseum im Stadtteil Kalk zu einer Gesamtschule um. Wieder andere Schulen lässt die Stadt von Generalunternehmen errichten, erweitern oder instand setzen. An die 90 Schulen sollen mit dieser Mischstrategie innerhalb weniger Jahre saniert, erweitert oder neu gebaut werden. Viele Kommunen möchten im Rahmen von Schulbauoffensiven durch eine modulare Bauweise Zeit und Kosten sparen. Dabei ist zu beachten, dass Schulen als Lernorte auch ästhetische und baukulturelle Werte vermitteln und damit die Grundlage für Gestaltungsfähigkeit in der Gesellschaft bereiten (vgl. Kapitel Baukulturelle Ausbildung). Zweitgrößter Posten ist die Straßen- und Verkehrsinfrastruktur. Hier sehen die Kommunen einen Investitionsrückstand von gut 53 Milliarden Euro. Besonders symbolträchtig ist die Situation der Brücken. In Dresden stürzte 2024 ein Teil der Carolabrücke ein. In Berlin, Magdeburg und andernorts wurden Brücken wegen Einsturzgefahr gesperrt und abgerissen. Viele Brücken stammen aus der Nachkriegszeit und sind nicht für den heutigen Schwerlastverkehr ausgelegt. Das gilt auch für die Brücken an Bundesfernstraßen. Von den mehr als 52.000 Brückenbauwerken an Autobahnen und Bundesstraßen müssen laut Bundesverkehrsministerium rund 8.000 instand gesetzt oder saniert werden. Sanierungsprogramme wurden zwar seit den 1990er-Jahren wiederholt aufgelegt, aber nur teilweise umgesetzt. Der Bundesrechnungshof monierte 2025 die schleppende Modernisierung und forderte eine politische Neuausrichtung, mehr Tempo, klare Prioritäten und eine konsequente Zweckbindung der Mittel für die Brückensanierung. Als Erfolgsgeschichte kann der Ersatzneubau für die 2023 gesprengte Rahmedetalbrücke gelten, die schon Ende 2025 zur Hälfte wieder für den Verkehr freigegeben werden konnte. Dafür wurde unter anderem das Planfeststellungsverfahren übersprungen, und notwendige Einzelschritte wie Baugrunduntersuchungen, die Anlage von Baustraßen und Detailplanung wurden parallel statt nacheinander durchgeführt. Auch funktionale Ausschreibungen und ein interdisziplinär arbeitendes Projektteam haben sich bewährt und lassen sich auf ähnliche Großprojekte übertragen. Ähnlich erfolgreich verlief der Neubau des Terminals 3 am Frankfurter Flughafen. Zwar verzögerte sich die Fertigstellung aufgrund externer Faktoren wie der Coronapandemie um vier Jahre, aber der von Mäckler Architekten entworfene und privat finanzierte Bau blieb weitgehend im Kostenrahmen. Wie bei der Verkehrsinfrastruktur gibt es auch im Gesundheitswesen Handlungsbedarf: Die vom Bund 2022 eingesetzte Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung bezifferte 2025 den Investitionsbedarf nur für den Substanzerhalt der Krankenhäuser auf sechs bis acht Milliarden Euro im Jahr. Dazu kommen Investitionen im hohen zweistelligen Milliardenbereich in die strukturelle Erneuerung, die auch klimagerechten Umbau und Digitalisierung einschließt. Während es 2021 in Deutschland noch 1.887 Krankenhäuser gab, waren es laut dem Bundes-Klinik-Atlas 2024 nur noch 1.614. Die Schließungen haben meist wirtschaftliche Gründe. 2025 trat die Krankenhausreform in Kraft. Sie soll unter anderem verhindern, dass viele weitere Kliniken wegen mangelnder Rentabilität schließen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) befürchtet dagegen, dass die Reform genau dazu führen könnte und spricht von drohenden „regionalen Verwerfungen“, die es zu vermeiden gelte, um die flächendeckende Versorgung zu erhalten. Ein Blick über die Grenzen zeigt: Im Vergleich mit anderen EU-Ländern ist Deutschland bislang sehr gut mit Krankenhäusern ausgestattet. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist der Zivilschutz wieder in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Nachdem Deutschland 2007 das Schutzraumprogramm aufgegeben und die Wartung der Schutzräume eingestellt hatte, erarbeitet seit 2024 eine Bund-Länder- Arbeitsgruppe ein neues Schutzraumkonzept. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat 2025 angekündigt, bis 2029 Schutzplätze für eine Million Menschen zu schaffen, vornehmlich in U-Bahntunneln, Tiefgaragen und Kellern öffentlicher Gebäude. Die Bundesregierung hat reagiert und im Bundeshaushalt 2026 für den Zivilschutz 759 Millionen Euro zusätzlich eingeplant. Sondervermögen für Infrastruktur 2025 hat die Bundesregierung das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität beschlossen und die Schuldenbremse gelockert. Beides hat Hoffnungen geweckt, dass sich der Sanierungsstau in den kommenden Jahren ein Stück weit auflösen lässt. 500 Milliarden Euro sollen innerhalb von zwölf Jahren in Infrastruktur, Klimaschutz, Bevölkerungsschutz und Innovationsförderung fließen. Der größte Anteil entfällt auf die Modernisierung der Infrastruktur. Neben Verkehrswegen und Bildungsbauten sollen die Mittel auch Krankenhäusern oder dem Glasfaserausbau zugutekommen. Davon können nicht zuletzt Kleinstädte und ländliche Räume profitieren. Baukultur mitdenken bei notwendigen Sanierungen Wahrgenommener Investitionsrückstand der Kommunen in Deutschland 2024 (in Euro) Quelle: KfW/Difu 2025 53,4 Mrd. (24,7 %) Straßen und Verkehrsinfrastruktur 11,2 Mrd. (5,2 %) Kinderbetreuung (Kita) 6,6 Mrd. (3,1 %) Kultur 15,6 Mrd. (7,2 %) Sportstätten und Bäder 2,0 Mrd. (0,9 %) Gesundheit 19,9 Mrd. (9,2 %) Brand- und Katastrophenschutz 1,5 Mrd. (0,7 %) Wohnungswirtschaft 9,7 Mrd. (4,5 %) Wasserversorgung und -entsorgung 0,1 Mrd. (0,1 %) Abfallwirtschaft 19,5 Mrd. (9,0 %) öffentliche Verwaltungsgebäude 0,4 Mrd. (0,2 %) ÖPNV 1,8 Mrd. (0,9 %) Informations- und Kommunikationstechnik 67,8 Mrd. (31,4 %) Schulen 6,1 Mrd. (2,8 %) Sonstiges 0,2 Mrd. (0,1 %) Energieerzeugung und -versorgung insgesamt 215,8 Mrd. BITTE ALLES GUT GESTALTEN! P6 Grafik: 3.3b Kapitel: 3.3 Auch Infrastruktur braucht Gestaltung! Quelle: Bevölkerungsbefragung zum Baukulturbericht 2022/23 Finden Sie, dass Infrastrukturbauten optisch ansprechend gestaltet werden sollten? Finden Sie, dass Infrastrukturbauten derzeit gut gestaltet sind? nein 15 % weiß nicht 5 % weiß nicht 18 % nein 55 % ja 80 % ja 27 % Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 18 – 19 mehr Tempo, klare Prioritäten und eine konsequente Zweckbindung der Mittel für die Brückensanierung. Als Erfolgsgeschichte kann der Ersatzneubau für die 2023 gesprengte Rahmedetalbrücke gelten, die schon Ende 2025 zur Hälfte wieder für den Verkehr freigegeben werden konnte. Dafür wurde unter anderem das Planfeststellungsverfahren übersprungen, und notwendige Einzelschritte wie Baugrunduntersuchungen, die Anlage von Baustraßen und Detailplanung wurden parallel statt nacheinander durchgeführt. Auch funktionale Ausschreibungen und ein interdisziplinär arbeitendes Projektteam haben sich bewährt und lassen sich auf ähnliche Großprojekte übertragen. Ähnlich erfolgreich verlief der Neubau des Terminals 3 am Frankfurter Flughafen. Zwar verzögerte sich die Fertigstellung aufgrund externer Faktoren wie der Coronapandemie um vier Jahre, aber der von Mäckler Architekten entworfene und privat finanzierte Bau blieb weitgehend im Kostenrahmen. Wie bei der Verkehrsinfrastruktur gibt es auch im Gesundheitswesen Handlungsbedarf: Die vom Bund 2022 eingesetzte Regierungskommission für eine moderne und bedarfsgerechte Krankenhausversorgung bezifferte 2025 den Investitionsbedarf nur für den Substanzerhalt der Krankenhäuser auf sechs bis acht Milliarden Euro im Jahr. Dazu kommen Investitionen im hohen zweistelligen Milliardenbereich in die strukturelle Erneuerung, die auch klimagerechten Umbau und Digitalisierung einschließt. Während es 2021 in Deutschland noch 1.887 Krankenhäuser gab, waren es laut dem Bundes-Klinik-Atlas 2024 nur noch 1.614. Die Schließungen haben meist wirtschaftliche Gründe. 2025 trat die Krankenhausreform in Kraft. Sie soll unter anderem verhindern, dass viele weitere Kliniken wegen mangelnder Rentabilität schließen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) befürchtet dagegen, dass die Reform genau dazu führen könnte und spricht von drohenden „regionalen Verwerfungen“, die es zu vermeiden gelte, um die flächendeckende Versorgung zu erhalten. Ein Blick über die Grenzen zeigt: Im Vergleich mit anderen EU-Ländern ist Deutschland bislang sehr gut mit Krankenhäusern ausgestattet. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ist der Zivilschutz wieder in den Fokus von Politik und Öffentlichkeit gerückt. Nachdem Deutschland 2007 das Schutzraumprogramm aufgegeben und die Wartung der Schutzräume eingestellt hatte, erarbeitet seit 2024 eine Bund-Länder- Arbeitsgruppe ein neues Schutzraumkonzept. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe hat 2025 angekündigt, bis 2029 Schutzplätze für eine Million Menschen zu schaffen, vornehmlich in U-Bahntunneln, Tiefgaragen und Kellern öffentlicher Gebäude. Die Bundesregierung hat reagiert und im Bundeshaushalt 2026 für den Zivilschutz 759 Millionen Euro zusätzlich eingeplant. Sondervermögen für Infrastruktur 2025 hat die Bundesregierung das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität beschlossen und die Schuldenbremse gelockert. Beides hat Hoffnungen geweckt, dass sich der Sanierungsstau in den kommenden Jahren ein Stück weit auflösen lässt. 500 Milliarden Euro sollen innerhalb von zwölf Jahren in Infrastruktur, Klimaschutz, Bevölkerungsschutz und Innovationsförderung fließen. Der größte Anteil entfällt auf die Modernisierung der Infrastruktur. Neben Verkehrswegen und Bildungsbauten sollen die Mittel auch Krankenhäusern oder dem Glasfaserausbau zugutekommen. Davon können nicht zuletzt Kleinstädte und ländliche Räume profitieren. Baukultur mitdenken bei notwendigen Sanierungen Wahrgenommener Investitionsrückstand der Kommunen in Deutschland 2024 (in Euro) Quelle: KfW/Difu 2025 53,4 Mrd. (24,7 %) Straßen und Verkehrsinfrastruktur 11,2 Mrd. (5,2 %) Kinderbetreuung (Kita) 6,6 Mrd. (3,1 %) Kultur 15,6 Mrd. (7,2 %) Sportstätten und Bäder 2,0 Mrd. (0,9 %) Gesundheit 19,9 Mrd. (9,2 %) Brand- und Katastrophenschutz 1,5 Mrd. (0,7 %) Wohnungswirtschaft 9,7 Mrd. (4,5 %) Wasserversorgung und -entsorgung 0,1 Mrd. (0,1 %) Abfallwirtschaft 19,5 Mrd. (9,0 %) öffentliche Verwaltungsgebäude 0,4 Mrd. (0,2 %) ÖPNV 1,8 Mrd. (0,9 %) Informations- und Kommunikationstechnik 67,8 Mrd. (31,4 %) Schulen 6,1 Mrd. (2,8 %) Sonstiges 0,2 Mrd. (0,1 %) Energieerzeugung und -versorgung insgesamt 215,8 Mrd. BITTE ALLES GUT GESTALTEN! P6 Grafik: 3.3b Kapitel: 3.3 Auch Infrastruktur braucht Gestaltung! Quelle: Bevölkerungsbefragung zum Baukulturbericht 2022/23 Finden Sie, dass Infrastrukturbauten optisch ansprechend gestaltet werden sollten? Finden Sie, dass Infrastrukturbauten derzeit gut gestaltet sind? nein 15 % weiß nicht 5 % weiß nicht 18 % nein 55 % ja 80 % ja 27 % Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 19 – 20 Vereinfachungen im komplexen Planungs- und Genehmigungsrecht, die über die schon 2023 für den Verkehrsbereich beschlossenen Maßnahmen hinausgehen, könnten helfen, Verfahren zu beschleunigen und Projekte schneller umzusetzen. In ihrem Koalitionsvertrag hat die amtierende Bundesregierung signalisiert, dass sie das Thema weiter vorantreiben will. Die Chancen, die sich aus Sondervermögen und gelockerter Schuldenbremse ergeben, sind groß. Entsprechend melden sich viele Verbände und Institutionen zu Wort, bringen ihre Perspektiven ein und formulieren Bedarfe und Empfehlungen. Der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten, die Montag Stiftung Jugend und Gesellschaft und der Verband Bildung und Erziehung etwa fordern in einem gemeinsamen Positionspapier, die Gelder für eine Qualitätsoffensive im Schulbau zu nutzen. Dazu wollen sie an die Projekte ein Set fester Kriterien – wie eine Phase Null oder die Öffnung der Schule für die Nachbarschaft – anlegen. Doch das Sondervermögen stellt auch eine Herausforderung dar: Geld allein baut keine Infrastrukturen. Der Investitionsschub wird die Bautätigkeit deutlich erhöhen. Er stößt damit auf Ressourcenengpässe und kann Kostensteigerungen auslösen. Um zu verhindern, dass die Qualität ins Hintertreffen gerät, sollten Baukultur und nachhaltige Planung zur Richtschnur werden. Hieran hat auch die Bevölkerung hohes Interesse. In einer Befragung der Bundesstiftung Baukultur antworteten schon 2021 auf die Frage, ob Infrastrukturbauwerke ansprechend gestaltet werden sollen, 80 % der Bevölkerung mit ja. Die Gegenfrage, ob Infrastruktur gut gestaltet werde, beantworteten hingegen 55 % mit nein. Hier zeigt sich deutlicher Handlungsbedarf, architektonische Qualität, langlebige Bauweisen und eine vorausschauende Stadt- und Landschaftsentwicklung konsequent mitzudenken – auch bei sichtbarer technischer Infrastruktur. Gerade dort braucht es qualifizierte Gestaltung und Ausführung: Alles, was für uns sichtbar und spürbar ist, prägt den Raum. Durch Synergien und Mehrfachnutzung können technische, soziale und blau-grüne Infrastrukturprojekte Mehrwerte für das Gemeinwohl schaffen, ihr Umfeld verbessern und so der Gesellschaft über den sektoralen Nutzen hinaus zugutekommen. P7 Grafik: 3.3c Kapitel: 3.3 Vom Sondervermögen zum Anlagevermögen Regelmäßige Instandhaltung sichert Werte und spart auf lange Sicht Kosten. Quelle: Bundesstiftung Baukultur nach Marx 2026 500 € in Mrd. Jahre Anlagevermögen Verlust 2030 Instandhaltung Instandhaltung Instandhaltung Sondervermögen Kostenfaktor Instandhaltung Kostenfaktor Generalsanierung 2060 2090 2120 Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 20 – 21 Neue Umbaukultur Paradigmenwechsel Das Bewusstsein für die sogenannte goldene Energie im Bestand, für dessen materielle und immaterielle Werte, ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Der Baukulturbericht 2022/23 Neue Umbaukultur hat diesen Paradigmenwechsel mit ins Rollen gebracht. Auch auf europäischer Ebene wird der Ruf nach einem Kurswechsel lauter: Die Europäische Bürgerinitiative HouseEurope! wirbt für ein „Right to Reuse“ und will Umbau und Weiterbauen gegenüber Abriss und Neubau strukturell stärken. Umbauen statt neu zu bauen birgt ökonomisch wie ökologisch klare Vorteile. Mittlerweile ist die Zahl der jährlich abgerissenen Gebäude tatsächlich gesunken, so das 2025 veröffentlichte Ergebnis eines Forschungsprojekts an der TU Dresden. Als Gründe nennt der Bericht den gesellschaftlichen Bewusstseinswandel und die zunehmende Umnutzung von Bestandsgebäuden. Eine Umfrage der Forschenden unter Fachleuten ergab, dass auch wirtschaftliche Erwägungen eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen. Laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) steigt der Anteil des Bauvolumens im Bestand seit Jahren. 2025 lag er im Wohnungsbau bei rund drei Vierteln. Das entspricht rund 230 Milliarden Euro Bauvolumen im Bestand gegenüber gut 80 Milliarden im Neubau. Auch bei Nichtwohngebäuden übertreffen die Bauleistungen im Bestand mit 80 Milliarden jene im Neubau mit 60 Milliarden Euro. Trotz dieser positiven Trends gibt es weiterhin Luft nach oben. Immer noch werden Denkmäler und auch neuere Bauwerke abgerissen, wie das Schwarzbuch der Denkmalpflege der Deutschen Stiftung Denkmalschutz zeigt. P6 Grafik: 5.1.3a Kapitel: 5.1.3 Wo steckt die goldene Energie? Durch Bestandserhalt können nicht nur materielle, sondern auch immaterielle Werte bewahrt und weiterentwickelt werden. Quelle: Bundesstiftung Baukultur Zeitgenössische Gestaltung • regionale Bauweisen • zeittypische Materialien • sichtbare Geschichte Instandhaltung • investierte Pflege • Optimierung während der Nutzung • angesammeltes Wissen Entwurfsprozess • planerische Entscheidungen • kreative Leistungen • Abwägungsprozesse Bauleistung • handwerkliche Arbeit • Erfahrungswissen • Detailqualität Identifikation • Teil der Ortsstruktur • emotionale Bindung • kollektive Erinnerung • ideelle Bedeutung Integration ins Umfeld • nachbarschaftliche Beziehung • funktionale Verknüpfungen • gewachsene Einbindung Nutzung • funktionale Erprobung • Nutzungsgeschichte • Nachbarschaft Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 21 – 22 Die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) und die REGIONALE 2025 Bergisches RheinLand zeigen verstärkt Projekte, die sich mit der Transformation und Weiterentwicklung bestehender Gebäude, Infrastrukturen und Quartiere beschäftigen. Das Umdenken geht indes längst über solche programmatischen Formate und Veranstaltungen hinaus: Auf den großen Immobilienmessen ist das Thema angekommen und nimmt in den Diskussionen und Präsentationen zentralen Raum ein. In Niedersachsen hat sich die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg gegen den bereits beschlossenen Ersatzneubau ihrer Geschäftsstelle entschieden und baut stattdessen nun um. Sie trifft mit ihrer Strategie des Weiterbauens sowohl bei ihren Mitgliedern als auch bei der Stadtgesellschaft auf große Zustimmung. Wie bereits im Baukulturbericht 2022/23 empfohlen, ist eine hierfür passendere Landesbauordnung als Umbauordnung von zentraler Bedeutung. Niedersachsen hat mit der 2024 novellierten Landesbauordnung diesen Schritt inzwischen vollzogen: Für die Umnutzung von Bestandsgebäuden reicht es nun, dass diese nach dem Umbau die niedrigeren technischen Standards des ursprünglichen Baujahrs einhalten. Blau-grüner Umbau Fast alle Kommunen haben die Dringlichkeit erkannt, sich an den Klimawandel und Extremwetterereignisse wie Starkregen, Hochwasser oder Hitzeperioden anzupassen, wie eine Umfrage des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) zeigt. Viele Städte haben sich auf den Weg gemacht, Klimapläne und Anpassungskonzepte erstellt oder mit konkreten Maßnahmen begonnen. So haben in Berlin der Senat und drei Landesunternehmen 2025 eine blau-grüne Allianz gegründet, um Schwammstadtprojekte im landeseigenen Bestand voranzutreiben. Erste Vorhaben sind die Umgestaltung des Platzes der Luftbrücke und des Spreeufers am Marx-Engels-Forum. In Karlsruhe wurde der Bahnhofsvorplatz Süd ebenfalls unter Schwammstadtaspekten umgestaltet: mit neuen Bäumen, Versickerungsflächen und kühlenden Wasserfontänen. In München wird die klimaangepasste Umgestaltung der Ludwigstraße durch einen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb vorbereitet, bei dem die Anforderungen der Denkmalpflege zentraler Teil der Aufgabe sind. In Hamburg hat die 2014 eingeführte Gründachstrategie erreicht, dass inzwischen über 200 Hektar Dachflächen begrünt sind. Das Programm soll Stadtklima und Regenwassermanagement verbessern, indem 60 % der Niederschläge auf den Dächern zurückgehalten werden. Hamburg gilt damit bundesweit als Vorreiter. Erfolgsfaktoren sind neben intensiver Kommunikation eine finanzielle Förderung von bis zu 60 % der Kosten durch die Stadt und eine schrittweise Verschärfung der Vorgaben. Waren bisher Gründächer nur in manchen Bebauungsplänen vorgeschrieben, müssen ab 2027 hamburgweit bei nahezu allen Neubauten mit Flachdach mindestens 70 % der Dachfläche begrünt werden. Am stärksten wirken Maßnahmen im Verbund. Gegen Hitzestress schaffen Entsiegelung, Verschattung, Wasser und helle Oberflächen beispielsweise zu unterschiedlichen Tageszeiten Abhilfe. Über einzelne Vorhaben hinaus braucht es daher integrierte Konzepte, die Wirkung und Umsetzung zusammenführen. Ein stadtweiter und umfassender Umbau, wie ihn unter anderem Kopenhagen oder Amsterdam auf Basis integrierter Planung entschlossen umsetzen, lässt in Deutschland noch auf sich warten. Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) fordert daher, Klimaanpassung als Gemeinschaftaufgabe nach dem Vorbild von P6 Grafik: 3.4a Kapitel: 3.4 P7 Grafik: 3.4b Kapitel: 3.4 Umbau als Konjunkturmotor Entwicklung genehmigter Baumaßnahmen im Neubau und Bestand in Deutschland seit 2019 Quelle: Destatis 2025 60 80 100 120 2019 = 100 % 202420232022202120202019 –48% –10% Neubau Umbau Tiefbau trägt die Bauwirtschaft Entwicklung der Auftragsbestände im Bauhauptgewerbe in Deutschland seit 2021 Quelle: Destatis 2025 60 80 100 120 2021 = 100 % 2024202320222021 +15% –1% –15% gesamt Hochbau Tiefbau P7 Grafik: 3.4d Kapitel: 3.4 Hitzereduktion in Städten Mit folgenden Maßnahmen lassen sich die Temperaturen in der Stadt senken: Quelle: Stadt Zürich 2020 Dachbegrünung 2–3 m 2–4 m 2–4 m 2–4 m 2–3 m 2–4 m 7–20 m 3–6 m 4–14 m Pergola auf Asphalt Helle Bodenbeläge Rasengitter statt Asphalt Wasserfläche statt Rasen Baum auf Rasen bis zu ‡ 6,6 ‰C bis zu ‡ 8,7 ‰C bis zu ‡ 1,8 ‰C bis zu ‡ 2,8 ‰C bis zu ‡ 6 ‰C bis zu ‡ 6,6 ‰C bis zu ‡ 4 ‰C bis zu ‡ 2,1 ‰C bis zu ‡ 7,6 ‰C bis zu ‡ 6,6 ‰C Rasen statt Asphalt Helles Dach Fassadenbegrünung Temperaturreduktion Wirkradius Helle Fassade 2–4 m Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 22 – 23 Die Internationale Bauausstellung 2027 StadtRegion Stuttgart (IBA’27) und die REGIONALE 2025 Bergisches RheinLand zeigen verstärkt Projekte, die sich mit der Transformation und Weiterentwicklung bestehender Gebäude, Infrastrukturen und Quartiere beschäftigen. Das Umdenken geht indes längst über solche programmatischen Formate und Veranstaltungen hinaus: Auf den großen Immobilienmessen ist das Thema angekommen und nimmt in den Diskussionen und Präsentationen zentralen Raum ein. In Niedersachsen hat sich die Industrie- und Handelskammer Lüneburg-Wolfsburg gegen den bereits beschlossenen Ersatzneubau ihrer Geschäftsstelle entschieden und baut stattdessen nun um. Sie trifft mit ihrer Strategie des Weiterbauens sowohl bei ihren Mitgliedern als auch bei der Stadtgesellschaft auf große Zustimmung. Wie bereits im Baukulturbericht 2022/23 empfohlen, ist eine hierfür passendere Landesbauordnung als Umbauordnung von zentraler Bedeutung. Niedersachsen hat mit der 2024 novellierten Landesbauordnung diesen Schritt inzwischen vollzogen: Für die Umnutzung von Bestandsgebäuden reicht es nun, dass diese nach dem Umbau die niedrigeren technischen Standards des ursprünglichen Baujahrs einhalten. Blau-grüner Umbau Fast alle Kommunen haben die Dringlichkeit erkannt, sich an den Klimawandel und Extremwetterereignisse wie Starkregen, Hochwasser oder Hitzeperioden anzupassen, wie eine Umfrage des Deutschen Instituts für Urbanistik (Difu) zeigt. Viele Städte haben sich auf den Weg gemacht, Klimapläne und Anpassungskonzepte erstellt oder mit konkreten Maßnahmen begonnen. So haben in Berlin der Senat und drei Landesunternehmen 2025 eine blau-grüne Allianz gegründet, um Schwammstadtprojekte im landeseigenen Bestand voranzutreiben. Erste Vorhaben sind die Umgestaltung des Platzes der Luftbrücke und des Spreeufers am Marx-Engels-Forum. In Karlsruhe wurde der Bahnhofsvorplatz Süd ebenfalls unter Schwammstadtaspekten umgestaltet: mit neuen Bäumen, Versickerungsflächen und kühlenden Wasserfontänen. In München wird die klimaangepasste Umgestaltung der Ludwigstraße durch einen freiraumplanerischen Realisierungswettbewerb vorbereitet, bei dem die Anforderungen der Denkmalpflege zentraler Teil der Aufgabe sind. In Hamburg hat die 2014 eingeführte Gründachstrategie erreicht, dass inzwischen über 200 Hektar Dachflächen begrünt sind. Das Programm soll Stadtklima und Regenwassermanagement verbessern, indem 60 % der Niederschläge auf den Dächern zurückgehalten werden. Hamburg gilt damit bundesweit als Vorreiter. Erfolgsfaktoren sind neben intensiver Kommunikation eine finanzielle Förderung von bis zu 60 % der Kosten durch die Stadt und eine schrittweise Verschärfung der Vorgaben. Waren bisher Gründächer nur in manchen Bebauungsplänen vorgeschrieben, müssen ab 2027 hamburgweit bei nahezu allen Neubauten mit Flachdach mindestens 70 % der Dachfläche begrünt werden. Am stärksten wirken Maßnahmen im Verbund. Gegen Hitzestress schaffen Entsiegelung, Verschattung, Wasser und helle Oberflächen beispielsweise zu unterschiedlichen Tageszeiten Abhilfe. Über einzelne Vorhaben hinaus braucht es daher integrierte Konzepte, die Wirkung und Umsetzung zusammenführen. Ein stadtweiter und umfassender Umbau, wie ihn unter anderem Kopenhagen oder Amsterdam auf Basis integrierter Planung entschlossen umsetzen, lässt in Deutschland noch auf sich warten. Die Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall (DWA) fordert daher, Klimaanpassung als Gemeinschaftaufgabe nach dem Vorbild von P6 Grafik: 3.4a Kapitel: 3.4 P7 Grafik: 3.4b Kapitel: 3.4 Umbau als Konjunkturmotor Entwicklung genehmigter Baumaßnahmen im Neubau und Bestand in Deutschland seit 2019 Quelle: Destatis 2025 60 80 100 120 2019 = 100 % 202420232022202120202019 –48% –10% Neubau Umbau Tiefbau trägt die Bauwirtschaft Entwicklung der Auftragsbestände im Bauhauptgewerbe in Deutschland seit 2021 Quelle: Destatis 2025 60 80 100 120 2021 = 100 % 2024202320222021 +15% –1% –15% gesamt Hochbau Tiefbau P7 Grafik: 3.4d Kapitel: 3.4 Hitzereduktion in Städten Mit folgenden Maßnahmen lassen sich die Temperaturen in der Stadt senken: Quelle: Stadt Zürich 2020 Dachbegrünung 2–3 m 2–4 m 2–4 m 2–4 m 2–3 m 2–4 m 7–20 m 3–6 m 4–14 m Pergola auf Asphalt Helle Bodenbeläge Rasengitter statt Asphalt Wasserfläche statt Rasen Baum auf Rasen bis zu ‡ 6,6 ‰C bis zu ‡ 8,7 ‰C bis zu ‡ 1,8 ‰C bis zu ‡ 2,8 ‰C bis zu ‡ 6 ‰C bis zu ‡ 6,6 ‰C bis zu ‡ 4 ‰C bis zu ‡ 2,1 ‰C bis zu ‡ 7,6 ‰C bis zu ‡ 6,6 ‰C Rasen statt Asphalt Helles Dach Fassadenbegrünung Temperaturreduktion Wirkradius Helle Fassade 2–4 m Artikel 91a ins Grundgesetz aufzunehmen, um wie auch bei den Themen der regionalen Wirtschaftsstruktur, der Agrarstruktur und des Küstenschutzes eine verbindliche, koordinierte und langfristig finanzierte Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen zu ermöglichen. Dazu hat sie im Februar 2025 gemeinsam mit den Mitgliedern der Allianz für eine wasserbewusste Stadtentwicklung ein Positionspapier veröffentlicht. Der Koalitionsvertrag der Bundesregierung hat diese Forderung aufgegriffen. Die Regierung will die Einführung einer Gemeinschaftsaufgabe Klimaanpassung prüfen, die Deutsche Anpassungsstrategie an den Klimawandel umsetzen und die Finanzierung von Vorsorgemaßnahmen gemeinsam mit den Ländern sicherstellen. Klimaanpassung kann dabei mehr als eine Pflichtaufgabe sein: Sie kann Schutz und Vorsorge leisten – und zugleich Städte schöner und lebenswerter machen (vgl. Kapitel Stadt und Raum). Emissionseffizienz Von 1990 bis 2024 sind die Treibhausgasemissionen in Deutschland um fast die Hälfte gesunken. Besonders stark ist die Abnahme seit 2019. Damit scheint das im Klimaschutzgesetz des Bundes verankerte Ziel erreichbar, die Emissionswerte von 1990 bis 2030 um 65 % zu senken. Im Verkehrssektor wurden die spezifischen jährlichen Klimaziele aber schon zum vierten Mal in Folge verfehlt, im Gebäudesektor sogar schon zum fünften Mal. Ein Grund dafür ist die hohe CO2-Emission von Massivbauten. Je nach Gebäudetyp entfallen 50 bis 70 % der Emissionen auf die Tragkonstruktion. Sie entstehen primär bei der Zementproduktion. Deshalb mehren sich Stimmen aus Wissenschaft und Praxis, die eine Neuausrichtung der Klimapolitik im Gebäudesektor fordern: weg vom Primat der reinen Energieeffizienz, hin zu einer konsequenten Ausrichtung auf CO2- Reduktion, Bestandserhalt und Kreislaufwirtschaft, die schon der Baukulturbericht 2022/23 gefordert hatte. Vorbild dafür ist Dänemark, wo seit 2023 ein Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 23 – 24 Emissionsdeckel für Neubauten gilt, der je nach Gebäudetyp und -größe unterschiedlich ausfällt. Das Forschungsprojekt „Einfach Um-Bauen“ der TU München zeigt, dass bei älteren Bestandsbauten ein Wechsel des Heizungssystems wirtschaftlicher ist als eine Gebäudesanierung auf Effizienzhaus-55-Niveau und genauso viel CO2 einspart. Auf europäischer Ebene verpflichtet die 2024 überarbeitete EU- Gebäuderichtlinie (EBPD) die Mitgliedstaaten dazu, ab 2030 nur noch emissionsfreie Neubauten mit sehr hoher Energieeffizienz zu genehmigen. Zudem wird es für jeden Neubau Pflicht, sein Treibhauspotenzial über einen Lebenszyklus von 50 Jahren, also von der Herstellung bis zum Rückbau, zu berechnen und offenzulegen. Dazu müssen die Mitgliedstaaten bis 2027 nationale Grenzwerte für Emissionen festlegen. Neben die Energieeffizienz tritt damit die Emissionseffizienz als Ziel. Im Bestand sind Sanierungspflichten für die energetisch schlechtesten Nichtwohngebäude vorgesehen. In Deutschland soll das seit 2020 mehrfach novellierte Gebäudeenergiegesetz (GEG) diese EU-Richtlinie jetzt in nationales Recht umsetzen. Wie der Gebäudesektor dadurch in Zukunft seinen Beitrag zum Klimaschutz leisten wird, ist nun Gegenstand der Diskussion. Einfach Bauen Als Reaktion auf wachsende Komplexität, Normenflut und Kostensteigerungen hat die Bayerische Architektenkammer schon 2022 das Konzept eines Gebäudetyps E (wie „einfach“, „erleichtert“ oder „experimentell“) vorgestellt. Bayern und Schleswig-Holstein haben den Gebäudetyp E 2023 durch geänderte Bauordnungen ermöglicht. Auch die Bundesregierung möchte ihn rechtlich absichern. Die Forschungshäuser in Bad Aibling zeigen, was möglich ist: Sie sind einfach im Sinne von robust, komponenten- und instandhaltungsarm und damit bezahlbar. Einfachheit ist dabei nicht nur technisch, sondern auch gestalterisch zu verstehen: Die Ästhetik setzt auf Reduktion und bewusstes Weglassen – und kann gerade im Imperfekten eine eigene Qualität sichtbar machen. Statt einer kostspieligen Unterkellerung gibt es zum Beispiel Anbauten, Nachhaltige Bauweise wichtiger als Kosten oder Bauzeit 74 % der befragten Kommunen geben an, dass sie bei kommunalen Bauvorhaben besonders großen Wert auf eine klimaverträgliche und nachhaltige Bauweise legen. Damit messen sie diesem Aspekt mehr Bedeutung bei als geringen Baukosten oder einer kurzen Bauzeit.  K13 die notwendige Abstellflächen bieten, nachbarschaftliche Begegnungen ermöglichen und zugleich den Baukörper gliedern. Ein weiteres Wohnhaus in Holz-Hybrid-Bauweise ist geplant – als eines von 19 Pilotprojekten für den Gebäudetyp E in Bayern. Darunter ist auch ein Wohnungsbauprojekt des Wohnungsunternehmens IGEWO in Augsburg, das in hohem Vorfertigungsgrad, ohne Tiefgaragen und Unterkellerung sowie mit außenliegenden Treppen und reduzierter Haustechnik umgesetzt wird. Außer Wohnhäusern stehen auf der Liste auch Schulen und mischgenutzte Gebäude als Neubauten oder als Erweiterungen, Aufstockungen und Umnutzungen im Bestand. Alle 19 Projekte werden wissenschaftlich begleitet, um Erfahrungen für die weitere Anwendung und eine mögliche Ausweitung zu sammeln. Auch in Hamburg wird der technikreduzierte „Hamburg-Standard“ seit 2025 in mehreren Pilotprojekten angewendet und dabei wissenschaftlich begleitet. Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen Relevanz der Bauwirtschaft Die Bedeutung des Bauens für die deutsche Wirtschaft ist beachtlich: Fast 5,3 Millionen Menschen sind einschließlich nachgelagerter Bereiche wie Baustoffindustrie, Planung oder Dienstleistungen in baukulturell relevanten Berufen beschäftigt. Damit trägt die Bauwirtschaft rund 10 % zur Wirtschaftsleistung bei. Allerdings schwankten die Zahlen zuletzt. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird das reale Bauvolumen 2026 um 1,7 % und 2027 um 3,7 % auf dann 605 Milliarden Euro steigen. Zuvor war es – inflationsbereinigt und anteilig am Bruttoinlandsprodukt – fünf Jahre in Folge gesunken. Das Bruttoinlandsprodukt blieb dagegen annähernd stabil. Gründe für den zwischenzeitlichen Rückgang waren steigende Zinsen und Baupreise, fehlende Fachkräfte und eine abnehmende Investitionsbereitschaft. Die 2026 erwartete Trendwende wird laut DIW vor allem durch den öffentlichen Bau getrieben. Innerhalb der Bauwirtschaft gibt es dabei divergierende Entwicklungen. Während das Bauhauptgewerbe 2023 und 2024 unter massiven Auftragsrückgängen im Wohnungsbau litt, legte der Tiefbau schon 2024 dank Großaufträgen für die Infrastruktur zu. Vor allem die Autobahn-, Brücken- und Tunnelsanierung und der Ausbau des Stromnetzes sorgten für ein Rekordergebnis – mit einem Auftragseingang von 56,3 Milliarden Euro. Dennoch bleibt der Wohnungsbau mit rund 57 % des gesamten Bauvolumens der dominierende Bereich. Wachsenden Anteil daran haben Maßnahmen im Bestand, während die Bedeutung des Neubaus abnimmt (vgl. Kapitel Neue Umbaukultur). Auch Architektur- und Ingenieurbüros bewerteten in einer Umfrage von IW-Consult im Auftrag des Ausschusses der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung, der Bundesarchitektenkammer, des Verbands Beratender Ingenieure sowie der Bundesingenieurkammer ihre Lage unterschiedlich. Von den knapp 2.500 teilnehmenden Büros klagten 40 % über Auftragsrückgänge. Im Vergleich zum Vorjahr, als 97 % der Büros Gewinne verzeichneten, waren es 2025 nur noch 84 %. Immerhin knapp die Hälfte der Büros erwartet für 2026 eine Verbesserung ihrer betriebswirtschaftlichen Lage. Die insgesamt angespannte Situation führen die Büros auf gestörte Projektabläufe, starke Regulierung und das Ringen um eine angemessene Vergütung zurück. Viele Büros beobachten P6 Grafik: 3.4c Kapitel: 3.4 „Eisberg-Effekt“ Mit der Gründung liegen große Teile eines Bauwerks oft unsichtbar im Untergrund. Quellen: Florian Nagler Architekten 2025; Genossenschaft Gröninger Hof 2025; Wuppertal Institut 2026 Klimabilanz der Materialherstellung verschiedener Gründungsarten Holzbau ohne Zement MFH Holzbauweise mit Stahlpfahlgründung Sonderfall Parkhaus Gröninger Hof in Hamburg Massivbau MFH Stahlbetonbauweise mit Keller und Tiefgarage = 1/3 im Material gebundene Emissionen im Untergrund! oberirdisch (0,33 t CO‘ e/m‘) oberirdisch (0,54 t CO‘ e/m‘) unterirdisch (0,03 t CO‘ e/m‘) unterirdisch (0,48 t CO‘ e/m‘) 63 % 37 % 4 % 96 % P1 3b Wie viel wird in Deutschland gebaut? Bauvolumen im Größenvergleich Quellen: BMF 2025; DIW Econ 2025; ZDK 2025 75,5 Mrd. € Umsatz Kraftfahrzeuggewerbe (Neuwagen) in Deutschland 2024 474,8 Mrd. € Gesamte Staatsausgaben Deutschlands 2024 534,3 Mrd. € Bauvolumen in Deutschland 2024 Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 24 – 25 die notwendige Abstellflächen bieten, nachbarschaftliche Begegnungen ermöglichen und zugleich den Baukörper gliedern. Ein weiteres Wohnhaus in Holz-Hybrid-Bauweise ist geplant – als eines von 19 Pilotprojekten für den Gebäudetyp E in Bayern. Darunter ist auch ein Wohnungsbauprojekt des Wohnungsunternehmens IGEWO in Augsburg, das in hohem Vorfertigungsgrad, ohne Tiefgaragen und Unterkellerung sowie mit außenliegenden Treppen und reduzierter Haustechnik umgesetzt wird. Außer Wohnhäusern stehen auf der Liste auch Schulen und mischgenutzte Gebäude als Neubauten oder als Erweiterungen, Aufstockungen und Umnutzungen im Bestand. Alle 19 Projekte werden wissenschaftlich begleitet, um Erfahrungen für die weitere Anwendung und eine mögliche Ausweitung zu sammeln. Auch in Hamburg wird der technikreduzierte „Hamburg-Standard“ seit 2025 in mehreren Pilotprojekten angewendet und dabei wissenschaftlich begleitet. Bauwirtschaftliche Rahmenbedingungen Relevanz der Bauwirtschaft Die Bedeutung des Bauens für die deutsche Wirtschaft ist beachtlich: Fast 5,3 Millionen Menschen sind einschließlich nachgelagerter Bereiche wie Baustoffindustrie, Planung oder Dienstleistungen in baukulturell relevanten Berufen beschäftigt. Damit trägt die Bauwirtschaft rund 10 % zur Wirtschaftsleistung bei. Allerdings schwankten die Zahlen zuletzt. Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) wird das reale Bauvolumen 2026 um 1,7 % und 2027 um 3,7 % auf dann 605 Milliarden Euro steigen. Zuvor war es – inflationsbereinigt und anteilig am Bruttoinlandsprodukt – fünf Jahre in Folge gesunken. Das Bruttoinlandsprodukt blieb dagegen annähernd stabil. Gründe für den zwischenzeitlichen Rückgang waren steigende Zinsen und Baupreise, fehlende Fachkräfte und eine abnehmende Investitionsbereitschaft. Die 2026 erwartete Trendwende wird laut DIW vor allem durch den öffentlichen Bau getrieben. Innerhalb der Bauwirtschaft gibt es dabei divergierende Entwicklungen. Während das Bauhauptgewerbe 2023 und 2024 unter massiven Auftragsrückgängen im Wohnungsbau litt, legte der Tiefbau schon 2024 dank Großaufträgen für die Infrastruktur zu. Vor allem die Autobahn-, Brücken- und Tunnelsanierung und der Ausbau des Stromnetzes sorgten für ein Rekordergebnis – mit einem Auftragseingang von 56,3 Milliarden Euro. Dennoch bleibt der Wohnungsbau mit rund 57 % des gesamten Bauvolumens der dominierende Bereich. Wachsenden Anteil daran haben Maßnahmen im Bestand, während die Bedeutung des Neubaus abnimmt (vgl. Kapitel Neue Umbaukultur). Auch Architektur- und Ingenieurbüros bewerteten in einer Umfrage von IW-Consult im Auftrag des Ausschusses der Verbände und Kammern der Ingenieure und Architekten für die Honorarordnung, der Bundesarchitektenkammer, des Verbands Beratender Ingenieure sowie der Bundesingenieurkammer ihre Lage unterschiedlich. Von den knapp 2.500 teilnehmenden Büros klagten 40 % über Auftragsrückgänge. Im Vergleich zum Vorjahr, als 97 % der Büros Gewinne verzeichneten, waren es 2025 nur noch 84 %. Immerhin knapp die Hälfte der Büros erwartet für 2026 eine Verbesserung ihrer betriebswirtschaftlichen Lage. Die insgesamt angespannte Situation führen die Büros auf gestörte Projektabläufe, starke Regulierung und das Ringen um eine angemessene Vergütung zurück. Viele Büros beobachten P6 Grafik: 3.4c Kapitel: 3.4 „Eisberg-Effekt“ Mit der Gründung liegen große Teile eines Bauwerks oft unsichtbar im Untergrund. Quellen: Florian Nagler Architekten 2025; Genossenschaft Gröninger Hof 2025; Wuppertal Institut 2026 Klimabilanz der Materialherstellung verschiedener Gründungsarten Holzbau ohne Zement MFH Holzbauweise mit Stahlpfahlgründung Sonderfall Parkhaus Gröninger Hof in Hamburg Massivbau MFH Stahlbetonbauweise mit Keller und Tiefgarage = 1/3 im Material gebundene Emissionen im Untergrund! oberirdisch (0,33 t CO‘ e/m‘) oberirdisch (0,54 t CO‘ e/m‘) unterirdisch (0,03 t CO‘ e/m‘) unterirdisch (0,48 t CO‘ e/m‘) 63 % 37 % 4 % 96 % P1 3b Wie viel wird in Deutschland gebaut? Bauvolumen im Größenvergleich Quellen: BMF 2025; DIW Econ 2025; ZDK 2025 75,5 Mrd. € Umsatz Kraftfahrzeuggewerbe (Neuwagen) in Deutschland 2024 474,8 Mrd. € Gesamte Staatsausgaben Deutschlands 2024 534,3 Mrd. € Bauvolumen in Deutschland 2024 Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 25 – 26 zudem eine Verlängerung der Projektlaufzeiten. Zunehmende Arbeitsbelastung und fehlende Fachkräfte verstärken die Kapazitätsengpässe. Baukosten und Finanzierung In den letzten zehn Jahren sind die Baukosten erheblich gestiegen. Ursachen sind vor allem Materialknappheit, gestiegene Energiepreise und höhere Lohnkosten, aber auch gesetzliche Anforderungen und Normen. Eine Studie der Arbeitsgemeinschaft für zeitgemäßes Bauen und RegioKontext hat die Herstellungskosten im Wohnungsneubau untersucht: 2020 lagen sie in Großstädten noch bei 3.028 Euro je Quadratmeter Wohnfläche für die Kostengruppen 200 bis 700. 2024 waren es bereits 4.473 Euro – ein Anstieg um fast 50 % in vier Jahren. Dabei wirken sich per Faustformel 1.000 Euro bei den Errichtungskosten mit etwa vier Euro pro Quadratmeter monatlich auf die Kostenmieten aus. Auch Bauland ist in dieser Zeit bundesweit teurer geworden. Der durchschnittliche Preis für einen Quadratmeter stieg laut Statistischem Bundesamt von 199 Euro auf 256 Euro, wobei die regionale Spanne von elf Euro im Landkreis Spree-Neiße bis 2.900 Euro in München reicht. 2025 und 2026 dürfte sich der Anstieg der Baukosten zumindest verlangsamen. Bauen bleibt aber teuer, nicht zuletzt durch gestiegene Bauzinsen. Sie bewegten sich vor 2023 auf einem Rekordtief von 1 % bis 1,5 % für zehnjährige Darlehen. Mit der Zinswende der Europäischen Zentralbank stiegen sie ab 2023 auf Werte von rund 4 %. Die Kombination aus hohen Baukosten und gestiegenen Zinsen hat die Finanzierung neuer Bauprojekte erheblich erschwert. Die Nachfrage nach Baufinanzierungen ist dadurch deutlich gesunken. Entsprechend ist auch die Zahl der Baugenehmigungen und Fertigstellungen vor allem im privaten 529.514 Baustoffindustrie 424.677 Handel mit Baumaterialien 4,73 Mio. Beschäftigte im Bauwesen in Deutschland 637.602 Immobilienwirtschaft und Wohnungswesen 7.456 Vermessungswesen 14.341 Gebäude- und Versorgungstechnik 157.365 Bauwesen 116.364 Hochbauarchitektur 7.947 Landschaftsarchitektur 6.871 Stadtplanung 6.176 Innenarchitektur955.961 Bauhauptgewerbe 1.313.521 Ausbaugewerbe 179.162 Bauingenieurwesen 137.358 Architektur und Planung** 32.056 Bauträger 147.427 Immobilienfinanzierung 60.312 Beteiligungsgesellschaften 324.199 Vermietung und Verpachtung233.948 Vermittlung und Verwaltung 174.855 Gebäudebetreuung 192.911 Garten- und Landschaftsbau 19.143 Immobilienhandel P6 Grafik: 3.a Kapitel: 3.5 Arbeitgeber Bauen Gesamtbeschäftigte ausgewählter Berufe des Planens und Bauens in Deutschland 2024* Quellen: BAK 2024; Bundesagentur für Arbeit 2025; ZIA 2025 * Abweichungen zu vorherigen Baukulturberichten durch Ergänzung „Gebäudebetreuung“ ** Angaben entsprechend der Bundeskammerstatistik Wohnungsbau zwischenzeitlich zurückgegangen. Die Zahl der genehmigten Wohnungen stieg 2025 nach drei Jahren Rückgang wieder an: Im Vergleich zu 2024 wurden 10,5 % mehr Wohnungen genehmigt, dabei gab es vor allem bei neuen Einfamilienhäusern mit 17,2 % einen deutlichen Anstieg. Fachkräftebedarf Die Fachkräftesituation im deutschen Bausektor bleibt angespannt, obwohl infolge der Baukrise etwas weniger offene Stellen zu besetzen sind. Besonders das Bauhandwerk leidet unter einem strukturellen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. In allen baurelevanten Berufen zusammen gibt es laut Auswertungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) knapp 322.000 offene Stellen. Etwa 40 % davon können rein rechnerisch nicht durch passend qualifizierte Arbeitslose besetzt werden. Am weitesten klafft die Fachkräftelücke in der Bauelektrik und in den Gewerken Sanitär, Heizung und Klima. Die meisten Fachkräfte fehlen in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands und Bayerns, aber auch in Metropolräumen wie Frankfurt, München und Berlin. Der Fachkräftebedarf führt zu Verzögerungen, höheren Kosten und gefährdet die Umsetzung wichtiger Bau- und Infrastrukturprojekte. Trotzdem baute die Branche zwischenzeitlich Stellen ab. Allein im Bauhauptgewerbe ging die Zahl der Beschäftigten 2024 um 12.000 auf 916.000 zurück. Zurückzuführen war dieser Personalabbau vor allem auf Insolvenzen und die schwache Baukonjunktur. Für 2025 und 2026 wird aber wieder mit Neueinstellungen gerechnet – wenn sich genügend Fachkräfte finden lassen. Positiv stimmt, dass 2025 mit 13.500 Auszubildenden deutlich mehr junge Menschen eine Ausbildung im Bauhauptgewerbe begonnen haben als im Vorjahr, was einem Plus von 12,7 % entspricht. Das reicht allerdings immer noch nicht aus, um die Zahl der jährlich altersbedingt ausscheidenden Beschäftigten auszugleichen – zumal rund 40 % der Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ihre Ausbildung nicht beenden. Für Betriebsinhabende wird es indes immer schwieriger, eine Nachfolge zu finden – nicht nur aufgrund des demografischen Wandels, sondern auch aufgrund der wirtschaftlichen Risiken und bürokratischen Hürden, die mit einer Selbstständigkeit verbunden sind. Das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen rechnet damit, dass 27.000 Betriebe und 17.000 Unternehmen allein im Jahr 2027 übergeben werden sollen. Ohne gezielte Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -sicherung – durch qualifizierende Ausbildung und anreizstiftende Weiterbildung – und ohne Zuwanderung wird sich die Lage mittelfristig weiter verschärfen (vgl. Kapitel Baukulturelle Ausbildung). Kostenfaktoren erschweren Schaffung von Wohnraum Die befragten Kommunen nennen vor allem steigende Baukosten (89 %), hohe Zinsen (63 %) und geringe Investitionsbereitschaft wegen wirtschaftlicher Unsicherheiten (59 %) als Faktoren, die die Schaffung von Wohnraum erschweren. Für etwa die Hälfte der befragten Kommunen (51 %) ist fehlendes Bauland ein Hindernis.  K7 P1 5.1a Fachkräftesituation in baurelevanten Berufen Verhältnis von offenen Stellen und Arbeitslosen in Deutschland 2024 Quelle: KOFA/IW 2025 Arbeitslose (391.643) offene Stellen (321.623) besetzbare Stellen Qualifizierungsbedarf Die Qualifizierung arbeitsloser Fachkräfte könnte die Fachkräftelücke verkleinern. Fachkräftelücke (125.743) Situation der Planungsbüros Zwei Drittel der befragten Planerinnen und Planer (66 %) rechnen damit, dass ihr Büro auf dem aktuellen Niveau stabil bleibt. 17 % der Befragten erwarten, dass sich ihr Büro in den kommenden Jahren verkleinern wird. Im Vergleich dazu gehen nur 14 % von Wachstum und einer Erweiterung ihres Teams aus.  P 2 Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 26 – 27 Wohnungsbau zwischenzeitlich zurückgegangen. Die Zahl der genehmigten Wohnungen stieg 2025 nach drei Jahren Rückgang wieder an: Im Vergleich zu 2024 wurden 10,5 % mehr Wohnungen genehmigt, dabei gab es vor allem bei neuen Einfamilienhäusern mit 17,2 % einen deutlichen Anstieg. Fachkräftebedarf Die Fachkräftesituation im deutschen Bausektor bleibt angespannt, obwohl infolge der Baukrise etwas weniger offene Stellen zu besetzen sind. Besonders das Bauhandwerk leidet unter einem strukturellen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften. In allen baurelevanten Berufen zusammen gibt es laut Auswertungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) knapp 322.000 offene Stellen. Etwa 40 % davon können rein rechnerisch nicht durch passend qualifizierte Arbeitslose besetzt werden. Am weitesten klafft die Fachkräftelücke in der Bauelektrik und in den Gewerken Sanitär, Heizung und Klima. Die meisten Fachkräfte fehlen in den ländlichen Regionen Ostdeutschlands und Bayerns, aber auch in Metropolräumen wie Frankfurt, München und Berlin. Der Fachkräftebedarf führt zu Verzögerungen, höheren Kosten und gefährdet die Umsetzung wichtiger Bau- und Infrastrukturprojekte. Trotzdem baute die Branche zwischenzeitlich Stellen ab. Allein im Bauhauptgewerbe ging die Zahl der Beschäftigten 2024 um 12.000 auf 916.000 zurück. Zurückzuführen war dieser Personalabbau vor allem auf Insolvenzen und die schwache Baukonjunktur. Für 2025 und 2026 wird aber wieder mit Neueinstellungen gerechnet – wenn sich genügend Fachkräfte finden lassen. Positiv stimmt, dass 2025 mit 13.500 Auszubildenden deutlich mehr junge Menschen eine Ausbildung im Bauhauptgewerbe begonnen haben als im Vorjahr, was einem Plus von 12,7 % entspricht. Das reicht allerdings immer noch nicht aus, um die Zahl der jährlich altersbedingt ausscheidenden Beschäftigten auszugleichen – zumal rund 40 % der Berufsanfängerinnen und Berufsanfänger ihre Ausbildung nicht beenden. Für Betriebsinhabende wird es indes immer schwieriger, eine Nachfolge zu finden – nicht nur aufgrund des demografischen Wandels, sondern auch aufgrund der wirtschaftlichen Risiken und bürokratischen Hürden, die mit einer Selbstständigkeit verbunden sind. Das Volkswirtschaftliche Institut für Mittelstand und Handwerk an der Universität Göttingen rechnet damit, dass 27.000 Betriebe und 17.000 Unternehmen allein im Jahr 2027 übergeben werden sollen. Ohne gezielte Maßnahmen zur Fachkräftegewinnung und -sicherung – durch qualifizierende Ausbildung und anreizstiftende Weiterbildung – und ohne Zuwanderung wird sich die Lage mittelfristig weiter verschärfen (vgl. Kapitel Baukulturelle Ausbildung). Kostenfaktoren erschweren Schaffung von Wohnraum Die befragten Kommunen nennen vor allem steigende Baukosten (89 %), hohe Zinsen (63 %) und geringe Investitionsbereitschaft wegen wirtschaftlicher Unsicherheiten (59 %) als Faktoren, die die Schaffung von Wohnraum erschweren. Für etwa die Hälfte der befragten Kommunen (51 %) ist fehlendes Bauland ein Hindernis. K7 P1 5.1a Fachkräftesituation in baurelevanten Berufen Verhältnis von offenen Stellen und Arbeitslosen in Deutschland 2024 Quelle: KOFA/IW 2025 Arbeitslose (391.643) offene Stellen (321.623) besetzbare Stellen Qualifizierungsbedarf Die Qualifizierung arbeitsloser Fachkräfte könnte die Fachkräftelücke verkleinern. Fachkräftelücke (125.743) Situation der Planungsbüros Zwei Drittel der befragten Planerinnen und Planer (66 %) rechnen damit, dass ihr Büro auf dem aktuellen Niveau stabil bleibt. 17 % der Befragten erwarten, dass sich ihr Büro in den kommenden Jahren verkleinern wird. Im Vergleich dazu gehen nur 14 % von Wachstum und einer Erweiterung ihres Teams aus.  P 2 Baukulturbericht 2026/27 – Aktuelle Lage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 27 – 28 Gestalten – Die Ausgangslage Gestaltungs- und Ordnungsprinzipien im Städtebau Stadtgründung und Stadtentwicklung Die Topografie einer Stadt ist entscheidend für ihre Gestalt. In der Auseinandersetzung mit den Standort- und Geländegegebenheiten gewannen viele Städte ihr räumliches Profil und Erscheinungsbild. Die Städte der griechischen Antike lagen oft am Meer. Blickfang aus der Ferne war in der Regel eine befestigte Anhöhe (Akropolis) über der Stadt. Konstitutiv war jedoch die Agora, der zentrale Platz für Handel und Versammlungen. Im fünften Jahrhundert vor Christus entwickelte der Staatstheoretiker Hippodamos von Milet ein Grundschema für Städte: Er konzipierte ein rechtwinkliges Straßennetz aus breiten Haupt- und schmalen Querstraßen, die gleich große, zweireihig bebaute Wohninseln umschlossen. Für öffentliche Plätze und Bauten blieben in diesem Raster Flächen ausgespart. Das hippodamische System erwies sich beim Wiederaufbau zerstörter Städte, bei Stadterweiterungen oder Neugründungen als anpassungsfähig und wurde vom Römischen Reich übernommen. Auch Stadtgründungen der Neuzeit griffen auf die rechtwinklige Struktur zurück, wenn Koloniestädte, Garnisonen oder Festungsstädte strategisch geplant werden sollten. Die barocke Festungsstadt Mannheim zeugt ebenso davon wie der 1811 entwickelte Stadtgrundriss von New York. Die Stadt ist ein Rechtsraum. Der Kaiser oder die jeweilige Grundherrschaft legten fest, ob sich eine Ansiedlung Stadt nennen durfte und wo ihre Grenze zum Umland verlief. Diese Grundherren waren zunächst auch Nutznießer der Markt-, Münz- und Zollrechte. Der Bau einer Stadtmauer gab dem Rechtsraum Gestalt und Schutz. Meist wurden seitlich einer Handelsroute ein Marktplatz ausgewiesen, eine Kirche gebaut und erste Grundstücke parzelliert. Die weitere Entwicklung und Gestalt bestimmten je nach Stadt unterschiedliche Akteure wie Feudalherren, Bischöfe oder Klöster. Händler und Handwerker, denen die Städte ihr wirtschaftliches Wachstum verdankten, erhielten zunehmend mehr Rechte. Schließlich bildeten sich im 13. Jahrhundert aus den Eliten der Stadtgesellschaft eigenständige und handlungsfähige Körperschaften. In Nürnberg, das seit 1219 Reichsstadt war, ist ein solcher Rat ab 1256 belegt. Ein eigenes Bauamt etablierte sich wohl gegen Ende des 13. Jahrhunderts. Die Aufsicht führten sogenannte Baumeister. Die neue Souveränität der Seit jeher formen und verändern Menschen ihre gebaute Umwelt – angetrieben und beeinflusst von gesellschaftlichen, technischen und ästhetischen Vorstellungen. So entstanden in Planung, Kunst und Wissenschaft eine Vielzahl von Leitbildern, Gestaltungs- und Ordnungsprinzipien, die den Städtebau und die Architektur bis heute prägen. Während rechtliche Vorgaben, Normen und Standards zunehmend Einfluss auf Planung und Gestaltung nehmen, wächst zugleich das Bewusstsein, Baukultur als gesamtgesellschaftliche Aufgabe zu begreifen und auch auf übergeordneter Ebene stärker zu verankern. Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 28 – 29 Bürgerinnen und Bürger manifestierte sich allerorten im Bau markanter Rathäuser, städtischer Kornspeicher oder im Ausbau der Stadtkirchen. Ein Amt für den Schmuck der Stadt, wie es italienische Städte im 14. Jahrhundert einrichteten, gab es im deutschsprachigen Raum nicht. Dennoch ergriffen viele Städte aus Brandschutzgründen Maßnahmen, die ihr Erscheinungsbild verbesserten. München verbot 1370 hölzerne Lauben, vorstehende Kellereingänge, Vordächer und weit in Straßen und Plätze ragende Dachrinnen. In der Handelsmetropole Nürnberg setzten sich im 14. Jahrhundert steinerne Erdgeschosse durch. 1479 und 1483 begünstigte der Rat alle, die ihr Haus ganz aus Stein errichten wollten. Sie durften bis zu einer Traufhöhe von 15 Metern bauen, während Fachwerkhäuser unter zwölf Metern bleiben mussten. Wasserkünste, Marktbrunnen und Wasserläufe waren seit dem 14. Jahrhundert Ausdruck städtischer Baukultur. Gepflasterte Straßen hoben ab dem 15. Jahrhundert das Ansehen größerer Städte. Die Geschichte des Augsburger Stadtwerkmeisters Elias Holl zeigt, wie viel Einfluss der Leiter einer Stadtbehörde auf Stadtgestalt und -erneuerung hatte. Mit den Infrastrukturprojekten der Stadtmetzg (Schlachterei) und des Zeughauses ließ Holl Anfang des 17. Jahrhunderts neue Plätze anlegen. Er gestaltete Wehranlagen und Stadttore um, baute ein Rathaus und stockte den benachbarten Perlachturm auf. Geometrische Ordnung Eine wohlgeordnete Stadt als Sinnbild einer idealen Gesellschaft hatte schon Platon entworfen. Die Vitruv-Rezeption bescherte der antiken Idee in der Renaissance neue Aufmerksamkeit. Der in Mailand tätige Baumeister Filarete veröffentlichte 1464 eine Erzählung, in der er die Idealstadt Sforzinda als Verkörperung eines Musterstaates beschrieb. Kreis, Stern und ein radiales Straßensystem bestimmten den zentrierten Stadtgrundriss. Anwendung fand das Modell im Festungsbau: 1593 etwa entstand in Venetien Palmanova, eine Planstadt auf sternförmigem Grundriss. Absolutistische Herrscher griffen beim Neubau ihrer Residenzstädte gleichfalls auf das Konzept zurück. Die auf den Souverän ausgerichtete Staatsordnung spiegelte sich in Grundrissen, die einem Sonnensystem glichen. Bestes Beispiel ist das markgräfliche Schloss in Karlsruhe, das ein Strahlenkranz aus 32 Alleen und Straßen umgab – heute noch Fächerplan genannt. Die auf die Residenz bezogene barocke Stadtplanung schrieb für die Bebauung an den Straßen einfache, schmucklose Typenhäuser vor. Stadterweiterungen im 19. Jahrhundert Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelten sich die meisten Städte innerhalb des zuletzt gezogenen Rings aus Befestigungen. Als die Stadtmauern diese Funktion verloren, wurden sie vielerorts geschleift, um die Stadtplanung auf die umliegenden, meist ländlich geprägten Vororte auszudehnen. Die meisten Städte nutzten das Terrain der Graben-, Wall- und Wehranlagen, um Alleen, Promenaden oder Parks anzulegen und so den Bürgern und Bürgerinnen der engen, dunklen Altstädte frische Luft und Bewegung zu verschaffen. Oft machten es die ehemaligen Wallanlagen auch möglich, neue Infrastrukturen anzulegen, zum Beispiel für die Eisenbahn oder als Ringstraße zur Umfahrung des Stadtkerns. In Preußen erhielten die Stadtverwaltungen erst 1855 wieder das Recht zur Bauplanung. München erließ 1863 erstmals seit 1489 wieder eine Bauordnung. Das Planungsinstrument par excellence waren schematische Fluchtlinienpläne. Baukulturbericht 2026/27 – Die Ausgangslage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 29 – 30 Breite Ausfallsstraßen, abzweigende Wohnstraßen und Ringstraßen bildeten 1862 das Gerüst von James Hobrechts „Bebauungsplan der Umgebungen Berlins“. Als Quartiersmittelpunkte wies Hobrecht vereinzelt große Plätze aus, auf denen Grünanlagen mit Schmuckbeeten, Bassins und Parkbänken entstanden. Von diesen grünen Inseln, häufig auch mit öffentlichen Gebäuden oder Kirchen in der Blickachse, führten Alleen sternförmig in alle Richtungen. Durch diese Verkehrsstruktur entstanden an den Einmündungen dreieckige Grundstücke und an den Straßen Baublöcke von großer Tiefe. Sie zu bebauen überließ die Stadt der Privatwirtschaft. Teils übernahmen Terraingesellschaften die Entwicklung ganzer Quartiere. Da die Berliner Bauordnung die Grundstücksausnutzung lange nicht reglementierte, kam es zu einer dichten Bebauung mit Mietshäusern, den berüchtigten Mietskasernen. Städtebau als Sozialreform Die Angst vor Seuchen und Aufständen in den eng besiedelten Groß- und Industriestädten führte im letzten Drittel des 19.  Jahrhunderts dazu, dass Städtebau mehr und mehr als sozialreformerische Aufgabe begriffen wurde. Dass dabei auch ästhetische Aufgaben zu lösen waren, unterstrich Camillo Sitte 1889 mit seinem Buch Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen. Sitte verglich darin, wie das Raumgefüge alter Städte auf die Menschen wirkte. Gustav Theodor Fechner hatte 1876 in seiner Vorschule der Ästhetik nach anthropologischen „Gesetzen des Gefallens“ gesucht und war auf das „Prinzip der einheitlichen Verknüpfung des Mannigfaltigen“ gestoßen. Dieses Prinzip sah Sitte bei gekrümmten Straßen erfüllt. Entschieden wandte er sich gegen die „Motivenarmut und Nüchternheit“ der bisherigen Stadtplanung mit ihren langen, nach barocker Manier auf einzelne Baumonumente zulaufenden Straßenfluchten. Die Stadt München rief nach einem ergebnislosen Städtebauwettbewerb 1893 ein Stadterweiterungsreferat ins Leben. Wilhelm Rettig, Leiter des Stadtbauamts, verschob den Fokus der Planung vom Verkehr auf die Gestaltung von Stadtteilen, in denen sich die Menschen wohl und heimisch fühlen sollten. An die Spitze des neuen Referats berief Rettig Theodor Fischer. Pragmatisch von den geschwungenen alten Wegen, Gemarkungs- und Grundstücksgrenzen ausgehend, führte Fischer eine „elastische“ Straßenführung ein, die im Gegensatz zu einer starr geometrischen Planung tiefe Einschnitte in Besitzverhältnisse vermied. Fischer nahm damit Flurgeschichte und Topografie in die Stadtplanung auf. Um Berliner Verhältnisse mit engen, dunklen Hinterhöfen zu vermeiden, entwickelte er einen gestaffelten Plan mit vier- bis fünfgeschossiger geschlossener Bebauung an den Hauptstraßen, die sich in den Quartieren bis zu einer offenen Bebauung abstufte. Diese Staffelbauordnung trat 1904 in Kraft und galt bis 1979. Straßen verstand Fischer als Räume. Plätze sollten einen geschlossenen Eindruck machen. Ihre Leitbauten, oft waren es Reformschulen, waren so durchgeformt, dass sich aus verschiedenen Richtungen immer neue, spannungsgeladene Ansichten ergaben. Sittes Einfluss auf diesen malerisch genannten Städtebau war unverkennbar. Den Ansatz, den Städtebau auf menschliche Wahrnehmung und Orientierung auszurichten, hat erst der US-amerikanische Forscher Kevin Lynch 1960 weiterverfolgt. Seine Studie The Image of the City trug endgültig zu einer Neuausrichtung der Stadtplanung bei: weg vom abstrakten Funktionalismus und hin zur Berücksichtigung von Stadterleben und örtlichem Kontext. Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 30 – 31 Grüne Siedlungen, Garten- und Trabantenstädte Wohnungsnot und Lebensverhältnisse der Armen in den schnell wachsenden Städten führten Ende des 19. Jahrhunderts zu reformerischen Initiativen. Gemeinnütziges Bauen sollte Alternativen zum kapitalistischen Wohnungsmarkt eröffnen. Seit der Novellierung des Genossenschaftsgesetzes von 1889 wurden verstärkt Wohnungsbaugenossenschaften und Spar- und Bauvereine aktiv. Sie konnten vergünstigte Kredite der Landesversicherungsanstalten in Anspruch nehmen, wenn sie damit „dauernd gesunde und billige Wohnungen“ finanzierten. Alfred Messel entwarf 1897 für den Berliner Spar- und Bauverein gleich mehrere große Wohnhöfe. Die Anlage an der Proskauer Straße wurde 1900 auf der Pariser Weltausstellung ausgezeichnet: Ein Blockrand ohne Seitenflügel umschloss den Hof mit Gemeinschaftsgarten, Spielplatz und einem vierstöckigen Gartenhaus mit Gemeinschaftsraum, Bibliothek und Kindergarten. Die hellen und quer zu lüftenden Wohnungen verfügten über Küche, Speisekammer und eine eigene Toilette, Erker, Balkone und Loggien. Im Erdgeschoss gab es Läden und eine Eckkneipe. Hofhaussiedlungen prägten etliche Stadterweiterungen der 1920er-Jahre. In Köln legte Fritz Schumacher den Entwurf für eine blockweise Bebauung des ehemaligen Festungsgeländes vor. Die Vorgärten und Gartenhöfe waren öffentlich zugänglich. Große Volksgärten mit Sport- und Spielplätzen gehörten ebenfalls zum städtebaulichen Programm. Ausgehend von Ebenezer Howards Schrift Garden Cities of Tomorrow, die 1898 erschien und schnell international Verbreitung fand, propagierte die Lebensreformbewegung neue Siedlungen auf dem Land. Licht, Luft und Sonne sollten die Gesundheit fördern, eine überschaubare Siedlungsgröße das soziale Miteinander. Gute Gestaltung galt als Mittel ästhetischer Erziehung. 1902 wurde die Deutsche Gartenstadtgesellschaft gegründet. Angeregt durch Sittes Bestseller entstanden malerische, der Topografie angepasste, dorfähnliche Kleinhaussiedlungen, deren Gärten die Möglichkeit zur Selbstversorgung boten. In Hellerau bei Dresden ließ der Möbelfabrikant Karl Schmidt ab 1909 eine genossenschaftlich organisierte Gartenstadt bauen – als Gesamtkunstwerk nach einem städtebaulichen Entwurf von Richard Riemerschmid, der kurz zuvor den Deutschen Werkbund mitbegründet hatte. Zur gleichen Zeit entstanden mit der Siedlung Margarethenhöhe in Essen nach Plänen von Georg Metzendorf Werkswohnungen für die Mitarbeitenden des Krupp-Konzerns. Beide Siedlungen waren in der Zeit ihrer Errichtung durch einen Regierungserlass von allen Bauvorschriften befreit. Das Gartenstadtkonzept beeinflusste den modernen Siedlungsbau bis 1930. Die Entwicklungslinie führt zu den mehrheitlich im Geschosswohnungsbau realisierten Berliner Siedlungen der 1920er-Jahre. Nach Weltkrieg, Währungsreform und Einführung der Hauszinssteuer wurde der soziale Wohnungsbau ab 1924 staatlich stark gefördert. Manche Städte hatten sich Grundstücke am Stadtrand gesichert und traten selbst als Bauträgerinnen und Planende auf. In Frankfurt am Main konzipierten Ernst May als Hochbaudezernent und Martin Elsässer als künstlerischer Leiter gemeinsam die neuen, üppig durchgrünten Siedlungen. Typisierung, industrielle Vorfertigung und Funktionalität auf knappem Raum bestimmten das Programm des Neuen Bauens. Wichtige Gestaltungsmittel waren neben Farbakzenten und Eckbetonungen Reihung und Rhythmisierung. Die ausgeprägte Topografie des Nidda-Tals verhalf der Siedlung Baukulturbericht 2026/27 – Die Ausgangslage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 31 – 32 Römerstadt zu einem eigenständigen Ortsbild, während die Siedlung Westhausen mit der immergleichen Abfolge von Hauszeile, Wohnweg und Garten zugunsten des Gleichheitsprinzips auf jegliche Raumbildung verzichtete. Ebenezer Howard hatte seine Gartenstadt als Alternative zur Großstadt gedacht: als wirtschaftlich unabhängige Neugründung für maximal 58.000 Menschen auf dem Land mit einem Kranz kleinerer Gemeinden um ihren Agrargürtel. Der Architekt Raymond Unwin entwickelte daraus das Konzept der Trabantenstadt als kompakte Wohnstadt im Grünen, um das ausufernde Wachstum der Metropolen zu begrenzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente dieses Modell dazu, die schnell wachsende Bevölkerung mit Wohnungen zu versorgen. Dafür arrangierte man auf der grünen Wiese Hochhäuser zu Großsiedlungen. Der Aufwand für Infrastruktur und Erschließung und der spätere Aufwand zur Nachbesserung städtebaulicher Mängel waren immens. Stadtkronen Utopisches Denken durchzog das frühe 20. Jahrhundert. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreichs und der Gründung der Weimarer Republik hofften viele auf eine gesellschaftliche Erneuerung. Der Arbeitsrat für Kunst mit Bruno Taut als Wortführer forderte die Abschaffung staatlicher Baubehörden und das experimentelle Engagement freier Architektinnen und Architekten. Kunst solle „Glück und Leben der Masse“ sein, so ein Flugblatt der Gruppe, zu der auch Walter Gropius und Adolf Behne gehörten. Alle Künste sollten sich „unter den Flügeln einer großen Baukunst“ zusammenschließen. Den Künsten gewidmete, von der Gemeinschaft erbaute Volkshäuser sollten den Gartenstädten sinnstiftende Stadtkronen aufsetzen. Der Arbeitsrat legte 1919 expressionistische Visualisierungen kristalliner, vielfarbiger Lichtarchitekturen vor. Sie blieben Vision. Das von der Akropolis und kirchturmreichen Stadtbildern des Mittelalters geprägte Motiv der Stadtkrone fasziniert Planende bis heute. Fritz Schumacher betonte 1920, aus dem „ruhigen neutralen Grund“ der modernen Städte müssten einzelne, besondere Architekturwerke hervorgehoben werden. Mies van der Rohe sah im aufragenden Ingenieurbau, im Bürohochhaus, den neuen „Zeitwillen“ manifestiert. Die DDR überhöhte ihre Nachkriegsbauleistung mit Bildzeichen wie dem 142 Meter hohen Turm des Universitätshauptgebäudes in Leipzig. Schließlich wandelte sich die Stadtkrone zum abstrakten Kompositionsprinzip städtebaulicher Dominanten und ging in der Skyline auf. Funktionale, aufgelockerte und autogerechte Stadt Die bestehenden Städte böten ein „Bild des Chaos“ und könnten die Bedürfnisse ihrer Bewohner nicht befriedigen, konstatierte der Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) auf seiner IV. Konferenz 1933 und forderte, die Stadt in getrennte Zonen für Wohnen, Arbeiten, Freizeit und Verkehr aufzuteilen, um ein lebenswertes städtisches Umfeld zu schaffen. Die Forderungen des Kongresses, die Le Corbusier überarbeitete und 1943 als Charta von Athen veröffentlichte, zeigten nach dem Krieg lang anhaltende Wirkung. Die funktionale Stadt wurde zum Leitbild des Nachkriegsstädtebaus. Etwa zur selben Zeit entwickelten Stadtplanerinnen und Stadtplaner unter dem Eindruck der Verwüstungen des Luftkrieges an der Deutschen Akademie für Städtebau, Reichs- und Landesplanung das Konzept der gegliederten und aufgelockerten Stadt, das 1957 mit wenigen Korrekturen neu aufgelegt wurde. B24 P2 B11 Baukultur ist Trumpf Bekannte Gebäude und Bauwerke in Deutschland, die der Bevölkerung besonders gut gefallen Quelle: Bevölkerungsbefragung zum Baukulturbericht 2026/27 Die Hamburger Elbphilharmonie und der Kölner Dom liegen auf dem 1. Platz. 2. Platz Bundestag Berlin 3. Platz Schloss Neuschwanstein 4. Platz Frauenkirche Dresden 5. Platz Brandenburger Tor Berlin Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 32 – 33 Daraus ergaben sich die Leitbilder der autogerechten Stadt und der Stadtlandschaft. Fürsprecher des radikalen Neuanfangs waren nicht selten technokratische Planer, die bereits zur NS-Zeit aktiv und dadurch bestens vernetzt waren. In ihrer Ablehnung der Stadt des 19. Jahrhunderts unterschieden sich ihre Stadtkonzepte indes kaum von denen der internationalen Avantgarde. Die DDR startete 1950 mit einem Bekenntnis zur Stadt als der „wirtschaftlichsten und kulturreichsten Siedlungsform für das Gemeinschaftsleben der Menschen“. Das von der Volkskammer abgesegnete Positionspapier Grundsätze des Städtebaus forderte eine Neugestaltung, die dem „politischen Leben“ und dem „nationalen Bewusstsein des Volkes“ Ausdruck geben sollte. Als grundlegende Kompositionselemente der Stadt galten große, zentrale Plätze, Magistralen und durchgrünte Wohnkomplexe. Sichtbar wurde dies in neuen Planstädten, Stadterweiterungen und teilweise auch in überformten alten Stadtzentren. Ort, Identität, Vielfalt Als „Angriff auf die orthodoxe Stadtplanung und Sanierung“ verstand Jane Jacobs ihre viel diskutierte, 1963 ins Deutsche übersetzte Streitschrift Tod und Leben großer amerikanischer Städte. Ihre Feldstudien hatten ergeben, dass die Mannigfaltigkeit der Nutzungen in einer Straße oder in einem Quartier eines der wichtigsten Merkmale vitaler städtischer Räume ist. Mit seinem Buch Die Unwirtlichkeit der Städte brachte der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich 1965 das Versagen der Stadtplanung auf den Punkt. Die Entmischung verhindere eine Bindung der Menschen an die neuen Städte. Die Monotonie der Wohngebiete lasse niemand heimisch werden. Dafür brauche es „Markierungen der Identität eines Ortes“. Ende der 1960er-Jahre formierte sich Widerstand gegen den Abriss preiswerter Wohnungen in Gründerzeitquartieren zugunsten sogenannter City- Erweiterungen wie im Frankfurter Westend. Das Europäische Denkmalschutzjahr griff 1975 den Protest auf. Es ging nicht mehr um einzelne Bauwerke, sondern um Fülle und Vielfalt der Lebensbereiche. Damit begann die Ära von Ensembleschutz und städtebaulicher Denkmalpflege. In West-Berlin kulminierte die Wende von der Flächensanierung zur Stadtreparatur in der vom Bausenator Harry Ristock 1975 herausgegebenen Schrift Historische Stadtgestalt und Stadterneuerung, die eine Weiterentwicklung der Kieze in Aussicht stellte. Für die Internationale Bauausstellung (IBA) 1984/87 in West-Berlin entwickelte Hardt- Waltherr Hämer Strategien, um die „Kreuzberger Mischung“ zu erhalten. Die „behutsame Stadterneuerung“ setze unter anderem auf partizipative Formate und Selbsthilfeprojekte. Die Gruppe Oekotop stellte ein Modell für den ökologischen Umbau des Kiezes vor. Gleichzeitig schlug die IBA-Neubau unter Leitung von Josef Paul Kleihues den Weg der kritischen Rekonstruktion ein: Die Neubebauung kriegszerstörter Quartiere sollte dem alten Stadtgrundriss, dem Maßstab der Gründerzeitbebauung und ihren Typologien folgen. Auch in der DDR kam es seit den 1970er-Jahren zu Reformdiskursen, die Bestandserhalt, Durchmischung und Stadtreparatur in den Blick nahmen. In der Bundesrepublik unterstützten die Programme der Städtebauförderung von Bund und Ländern die Weiterentwicklung und den Umbau von Städten und Gemeinden. Das Programm „Städtebaulicher Denkmalschutz“ zielte nach der Wiedervereinigung darauf ab, die lange vernachlässigten bau- und kulturgeschichtlich wertvollen Stadtkerne und Quartiere in ihrer Eigenheit und Baukulturbericht 2026/27 – Die Ausgangslage Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 33 – 34 Baukultur eröffnet Spielräume Wohnhäuser am Fraenkelufer in Berlin – Qualität jenseits des Mainstreams von Hardt-Waltherr Hämer. Das Projekt zeigte den Umbruch von der brachialen Flächensanierung zur behutsamen Stadterneuerung, die die Menschen an der Planung beteiligte. Im Block 70 sollten Kriegslücken geschlossen, die Altbauten modernisiert und der bereits entkernte Innenhof gärtnerisch gestaltet werden. Die Vertretung der Anwohner und Anwohnerinnen, die in den Entscheidungsprozess des Gutachterverfahrens eingebunden war, votierte für den Entwurf der Ballers und gab damit den Ausschlag für die Beauftragung. Der von den ersten Mieterinnen und Mietern mitgestaltete Innenhof hat sich im Lauf der Jahrzehnte zu einem üppigen Garten entwickelt. An seinen schmalen Wegen liegen Spielplätze und verschwiegene Sitzgruppen. Alle Wohnungen profitieren von dieser angenehm kühlen Oase und bereichern sie durch Kübelpflanzen auf Terrassen und Balkonen, von denen einige ganze Stockwerke hoch ranken. Von den unteren Etagen der Häuserzeile an der Brandmauer führen Außentreppen direkt in den Garten. Stellflächen für Autos sind dagegen geschickt unter dem auskragenden Hochparterre versteckt. Die Mietwohnungen am Kreuzberger Fraenkelufer sind noch immer begehrt. Wer einmal eingezogen ist, bleibt in der Regel. Die Häuser, die vor 40 Jahren im engen Kostenrahmen des sozialen Wohnungsbaus entstanden, bieten ihren Bewohnerinnen und Bewohnern bis heute reichlich Möglichkeiten sich zu entfalten. Die eigenwillige Formensprache von Inken und Hinrich Baller balanciert fröhlich zwischen Tradition und Innovation. Ein verglaster Turmerker am Eckhaus, schräge Stützen an Hofeinfahrten und Durchgängen, Fassaden, die vor und zurück schwingen, weit auskragende, nach oben gewölbte Balkone mit filigranen Brüstungen, große Fensterfronten, Wintergärten, spitzbogige Dachgauben: Die Anleihen bei Berliner Altbauten sind deutlich zu erkennen. Die Häuser am Landwehrkanal beleben bis heute die Nachbarschaft und sind zu einer bekannten Adresse im Kiez geworden. Das Eckhaus an der Admiralbrücke, die beiden Torhäuser am Kanal und die Häuserzeile vor einer Brandmauer im Hof waren ein Projekt der IBA 1987, genauer: der IBA-Alt unter Leitung Drucksache 21/6220 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode– 34 – Das Architektenpaar verzichtete auf große Erschließungsräume, um Wohnfläche zu gewinnen. Die Treppenhäuser sind knapp bemessen, wirken aber durch gekrümmte Wände und Deckenausschnitte, das einfallende Licht und wechselnde Materialien und Farben überall interessant. Auch in den Wohnungen gibt es keine Flure. Dafür gehen die Räume ineinander über. Die Wohnlandschaften liegen oft auf mehreren Ebenen und Galerien. Flügeltüren erlauben es, die Räume wie in einem Altbau flexibel zu nutzen. Die Vielfalt der Wohnungszuschnitte überrascht. Die Küche ist Teil des Wohnraums und liegt zum Garten hin. Statt rechter Winkel gibt es immer wieder bauchige oder zurücktretende Wände, die den Bewohnerinnen und Bewohnern kreative Antworten abverlangen. Wohnen ist hier weniger ein Unterkommen, als ein sehr persönlicher Lebensentwurf. Dass das Architektenpaar dennoch im Rahmen der angesetzten Kostenmiete blieb, lag daran, dass tragende Wände fast nur zwischen den Wohnungen und zum Treppenhaus hin gebaut wurden. Seriell hergestellte Bauelemente führten gespiegelt und leicht gedreht zu ästhetischer Varianz. Wie die ornamentalen, zur Stabilisierung gebogenen Geländer und Balkongitter ist diese Varianz kein Luxus, sondern Zeichen einer sozial ausgerichteten Planung. In der aktuellen Wohnungskrise entdecken vor allem jüngere Architektinnen und Architekten die Häuser am Fraenkelufer neu. Die große Frage ist: Lässt sich das Modell reaktivieren? Die Voraussetzungen sind heute andere als in den 1970er- und 1980er-Jahren. Damals machten die Bodenpreise nicht den Löwenteil der Baukosten aus, der Wohnungsbau in Berlin wurde durch hohe Abschreibungen staatlich gefördert, und die um eine sozialverträgliche Belebung der Altstadtquartiere bemühte IBA-Alt lieferte den Impuls, experimentell aus dem gewohnten Raster auszubrechen. Ort: Berlin Bauherrin: GSW Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Planung: Inken Baller und Hinrich Baller, Berlin Planungs- und Bauzeit: 1980–1984 Größe: 8.300 m2 Wohnfläche Kosten: im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus Mehr Informationen im Projektsteckbrief im Anhang auf S. 151 Fakten BAUKULTUR AUF EINEN BLICK • individuelle Gestaltung trotz engem Kostenrahmen • Weiterentwicklung vorhandener Strukturen in neuer Formensprache • Bauausstellung als Impulsgeber Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/6220– 35 – 36 Geschlossenheit zu erhalten und wiederzubeleben. Das Programm „Stadtumbau“ wurde aufgelegt, um ab 2002 in den ostdeutschen und ab 2004 in den westdeutschen Bundesländern Innenstädte zu stärken, Brachen zu revitalisieren, Lücken in der Stadtstruktur zu vermeiden und das Wohnungsangebot an die Nachfrage anzupassen. Bei der Neustrukturierung der Städtebauförderung flossen 2020 diese Ziele in die aktuellen Programme „Lebendige Zentren“, „Sozialer Zusammenhalt“ und „Wachstum und nachhaltige Erneuerung“ ein: Mit unterschiedlichen Schwerpunkten unterstützen sie Städte und Gemeinden dabei, städtebaulich angemessene Antworten auf Strukturveränderungen zu geben. In Großstädten sind das Fehlen bezahlbarer Wohnungen und auch Geschäftsaufgaben in den Zentren die Hauptprobleme. Mittlere und kleine Städte dagegen sind vor allem in ländlichen Gebieten mit wachsendem Leerstand in Geschäftslagen wie Wohnquartieren konfrontiert. Seit Jahren stehen außerdem Nachhaltigkeitsstrategien und die Anpassung an den Klimawandel im Fokus des Stadtumbaus. Europaweit herrscht Konsens, dass die Städte ihrer Rolle als Impulsgeberinnen gesellschaftlichen Fortschritts und wirtschaftlichen Wachstums auf Dauer nur gerecht werden können, „wenn es gelingt, die soziale Balance innerhalb und zwischen den Städten aufrecht zu erhalten, ihre kulturelle Vielfalt zu ermöglichen und eine hohe gestalterische, bauliche und Umweltqualität zu schaffen.“ So steht es in der Leipzig-Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt, die 27 für Stadtentwicklung zuständige Ministerinnen und Minister der EU- Mitgliedstaaten 2007 verabschiedeten. Als nachhaltig gelten kompakte Siedlungsstrukturen und die Mischung von Wohnen, Arbeiten, Bildung, Freizeit und Versorgung. Besonderes Augenmerk richtete die Charta auf die Entwicklung benachteiligter Quartiere. Um das Gemeinwesen zu stärken, empfahl sie, in der Stadtentwicklung integrative und partizipative Ansätze zu forcieren. Als Reaktion initiierten Bund, Länder und kommunale Spitzenverbände noch im selben Jahr eine Nationale Stadtentwicklungspolitik. Ihr Ziel war es, deutschlandweit eine integrierte, nachhaltige Stadtentwicklung zu stärken. Coronapandemie, Klimawandel und gesellschaftliche wie wirtschaftliche Umbrüche brachten die EU-Staaten bereits 2020 dazu, die Charta mit neuer Gewichtung fortzuschreiben. Schon der Untertitel der Neuen Leipzig-Charta unterstreicht die Gemeinwohlorientierung als Grundlage guter Stadtentwicklung. Die Transformation soll zu gerechten, grünen, weiterhin produktiven und damit resilienten Städten führen. Damit das gelingt, braucht es eine umfassende Baukultur. Manifeste und Leitlinien Kosmos, menschliches Maß und Harmonie Kaum eine Architekturtheorie hat eine so anhaltende Resonanz erfahren wie die zehn Bücher des römischen Militärtechnikers Vitruv (Marcus Vitruvius Pollio). Um 30 v. Chr. verfasst, ist De architectura libri decem das einzige aus der Antike überlieferte Grundlagenwerk für Architekturschaffende. In mittelalterlichen Handschriften fragmentarisch tradiert, erschien die erste gedruckte Ausgabe 1486 in Rom, die erste illustrierte 1511 in Venedig und 1548 die erste und lange Zeit einzige deutsche Übersetzung in Nürnberg. Unzählige Kommentare und Interpretationen des schwer verständlichen Textes folgten. Grundlage jeder Architektur, so Vitruv, seien Festigkeit (firmitas), Zweckmäßigkeit (utilitas) und Anmut (venustas). Diese Qualitäten galt es beim Planen und Bauen gleichwertig zu berücksichtigen. Gute Gestaltung beruhe auf einer grundlegenden Maßordnung (ordinario), einem klaren Layout (dispositio) und dem Befolgen mathematisch definierter Harmoniegesetze (symmetria). Alle Teile eines Bauwerks sollten zueinander und zum Ganzen in einem wohlgeordneten Verhältnis stehen, dem ein modulus – eine berechnete Grundeinheit – zugrunde liege. Um die Naturgesetzlichkeit der Proportionen zu beweisen, vermaß Vitruv einen Menschen vom Scheitel bis zur Sohle und errechnete ganzzahlige Verhältnisse der einzelnen Körperteile zur Gesamtgröße. Nach der Lehre des griechischen Philosophen und Mathematikers Pythagoras durchwirkten solche Ganzzahlenverhältnisse den Kosmos und die Natur. Den geometrischen Beweis für eine höhere (göttliche) Ordnung führte Vitruv, indem er seinen vermessenen Menschen mit ausgestreckten Armen und gespreizten Beinen mit einem Quadrat und einem Kreis umschrieb, deren Mittelpunkt der Nabel bildete. Diese Figur des vitruvianischen Menschen im Zentrum des Kosmos wurde zum Idealbild des Humanismus und in der zeichnerischen Umsetzung da Vincis zum Sinnbild der Renaissance. Die erste umfassende, auf Vitruv fußende, aber eigenständige Architekturtheorie der Neuzeit schrieb 1452 der Humanist Leon Battista Alberti mit De re aedificatoria. Alberti, mit den Gelehrten seiner Zeit in engem Gedankenaustausch, verband die Proportionslehre mit der musikalischen Harmonielehre, die ebenfalls auf Pythagoras zurückging. Die Intervalle wohlklingender Akkorde würden auch in der Geometrie von Gebäuden als harmonisch wahrgenommen und empfunden. Aus der Musik sollten Architekturschaffende „das ganze Gesetz der Beziehungen“ ableiten. Schönheit definierte Alberti entsprechend als „Zusammenklang der Teile zu einem Ganzen, das nach einer bestimmten Zahl, einer besonderen Beziehung und Anordnung ausgeführt wurde, wie es das Ebenmaß, das heißt das vollkommenste und oberste Naturgesetz fordert“. Anders gesagt: Es ging um Ordnung und Beziehung. Nach welchen aus der Harmonielehre abgeleiteten Proportionsgesetzen Alberti und weitaus komplexer Andrea Palladio gebaut haben, hat der Kunsthistoriker Rudolf Wittkower 1949 in seinen Grundlagen der Architektur im Zeitalter des Humanismus dargelegt. Dieses Werk beeinflusste wieder neue Generationen von Architektinnen und Architekten. Die naturgesetzliche Proportions- und Harmonielehre blieb für die Architekturtheorien bis ins 18. Jahrhundert zentral und verfestigte sich zu einer normativen Architekturästhetik. Die Vorstellung, dass Architektur prinzipiell an einen menschlichen Maßstab gebunden ist, ging nicht verloren. Im Rückgriff auf Vitruv und Alberti, vertraut mit den Tempeln der griechischen Antike und den Villen Palladios, entwickelte der schweizerische Künstler und Architekt Le Corbusier während des Zweiten Weltkriegs den Modulor: ein anwendungsorientiertes anthropometrisches Proportionssystem. Das System unterteilt die Körpergröße eines erwachsenen Mannes von 1,839 Metern analog zur Anatomie in Längenabschnitte, deren Proportionen dem Goldenen Schnitt folgen. Diese Formel, eine Strecke zu teilen, war seit der griechischen Antike bekannt und faszinierte Mathematiker, Philosophen, Theologen, Mystiker und Kunstsc

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