Die Freiheit der Ukraine und Europas Sicherheit gegen Gewalt und Terror verteidigen
Text
Die Freiheit der Ukraine und Europas Sicherheit gegen Gewalt und Terror verteidigen
Deutscher Bundestag Drucksache 21/4270
21. Wahlperiode 24.02.2026
Antrag
der Abgeordneten Agnieszka Brugger, Robin Wagener, Dr. Konstantin
von Notz, Sara Nanni, Deborah Düring, Claudia Roth, Chantal Kopf, Max
Lucks, Dr. Sebastian Schäfer, Katrin Göring-Eckardt, Dr. Anton Hofreiter,
Boris Mijatovic, Jamila Schäfer, Lukas Benner, Schahina Gambir, Julian
Joswig, Michael Kellner, Dr. Irene Mihalic, Claudia Müller, Karoline Otte,
Marlene Schönberger, Katrin Uhlig und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Die Freiheit der Ukraine und Europas Sicherheit gegen Gewalt und Terror
verteidigen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Der Grundsatz, dass Grenzen nicht mit Gewalt verschoben werden, sowie das
gemeinsame Bekenntnis zu friedlicher Kooperation und Achtung staatlicher Souveränität
gehören zu den zentralen Errungenschaften Europas und der Vereinten Nationen nach
einer langen und blutigen Geschichte unseres Kontinents. Diese europäische
Friedensordnung wird heute durch das Handeln des russischen Machthabers Wladimir Putin
fundamental attackiert. Dabei propagiert das russische Regime eine
nationalistischimperialistische Ideologie, destabilisiert und attackiert demokratische Staaten und will
das Recht des Skrupelloseren und Brutaleren durchsetzen. Mit dem
völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine mit all seinen systematischen, großflächigen
und schwersten Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, aber
auch mit Cyberangriffen, Sabotage und gezielten Angriffen auf die europäischen
Demokratien, richtet sich Russland gegen Frieden, Freiheit und Sicherheit in ganz
Europa.
Russland zielt mit seinem Krieg auch gegen die von der großen Mehrheit der
Ukrainerinnen und Ukrainer gewünschte erfolgreiche Integration der Ukraine in die
Europäische Union (https://www.dezim-institut.de/aktuelles/umfrage-unter-ukrainerinnen-
grosse-mehrheit-fuer-eu-beitritt/). Putin fürchtet eine wirtschaftlich und politisch
prosperierende Ukraine in seiner Nachbarschaft, weil dies auch die Missstände seiner
Politik in Russland offenbaren würde. Das russische Regime betrachtet Demokratie,
Rechtsstaatlichkeit und gesellschaftliche Freiheit als Bedrohung seiner diktatorischen
Herrschaft. Seit der demokratischen Revolution der Würde in der Ukraine 2013/2014
geht Russland mit militärischer Gewalt gegen sein Nachbarland vor und hat diesen
Angriff 2022 auf das gesamte ukrainische Staatsgebiet ausgeweitet. Der brutale
Vernichtungskrieg gegen die Ukraine ist für das russische Regime dabei nur ein
Schauplatz einer umfassenden Auseinandersetzung, in der sich der diktatorische Herrscher
im Kreml mit dem demokratischen Europa wähnt. Dass Russland bereit ist, für die
Durchsetzung seiner autoritär-imperialen Großmachtfantasien gewaltsam die
territoriale Integrität und Souveränität benachbarter Staaten zu verletzen, zeigte sich dabei
bereits 2008 mit dem Krieg gegen Georgien. Zu oft hat Russland die Erfahrung gemacht,
dass sich die internationale Staatengemeinschaft seinen Völkerrechtsbrüchen nicht mit
aller Kraft entgegenstellt.
Die Ukrainerinnen und Ukrainer verteidigen ihre Existenz, Freiheit und Demokratie
sowie ihren Willen zur Europäischen Integration seit mehr als 12 Jahren mit
außergewöhnlichem Mut, großer Tapferkeit und beeindruckendem Durchhaltewillen.
Russland dagegen setzt weiter gezielt und mit brachialer Härte auf Terror gegen die
Zivilbevölkerung. Die brutale Gewalt des russischen Angriffskrieges hat Millionen von
Ukrainerinnen und Ukrainern aus ihrer Heimat vertrieben. In den von Russland besetzten
Gebieten sind willkürliche Tötungen, sexualisierte Gewalt, Folter, Unterdrückung, das
Verschwindenlassen von Menschen und Selbstbereicherung der Besatzungsmacht
schrecklicher Alltag. Knapp 20.000 ukrainische Kinder wurden nach Russland und
Belarus deportiert, ihren Familien entrissen, aus Kindereinrichtungen, Waisenhäusern
und Schulen verschleppt, in russischen Umerziehungslagern einer Gehirnwäsche
unterzogen und teils in Russland zur Adoption frei gegeben. Der Internationale
Strafgerichtshof erließ am 17.03.2023 in diesem Zusammenhang Haftbefehle gegen Wladimir
Putin und Maria Lwowa-Belowa, russische Präsidialkommissarin für Kinderrechte,
wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen. Diese systematischen Kriegsverbrechen sind
Ausdruck einer aggressiven, imperialistischen Strategie, die auf Zerstörung,
Einschüchterung und die Auslöschung ukrainischer Identität und Kultur abzielt. Die
internationalen Bemühungen zur Ahndung dieser Verbrechen inklusive des Verbrechens
der Aggression, das Wladimir Putin und das russische Regime zu verantworten haben,
müssen daher weiter und stärker unterstützt werden.
Der Kampf der Ukrainerinnen und Ukrainer für Demokratie und Freiheit begann
bereits 2013 mit der Revolution auf dem Kyjiwer Maidan und findet bis heute seinen
Ausdruck in einem beispiellosen bürgerschaftlichen Engagement im ganzen Land.
Sogar im Krieg kämpfen eine mutige Zivilgesellschaft und einzelne verantwortungsvolle
Politikerinnen und Politiker nicht nur um ihr Überleben, sondern gehen gegen
Korruption vor und setzten sich für Reformen ein, damit der EU-Beitritt so schnell wie
möglich gelingt.
Auch im vierten Kriegswinter seit der Vollinvasion greift Russland gezielt zivile
Infrastruktur in der Ukraine an, insbesondere die Wärme- und Energieversorgung.
Wohngebiete, Krankenhäuser und andere zivile Einrichtungen werden systematisch und
nahezu täglich bombardiert. Es gibt kaum eine Regel im humanitären Völkerrecht, die
Wladimir Putin nicht gezielt gebrochen hat. Orte wie Butscha oder Irpin sind
Zeugnisse der gezielten und systematischen Brutalität der russischen Kriegsführung.
Die russischen Luftangriffe nehmen kontinuierlich zu. Die Ziele sind
menschenverachtend gewählt und die Folgen dieser Angriffe werden immer brutaler – es gibt keinen
einzigen sicheren Ort in der Ukraine. Putin will mit Dunkelheit und Kälte Millionen
Menschen zermürben und erhöht sehr bewusst die Gefahren für die nukleare
Sicherheit, indem gezielt dafür relevante Infrastruktur wie Umspannwerke bombardiert wird.
Sollte es hier zu relevanten Schäden oder gar einer nuklearen Katastrophe kommen,
wären im schlimmsten Fall nicht nur verheerende Folgen in der Ukraine das Ergebnis.
Auch Länder wie Deutschland könnten sehr schnell direkt betroffen sein, wie die
Nuklearkatastrophe von Tschernobyl 1986 gezeigt hat.
Die russischen Luftangriffe und der Terror gegen die Zivilbevölkerung können jedoch
nicht darüber hinwegtäuschen, dass Russland militärisch weiterhin nur sehr begrenzte
Geländegewinne erzielt und dafür hunderttausende eigene tote Soldaten in Kauf
nimmt. Putin hat bis heute über eine Million Soldaten der russischen Armee geopfert,
die in diesem Krieg getötet oder verwundet wurden.
Das russische Regime handelt dabei keineswegs allein. Russland befindet sich in
einem interessengeleiteten Zweckbündnis mit anderen diktatorischen Staaten wie China,
Belarus, Nordkorea und Iran. Ohne die teilweise direkte, teilweise indirekte
Unterstützung dieser Staaten wäre die Fortführung des Angriffskrieges in dieser Form nicht
möglich.
Die aggressive russische Gewalt beschränkt sich nicht auf die Ukraine. Durch immer
gefährlichere Luftraumverletzungen, Drohnenattacken, in Frachtflugzeugen platzierte
Brandsätze, Auftragsmorde, Spionage- und Sabotageakte, Cyberangriffe und Angriffe
auf die kritische Infrastruktur, gezielte Destabilisierung und Verunsicherung mit
nachrichtendienstlichen Mitteln, systematisches und massenhaftes Verbreiten von
Desinformation sowie großangelegte Manipulation und Einflussnahme auf demokratische
Prozesse attackiert der Kreml das gesamte demokratische Europa – auch und gerade
die Bundesrepublik Deutschland als Land im Herzen des Kontinents. Gleichzeitig
rüstet Russland weiter massiv auf, mobilisiert weitere hunderttausende Soldaten, wirbt in
Nordkorea und in anderen Ländern um Soldaten, treibt seine Rüstungsproduktion
weiter voran und schafft mit diesen erheblichen militärischen Kapazitäten bewusst die
Grundlage für weitere groß angelegte Angriffe über die Ukraine hinaus.
Die russische Gesellschaft wird in allen Bereichen, vom Kindergarten an, auf den
Krieg und die Auseinandersetzung mit dem Westen eingeschworen. Diese
Entwicklungen lassen keinen Zweifel daran, dass Russland auf absehbare Zeit kein Interesse
an friedlicher Kooperation oder Koexistenz hat. Sicherheit in Europa muss daher
vorerst leider gegen und nicht mit Russland organisiert werden.
Auf die immer weiter eskalierende Gewalt Russlands und der davon ausgehenden
Gefahr für ganz Europa reagieren die Bundesregierung und die Europäische Union noch
immer und zu oft mit mangelnder Entschlossenheit, zu langsam und zu zögerlich,
insbesondere bei der Lieferung und Finanzierung von Rüstungsgütern an die Ukraine und
der Verabschiedung von Sanktionen gegen den Kreml, aber auch was den Schutz
unserer Demokratie vor weitreichender Einflussnahme angeht. Auch eine glaubwürdige
europäische Strategie, die mehr als das Durchhalten der Ukraine beinhalten und
Russland wirksam abschrecken müsste, das damit verbundene Mindset sowie die dafür
notwendigen Fähigkeiten sind bis heute nicht in ausreichendem Maße vorhanden und
vieles braucht noch deutlich mehr Tempo. Gerade weil wir Frieden, Sicherheit und
Freiheit in Europa wollen, dürfen die Aggressionen des Kremls nicht ohne Konsequenzen
bleiben, denn auch Nichthandeln hat einen Preis und birgt Verantwortung. Wer den
Aggressor gewähren und eine Grenze nach der anderen übertreten lässt, kann auch
ungewollt zu mehr Eskalation beitragen.
Gleichzeitig sollten sich die europäischen Demokratien und ihre weltweiten Partner
ihrer eigenen Stärke bewusstwerden. Die Fähigkeit von Demokratien zu Kooperation
und Kompromissfindung und die gesellschaftliche Resilienz durch eine offene und
vielfältige Gesellschaft machen sie langfristig widerstandsfähiger und erfolgreicher.
Seit dem zweiten Amtsantritt von Donald Trump hat sich auch durch die Gespräche
von Donald Trump mit Wladimir Putin und die Vorstellung des sogenannten 28-
Punkte-Plans die Situation zu Ungunsten der Ukraine verschoben. Doch in den letzten
Wochen hat sich die Ukraine sowohl mit einigen militärischen Erfolgen als auch auf
dem diplomatischen Parkett klug zurückgekämpft. Das hat Präsident Selenskyj vor
allem aus eigener Kraft, aber auch mit der Unterstützung der Mitgliedstaaten der EU,
geschafft. Gleichzeitig steht fest: Alle Initiativen zur Beendigung des Krieges sind
bislang nicht an mangelndem Willen der Ukraine gescheitert. Seitens des Kremls gibt es
weder Bewegung in den Gesprächen noch Bereitschaft auch nur für einen
Waffenstillstand. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben längst und wiederholt die
Behauptung widerlegt, die aus dem Kreml auch bis in bestimmte Kreise in Deutschland
verbreitet wurde, wonach Friedensverhandlungen in Istanbul 2022 an der Ukraine oder
westlichen Staaten gescheitert wären (www.foreignaffairs.com/united-states/
whypeace-talks-fail-ukraine). So viele Staaten und Institutionen weltweit haben es immer
wieder versucht – doch jegliche diplomatischen Bemühungen hat der
Kriegsverbrecher Putin nur mit noch mehr Gewalt, Raketen und Brutalität beantwortet. Deshalb ist
und bleiben die Unterstützung der Ukraine und noch mehr Druck auf Putin
entscheidend. Wie belastbar die derzeit diskutierten Ergebnisse zwischen Präsident Selenskyj,
den europäischen Partnern und den USA tatsächlich sind, bleibt abzuwarten. Umso
wichtiger ist, dass Europa für den Fall eines militärischen Haltes bestens vorbereitet
ist. Dabei geht es um die Sicherheit und Stabilität in der Ukraine wie auch um den
Schutz der gesamten NATO-Ostflanke. Das wird nur mit einem sehr relevanten
Beitrag Deutschlands gelingen und entschlossenem Mut, Verantwortung in gefährlichen
Zeiten zu übernehmen.
Europa muss deutlich mehr Verantwortung für den Frieden auf dem eigenen Kontinent
übernehmen und kann sich nicht auf Donald Trump verlassen. Deutschland muss
konsequent die ukrainische Position stärken und weiter unmissverständlich klarmachen:
Verhandlungen über die Ukraine ohne die Ukraine und über Europa ohne Europa sind
inakzeptabel und würden keinen dauerhaften Frieden schaffen, sondern die Gefahr
weiterer russischer Aggressionen erhöhen. Eine Situation, in der Russland gestärkt aus
einer brutalen Grenzverletzung, der Vollinvasion eines souveränen Nachbarn und
einem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg mit schwersten Kriegsverbrechen hervorgeht,
wäre dauerhaft eine große Gefahr für ganz Europa und darüber hinaus. Russland darf
aus diesem Krieg nicht gestärkt hervorgehen.
Gemeinsam mit unseren europäischen Partnern müssen wir deutlich mehr tun, um die
Ukraine bei ihrem Überlebenskampf militärisch, zivil, diplomatisch, humanitär und
finanziell zu unterstützen und uns selbst resilienter aufzustellen. Das ist auch für
Europas Sicherheit von entscheidender und fundamentaler Bedeutung. Dazu gehört auch,
die Ukraine stärker militärisch zu unterstützen und ihr alle nötigen Systeme zu liefern,
einschließlich Marschflugkörper Taurus, wie dies Bundeskanzler Merz bereits als
Oppositionsführer zugesagt hat. Der Einsatz von präzisen Abstandswaffen zur
Landesverteidigung ist mit dem Völkerrecht vereinbar und für den Schutz der Ukraine
unverzichtbar. Auch der Druck auf relevante Schlüsseltechnologien im Bereich der
Rüstungsindustrie und hartes Vorgehen gegen die Schattenflotte und den Ölsektor sowie
die Verfügbarkeit von reichweitenstarken Waffen sind neuralgische Bereiche, um
Russland viel härter unter Druck zu setzen. Hier tun die EU und Deutschland noch viel
zu wenig.
Darüber hinaus sind konkrete Zusagen mit Blick auf den Wiederaufbau sowie die
Unterstützung eines zügigen EU-Beitrittsprozesses der Ukraine und die dafür
erforderliche, konsequente Umsetzung der Reformagenda und ein engagierter Kampf gegen
Korruption nötig. Die Erweiterungspolitik ist mehr denn je eine geostrategische
Investition in Frieden, Sicherheit, Stabilität und Wohlstand. Sie ist für die Beitrittsländer
und die EU eine Erfolgsgeschichte. Der Deutsche Bundestag unterstützt deshalb die
laufenden Beitrittsprozesse und bekennt sich erneut ausdrücklich zum Ziel des EU-
Beitritts der Ukraine. Engagierter Fortschritt in wichtigen Bereichen wie der Reform
des Justizwesens, Aufbau einer funktionierenden Marktwirtschaft, Bekämpfung der
Geldwäsche, Modernisierung der öffentlichen Verwaltung und des
Minderheitenschutzes haben die Eröffnung direkter Beitrittsverhandlungen ermöglicht. Jetzt
braucht es weitere Ergebnisse in den jeweiligen Kapitelverhandlungen.
Zurecht wird in vielen europäischen Hauptstädten die Frage nach dem Zweck der
russischen Aufrüstung und den häufigen Drohungen gegenüber NATO-Partnern wie auch
der zahlreichen feindlichen Attacken unterhalb der Schwelle eines konventionellen
militärischen Angriffs gegen unser Land und viele unserer wichtigen Partner gestellt.
Vor diesem Hintergrund werden große Anstrengungen unternommen, die
Verteidigungspläne zu modernisieren und sie praktisch umzusetzen, stärker
zusammenzuarbeiten, Fähigkeitslücken zu schließen und insgesamt als Gesellschaft sehr viel
resilienter zu werden. Große Versäumnisse der Vergangenheit nun schnellstmöglich
aufzuholen mag zwar bitter und kostenintensiv sein, aber alles andere wäre angesichts der
Bedrohung verantwortungslos.
Auch in unsere eigene Sicherheit muss mehr investiert werden. Dazu gehören neben
notwendigen Investitionen in die Bundeswehr, die Nachrichtendienste und den
Bevölkerungsschutz auch Investitionen in die Sicherheit unserer zivilen Infrastruktur sowie
mehr Mittel für Diplomatie, humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit. Das
internationale System einer prinzipientreuen humanitären Hilfe muss verteidigt und
gestärkt werden, auch um die in der Ukraine wichtige Arbeit im notwendigen Umfang
leisten zu können und damit Deutschland in Krisen in anderen Regionen der Welt auch
handeln kann. Der Bundestag hat mit der Grundgesetzänderung zur Bereichsausnahme
zur Schuldenbremse hier erheblichen finanziellen Spielraum geschaffen, den die
Bundesregierung nun schnell, transparent, sauber und effizient nutzen muss.
Durch entschlossene Investitionen in unsere Sicherheit, die Resilienz unserer
Gesellschaft und unseren Wohlstand sowie in die Unterstützung der Ukraine wird auch das
vom Kreml bewusst propagierte und auf Spaltung unserer Gesellschaft ausgelegte
Narrativ widerlegt werden, dass Hilfe für die Menschen in der Ukraine im Widerspruch
zu den Anliegen der Menschen in unserem Land stünde.
Wirkliche Sicherheit und langfristigen Wohlstand kann es nur geben, wenn die
Friedensordnung auf unserem Kontinent wieder hergestellt ist. Dieses Ziel muss die Politik
der Bundesregierung in Europa und international leiten. Deshalb muss Präsident Putin
und sein Regime diesen Krieg verlieren.
II. Der Deutsche Bundestag erklärt:
Als deutsches Parlament verneigen wir uns in tiefer Demut davor, dass die
Ukrainerinnen und Ukrainer für unser aller Freiheit, für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in
Europa einstehen.
Als deutsches Parlament verurteilen wir den russischen Angriffskrieg gegen die
Ukraine, die unter anderem von den Vereinten Nationen (VN), der Organisation für
Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und internationalen
Menschenrechtsorganisationen dokumentierten, zahlreichen russischen Kriegsverbrechen und
Verbrechen gegen die Menschlichkeit in der Ukraine sowie die vielgestaltigen Attacken
gegen andere friedliche Nachbarstaaten und unser Land auf das Allerschärfste.
Deutschland steht fest und unverbrüchlich an der Seite der Ukraine und tritt mit
Nachdruck für Frieden und Sicherheit in Europa ein.
Alle Vorschläge, die mit dem Völkerrecht unvereinbar sind und die Sicherheit Europas
in Frage stellen, müssen zurückgewiesen werden.
III. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. zu bekräftigen, dass Russland mit seinem völkerrechtswidrigen Angriff gegen die
Ukraine scheitern muss und unser Ziel fortbesteht, dass die Ukraine ihre volle
territoriale Integrität und Souveränität wiedererlangen soll;
2. den EU-Beitritts- und Reformprozess der Ukraine und der Republik Moldau
engagiert zu unterstützen; angesichts der geopolitischen Lage, die enge Anbindung
der Ukraine an die EU bereits jetzt zu beschleunigen, etwa im Rahmen einer
Energie- und Verteidigungsunion; und frühzeitig um Einvernehmen zu werben, dass
die Ukraine der EU bei Erfüllung der der Kopenhagener Kriterien beitreten kann;
sowie sich parallel verstärkt für institutionelle Reformen der EU einzusetzen,
diese aber nicht zur notwendigen Bedingung für die geostrategisch notwendige
EU-Erweiterung zu erklären;
3. durch eigenes Engagement und diplomatisches Handeln sicherzustellen, dass
über Frieden in der Ukraine und Europa weder ohne die Ukraine noch ohne
Europa verhandelt werden kann;
4. den Bundestag über die Entwicklungen mit Blick auf einen militärischen Halt
transparent zu informieren, mögliche politische, gesellschaftliche und
militärische Handlungsoptionen vorzubereiten und diese nicht auf Handlungen
außerhalb der Ukraine zu beschränken;
5. die Unterstützungsleistungen für die Ukraine auf der Grundlage der
neugeschaffenen Bereichsausnahme im Grundgesetz für völkerrechtswidrig angegriffene
Staaten auszubauen; darunter sind militärische, finanzielle, diplomatische und
humanitäre Unterstützungsleistungen zu fassen, wie von der Bundestagsfraktion
Bündnis 90/Die Grünen in den Verhandlungen rund um die Reform der
Schuldenbremse vorgeschlagen;
6. bei der nationalen Militärhilfe für die Ukraine nicht hinter die ursprünglich vom
Bundesverteidigungsministerium für 2026 und 2027 veranschlagten Mittel
zurückzufallen und diese national wie europäisch an den ukrainischen Bedarfen und
den Möglichkeiten der Produktionskapazitäten auszurichten; dabei insbesondere
zusätzliche finanzielle Unterstützung zur Stärkung der ukrainischen
Drohnenproduktionskapazitäten zur Verfügung zu stellen, um den deutlichen Anstieg der
russischen Drohnenproduktion zu kompensieren;
7. die Ukraine in ihrem Recht auf freie Bündniswahl zu unterstützen und sich erneut
zur vollständigen euroatlantischen Integration der Ukraine und ihrer Zukunft in
der NATO zu bekennen;
8. sich mit Nachdruck für die unverzügliche Rückkehr aller verschleppten
ukrainischen Kinder, Kriegsgefangenen und Zivilisten und Zivilistinnen einzusetzen und
dafür die Kooperation mit ukrainischen Behörden zu stärken;
9. den Internationalen Strafgerichtshof weiterhin technisch und materiell
vollumfänglich in seiner Arbeit zur Aufarbeitung mutmaßlicher Völkerrechtsverbrechen
im Rahmen des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine zu unterstützen und
international darauf hinzuwirken, dass Haftbefehle des Internationalen
Strafgerichtshof vollzogen werden;
10. die Einrichtung des Sondertribunals für das Verbrechen der Aggression gegen die
Ukraine, das mit einem Vertrag zwischen dem Europarat und der Ukraine am 25.
Juni 2025 eingesetzt wurde, umfassend voranzutreiben, zu unterstützen und dem
Bundestag fortlaufend über die Entwicklungen zu berichten;
11. sich weiterhin dafür einzusetzen, dass das innerhalb der Europäischen Union
eingefrorene russische Staatsvermögen so schnell wie möglich und in vollem
Umfang für die Ukraine nutzbar gemacht wird;
12. sich innerhalb der Europäischen Union dafür einzusetzen, dass europäische
Mittel im laufenden und künftigen Mehrjährigen Finanzrahmen weder unmittelbar
noch mittelbar dafür genutzt werden dürfen, die nationalen Aufwendungen für
die Ukraine zu reduzieren; sondern im Gegenteil für eine Steigerung der
nationalen Unterstützung unter den Mitgliedstaaten zu werben und durch entsprechendes
eigenes Handeln vorbildlich voranzugehen;
13. sich dafür einzusetzen, die EU-Sanktionen gegen Russland erheblich zu
verschärfen, unter anderem durch ein vollständiges Importverbot für sämtliche Arten von
Öl, Gas und Kernbrennstoffen; für Agrarprodukte, Holz und Düngemittel; und
gleichzeitig Verstöße gegen bestehende Sanktionen konsequenter zu verfolgen,
etwa durch gezielte Ermittlungen der Bundesanwaltschaft und der Europäischen
Staatsanwaltschaft, sowie die konsequente Sanktionsdurchsetzung durch
Stärkung der Zentralstelle für Sanktionsdurchsetzung und verstärkte internationale
Zusammenarbeit zur Verhinderung von Sanktionsumgehungen zu intensivieren;
14. sich dafür einzusetzen, sämtliche Schiffe der russischen Schattenflotte zu
sanktionieren, im europäischen Rahmen ein verlässliches Lagebild der russischen
Schattenflotte zu erfassen (z. B. durch Einrichtung eines Information Fusion
Centers), den Schiff-zu-Schiff-Transfer von Öl aus Russland zu unterbinden und
Schiffe, die gegen europäisches oder internationales Recht (inkl.
Umweltgesetzgebung, wie z. B. die International Convention for the Prevention of Pollution
from Ships (MARPOL) verstoßen, an der Fahrt in bzw. durch EU-Gewässer aktiv
zu hindern;
15. bei ihrem Engagement für einen stabilen und gerechten Frieden in der Ukraine
Polen, die baltischen und die nordischen Partnerländer stärker einzubinden und
dazu intensiver mit den NB8 zusammenzuarbeiten und als Mitglied der E3 auch
die Brücken in Europa zu bauen und zu verhindern, dass sich europäische
Perspektiven auseinanderentwickeln;
16. die Vergabe von Schengen-Visa in Zusammenarbeit mit unseren Schengen-
Partnern für russische Staatsbürgerinnen und Staatsbürger mit Blick auf die
europäische Sicherheitsordnung deutlich stärker einzuschränken und zugleich Sorge
dafür zu tragen, dass eine Ausreise für russische Oppositionelle und kritische
Zivilgesellschaft trotzdem ermöglicht und unterstützt wird;
17. die ukrainischen Fähigkeiten insgesamt zu stärken und die ukrainischen
Fähigkeiten zur Zerstörung von tief auf russischem Gebiet befindlichen
Kommandoposten, Abschussvorrichtungen, Militärflugplätzen, Munitionsdepots,
Treibstofflagern und militärischen Produktionsstätten aktiv auszubauen, insbesondere, aber
nicht ausschließlich, durch Lieferung des Marschflugkörpers Taurus;
18. sich auch innerhalb der NATO dafür einzusetzen, dass auch andere Partner
weitreichende Waffen, die zu diesem Zweck geeignet sind, an die Ukraine liefern;
19. die Ukraine im Bereich Cyberabwehr u. a. zum Schutz ihrer kritischen
Infrastruktur zu unterstützen sowie den Kapazitätsaufbau und die Resilienz im
Cyberbereich insgesamt zu stärken;
20. den Aufwuchs der deutschen Brigade 45 in Litauen energisch voranzutreiben und
dafür zu sorgen, dass sie zu jedem Zeitpunkt ihren Auftrag bestmöglich erfüllen
kann, um im Zweifel für die Verteidigung der Ostflanke einstehen zu können;
21. das deutsche Engagement in Estland und Lettland auszubauen und regelmäßig
Fähigkeiten zur gemeinsamen Verteidigung über die NATO einzumelden,
insbesondere beim Air Policing in Estland;
22. innerhalb der NATO mit Nachdruck darauf hinzuwirken, dass alle NATO-
Elemente an der Ostflanke mit dem Personal, Material und den finanziellen
Ressourcen ausgestattet werden, die sie brauchen, um die NATO-Aufträge umzusetzen;
23. mit ausgewählten Partnern aus NATO und EU die Prozesse des gegenseitigen
Lernens zwischen den Streitkräften von NATO/EU und der Ukraine zu
intensivieren;
24. weiterhin die europäisch und international laufenden Prozesse und Institutionen
zu unterstützen, um das russische Regime für den Angriffskrieg sowie seine
zahllosen Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen einschließlich
der Verschleppung zehntausender ukrainischer Kinder zur Rechenschaft zu
ziehen;
25. gemeinsam mit europäischen und internationalen Partnern Druck gegenüber der
Volksrepublik China einzusetzen, um zu erreichen, dass die chinesische
Staatsführung ihre Unterstützung für die russische Kriegsführung beendet und so den
Weg für ernsthafte diplomatische Verhandlungen zum Ende der Gewalt mit
ebnet;
26. den Wiederaufbau der Ukraine, insbesondere der schwer angegriffenen
Energieinfrastruktur, tatkräftig zu unterstützen und als entwicklungspolitische
Kernaufgabe der Bundesregierung strategisch zu steuern; die Ukraine Donor Platform
(UDP) weiter zu stärken und sicherzustellen, dass Wiederaufbauhilfe,
Reformagenda und EU-Beitrittsprozess eng miteinander verzahnt werden;
27. Kultur, kulturelles Erbe und zeitgenössisches kulturelles Schaffen als integralen
Bestandteil von Wiederaufbau, gesellschaftlicher Resilienz, demokratischer
Identität und der Stärkung der Zivilgesellschaft gezielt zu fördern und im Rahmen
der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik in enger Zusammenarbeit mit dem
ukrainischen Kulturministerium die gemeinsame Erinnerung an die von
Deutschland begangenen nationalsozialistischen Verbrechen in der Ukraine sowie die
Auseinandersetzung mit der gemeinsamen Geschichte gezielt zu stärken;
28. sich dafür einzusetzen, dass humanitäre Organisationen entsprechend der
humanitären Prinzipien in der gesamten Ukraine arbeiten können, dabei die eigenen
Bemühungen in der humanitären Diplomatie auszubauen, um insbesondere auf
einen besseren humanitären Zugang zu Gebieten unter russischer Besetzung
hinzuwirken sowie sich dafür einzusetzen, dass auch die humanitäre Versorgung von
Alten, Menschen mit Behinderung und marginalisierten Gruppe sichergestellt
wird;
29. gegenüber der ukrainischen Regierung unablässig zu unterstreichen, dass
Reformen insbesondere zur Stärkung der Rechtsstaatlichkeit, der Medienfreiheit sowie
für eine unabhängige Justiz und Korruptionsbekämpfung vorangetrieben werden
müssen und dafür das Engagement und die ungehinderte Tätigkeit von
Nichtregierungsorganisationen und unabhängigen Antikorruptionsinstitutionen absolut
unerlässlich ist;
30. die ukrainischen Zivilgesellschaft auch mit Blick auf die Reformagenda zur
europäischen Integration gezielt zu unterstützen und zu stärken; dies umfasst
insbesondere Frauen-, Menschenrechts-, und Jugendorganisationen sowie Initiativen
auf lokaler und kommunaler Ebene, deren nachhaltige, strukturelle und möglichst
unbürokratische Förderung sicherzustellen ist;
31. die erfolgreichen Städte- und Regionalpartnerschaften zwischen Deutschland und
der Ukraine weiter auch mit Blick auf humanitäre Unterstützung,
Daseinsvorsorge, aber auch vor dem Hintergrund des Wiederaufbaus und der europäischen
Integration, zu stärken;
32. die Verlängerung des vorübergehenden Schutzes bis 4. März 2027 umzusetzen
und auf Basis der Empfehlungen des Rats der Europäischen Union den Zugang
zu nationalen Aufenthaltserlaubnissen zu erleichtern und zu fördern, um
aufenthaltsrechtlich Planungssicherheit und eine langfristige Perspektive zu
ermöglichen;
33. Ukrainerinnen und Ukrainern mit vorübergehendem Schutzstatus weiterhin volle
Leistungen zur Existenzsicherung, Gesundheitsversorgung und
Arbeitsmarktintegration zu ermöglichen – einschließlich Jobturbo sowie Integrations- und
Sprachkursen;
34. russischer Einflussnahme und Desinformation weltweit entschieden
entgegenzutreten und die Anstrengungen auf nationaler und europäischer Ebene zu
systematisieren und verstärken, u. a. durch die überfällige Vorlage einer
ressortabgestimmten Strategie der Bundesregierung gegen Desinformation;
35. sich im engen Zusammenspiel mit unseren europäischen und nicht-europäischen
Verbündeten dafür einzusetzen, weitreichende Einflussnahmeoperationen
Russlands mit der notwendigen rechtsstaatlichen Entschlossenheit entgegenzutreten,
verstärkt in unsere eigene Sicherheit zu investieren und die Resilienz unserer
Gesellschaft angesichts stark gestiegener Bedrohungslagen insgesamt
schnellstmöglich zu erhöhen, u. a. durch gezielte Investitionen in die Stärkung der
Nachrichtendienste, in den Bevölkerungsschutz und den Schutz unserer kritischen
Infrastrukturen;
36. angesichts der zunehmend erodierenden regelbasierten internationalen Ordnung
durch Zusammenarbeit im europäischen Rahmen mit Ländern weltweit starke
Partnerschaften auf Basis gemeinsamer Werte und Interessen aufzubauen;
37. im Lichte der transnationalen Repression gegen deutsche NGO, TV-Sender,
Stiftungen und Wissenschaftsinstitutionen die deutsch-russischen Kulturabkommen
vorerst zu kündigen und das Russische Haus in Berlin zu schließen;
38. demokratische und oder regimekritische Kulturschaffende, freie
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sowie demokratische zivilgesellschaftliche Akteure
aus Russland, die wegen ihrer kritischen Haltung Repressionen ausgesetzt sind,
deutlich umfangreicher über geeignete Programme zu unterstützen;
39. im Rahmen des Wiederaufbaus und der Stärkung des ukrainischen
Gesundheitssystems auch den Ausbau psychosozialer und traumatherapeutischer Angebote
umfassend zu unterstützen und dabei insbesondere die Prävention,
Dokumentation und strafrechtliche Verfolgung sexualisierter und geschlechtsspezifischer
Kriegsgewalt gegen Frauen, Mädchen und andere besonders vulnerable Gruppen
in der Ukraine zu fördern.
Berlin, den 24. Februar 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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