Solidarität mit den Menschen in Iran - Menschenrechte und Demokratie stärken, humanitäre Unterstützung für die Zivilbevölkerung ausweiten
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Solidarität mit den Menschen in Iran - Menschenrechte und Demokratie stärken, humanitäre Unterstützung für die Zivilbevölkerung ausweiten
[Antrag
der Abgeordneten Cansu Özdemir, Desiree Becker, Gökay Akbulut, Janina
Böttger, Maik Brückner, Mirze Edis, Katrin Fey, Vinzenz Glaser, Ates
Gürpinar, Maren Kaminski, Jan Köstering, Pascal Meiser, Stella Merendino,
Charlotte Antonia Neuhäuser, Lea Reisner, Zada Salihović, Ulrich Thoden,
Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und der Fraktion Die Linke
Solidarität mit den Menschen in Iran – Menschenrechte und Demokratie
stärken, humanitäre Unterstützung für die Zivilbevölkerung ausweiten
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Seit Ende Dezember 2025 finden in der iranischen Hauptstadt Teheran Streiks und
Demonstrationen der Händler des Großen Basars gegen ihre wirtschaftliche Not statt.
Diese zunächst ökonomisch motivierten Proteste haben sich rasch ausgeweitet, als sich
zunehmend regimekritische Gruppen anschlossen. Die aktuellen Proteste sind
Ausdruck einer tiefen sozialen Krise, die weite Teile der Bevölkerung erfasst hat.
Steigende Preise, Verarmung, Arbeitslosigkeit, der zunehmende Zusammenbruch der
öffentlichen Versorgung und die eskalierende soziale Ungleichheit haben für Millionen
Menschen existenzbedrohende Ausmaße angenommen. Mittlerweile finden die
Proteste in zahlreichen Städten im ganzen Land statt und stehen in Kontinuität zu den seit
2022 wiederkehrenden Freiheitsprotesten der Bewegung „Frauen, Leben, Freiheit“
und den Protesten der Arbeiter*innen von 2018/2019. Sie vereinen beide Bewegungen
und weitere breite gesellschaftliche Gruppen wie Studierende, Rentner*innen und
Erwerbslose (www.faz.net/aktuell/wirtschaft/proteste-in-iran-die-basarhaendler-han-
deln-aus-oekonomischer-notwehr-accg-110813570.html).
In den ersten zwölf Tagen der landesweiten Protestwelle sind mindestens 45
Demonstrierende, darunter acht Minderjährige, getötet und mehrere Hundert weitere verletzt
worden, wobei die Zahlen mit jedem Protesttag steigen (https://iranhr.net/en/artic-
les/8520/). Die Islamische Republik Iran verstößt damit systematisch gegen
internationale Menschenrechtsabkommen, darunter den Internationalen Pakt über bürgerliche
und politische Rechte sowie die UN-Antifolterkonvention.
In Ostkurdistan (Westiran) dokumentierte die Menschenrechtsorganisation Hengaw zu
Jahresbeginn mindestens 135 Festnahmen, darunter Frauen und Minderjährige. Die
von der Organisation verifizierten Zahlen zeigen, dass es vor allem Kurd*innen sind,
die festgenommen wurden (https://hengaw.net/de/news/2026/01/article-11-1). Damit
reihen sich die Festnahmen in die allgemeine anti-kurdische Haltung des Regimes ein.
Statistiken belegen, dass Kurd*innen unter den sogenannten ethnischen Gruppen
besonders häufig Repression erfahren; in ähnlicher Weise betrifft dies auch Belutsch*in-
Deutscher Bundestag Drucksache 21/3612
21. Wahlperiode 13.01.2026
nen und Lur*innen. Hierbei trifft es oft auch die finanziell arme Bevölkerung
(https://hengaw.net/en/reports-and-statistics-1/2025/12/article-7).
Feministische Organisationen und Frauenrechtsgruppen spielen bei den aktuellen
Protesten eine zentrale Rolle. Mehrere Frauenrechtsorganisationen bezeichneten die
Proteste ausdrücklich als feministisch; ebenso wie zahlreiche Gewerkschaften
distanzieren sie sich von theokratischen Strukturen und deren Akteur*innen, wie sie in
Statements bekannt gaben (https://iranhumanrights.org/2026/01/iranian-authorities-inten-
sify-crackdown-on-protests-with-live-fire-arbitrary-arrests-and-attacks-on-
hospitals/).
Eine zentrale Rolle bei der Repression spielt die paramilitärische Organisation der
Revolutionsgarden (Islamic Revolutionary Guard Corps, IRGC). Sie gilt als
„Elitetruppe“ des Regimes, gegründet nach der Machtübernahme von 1979 zur Sicherung
der herrschenden Ordnung. Im Inland unterdrückt die IRGC regimekritische Stimmen
mit Gewalt und kontrolliert weite Teile der Wirtschaft, insbesondere durch Einfluss
unter anderem im Ölsektor, Bauwesen und auf dem Schwarzmarkt (https://nola-
bels.org/the-latest/the-irgc-irans-most-powerful-institution/). International übt sie
Macht über die sogenannte Achse des Widerstands aus, einem von Iran geführten
Netzwerk schiitischer und sunnitischer Milizen, das seit 2004 aktiv ist, auch wenn es
derzeit als geschwächt gilt. Zu diesem Verbund zählen unter anderem die Hisbollah
im Libanon, Hamas und Islamischer Dschihad in Palästina, die Huthi im Jemen,
verschiedene irakische und syrische Gruppierungen sowie die Al-Ashtar-Brigaden in
Bahrain.
Die wirtschaftliche Situation ist aufgrund von Misswirtschaft, Korruption und
Sanktionen katastrophal. Die Inflation liegt teils bei rund 40 Prozent, die iranische Währung,
der Rial, hat massiv an Wert verloren.
Offiziellen Angaben zufolge leben rund 24 Millionen Menschen unterhalb der
Armutsgrenze, doch Expert*innen vermuten eine deutlich höhere Dunkelziffer. Viele
Haushalte können ihren täglichen Kalorienbedarf nicht mehr decken, was auf eine
Hungersnot hinweist. Wassermangel und Stromausfälle verschärfen die humanitäre Krise
(https://iranjournal.org/news/armutsquote-in-iran-erreicht-36-prozent, ).
Im Sommer 2025 führten Israel und die USA koordinierte, völkerrechtswidrige
Luftangriffe auf iranische Atomanlagen wie Natanz und Fordow durch, obwohl US-
Geheimdienste Iran zu diesem Zeitpunkt mindestens drei Jahre von der Herstellung
waffenfähigen Materials entfernt sahen und keine akute Bedrohung für Israel feststellten
(https://edition.cnn.com/2025/06/17/politics/israel-iran-nuclear-bomb-us-intelli-
gence-years-away), wobei ein islamistisches Regime in Iran grundsätzlich eine
Bedrohung für Israel und die Region darstellt. Ende Dezember 2025 und Anfang Januar 2026
drohte der US-Präsident Donald Trump Iran mit massiven Militärschlägen, sollte das
Land sein Nuklearprogramm oder den Ausbau ballistischer Raketen fortsetzen. Diese
Äußerungen haben die Spannungen in der ohnehin fragilen Region weiter verschärft
(www.cnbc.com/2025/12/29/trump-iran.html). Weitere militärische oder politische
Interventionen von außen können eine Gefahr für die Zivilbevölkerung darstellen.
Angesichts der anhaltenden Gewalt und der gezielten Unterdrückung progressiver
Kräfte ist es dringend notwendig, dass die Bundesregierung klar Stellung bezieht und
die demokratischen Proteste in Iran unterstützt. Deutschland trägt als einflussreicher
Akteur in der Europäischen Union sowie aufgrund seiner Beteiligung im Iran-
Irakkrieg (1980–1988) eine besondere Verantwortung, politischen Druck auszuüben und
Schutz für Verfolgte zu gewährleisten.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die Gewalt des islamistischen Regimes in Iran gegen Oppositionelle auf das
Schärfste zu verurteilen und auf diplomatischer Ebene auf die sofortige
Beendigung der Gewaltanwendung gegen die Protestierenden zu drängen;
2. sämtliche Hinrichtungen, Folter und andere Menschenrechtsverletzungen in Iran
zu verurteilen, sich für die Freilassung politischer Gefangener einzusetzen und
Oppositionelle durch gezielte Ausreise- bzw. Schutzprogramme zu unterstützen;
3. die humanitäre Hilfe für die iranische Bevölkerung deutlich auszuweiten und die
Arbeit von Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie beispielsweise der
Vereinten Nationen sowie anderen in Iran tätigen NGOs im Bereich der humanitären
Unterstützung zu fördern, damit Menschen in Not besser versorgt werden
können;
4. die demokratischen Bestrebungen der Zivilgesellschaft in Iran und ihr Recht auf
Selbstbestimmung zu stärken;
5. die Revolutionsgarden und affiliierte Milizen konsequent zu sanktionieren und
dabei sicherzustellen, dass wirtschaftliche und finanzielle Maßnahmen nicht die
zivile Bevölkerung treffen, insbesondere nicht die Versorgung mit
Lebensmitteln, Medikamenten, Energie und medizinischer Ausrüstung;
6. sich aktiv für die internationale strafrechtliche Verfolgung der Verantwortlichen
wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit einzusetzen etwa durch die
Unterstützung von UN-Untersuchungsmechanismen und der Einrichtung einer UN-
Fact-Finding-Mission zur Aufklärung der vom Regime begangenen Verbrechen;
7. einen sofortigen und dauerhaften Stopp deutscher Waffen- und Rüstungsexporte
in Länder des Nahen und Mittleren Ostens zu beschließen;
8. den Druck auf Iran zu erhöhen, die Zusammenarbeit mit der Internationalen
Atomenergie-Behörde, IAEA, wiederaufzunehmen und unmittelbare Kontrollen
zuzulassen sowie sich für einen Nahen und Mittleren Osten frei von Atom- und
anderen Massenvernichtungswaffen einzusetzen und den Dialog für Abrüstung
und Abrüstungsverträge einzuleiten;
9. sich gegenüber den Bundesländern für eine bundesweite Abschiebestoppregelung
in Bezug auf ausreisepflichtige Iraner*innen einzusetzen;
10. sich dafür einzusetzen, dass eine Bleiberechtsregelung nach § 23 Absatz 1
AufenthG im Rahmen der Innenministerkonferenz beschlossen wird;
11. ihr Einvernehmen für eine solche Bleiberechtsregelung nach § 23 Absatz 1
AufenthG für iranische Geflüchtete zu erteilen;
12. dringend ein Evakuierungsprogramm für deutsche Staatsangehörige zu
beschließen sowie eine leichtere Visa-Vergabe für iranische Staatsbürger*innen zu
ermöglichen;
13. auf eine kohärentere Iran-Politik der Europäischen Union hinzuwirken, um unter
anderem Sanktionen wirksamer durchzusetzen und Partnerstaaten zur Einhaltung
zu bewegen.
Berlin, den 13. Januar 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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