Anders Wirtschaften - Ein neuer wirtschaftspolitischer Kompass für mehr und gute Beschäftigung, konsequenten Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit
Text
Anders Wirtschaften - Ein neuer wirtschaftspolitischer Kompass für mehr und gute Beschäftigung, konsequenten Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit
Antrag
der Abgeordneten Janine Wissler, Doris Achelwilm, Dr. Dietmar Bartsch,
Marcel Bauer, Desiree Becker, Lorenz Gösta Beutin, Violetta Bock, Jorrit
Bosch, Jörg Cezanne, Agnes Conrad, Mirze Edis, Dr. Fabian Fahl, Katalin
Gennburg, Christian Görke, Mareike Hermeier, Cem Ince, Cansin Köktürk, Ina
Latendorf, Caren Lay, Tamara Mazzi, Pascal Meiser, Sahra Mirow, Luigi
Pantisano, Zada Salihović, David Schliesing, Lisa Schubert, Ines
Schwerdtner, Isabelle Vandre, Sarah Vollath, Sascha Wagner, Anne Zerr
und der Fraktion Die Linke
Anders Wirtschaften – Ein neuer wirtschaftspolitischer Kompass für mehr
und gute Beschäftigung, konsequenten Klimaschutz und soziale
Gerechtigkeit
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Deutschland steckt nun im vierten Jahr einer tiefen Wirtschaftskrise und dabei handelt
es sich keineswegs um eine längerfristige Konjunkturschwäche, sondern darin zeigt
sich eine grundlegende Krise des deutschen Wirtschaftsmodells. Dieses
Wirtschaftsmodell beruht seit mehreren Jahrzehnten auf hohen Exportüberschüssen, unfairem
Freihandel auf Kosten anderer Staaten, auf Lohndumping und billiger Energie. Durch
die US-Strafzölle, den weltweit wachsenden Protektionismus und die massiv
gestiegene Konkurrenz aus China bei Hochtechnologieprodukten einerseits und durch den
Lieferstopp von billigem russischem Gas seit 2022 andererseits geraten nicht nur
einzelne Unternehmen in Schwierigkeiten, sondern dem bisherigen Wirtschaftsmodell
sind zwei zentrale Grundpfeiler abhandengekommen. Zehntausende
Industriearbeitsplätze sind bereits verloren gegangen, hunderttausende Arbeitsplätze in der Industrie
sind nun in Gefahr. Der seit Februar 2026 andauernde Krieg der USA gegen den Iran
hat zwar zu erheblichen Preissteigerungen und zusätzlichen Unsicherheiten
hinsichtlich globaler Lieferketten geführt. Der Irankrieg ist aber – anders als der Wegfall der
vorgenannten Faktoren unfairer Freihandel und billiges Gas – kein Grund für die
spezifische wirtschaftliche Krise in Deutschland, denn er trifft unsere meisten
Handelspartner und Wettbewerber in ähnlicher Weise oder teilweise sogar härter.
Diese grundlegende Krise des deutschen Wirtschaftsmodells erfordert einen
Paradigmenwechsel und trifft zeitlich mit einem ohnehin dramatischen Reformbedarf unserer
gesamten Wirtschaftsweise zusammen. Denn der menschgemachte Klimawandel
erfordert ein grundlegend anderes Wirtschaften ohne den Einsatz fossiler Energien und
das Aufzehren endlicher Rohstoffe, das – sozial gerecht ausgestaltet – der Ausbeutung
von Mensch und Natur ein Ende setzt.
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7908
21. Wahlperiode 08.09.2026
Zahlreiche Ökonomen, der Internationale Währungsfonds, die EU-Kommission und
auch die politischen Vertreter anderer Länder haben immer gewarnt: Die
Exportüberschüsse Deutschlands sind die Defizite anderer Länder. Wenn Deutschland viel mehr
exportiert als es importiert, muss es auch Länder geben, bei denen es umgekehrt ist –
und das führt zwangsläufig zu steigenden Auslandsschulden unserer Handelspartner.
Deutsche und internationale Banken lieferten das Geld dafür. In der Euro-Krise ab
2010 zeigte sich, dass Griechenland und andere Länder in der Europäischen
Währungsunion diese Schuldenlast nicht mehr tragen konnten. Die ausländischen
Gläubiger verloren daraufhin das Vertrauen und spekulierten gegen Griechenland, Italien,
Spanien und Portugal. Um „Stabilität“ wiederherzustellen und „den Euro zu retten“
diktierte die Bundesregierung mithilfe der EU-Kommission, der Europäischen
Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds brutale Kürzungsprogramme bei
Sozialausgaben, Renten, Bildung etc. in den betroffenen Ländern. Staatsunternehmen
wurden privatisiert und ans Ausland verkauft, um die Sparvorgaben zu erfüllen. Für
eine Laufzeit von 40 Jahren gingen z. B. die griechischen Flughäfen, die wegen des
Tourismus finanziell lukrativ sind, an den deutschen Flughafenbetreiber Fraport.
Dieses alte Wirtschaftsmodell Deutschlands ist kein Rezept für die Zukunft, es ist
unsolidarisch gegenüber dem Rest der Welt und unsolidarisch uns selbst als Gesellschaft
gegenüber. Denn die hohen Exportüberschüsse wurden wesentlich ermöglicht durch
stagnierende Reallöhne und den Ausbau des Niedriglohnsektors in Deutschland –
einem der größten in der EU – im Zuge der Agenda 2010. Zwar arbeiten die
Stammbelegschaften der Exportindustrie nicht zu Niedriglöhnen, aber die Unternehmen haben
vom Niedriglohnsektor in der Leiharbeit, bei Werkverträgen, in der Logistik und beim
Outsourcing massiv profitiert. Auch die unterdurchschnittlichen Lohnzuwächse der
Exportindustriebelegschaften waren nur durch die Niedriglöhne bei den
Lebensmitteldiscountern, im Friseurhandwerk, bei den Zustellerdiensten, in der Gastronomie etc.
durchzusetzen.
Auch wenn er eine große politische Errungenschaft ist und bleibt: Der 2015
eingeführte gesetzliche Mindestlohn kann nicht verhindern, dass jeder sechste heute im
Niedriglohnbereich arbeitet.
Wenn ein Land dauerhaft mehr Güter herstellt, als es selbst verbraucht, und den Rest
als Überschuss in die Welt exportiert, dann lebt es nach gängiger ökonomischer Lesart
nicht über, sondern unter seinen Verhältnissen: Die abhängig Beschäftigten in
Deutschland könnten mehr konsumieren und der Staat mehr investieren, statt einen
Warenüberschuss ans Ausland zu exportieren – oder man könnte Arbeit umverteilen
und in Zukunft weniger und besser bezahlt arbeiten. Die Zahl der Überstunden sowie
die Zunahme von Krankentagen und psychischen Erkrankungen zeigt jedenfalls, dass
in Deutschland nicht zu wenig, sondern eher zu viel und unter zu hohem Druck
gearbeitet wird.
Durch den Wegfall des billigen Gases aus Russland und verschärft durch den Irankrieg
sind die Energiepreise in Deutschland massiv gestiegen. Deutschland hat sich viel zu
lange von fossilen Energiequellen, unter anderem aus Russland, abhängig gemacht,
statt die Erneuerbaren auszubauen und die Transformation der Industrie in die Wege
zu leiten. Ein neues, resilienteres und krisensichereres Wirtschaftsmodell für
Deutschland ist daher ohne neue und erneuerbare Energiequellen nicht vorstellbar, öffentliche
und private Investitionen müssen dementsprechend neu priorisiert und ausgerichtet
werden.
Zu einem entschlossenen Voranschreiten beim Umbau unserer Industrie- und
Energiesysteme besteht nicht nur aus Gründen des Klima- und Umweltschutzes keine
Alternative, sondern dieser Umbau ist auch zur Neubegründung einer sozial verträglichen
und demokratisch kontrollierten Wirtschaftsweise mit einem gestärkten solidarischen
Gemeinwesen unverzichtbar. Die Demokratie stand in Deutschland seit Jahrzehnten
nicht so unter Druck von rechts wie heute. Eine zukunftsfähige Wirtschaftswende
muss daher auch unbedingt die demokratischen Räume verteidigen – und gerade in der
Wirtschaft selbst ausbauen: Wo durch Mitbestimmung, betriebliche
Selbstorganisation, durch Genossenschaften und öffentliche Unternehmen klare Beispiele für
wirtschaftsdemokratische Strukturen gegeben sind, gilt es diese nicht nur gegen rechts zu
verteidigen, sondern entschlossen auszubauen. Die Montan-Mitbestimmung war eine
zentrale Lektion aus dem deutschen Faschismus und wir sind gefordert, entsprechend
weitergehendere demokratische Mitwirkungsformen in der Wirtschaft mit dem Ziel
der Vergesellschaftung zu entwickeln, um jedem neuen deutschen Faschismus die
Grundlage zu entziehen. Die Demokratisierung der Kontrolle und Verfügungsgewalt
über zentrale Wirtschaftssektoren wie Energie, Mobilität, Daseinsvorsorge, Bildung
und Wohnen sollten dabei an vorderster Stelle stehen. Heute muss eine zukunftsfähige
Wirtschaftspolitik immer auch eine antifaschistische Wirtschaftspolitik sein, eine
Wirtschaftspolitik gegen rechts, die gewährleistet, dass es den Menschen nicht an
materieller und sozialer Sicherheit fehlt.
Die Ausgangslage ist indes eine Mammutaufgabe: Über Jahrzehnte wurde in allen
Bereichen der öffentlichen Infrastruktur ein gigantischer Sanierungsstau produziert. Alles
wurde auf Verschleiß gefahren, öffentliche Planung und Umsetzung dauern mangels
öffentlichen Personals unfassbar lange – das ist der „schlanke“ Staat, den der
Neoliberalismus immer gepredigt hat. So zerstörte die Schuldenbremse unsere Schienen,
Straßen und Brücken, unsere Schulen und Hochschulen, die Grundlagen unseres
Gemeinwesens und Wohlstandes.
II. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. eine klare industriepolitische Strategie einzuschlagen, die den Umbau der
Industrie zu einer klimaneutralen Produktionsweise gewährleistet, die Produktion von
Gütern, die für den sozial-ökologischen Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft
notwendig sind (z. B. Wärmepumpen, Straßenbahnen), gezielt fördert und die
Unternehmen zur Herstellung klimaschonender Produkte verpflichtet, u. a.
a) durch Transformationsverpflichtungsverträge mit Industrieunternehmen im
Gegenzug für staatliche Fördermaßnahmen, die die Unternehmen bei den
übergangsweisen Mehrkosten für die Umstellung auf klimaneutrale
Produktionsverfahren entlasten. Derartige Förderungen können als Zuschüsse,
langfristige Kredite oder im Austausch gegen staatliche
Eigentumsbeteiligungen an den Unternehmen erfolgen und sind an Mitbestimmungsrechte
von Belegschaften und Gewerkschaften zu knüpfen;
b) durch einen ambitionierten Fahrplan für den Hochlauf der
Wasserstoffwirtschaft für die Wirtschaftssektoren mit sogenannten prozessbedingten
Emissionen (z. B. bei der Herstellung von Eisen- und Stahl, Zement und
bestimmten chemischen Produkten);
c) durch ein klares Bekenntnis zur Elektrifizierung im Straßenverkehr mit
Vorfahrt für Bus und Bahn und ein Ende des Störfeuers gegen das „Verbrenner-
Aus“ für PKW;
2. Schritte zur Entlastung von Haushalten mit niedrigen und mittleren Einkommen
einzuleiten, um „das Leben bezahlbar zu machen“ und eine deutliche Erhöhung
der Binnennachfrage zu erreichen, wie z. B.
a) einen Gesetzentwurf zur Reform der Einkommensteuer vorzulegen, der
niedrige- und mittlere Einkommen bis 7.000 Euro/Monat deutlich entlastet
und sehr hohe Einkommen deutlich stärker belastet,
b) eine Untergrenze für die Höhe des gesetzlichen Mindestlohns in Höhe von
mindestens 60 Prozent des Bruttomedianlohns von Vollzeitbeschäftigten
einzuführen und den Mindestlohn auf mindestens diesen Wert sofort
anzuheben,
c) einen Gesetzentwurf zur Auszahlung eines Klimagelds vorzulegen, das die
Einnahmen des Staates aus der CO2-Bepreisung in einer sozial gestaffelten
Weise vollständig an die Bürgerinnen und Bürger zurückgibt,
d) Gesetzentwürfe für einen bundesweiten Mietendeckel, eine Deckelung der
Energiepreise in Verbindung mit einer Energiekontingents-Regelung und
die Senkung der öffentlichen Mobilitätskosten nach dem Vorbild des 9-
Euro-Tickts vorzulegen, um mehr Kaufkraft in den Geldbeuteln der
Mehrheit der Bevölkerung zu belassen;
3. nicht länger zu behaupten, der Sozialstaat von heute sei nicht mehr finanzierbar,
sondern durch einen konsequenten Ausbau staatlicher Leistungen und der
Sozialversicherungssysteme die effektive Nachfrage des Staates und der privaten
Haushalte zu stärken, statt mit den geplanten Sozialkürzungen bei Gesundheit,
Rente, Pflege und Eingliederungshilfe die Gesellschaft weiter zu spalten. Zu
diesem Zweck fordern wir die Bundesregierung auch auf, einen Gesetzentwurf zur
Reform der neuen Wohngemeinnützigkeit nach dem Vorbild des Wiener Models
vorzulegen und ein dazugehöriges Investitionsprogramm aufzulegen, um
öffentlichen und gemeinnützigen, dauerhaft bezahlbaren Wohnraum zu schaffen;
4. einen Gesetzentwurf zur Wiedererhebung der Vermögensteuer als
Millionärssteuer mit einem progressiven Steuersatz von 1 Prozent (ab 1 Mio. Euro
Vermögen/Person) bis 5 Prozent (ab 50 Mio. Euro Vermögen) vorzulegen, deren
Aufkommen insbesondere die Finanzkraft der Länder und Kommunen nachhaltig
stärken würde;
5. einen Gesetzentwurf zur Streichung der als Investitionsbremse wirkenden
Schuldenbremse aus dem Grundgesetz vorzulegen, statt durch immer neue
Sondervermögen die Transparenz der öffentlichen Haushaltsführung zu hintertreiben und
die Budgethoheit des Parlaments zu beschneiden;
6. sich eindeutig und verbindlich zum Ausbau der erneuerbaren Energien zu
bekennen und das Festhalten an Gas als langfristigem Energieträger endlich
aufzugeben;
7. einen umfassenden Aktionsplan zur Stärkung der Tarifbindung vorzulegen;
8. die fortgesetzte Missachtung des in Art. 109 GG und im Stabilitätsgesetz
festgeschriebenen Staatsziel eines außenwirtschaftlichen Gleichgewichts zu beenden
und endlich eine Wirtschaftspolitik zu betreiben, die nicht länger das Ziel von
Exportüberschüssen verfolgt. In diesem Sinne muss sich die Bundesregierung
insbesondere für eine Neuausrichtung der europäischen Wirtschafts- und
Währungsunion einsetzen, in der sich die EU-Mitgliedsländer zu ausgeglichenen
Leistungsbilanzen untereinander verpflichten und längerfristige
Handelsbilanzungleichgewichte durch Anpassungen der nationalen Wettbewerbsbedingungen
insbesondere in den Überschussländern (wie z. B. höhere Sozialstandards,
Lohnniveaus und öffentliche Investitionen) adressiert werden („Europäische
Ausgleichsunion“);
9. sich ebenfalls auf europäischer Ebene für eine Neujustierung und
Weiterentwicklung der EU-Industriestrategie einzusetzen, um sie auf ein solidarisches Konzept
für die Herstellung bzw. den Erhalt der in Europa benötigten Kapazitäten in
Schlüsselindustrien wie der Eisen- und Stahlindustrie, der Mobilitätsindustrie,
dem Maschinenbau, der Chemie-, Pharma- und Grundstoffindustrie, der
Elektronik- und Halbleiterindustrie etc. auszurichten;
10. Maßnahmen zur Ermöglichung und Erleichterung einer demokratischen
Wirtschaftsplanung voranzutreiben. Zu diesem Zwecke sollen Betriebsräte in
wirtschaftlichen Fragen ein zwingendes Mitbestimmungsrecht bekommen.
Wirtschafts- und Transformationsräte sollen eingesetzt werden, die uns dem Ziel einer
gemeinwohlorientierten, ökologischen und demokratischen Wirtschaft
näherbringen;
11. einen Auswertungsbericht über die Erfahrungen mit staatlichen
Preisüberwachungs- und Preiskontrollinstrumenten in Deutschland und anderen Ländern nach
den Energiepreisschocks infolge des Ukrainekrieges und des Irankriegs
vorzulegen und die administrativen und technischen Kapazitäten einzurichten, um
zukünftig durch eine öffentliche Preisbeobachtung zentraler Sektoren wie Energie,
Lebensmittel, Wohnen und Gesundheit Preisschocks und andere Formen von
Marktversagen frühzeitiger identifizieren und – nach Bedarf – durch
Preiskontrollinstrumente und andere geeignete Steuerungsmaßnahmen adressieren zu
können.
Berlin, den 7. September 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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