Leistungslose Einkommen und Besteuerung von Kapitaleinkünften
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Leistungslose Einkommen und Besteuerung von Kapitaleinkünften
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/2080
21. Wahlperiode 08.10.2025
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Karoline Otte, Sascha Müller, Katharina Beck, Dr. Moritz
Heuberger, Max Lucks, Stefan Schmidt, Timon Dzienus, Dr. Armin Grau und
der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Leistungslose Einkommen und Besteuerung von Kapitaleinkünften
In aktuellen Debatten zu Reformen des Sozialstaats verweist die Koalition aus
CDU, CSU und SPD wiederholt auf die Bedeutung von Lohnarbeit und
Eigenverantwortung und richtet sich in diesem Zuge insbesondere auch an diejenigen
Menschen, die vermeintlich nicht zum Arbeiten „bereit“ sind (www.zdfheut
e.de/politik/deutschland/cdu-linnemann-buergergeld-grundsicherung-arbeit-10
0.html). Die Diskussion um angeblich fehlende Leistungs- und
Arbeitsbereitschaft blendet jedoch aus, dass heute eine wachsende Gruppe von Menschen in
Deutschland ihren Lebensunterhalt nicht überwiegend aus Erwerbsarbeit,
sondern aus Vermögenseinkünften bestreitet. Damit rückt nicht die Frage nach
Arbeitsanreizen in den Mittelpunkt, sondern die nach der ungleichen
Besteuerung von Arbeit und Kapital.
Deutschland weist im Euroraum nach Österreich die zweithöchste
Vermögensungleichheit auf (https://publikationen.bundesbank.de/publikationen-de/bericht
e-studien/monatsberichte/monatsbericht-april-2025-954594?article=vermoege
n-und-finanzen-privater-haushalte-in-deutschland-ergebnisse-der-vermoegensb
efragung-2023--954598). Das reichste Zehntel der deutschen Haushalte verfügt
über 60 Prozent des Gesamtvermögens, das oberste 1 Prozent über rund 30
Prozent, während die unteren 50 Prozent nahezu kein Nettovermögen besitzen.
Etwa ein Drittel des Gesamtvermögens stammt aus Erbschaften oder
Schenkungen.
In Deutschland leben schätzungsweise mittlerweile über 800 000 sogenannte
Privatiers, die ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Vermögenseinkünften
bestreiten (Stand 2021; https://de.statista.com/infografik/19202/anzahl-der-priv
atiers-in-deutschland/). Ökonominnen und Ökonomen sprechen in diesem
Zusammenhang auch von „leistungslosen Einkommen“ (www.fr.de/wirtschaft/gas
twirtschaft/reichtum-wohlstand-fachkraeftemangel-leistungslose-einkommen-zi
nsen-92758763.html).
Spitzenverdienerinnen und Spitzenverdiener mit hohen Kapitaleinkünften
profitieren nach derzeitiger Rechtslage von der Deckelung der Sozialbeiträge und
der pauschalen Abgeltungsteuer von 25 Prozent, sodass ihre tatsächliche
Abgabenquote deutlich unter der nominellen Spitzenbelastung liegt. Deutsche
Durchschnittsverdienerinnen und Durchschnittsverdiener tragen dagegen
häufig eine höhere effektive Steuer- und Abgabenlast. Auf den Lohn von
Durchschnittsverdienerinnen und Durchschnittsverdienern in Deutschland mit einem
Bruttoeinkommen von 60 867 Euro entfallen laut OECD Taxing Wages Report
(OECD = Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung)
im Jahr 2024 knapp 48 Prozent Steuern und Abgaben an (www.oecd.org/conte
nt/dam/oecd/en/publications/reports/2024/04/taxing-wages-2024_f869da31/dbc
bac85-en.pdf).
Wie alle Bürgerinnen und Bürger profitiert auch die Gruppe der Privatiers von
öffentlichen Leistungen in der Bundesrepublik Deutschland wie Bildung,
Infrastruktur und Gesundheitsversorgung. In der Debatte um die Finanzierung der
öffentlichen Leistungen und vor dem Hintergrund gesamtwirtschaftlicher
Trends wird von zahlreichen Expertinnen und Experten die strukturelle
Ungleichverteilung und Ungleichbehandlung von Einkommen und Vermögen als
Problem beschrieben. Hervorgehoben werden insbesondere die gravierenden
Auswirkungen einer hohen Ungleichheit auf die langfristige Finanzierung der
öffentlichen Haushalte sowie auf die volkswirtschaftliche Gesamtnachfrage
(www.oecd.org/en/publications/oecd-economic-surveys-germany-2025_39d62
aed-en.html, www.netzwerk-steuergerechtigkeit.de/wp-content/uploads/2025/0
6/oxfam_u.a._2024_superreiche_wieder_gerecht_besteuern_online_neu.pdf).
Im Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD finden sich kaum konkrete
und gezielt auf steuerliche Gleichbehandlung von Erwerbs- und
Kapitaleinkünften abzielende Maßnahmen, obwohl sowohl dieser Koalitionsvertrag als
auch Mitglieder der Bundesregierung wiederholt die Bedeutung von
Lohnarbeit, Eigenverantwortung und Arbeitsleistung betont haben.
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie viele Personen finanzieren nach Informationen der Bundesregierung
ihren Lebensunterhalt in Deutschland überwiegend aus Kapitaleinkünften
(Zinsen, Dividenden, Mieten, Pachten, Kursgewinne) und damit von
sogenannten leistungslosen Einkommen?
a) Wie hat sich nach Kenntnis der Bundesregierung der Anteil dieser
sogenannten Privatiers an der Gesamtbevölkerung in den letzten 20
Jahren entwickelt?
b) Wie ist die Altersverteilung und die Aufteilung nach Geschlecht der
Gruppe derjenigen, deren Einkommen überwiegend aus
Kapitaleinkünften (Zinsen, Dividenden, Mieten, Pachten, Kursgewinne) und
bzw. oder Erbschaften stammt (bitte Anteil der Kohorten für die
letzten 20 Jahre aufschlüsseln)?
c) Welches Gesamtvermögen besitzt nach Kenntnis der Bundesregierung
die Gruppe der sogenannten Privatiers insgesamt (bitte nominal und
als Anteil des Bruttoinlandsprodukts (BIP) angeben und auf die letzten
20 Jahre aufschlüsseln)?
d) Über welches Vermögen verfügt nach Kenntnis der Bundesregierung
ein durchschnittlicher Privatier?
e) Wie hoch ist der Anteil unter den sogenannten Privatiers von (ggf.
ehemaligen) Selbstständigen, die ihren Lebensunterhalt aus ihrer
privaten Altersvorsorge bestreiten?
2. Welche amtlichen Daten und wissenschaftlichen Analysen hat die
Bundesregierung über die Entwicklung von sogenannten leistungslosen
Einkommen im Kontext von Vermögensverteilung und sozialer Mobilität in
den letzten Jahren ausgewertet, und zu welchem Ergebnis kommen diese
Auswertungen?
3. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zu den
gesamtwirtschaftlichen Effekten der Entwicklung der Zahl von Personen vor, die
ihren Lebensunterhalt überwiegend aus Kapitaleinkünften bestreiten
(insbesondere Auswirkungen auf die öffentlichen Haushalte,
Gesamtnachfrage und gesellschaftliche Einstellungen zur Erwerbsarbeit)?
4. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zur durchschnittlichen
Steuer- und Abgabenlast (einschließlich Sozialbeiträge und indirekter
Steuern) von Haushalten mit überwiegenden Erwerbseinkünften im
Vergleich zu Haushalten mit überwiegenden Kapitaleinkünften vor, und
welche Schritte wären erforderlich, um diese Daten systematisch zu
erheben, wenn sie bislang nicht vorliegen?
5. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die durchschnittliche
Abgabenlast (Steuern und Sozialabgaben) von Haushalten mit
überwiegenden Erwerbseinkünften im Vergleich zu Haushalten mit
überwiegenden Kapitaleinkünften, und welche Schlussfolgerungen zieht die
Bundesregierung aus diesem Vergleich für die Finanzierung des Gemeinwohls?
6. Welche Daten oder Schätzungen liegen der Bundesregierung zur
Verteilung des Aufkommens aus der Abgeltungsteuer nach
Einkommensgruppen vor, und welche Maßnahmen wären aus Sicht der Bundesregierung
erforderlich, um eine differenzierte statistische Erfassung dieser Steuerlast
zu ermöglichen?
7. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung zum Zusammenhang
zwischen der steigenden Vermögensungleichheit, der abnehmenden
sozialen Mobilität und der Zunahme sogenannter leistungsloser Einkommen
(Privatiers) durch Vermögenskonzentration in Deutschland vor, und
inwiefern sieht die Bundesregierung empirische oder kausale
Zusammenhänge zwischen wachsender Vermögenskonzentration, rückläufiger
intergenerationaler Mobilität und der Anzahl von Personen, die überwiegend
aus Kapitaleinkünften leben?
8. Welche Position vertritt die Bundesregierung hinsichtlich einer möglichen
verstärkten steuerlichen Beteiligung von Personen, die überwiegend aus
Kapitaleinkünften leben, und welche Schätzungen liegen der
Bundesregierung zu potenziellen zusätzlichen Staatseinnahmen aus einer veränderten
Besteuerung dieser Einkünfte vor (bitte mögliche oder geplante
Maßnahmen aufschlüsseln und jeweils einhergehende Mehreinnahmen angeben)?
9. Welche Konzepte liegen der Bundesregierung vor, um Vermögen oder
Kapitaleinkünfte wirksamer zu besteuern, und wie begründet sie ihre
bisherige Schwerpunktsetzung, insbesondere im Vergleich zur Diskussion um
Bürgergeldempfängerinnen und Bürgergeldempfänger?
10. Welche Daten oder Schätzungen liegen der Bundesregierung zur
Verteilung von Kapitaleinkünften nach Einkommensgruppen vor, und wie hoch
ist ihr jeweiliger Anteil am gesamten Steueraufkommen aus
Kapitaleinkünften (bitte Anteil nach Dezilen aufschlüsseln und für die letzten zehn
Jahre angeben)?
11. Plant oder prüft die Bundesregierung Maßnahmen, um die steuerliche
Belastung von Erwerbseinkünften und Kapitaleinkünften stärker
anzugleichen, wenn ja, welche, und mit welchem Zeitplan (bitte Vorhaben einzeln
nennen und zeitlich aufschlüsseln)?
12. Wie hoch ist nach Kenntnis der Bundesregierung die durchschnittliche
Belastung verschiedener Einkommensgruppen durch indirekte Steuern
(bitte durchschnittliche Belastung nach Dezilen und Steuerarten
aufschlüsseln)?
13. Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über den Umfang und
die fiskalischen Effekte der Kapitalverlagerung ins Ausland vor?
14. Welche Bewertung nimmt die Bundesregierung dazu vor,
Kapitaleinkünfte wieder in die progressive Einkommensteuer zu integrieren, nachdem
die Abgeltungsteuer 2009 mit der Begründung der Vereinfachung
eingeführt wurde und dieser Zweck angesichts des mittlerweile etablierten
umfassenden automatischen Informationsaustausches und der digitalen
Steuererfassung weitgehend erfüllt ist?
15. Welche Schätzungen liegen der Bundesregierung zu den fiskalischen
Mehreinnahmen vor, die durch eine Integration der Kapitaleinkünfte in
die progressive Einkommensteuer erzielt werden könnten?
16. Welche Auswirkungen auf die Verteilung der Steuerlast zwischen
unterschiedlichen Einkommensgruppen erwartet die Bundesregierung durch
eine solche Reform?
17. Welche Maßnahmen sieht die Bundesregierung als geeignet an, um die
langfristige Finanzierung des Sozialstaats zu sichern, ohne das soziale
Schutzniveau abzusenken?
Berlin, den 7. Oktober 2025
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333]
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