Zwingende Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats ausbauen
Text
Zwingende Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats ausbauen
Antrag
der Abgeordneten Cem Ince, Janine Wissler, Jörg Cezanne, Doris Achelwilm,
Dr. Dietmar Bartsch, Desiree Becker, Anne-Mieke Bremer, Agnes Conrad,
Mirze Edis, Dr. Fabian Fahl, Christian Görke, Cansin Köktürk, Tamara Mazzi,
Pascal Meiser, Zada Salihović, Lisa Schubert, Ines Schwerdtner, Isabelle
Vandre, Sarah Vollath, Sascha Wagner, Anne Zerr und der Fraktion Die Linke
Zwingende Mitbestimmungsrechte des Betriebsrats ausbauen
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Die zwingende Mitbestimmung ist das Herzstück der Betriebsverfassung: Sie ist
demokratisches Gegenmachtrecht der Beschäftigten gegenüber der strukturellen
Übermacht des Kapitals im Betrieb.
Die Arbeitswelt befindet sich in einem beschleunigten Wandel: Digitalisierung, der
Einsatz künstlicher Intelligenz, ökologische Transformation, Fachkräftemangel und
geopolitischer Verschiebungen. Gleichzeitig nehmen Leistungsdruck, Unsicherheit
und Fragmentierung in den Betrieben zu. Damit Mitbestimmung unter diesen
Bedingungen wirksam bleiben kann, muss sie mit den realen Veränderungen der Arbeitswelt
Schritt halten. So zeigen die aktuellen Beispiele der BSH Hausgeräte GmbH (ehemals
Bosch und Siemens Hausgeräte GmbH) im badischen Bretten und brandenburgischen
Nauen, wie wichtig insbesondere ein zwingendes Mitbestimmungsrecht bei
Beschäftigungssicherung wäre. Die dortigen Betriebsräte haben umfangreiche Pläne für eine
preisgünstige Produktionslinie, höhere Auslastung und die Sicherung des Standortes
entwickelt. Unter der geltenden Rechtslage konnte die Geschäftsführung diese Pläne
und damit den Selbstermächtigungsmoment einer ganzen Belegschaft einfach
ignorieren.
Das Betriebsverfassungsgesetz enthält weiterhin erhebliche Schutz- und
Regelungslücken. In zentralen Zukunftsfragen beschränken sich die Rechte der Betriebsräte
oftmals auf Information oder Beratung, während unternehmerische Entscheidungen mit
weitreichenden Folgen für Beschäftigte einseitig getroffen werden können. Dadurch
droht Mitbestimmung an Relevanz zu verlieren, obwohl sie gerade jetzt ausgebaut
werden müsste.
Eine Reform des Betriebsverfassungsgesetzes ist deshalb überfällig. Notwendig ist
eine deutliche Ausweitung zwingender Mitbestimmungsrechte, damit die
Beschäftigten den Umbau der Arbeitswelt nicht bloß erdulden müssen, sondern ihn aktiv,
kollektiv und verbindlich mitgestalten können.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/5719
21. Wahlperiode 04.05.2026
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
einen Gesetzentwurf zur Reform des Betriebsverfassungsgesetzes (BetrVG)
vorzulegen, der eine Ausweitung der zwingenden Mitbestimmungsrechte einschließlich der
Initiativrechte des Betriebsrates beinhaltet, wobei mindestens folgende Punkte umfasst
sein sollen:
1. die Weiterentwicklung des § 92a BetrVG zu einem zwingenden
Mitbestimmungsrecht inklusive eines Initiativrechts des Betriebsrates bei allen
Maßnahmen, die der Sicherung und Förderung der Beschäftigung dienen, inklusive
Produktions-, Investitions- und Standortentscheidungen;
2. ein zwingendes Mitbestimmungsrecht bei Betriebsänderungen, indem auch die
Entscheidung ob, wann und in welcher Weise die Betriebsänderung durchgeführt
wird (Interessenausgleich), mitbestimmungspflichtig gemacht und die Liste der
als Betriebsänderungen geltenden Maßnahmen in § 111 BetrVG deutlich
erweitert wird – unter anderem um Ausgliederungen, Rationalisierungsmaßnahmen
und größere Investitionsvorhaben;
3. den Ausbau der Mitbestimmungsrechte aus den §§ 96 bis 98 BetrVG zu einem
zwingenden Mitbestimmungsrecht bei allen Maßnahmen der Berufsbildung,
inklusive beruflicher Fort- und Weiterbildung;
4. ein zwingendes Mitbestimmungsrecht bei der Ausgestaltung, Durchführung und
Abschaffung von Leiharbeit, Befristungen und Werkvertragsbeschäftigung zur
Eindämmung atypischer Beschäftigung;
5. die Weiterentwicklung des Unterrichtungs- und Beratungsrechts aus § 92 BetrVG
in ein zwingendes Mitbestimmungsrecht des Betriebsrates bei allen Fragen der
Personalplanung, insbesondere der Personalbemessung, bei der
Arbeitsplatzgestaltung, inklusive der Arbeitsumgebung, Arbeitsorganisation und örtlichen Lage
des Arbeitsplatzes, sowie bei der Einführung und Abschaffung von mobiler
Arbeit;
6. ein zwingendes Mitbestimmungsrecht des Betriebsrates bei Maßnahmen und
Regelungen, die zu höheren Umwelt- oder Klimabelastungen führen können,
a) sowie eines Initiativrechts bei Maßnahmen und Regelungen, die
Umweltoder Klimabelastungen des Unternehmens verringern,
b) und eines Vetorechts bei unternehmerischen Maßnahmen, die eine Gefahr
für die natürlichen Lebensgrundlagen darstellen;
7. ein zwingendes Mitbestimmungsrecht beim Beschäftigtendatenschutz entlang
der gesamten datenschutzrechtlichen Verarbeitungskette und bei der Einführung
und Anwendung von künstlicher Intelligenz (KI);
8. ein zwingendes Mitbestimmungsrecht bei Fragen der Gleichstellung,
insbesondere zur Gleichstellung der Geschlechter, der Integration von Beschäftigten
unterschiedlichen Alters, unterschiedlicher Herkunft, verschiedener Erstsprachen
und unterschiedlicher Beschäftigungsverhältnisse, sowie bei Maßnahmen zur
Bekämpfung von rassistischem und auf andere Weise diskriminierendem Verhalten
im Betrieb.
Berlin, den 4. Mai 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
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ISSN 0722-8333
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