Wissenschaftliche Untersuchung der Parteizugehörigkeit und Funktionärstätigkeit späterer Bundestagsabgeordneter in der SED-Diktatur
Text
Wissenschaftliche Untersuchung der Parteizugehörigkeit und Funktionärstätigkeit späterer Bundestagsabgeordneter in der SED-Diktatur
Antrag
der Abgeordneten Dr. Götz Frömming, Martin Erwin Renner, Ronald Gläser,
Matthias Helferich, Nicole Hess, Sven Wendorf, Dr. Alexander Gauland,
Tobias Teich, Alexander Arpaschi, Dr. Christina Baum, Dr. Christoph Birghan,
Joachim Bloch, Dr. Michael Blos, René Bochmann, Marcus Bühl, Tobias
Ebenberger, Rainer Groß, Dr. Ingo Hahn, Stefan Henze, Nicole Höchst, Steffen
Janich, Dr. Michael Kaufmann, Heinrich Koch, Achim Köhler, Manuel
Krauthausen, Knuth Meyer-Soltau, Reinhard Mixl, Tobias Matthias Peterka,
Arne Raue, Christian Reck, Angela Rudzka, Manfred Schiller, Dr. Paul
Schmidt, Martina Uhr, Sven Wendorf, Dr. Daniel Zerbin, Jörg Zirwes und der
Fraktion der AfD
Wissenschaftliche Untersuchung der Parteizugehörigkeit und
Funktionärstätigkeit späterer Bundestagsabgeordneter in der SED-Diktatur
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag bekräftigt,
73 Jahre nach dem deutschen Volksaufstand gegen die SED-Diktatur und die
sowjetische Besatzungsherrschaft am 17. Juni 1953, 65 Jahre nach der Errichtung der
Berliner Mauer ab dem 13. August 1961 und über 30 Jahre nach seiner Ehrenerklärung
für die Opfer der kommunistischen Gewaltherrschaft in der SBZ und der DDR seine
fortgesetzte Verantwortung für die Aufarbeitung des damals begangenen Unrechts und
die Bewältigung der Folgen im vereinten Deutschland.
II. Der Deutsche Bundestag stellt fest,
dass zwar die beiden Enquete-Kommissionen, die in den 1990er Jahren eingesetzt
wurden, wesentlich zu diesem Zwecke beitragen konnten,1 der Forschungsstand jedoch
immer noch erhebliche Lücken aufweist. Ausgerechnet der Deutsche Bundestag selbst
lehnt es bislang mehrheitlich ab, seine eigenen personellen und strukturellen
Kontinuitäten zum SED-Regime einer unabhängigen, wissenschaftlichen Prüfung zu
unterziehen.2 Dieses Versäumnis des wichtigsten Verfassungsorgans stellt eine schwere Hy-
1 Bericht der Enquete-Kommission „Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in
Deutschland“ vom 31. Mai 1994 (Bundestagsdrucksache 12/7820) und Schlußbericht der Enquete-Kommission
„Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit“ vom 10. Juni 1998
(Bundestagsdrucksache 13/11000)
2 Ein entsprechender Antrag der AfD-Fraktion (Bundestagsdrucksache 20/7185) wurde in der vergangenen
Legislaturperiode mit den Stimmer aller anderen Fraktionen im zuständigen Ausschuss für Wahlprüfung,
Immunität und Geschäftsordnung abgelehnt (20/11598) und später mehrheitlich nicht zur Abstimmung im
Deutscher Bundestag Drucksache 21/6937
21. Wahlperiode 07.07.2026
pothek für den antitotalitären Konsens und die demokratische Kultur der
Bundesrepublik Deutschland dar: Im Gegensatz zu vielen anderen privaten und öffentlichen
Institutionen hat der Bundestag bis zum heutige Tage weder die DDR-kommunistischen
noch die nationalsozialistischen Bezüge seiner Mitglieder von neutraler Stelle
untersuchen lassen.3 Es herrscht ein „pragmatischer Schweigekonsens“ unter den
betroffenen Bundestagsfraktionen, sich selbst als Gegenstand antitotalitärer Aufklärung
auszuklammern.4
Dies betrifft nicht nur das Forthallen der DDR-Staatspartei SED, die im Mittelpunkt
der Enquete-Berichte steht und mit der die im Deutschen Bundestag vertretene Partei
DIE LINKE rechtsidentisch ist.5 Das gilt auch für das parlamentarische Nachleben der
systemstützenden DDR-Blockparteien in der CDU und FDP. So fusionierten während
der Wende die früheren Blockparteien CDU (Ost) und DBD mit der westdeutschen
CDU, während die anderen beiden, LDPD und NDPD, in der FDP aufgingen.6
Zumindest bei der FDP wurden die neuen Mitglieder ohne Prüfung ihrer politischen
Belastung automatisch in die Partei übernommen.7 Der Enquete-Bericht von 1994 fordert
vor diesem Hintergrund: „Für die CDU und F.D.P. stellt sich durch den
Zusammenschluß mit den ehemaligen Blockparteien die Aufgabe, ihre jeweilige Parteigeschichte
ebenso kritisch wie verantwortungsbewußt aufzuarbeiten.“ Die notwendige
Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit diene dazu, „am Prozeß der Herstellung der inneren
Einheit Deutschlands mitzuwirken“.8
Noch deutlicher fällt das damalige Sondervotum der Mitglieder der SPD-Fraktion und
des Mitglieds der Gruppe BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Sachverständigen
Faulenbach, Gutzeit, Mitter und Weber aus: „Nach der Vereinigung der
christdemokratischen und der liberalen West- mit den entsprechenden Ostparteien stellt sich heute
auch für CDU und die F.D.P. die Frage nach der politischen Mitverantwortung der
Blockparteien für die Politik des SED-Regimes. Nicht nur die SED-Nachfolgepartei
PDS muß sich offen mit der DDR-Vergangenheit auseinandersetzen, auch
Christdemokraten und Liberale müssen sich der Herausforderung stellen, die Geschichte der
Blockparteien ohne Scheuklappen aufzuarbeiten – eine Geschichte, die nun Teil der
Gesamtgeschichte von CDU und F.D.P. geworden ist. […] Vor allem bedürfen noch
die personellen, organisatorischen und finanziellen Kontinuitäten zwischen den
ehemaligen Blockparteien sowie CDU und F.D.P. der kritischen Analyse.“9 Eine derartige
Analyse ist im Bundestag jedoch bis heute nicht durchgeführt worden.
Die Aufarbeitung der Geschichte der zweiten deutschen Diktatur10 und ihrer
Nachwirkungen in der Bundesrepublik Deutschland wurden durch die Vernichtung der SED-
Mitgliederkartei im März 1990 unter dem damaligen PDS-Parteichef Gregor Gysi
außerordentlich erschwert. Anders als bei der NSDAP-Mitgliederkartei, die vor der
Zerstörung bewahrt wurde und seit kurzem im Internet zur freien Suche zur Verfügung
Plenum zugelassen (Bundestagsplenarprotokoll 20/203, S. 26213B).
3 Zu letzteren siehe die Ablehnung der Anträge der AfD-Fraktion auf den Bundestagsdrucksachen 19/29308
und 20/4896.
4 www.welt.de/geschichte/article235011936/Historiker-Andreas-Schulz-So-NS-gepraegt-war-der-Deutsche-
Bundestag.html
5 www.welt.de/politik/article3649188/Die-Linke-Wir-sind-Rechtsnachfolgerin-der-SED.html
6 Wissenschaftlicher Dienst des Deutschen Bundestages: „Die Rolle der Blockparteien in der DDR.
Forschungsstand“ (WD 1 – 3000 – 004/17), S. 4
7 www.spiegel.de/politik/geschaerfte-bombe-a-c2ac7e21-0002-0001-0000-000013500280
8 Bundestagsdrucksache 12/7820, S. 33 f.
9 Ebd., S. 37
10 Im Falle der DDR eher „Diktatur auf deutschem Boden“, wie Eckhard Jesse mit Verweis auf die
entscheidende Bedeutung des sowjetischen Besatzungsregimes für die Stabilisierung der SED-Herrschaft
argumentiert (vgl. „Das Dritte Reich und die DDR – Zwei „deutsche“ Diktaturen?“, in: Totalitarismus und
Demokratie, Band 2, 2005, S. 39–59).
steht,11 gelang es den DDR-Machthabern damit kurz vor der freien Volkskammerwahl,
die parteipolitische Durchdringung der Bevölkerung durch die SED in ihrer ganzen
Dimension zu verschleiern. Ebenfalls gezielt beseitigt wurden Registrierungsangaben
und weitere biographische Informationen zu den SED-Kadern. Ein Nebeneffekt dieser
konspirativen Vernichtungsaktion war die Verschiebung der öffentlichen
Aufmerksamkeit auf die Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit, dessen Archive
(„Stasi-Akten“) großteils sichergestellt werden konnten. Bedingt durch die ungleich
erhaltene Aktenlage „gelang es der PDS, Schuld auf die Stasi abzuwälzen,“ obgleich
diese stets ausführendes Organ und Herrschaftsinstrument der SED gewesen war.12
Dieses Informationsdefizit beeinträchtigt auch heute noch Nachforschungen zur
politischen Karriere von Abgeordneten, die vor dem Oktober 1989 Mitglied der SED oder
einer Blockpartei waren. Zur Ermittlung einer Parteizugehörigkeit oder
Funktionärstätigkeit in der DDR ist die Forschung vor allem auf freiwillige Angaben der
betreffenden Politiker in den Abgeordnetenhandbüchern angewiesen. Solche Selbstangaben
fehlten aber beispielsweise in Brandenburg bereits in der zweiten Wahlperiode fast
völlig, wie der Enquete-Bericht des Landtags von 2011 konstatiert.13 Schnell wurde es
zum „Volkssport“ unter Abgeordneten, belastende biographische Informationen
wegzulassen.14 Auch Mitglieder des Deutschen Bundestags und der Bundesregierung
haben nachweislich eine mangelnde Bereitschaft zur Offenlegung ihrer DDR-
Vergangenheit an den Tag gelegt.15 Damit wird jedoch eine wichtige Vorbedingung für die
politische Willensbildung der Bürger, nämlich die Verfügbarkeit von ausreichenden
Informationen zur selbständigen Beurteilung ihrer Parlamentsvertreter, untergraben.
In Ermangelung wissenschaftlich erhobener Daten kann die Gesamtzahl der
Bundestagsabgeordneten, die in der DDR Parteimitglied waren, auf über 200 Personen
angesetzt werden.16 Das quantitative Ausmaß der DDR-Funktionärstätigkeit ist noch
schlechter abzuschätzen.
Die amtierende Bundesbeauftragte für die Opfer der SED-Diktatur beim Deutschen
Bundestag, Evelyn Zupke, hat bereits 2022 im zuständigen Bundestagsausschuss mit
Bezug auf die – freiwillige – Überprüfung der Abgeordneten auf eine frühere Tätigkeit
für das Ministerium für Staatssicherheit darauf hingewiesen, dass transparente
Biographien wichtig seien, um „das Vertrauen der Bürgerinnen und Bürger in das Parlament
zu stärken“.17 Dies gilt auch für die Frage etwaiger Partei- und Funktionärsaktivitäten
in der DDR.
Die biographische Datenbank der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur
kann diesen Zweck aus methodischen Gründen nicht erfüllen. Ihr „wer war wer in der
DDR?“ stellt auf die politische Bedeutung der betreffenden Akteure zu DDR-Zeiten
ab.18 Politiker, die aber erst in der Bundesrepublik Deutschland zu Rang und Namen
aufgestiegen sind, werden mangels hinreichender vorheriger Relevanz in der Regel
11 www.tagesschau.de/ausland/amerika/usa-nationalarchiv-suche-nsdap-100.html
12 www.welt.de/welt_print/politik/article7637164/Gregor-Gysi-und-die-Aktion-Reisswolf.html
13 Gisela Rüdiger und Hanns-Christian Catenhusen: „Personelle Kontinuität und Elitenwandel in Landtag,
Landesregierung und -verwaltung des Landes Brandenburg“ S. 62, in: Gutachten für die Enquete-Kommission
Aufarbeitung der Geschichte und Bewältigung von Folgen der SED-Diktatur und des Übergangs in einen
demokratischen Rechtsstaat im Land Brandenburg im Auftrag des Landtags Brandenburg, 2011
14 www.tagesspiegel.de/potsdam/brandenburg/dieses-entsetzlich-qualende-lange-schweigen-7297450.html
15 z. B. www.spiegel.de/politik/cornelia-pieper-a-16a5b912-0002-0001-0000-000077855819
16 Eine Schnittmengenanalyse der Kategorien „Parteimitglied (DDR)“ und „Bundestagsabgeordneter“ in der
Laienenzyklopädie Wikipedia ergibt 215 Abgeordnete (https://petscan.wmflabs.org/).
17 Jahresbericht 2022 der Bundesbeauftragten für die Opfer der SED-Diktatur beim Deutschen Bundestag: „Die
Unterstützung der Opfer der SED-Diktatur – unsere gemeinsame gesamtdeutsche Verantwortung“
(Bundestagsdrucksache 20/2220), S. 34
18 Helmut Müller-Enbergs, Jan Wielgohs, Dieter Hoffmann, Andreas Herbst, Ingrid Kirschey-Feix (Hrsg.):
„Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographien“, 5. Auflage, März 2010, Ch. Links
Verlag, Berlin, abrufbar unter www.bundesstiftung-aufarbeitung.de/de/recherche/kataloge-datenbanken/
biographische-datenbanken
nicht behandelt. So fehlt beispielsweise ein Eintrag zu Hans-Dietrich Genscher, dem
ehemaligen FDP-Bundesvorsitzenden und langjährigen Bundesaußenminster, der als
Mitglied der LDP keine vergleichbare Rolle in der SED-Hierarchie innehatte.
Gleichwohl zeigt das Beispiel der Diskussion über seine erst spät bekannt gewordene
NSDAP-Mitgliedschaft, welche Bedeutung die Öffentlichkeit ihrem Recht auf
Information zum politischen Werdegang von Amtsträgern in den beiden deutschen
Diktaturen beimisst.
Die wissenschaftliche Untersuchung soll sich mit der formalen Einordnung der
Bundestagsabgeordneten und der Angestellten der Bundestagsverwaltung mit DDR-
Vergangenheit in die SED-Machthierarchie befassen, also dem Grad ihrer politischen
Belastung etwa als Parteimitglieder, Funktionäre oder Angehörige der DDR-Elite.
Aussagen zu individueller Verantwortlichkeit und Schuld soll sie, dem Beispiel des
entsprechenden Enquete-Gutachtens für den Landtag Brandenburg folgend,19 im
Regelfall nicht treffen. Diese bedürften vielmehr einer vertieften Einzelfallprüfung, die den
Rahmen einer derart breit angelegten Untersuchung überschreiten würde.
III. Der Deutsche Bundestag erkennt an, dass
er zur Festigung der inneren Einheit Deutschlands seinen eigenen Beitrag zur
Aufarbeitung und Überwindung der SED-Diktatur und zur Aussöhnung der Bürger, die unter
diesem totalitären System gelebt und gelitten haben, zu leisten hat.
IV. Der Deutsche Bundestag beschließt,
aus ausgewiesenen und anerkannten Vertretern der historischen Wissenschaft eine
Kommission zu bilden und sie mit der Erarbeitung einer Untersuchung zu beauftragen,
– die die etwaigen personellen und strukturellen Kontinuitäten zwischen Staat und
Verwaltung des SED-Regimes und den mit der SED verbundenen Blockparteien
und Massenorganisationen einerseits und dem Deutschen Bundestag, seinen
Abgeordneten und seinen Verwaltungsmitarbeitern andererseits untersucht und
dokumentiert;
– diese Kontinuitäten in ihren sozialen und politischen Kontexten analysiert und
einordnet;
– dabei der Frage nachgeht, wie viele ehemalige Vertreter von Staat und
Verwaltung des SED-Regimes und der mit der SED verbundenen Blockparteien und
Massenorganisationen Abgeordnete des Deutschen Bundestags oder Mitarbeiter
in seiner Verwaltung waren oder sind;
– die herausstellt, ob es bei Mitgliedern des Deutschen Bundestags und dessen
Verwaltungsmitarbeitern eine Tendenz gab oder gibt, ihren Dienst in Staat und
Verwaltung des SED-Regimes sowie ihre Mitgliedschaft oder Funktionärstätigkeit in
der SED oder den mit ihr verbundenen Blockparteien und Massenorganisationen
zu verheimlichen;
– die untersucht, ob und wie ehemalige Vertreter von Staat und Verwaltung des
SED-Regimes und der mit der SED verbundenen Blockparteien und
Massenorganisationen politische Entscheidungen und das politische Klima seit der Wende
und Wiedervereinigung beeinflusst haben.
19 a. a. O. S. 33
V. Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
– zur Finanzierung einer solchen Untersuchung für zunächst zwei Jahre die
erforderlichen Mittel aus dem Bundeshaushalt zur Verfügung zu stellen;
– nach Abschluss der Untersuchung ihre Ergebnisse in geeigneter Form
aufzubereiten und öffentlich zugänglich zu machen.
Berlin, den 7. Juli 2026
Dr. Alice Weidel, Tino Chrupalla und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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