Berichte über digitale Überwachung und mögliche Menschenrechtsverletzungen in Argentinien
Text
Berichte über digitale Überwachung und mögliche Menschenrechtsverletzungen in Argentinien
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5137
21. Wahlperiode 01.04.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Vinzenz Glaser, Desiree Becker, Doris Achelwilm, Gökay
Akbulut, Janina Böttger, Anne-Mieke Bremer, Maik Brückner, Agnes Conrad,
Mirze Edis, Katrin Fey, Ates Gürpinar, Jan Köstering, Stella Merendino, Charlotte
Antonia Neuhäuser, Cansu Özdemir, Lea Reisner, Zada Salihović, Ulrich Thoden,
Aaron Valent, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Berichte über digitale Überwachung und mögliche Menschenrechtsverletzungen
in Argentinien
Seit Dezember 2023 ist der ultra-neoliberale Javier Milei von der Partei La
Libertad Avanza (LLA) Präsident von Argentinien. Javier Milei hat seit
Amtsantritt diverse Dekrete und Resolutionen erlassen, die zivilgesellschaftliches
Engagement einschränken und schwächen. Beispielsweise sorgte die am
14. Dezember 2023 erlassene Resolution 943/2023 (www.boletinoficial.gob.ar/
detalleAviso/primera/300917/20231215) für eine deutliche Einschränkung von
Straßenprotesten und wurde Ende 2025 vor dem argentinischen
Bundesverwaltungsgericht Nr. 11 in erster Instanz für verfassungswidrig erklärt (www.cels.or
g.ar/web/2025/12/el-protocolo-antiprotesta-fue-declarado-nulo/, www.cba24
n.com.ar/argentina/el-protocolo-antipiquetes-seguira-vigente-tras-el-recurso-qu
e-presento-el-gobierno_a695426e721287746617213d9).
Amnistía Internacional Argentina, die argentinische Sektion von Amnesty
International, dokumentierte 2024 einen gravierenden Einsatz von staatlicher
Gewalt gegen friedliche Proteste und die Kriminalisierung von Protestierenden
im Anschluss an das Inkrafttreten der Resolution 943/2023. Etwa 50
Pressevertreterinnen und Pressevertreter wurden bei ihrer Dokumentation der Proteste
durch staatliche Sicherheitskräfte verletzt. Die Polizeigewalt unter Javier Milei
betrifft auch Rentnerinnen und Rentner und Kinder (https://amnistia.org.ar/wp-
content/uploads/delightful-downloads/2024/12/Un-a%C3 ProzentB1o-de-prote
stas-2024.pdf). Die Menschenrechtsorganisation „Koordinationsstelle gegen
polizeiliche und institutionelle Repression“ (Coordinadora Contra la Represión
Policial e Institucional – CORREPI) zählt bis Dezember 2025 insgesamt mehr
als 1 000 Tote und 1 500 Verletzte in den zwei Jahren der Regierung Milei
durch staatliche Gewalt (www.correpi.org/2025/24-anos-de-uno-de-los-
hechosde-resistencia-popular/). Ende 2025 äußerte sich der UN-Ausschuss (UN =
United Nations) gegen Folter (CAT) besorgt über die Entwicklung der
Anwendung staatlicher Gewalt und forderte die Überarbeitung verschiedener
Resolutionen, um Rechts- und Verwaltungsvorschriften über die Anwendung von
staatlicher Gewalt in Einklang mit internationalen Normen zu bringen (https://cnpt.
gob.ar/2025/11/28/el-comite-contra-la-tortura-de-naciones-unidas-publico-las-o
bservaciones-finales-sobre-el-septimo-informe-periodico-de-la-argentina/ &
https://cnpt.gob.ar/2022/wp-content/uploads/2025/12/CAT_C_ARG_CO_7_67
684_S.pdf).
Neben dem zunehmenden Einsatz staatlicher Gewalt treibt die Regierung von
Präsident Javier Milei auch die digitale Überwachung voran. Medien berichten
über Überwachung von sozialen Medien, Gesichtserkennung im öffentlichen
Raum und einer neuen KI-Einheit (KI = Künstliche Intelligenz) bei der Polizei.
Das Vorgehen weckt bei einigen Organisationen, die sich für die Wahrung der
Menschenrechte im digitalen Raum einsetzen, Erinnerungen an die
Überwachung zu Zeiten der letzten Militärdiktatur (https://netzpolitik.org/2026/argenti
nien-per-dekret-in-die-dunkle-vergangenheit/).
Laut „SurveillanceWatch“ operieren Anfang 2026 bereits 25 internationale
Unternehmen in Argentinien, die Überwachung und Analyse betreiben, darunter
die europäischen Unternehmen Thales und Idemia (www.surveillancewatch.io/t
argets?country=argentina). Die EU fördert mit dem EUROFRONT-Programm
biometrische Überwachungssysteme an den Grenzen Lateinamerikas, unter
anderem auch zwischen Argentinien und Bolivien, Brasilien und Paraguay
(https://programaeurofront.eu/en/page/que-es-eurofront). In der EU‑LAC
Digital Allianz forciert die EU seit 2023 die Kooperation mit Lateinamerika und der
Karibik unter anderem zu IT-Sicherheit und KI (https://international-partnershi
ps.ec.europa.eu/policies/global-gateway/eu-latin-america-and-caribbean-digita
l-alliance_en). Das MERCOSUR-Abkommen beinhaltet auch den Handel mit
digitalen Produkten und Dienstleistungen und ermöglicht neue Standards für
digitalen Handel (www.ad-hoc-news.de/boerse/news/ueberblick/eu-mercosur-a
bkommen-setzt-neue-standards-fuer-digitalen-handel/68500934).
Die „Digitale Allianz EU-Lateinamerika/Karibik“ (ECLAC, spanisch: CEPAL)
und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und
Entwicklung (BMZ) sowie die Deutsche Gesellschaft für Internationale
Zusammenarbeit (GIZ) GmbH kooperieren seit 1980 (www.cepal.org/es/cooperacion-cepa
l-alemania/acerca) aktuell in dem Projekt „MinJust“ für nachhaltigen Bergbau
(www.cepal.org/es/proyectos/mineria-sustentable-transformacion-justa-minjust
in Verbindung mit www.cepal.org/es/notas/la-cepal-realiza-curso-virtual-regim
enes-fiscales-la-mineria-litio-la-mesa-litio-argentina). Argentinien wird auf der
Webseite des BMZ aktuell jedoch nicht als Partnerland genannt (www.bmz.de/
de/laender#anc=Suche).
Im sogenannten Länder-Dreieck von Chile, Bolivien und Argentinien befinden
sich die größten Lithium-Reserven der Welt, an denen auch die EU und
Deutschland für den technologischen Fortschritt interessiert sind. Deutsche
Unternehmen beteiligen sich bereits am Lithium-Abbau in Argentinien und ein
Unternehmen des Bundes betreibt dort sogar das in Deutschland verbotene
Fracking (https://taz.de/Milliardenvertrag-fuer-Fluessigerdgas/!6135225/).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Welche Bedeutung misst die Bundesregierung Argentinien als
Wirtschaftspartner zu, und für welche Sektoren bemisst die Bundesregierung
diese Bedeutung?
2. Welche eigenen Erkenntnisse sowie Erkenntnisse aus Berichten
internationaler Organisationen (insbesondere der Vereinten Nationen und der
Europäischen Union) und Nichtregierungsorganisationen liegen der
Bundesregierung zu möglichen Menschenrechtsverletzungen in Argentinien seit
Amtsantritt von Präsident Javier Milei vor, wie bewertet sie vor diesem
Hintergrund die Entwicklung von Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung
und dem Schutz der Menschenrechte (insbesondere im Hinblick auf
mögliche Fortschritte oder Rückschritte), in welcher Weise hat die
Bundesregierung entsprechende Themen gegenüber der argentinischen Regierung
thematisiert oder beabsichtigt sie zu thematisieren, und wenn dies nicht
erfolgt ist, aus welchen Gründen nicht?
3. Sofern Frage 2 bejaht wurde, sind staatliche Menschenrechtsverletzungen
für die Bundesregierung ein Anlass, wirtschaftliche Beziehungen zu
Argentinien zu überdenken, wenn ja, welche Sektoren sind betroffen, und
wenn nein, warum nicht?
4. Welche Bundesministerien oder nachgelagerten Behörden pflegen in der
aktuellen Wahlperiode welche Beziehungen zu staatlichen Stellen in
Argentinien (bitte nach Bundesministerium bzw. Behörde in Deutschland
und staatlicher Stelle in Argentinien sowie Zweck der Beziehung
auflisten)?
5. Welche Bundesministerien oder nachgelagerten Behörden haben sich in
dieser Wahlperiode an Trainings-, Schulungs- oder
Ausbildungsmaßnahmen für staatliche Stellen in Argentinien beteiligt (bitte nach
Bundesministerium bzw. Behörde in Deutschland und staatlicher Stelle in
Argentinien sowie Thema der Trainings-, Schulungs- oder
Ausbildungsmaßnahme auflisten)?
6. Welche deutschen Unternehmen mit staatlicher Förderung oder
Bundesbeteiligung pflegen im Zeitraum von Dezember 2023 bis heute welche
Beziehungen zu staatlichen Stellen in Argentinien (bitte nach Unternehmen,
Art und Höhe der Förderung oder Art der Beteiligung, staatlicher Stelle in
Argentinien, Jahr und Zweck der Beziehung auflisten)?
7. Hat die Bundesregierung Kenntnisse darüber, ob deutsche Unternehmen
im Zeitraum von Dezember 2023 bis heute staatliche Stellen in
Argentinien mit Überwachungssoftware oder Überwachungshardware ausstatten,
und wenn ja, welche Unternehmen mit öffentlicher Förderung oder
Bundesbeteiligung sind darunter (bitte nach Unternehmen, Art und Höhe der
Förderung oder Art der Beteiligung, empfangender staatlicher Stelle in
Argentinien, Jahr und Name der Überwachungssoftware oder
Überwachungshardware auflisten)?
8. In welcher Art und Weise beteiligt sich die Bundesregierung am EU-
Förderprogramm EUROFRONT?
a) Beteiligt sich die Bundesregierung oder beteiligen sich nachgelagerte
Behörden an der EU-Förderung oder Bereitstellung von Hard- und
bzw. oder Software für Grenzüberwachungssysteme in Argentinien,
und wenn ja, bitte nach Bundesministerium bzw. Behörde, Höhe der
Förderung, Name der Hard- bzw. Software und staatlicher
Empfängerstelle in Argentinien auflisten?
b) Beteiligt sich die Bundesregierung oder beteiligen sich nachgelagerte
Behörden an der Aus-, Fort- und bzw. oder Weiterbildung von
Angehörigen staatlicher Stellen in Argentinien zum Thema
Grenzüberwachung, und wenn ja, bitte nach Bundesministerium bzw. Behörde,
Thema der Bildungsmaßnahme, Zeitpunkt der Bildungsmaßnahme
und teilnehmender staatlicher Stelle in Argentinien auflisten?
c) Was ist der Bundesregierung bekannt zur Anwendung von Software
zur KI-gestützten Analyse von Behördendatensätze in Argentinien,
zum Ausmaß der Anwendung automatisierter biometrischer
Fernidentifizierung im öffentlichen Raum sowie zu der menschenrechtlichen
Gefahr der möglichen Kombination beider Informationsquellen
aufgrund der Beschaffung von Software für beide Szenarien durch eine
Behörde, und welche Konsequenzen mit Blick auf die
Geschäftstätigkeit mit Argentinien zieht die Bundesregierung gegebenenfalls daraus?
9. In welcher Form und an welchen Projekten beteiligt sich die
Bundesregierung oder beteiligen sich nachgelagerte Behörden in dieser Wahlperiode
an der EU‑LAC Digital Allianz (bitte nach Projekt, Art der Beteiligung,
Fördervolumen und Zeitraum auflisten)?
10. Für welche digitalen Produkte oder Dienstleistungen sieht die
Bundesregierung Handelspotenzial zwischen Deutschland und Argentinien unter
dem MERCOSUR-Abkommen?
11. Für welche sicherheitsrelevanten Produkte oder Dienstleistungen sieht die
Bundesregierung Handelspotenzial zwischen Deutschland und
Argentinien unter dem MERCOSUR-Abkommen?
12. Für welche Rohstoffe sieht die Bundesregierung Handelspotenzial
zwischen Deutschland und Argentinien unter dem MERCOSUR-Abkommen?
13. Welche deutschen Unternehmen mit staatlicher Förderung oder
Bundesbeteiligung betreiben seit Dezember 2023 Rohstoffhandel mit Argentinien,
und welche Rohstoffe werden gehandelt (bitte nach Unternehmen, Höhe
der Förderung oder Art der Beteiligung, Rohstoff und Handelsvolumen
auflisten)?
14. Welche Ziele verfolgt das Bundesministerium für wirtschaftliche
Zusammenarbeit und Entwicklung mit der Teilnahme am Projekt „MinJust“?
a) Teilt die Bundesregierung die Positionen zum Klimaschutz der
argentinischen Regierung von Javier Milei?
b) Sind der Bundesregierung mögliche Menschenrechtsverletzungen
während der Proteste gegen das Projekt PSJ Cobre Mendocino San
Jorge in Mendoza im Herbst und Winter 2025 bekannt, wenn ja,
welche?
c) Hat die Bundesregierung Kenntnisse über Auswirkungen der
Gesetzesnovelle des „Ley Glaciares“ auf die Verteilung von
Wasserressourcen auf Bergbauunternehmen und Natur, und wenn ja, welche?
d) Überdenkt das BMZ vor dem Hintergrund möglicher
Menschenrechtsverletzungen in Mendoza, der staatlichen Repressionen gegen Proteste
und der Aufweichung des Klimaschutzes der Regierung Milei die
Kooperation im Projekt „MinJust“, und wenn nein, warum nicht?
15. Hat die Bundesregierung Kenntnisse darüber, ob deutsche Unternehmen
seit Dezember 2023 sogenannte Clickwork in Argentinien beauftragen
oder durchführen lassen, und wenn ja, welche deutschen Unternehmen mit
öffentlicher Förderung oder Bundesbeteiligung sind darunter?
16. Plant die Bundesregierung Maßnahmen zur Förderung deutscher
Unternehmen, um die Beauftragung oder Durchführung von „Clickwork“ in
Argentinien attraktiver zu machen, und wenn ja, welche?
17. Hat die Bundesregierung Kenntnisse darüber, ob deutsche Unternehmen
seit Dezember 2023 in Argentinien Rechenzentren gebaut haben oder
betreiben, und wenn ja, welche deutschen Unternehmen mit öffentlicher
Förderung oder Bundesbeteiligung sind darunter?
18. Plant die Bundesregierung Maßnahmen zur Förderung deutscher
Unternehmen, um den Bau von Rechenzentren in Argentinien attraktiver zu
machen, und wenn ja, welche?
19. Welche Forschungsvorhaben mit Bezug zu Argentinien fördert die
Bundesregierung in der aktuellen Wahlperiode (bitte nach Bundesministerium,
Titel der Förderrichtlinie sowie Dauer und Höhe der Fördermittel
auflisten)?
20. Warum nennt das BMZ Argentinien nicht als Partnerland auf der
deutschen Webseite des Bundesministeriums, obwohl aktuelle Partnerschaften
bestehen?
21. Welche Kenntnisse hat die Bundesregierung über die aktuelle
Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und prekäre Beschäftigung in Argentinien,
und welche Folgen sieht sie für deutsche Unternehmen mit
Tochtergesellschaften oder Projekten in Argentinien?
22. Liegen der Bundesregierung eigene oder fremde Einschätzungen
hinsichtlich der im Februar 2026 verabschiedeten „Arbeitsmodernisierung“
Argentiniens vor, insbesondere mit Blick auf Arbeitnehmerrechte,
Gewerkschaften und soziale Standards, und sieht sie hier mögliche Risiken für
deutsche Unternehmen, die lokal tätig sind oder Lieferketten betreiben?
Berlin, den 16. März 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
Relationen
- asked ← Aaron Valent (Kleine Anfrage)
- asked ← Agnes Conrad (Kleine Anfrage)
- asked ← Anne-Mieke Bremer (Kleine Anfrage)
- asked ← Ates Gürpinar (Kleine Anfrage)
- asked ← Cansu Özdemir (Kleine Anfrage)
- asked ← Charlotte Antonia Neuhäuser (Kleine Anfrage)
- asked ← Christin Willnat (Kleine Anfrage)
- asked ← Desiree Becker (Kleine Anfrage)
- asked ← Donata Vogtschmidt (Kleine Anfrage)
- asked ← Doris Achelwilm (Kleine Anfrage)
- asked ← Gökay Akbulut (Kleine Anfrage)
- asked ← Janina Böttger (Kleine Anfrage)
- asked ← Jan Krampe (Kleine Anfrage)
- asked ← Katrin Fey (Kleine Anfrage)
- asked ← Lea Reisner (Kleine Anfrage)
- asked ← Maik Brückner (Kleine Anfrage)
- asked ← Mirze Edis (Kleine Anfrage)
- asked ← Stella Merendino (Kleine Anfrage)
- asked ← Ulrich Thoden (Kleine Anfrage)
- asked ← Vinzenz Glaser (Kleine Anfrage)
- asked ← Zada Salihovic (Kleine Anfrage)
- authored ← Desiree Becker
- authored ← Fraktion DIE LINKE
- authored ← Vinzenz Glaser
- part_of_vorgang → Berichte über digitale Überwachung und mögliche Menschenrechtsverletzungen in Argentinien (Kleine Anfrage)