Protokoll der 7. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
Text
Protokoll der 7. Sitzung des 21. Deutschen Bundestages
Plenarprotokoll 21/7
Deutscher Bundestag
Stenografischer Bericht
7. Sitzung
Berlin, Donnerstag, den 22. Mai 2025
Inhalt:
Zusatzpunkt 2:
Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Verlängerung der Fristen im Investitionsprogramm Ganztagsausbau
Drucksache 21/216
Karin Prien, Bundesministerin BMBFSFJ
Christian Zaum (AfD)
Jasmina Hostert (SPD)
Dr. Anja Reinalter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Nicole Gohlke (Die Linke)
Anne König (CDU/CSU)
Gereon Bollmann (AfD)
Truels Reichardt (SPD)
Dr. Anja Weisgerber (CDU/CSU)
Beatrix von Storch (AfD)
Dr. Anja Weisgerber (CDU/CSU)
Tagesordnungspunkt 9:
Antrag der Abgeordneten Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann, Christopher Drößler, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD: Reform der Einbürgerungspolitik als Voraussetzung einer wirklichen Migrationswende
Drucksache 21/223
Dr. Gottfried Curio (AfD)
Detlef Seif (CDU/CSU)
Beatrix von Storch (AfD)
Filiz Polat (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Hakan Demir (SPD)
Ferat Koçak (Die Linke)
Heiko Hain (CDU/CSU)
Rasha Nasr (SPD)
Dr. Cornell-Anette Babendererde (CDU/CSU)
Tagesordnungspunkt 8:
Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der durch die Europäische Union geführten Operation EUFOR ALTHEA in Bosnien und Herzegowina
Drucksache 21/228
Gunther Krichbaum, Staatsminister AA
Dr. Anna Rathert (AfD)
Dr. Nils Schmid, Parl. Staatssekretär BMVg
Boris Mijatović (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Desiree Becker (Die Linke)
Peter Beyer (CDU/CSU)
Jörg Zirwes (AfD)
Adis Ahmetovic (SPD)
Ralph Edelhäußer (CDU/CSU)
Tagesordnungspunkt 11:
Antrag der Abgeordneten Agnieszka Brugger, Dr. Julia Verlinden, Dr. Konstantin von Notz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Sicherheit stärken, Energieabhängigkeiten durch erneuerbare Energien verringern – Rückkehr zu Nord-Stream-Pipelines ausschließen
Drucksache 21/224
Agnieszka Brugger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU)
Michael Kellner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Steffen Kotré (AfD)
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU)
Dr. Nina Scheer (SPD)
Lorenz Gösta Beutin (Die Linke)
Tilman Kuban (CDU/CSU)
Agnieszka Brugger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Katharina Dröge (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Markus Frohnmaier (AfD)
Lars Rohwer (CDU/CSU)
Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Tagesordnungspunkt 10:
Antrag der Bundesregierung: Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der „United Nations Interim Force in Lebanon“ (UNIFIL)
Drucksache 21/229
Dr. Johann David Wadephul, Bundesminister AA
Gerold Otten (AfD)
Dr. Nils Schmid, Parl. Staatssekretär BMVg
Luise Amtsberg (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ulrich Thoden (Die Linke)
Paul Ziemiak (CDU/CSU)
Andreas Paul (AfD)
Derya Türk-Nachbaur (SPD)
Tagesordnungspunkt 12:
Erste Beratung des von der Fraktion Die Linke eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur besseren Bekämpfung überhöhter Mieten (Mietwuchergesetz)
Drucksache 21/134
Caren Lay (Die Linke)
Dr. Jan-Marco Luczak (CDU/CSU)
Caren Lay (Die Linke)
Rainer Galla (AfD)
Carmen Wegge (SPD)
Hanna Steinmüller (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Christian Moser (CDU/CSU)
Christoph Grimm (AfD)
Daniel Rinkert (SPD)
Tagesordnungspunkt 13:
Wahlvorschläge der Fraktionen CDU/CSU, AfD, SPD, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und Die Linke: Wahl der Schriftführerinnen und Schriftführer gemäß § 3 der Geschäftsordnung
Drucksache 21/215 (neu)
Tagesordnungspunkt 20:
Beratung der Beschlussempfehlung des Ältestenrates: Zeitplan des Deutschen Bundestages für das Jahr 2025 ab Juni 2025
Drucksache 21/187
Steffen Bilger (CDU/CSU)
Stephan Brandner (AfD)
Dirk Wiese (SPD)
Pierre Lamely (AfD)
Dr. Irene Mihalic (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Christian Görke (Die Linke)
Zusatzpunkt 3:
Aktuelle Stunde auf Verlangen der Fraktionen der CDU/CSU und SPD: Freiheitlichen Rechtsstaat schützen – Gewalt gegen Sicherheitskräfte konsequent entgegentreten
Dr. Günter Krings (CDU/CSU)
Steffen Janich (AfD)
Sebastian Fiedler (SPD)
Marcel Emmerich (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Jan Köstering (Die Linke)
Jürgen Hardt (CDU/CSU)
Christopher Drößler (AfD)
Helge Lindh (SPD)
Marlene Schönberger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dr. Hendrik Hoppenstedt (CDU/CSU)
Markus Matzerath (AfD)
Siegfried Walch (CDU/CSU)
Jan Köstering (Die Linke) (Erklärung nach § 30 GO)
Zusatzpunkt 4:
Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD eingebrachten Entwurfs eines Ersten Gesetzes zur Änderung des Kulturgutschutzgesetzes (1. KGSGÄndG)
Drucksache 21/219
Dr. Wolfram Weimer, Staatsminister BK
Dr. Götz Frömming (AfD)
Martin Rabanus (SPD)
Katrin Göring-Eckardt (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
David Schliesing (Die Linke)
Dr. Anja Weisgerber (CDU/CSU)
Matthias Helferich (AfD)
Nancy Faeser (SPD)
Dr. Ottilie Klein (CDU/CSU)
Zusatzpunkt 5:
Antrag der Abgeordneten Leif-Erik Holm, Marc Bernhard, Peter Boehringer, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD: Deindustrialisierung stoppen – Verbrenner-Verbot aufheben
Drucksache 21/225
Leif-Erik Holm (AfD)
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU)
Dr. Jan-Niclas Gesenhues (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dunja Kreiser (SPD)
Agnes Conrad (Die Linke)
Nicklas Kappe (CDU/CSU)
Dirk Brandes (AfD)
Zusatzpunkt 6:
Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zu dem Vierten Protokoll vom 18. September 2023 zur Änderung des Vertrags vom 27. Oktober 1956 zwischen der Bundesrepublik Deutschland, der Französischen Republik und dem Großherzogtum Luxemburg über die Schiffbarmachung der Mosel
Drucksache 21/217
Harald Orthey (CDU/CSU)
René Bochmann (AfD)
Matthias David Mieves (SPD)
Tarek Al-Wazir (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Jorrit Bosch (Die Linke)
Carl-Philipp Sassenrath (CDU/CSU)
Dr. Christoph Ploß (CDU/CSU)
Zusatzpunkt 7:
Antrag der Abgeordneten Katharina Beck, Dr. Moritz Heuberger, Max Lucks, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Organisierte Steuerhinterziehung wie Cum-Cum-Deals aufklären, Steuermilliarden konsequent zurückfordern und Aufbewahrungsfristen für Belege bei Finanzinstitutionen verlängern
Drucksache 21/226
Katharina Beck (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dr. Matthias Hiller (CDU/CSU)
Diana Zimmer (AfD)
Parsa Marvi (SPD)
Isabelle Vandre (Die Linke)
Mechthilde Wittmann (CDU/CSU)
Andreas Audretsch (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Iris Nieland (AfD)
Frauke Heiligenstadt (SPD)
Zusatzpunkt 8:
Erste Beratung des von der Fraktion Die Linke eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Änderung des Grundgesetzes (Artikel 143i)
Drucksache 21/133
Sascha Wagner (Die Linke)
Christian Haase (CDU/CSU)
Mirco Hanker (AfD)
Hendrik Bollmann (SPD)
Karoline Otte (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Florian Oßner (CDU/CSU)
Hauke Finger (AfD)
Daniel Walter (SPD)
Nächste Sitzung
Berichtigung
Anlage
Entschuldigte Abgeordnete
Präsidentin Julia Klöckner:
Guten Morgen zusammen! Die Sitzung ist hiermit eröffnet.
Ich rufe auf den Zusatzpunkt 2:
Erste Beratung des von den Fraktionen der CDU/CSU und SPD eingebrachten Entwurfs eines Gesetzes zur Verlängerung der Fristen im Investitionsprogramm Ganztagsausbau
Drucksache 21/216
Überweisungsvorschlag: Ausschuss für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (f) Ausschuss für Wohnen, Stadtentwicklung, Bauwesen und Kommunen Haushaltsausschuss
Wir haben für die Aussprache eine Dauer von 30 Minuten vereinbart.
Ich eröffne hiermit die Aussprache. Für die Bundesregierung hat das Wort Frau Bundesministerin Karin Prien.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend:
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren Abgeordnete! Mehr Bildungsgerechtigkeit und bessere Startchancen sind eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Bestmöglich ausgebildete, mündige, zufriedene und gesunde Kinder und Jugendliche sind entscheidend für die Zukunft unserer lebendigen liberalen Demokratie und auch für Wirtschaft und Wohlstand in unserer Gesellschaft. Mehr Bildungsgerechtigkeit ist der zentrale Schlüssel für mehr soziale Gerechtigkeit und Aufstieg.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Bessere und gerechtere Bildungschancen beginnen im guten Miteinander von Familie, Kita und Grundschule. Es geht um eine kohärente Bildungsbiografie, die früh beginnt und möglichst ohne Brüche verläuft. Der aktuelle Ausbau ganztägiger Bildung für Kinder im Grundschulalter ist ein Meilenstein und bietet uns jetzt die Möglichkeit, einen entscheidenden Schritt weiterzukommen und unser Bildungssystem pragmatisch und evidenzbasiert weiterzuentwickeln. Dabei sind mir drei Dinge besonders wichtig:
Erstens. Chancengerechtigkeit und Wohlbefinden von Kindern und Jugendlichen stehen nicht im Gegensatz zu Leistung und Leistungsbereitschaft. Im kindgerechten Ganztag werden basale Kompetenzen, besondere Talente als auch die Persönlichkeitsentwicklung von Kindern gleichrangig gefördert. In Ganztagsangeboten werden Freundschaften geschlossen, entdecken Kinder gemeinsam ihre Welt, erleben und erlernen Neues. Hier können basale Kompetenzen – sprachliche, mathematische, soziale und motorische – gestärkt werden, sportliche und musikalische Talente, Begegnungen und Toleranz gefördert werden. Grundschulen und Horte sind also prägende Lebens- und Lernorte.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Zweitens. Für ein Gelingen ist die Kooperation von Kinder- und Jugendhilfe, Schule, Vereinen und Institutionen des Sports und der kulturellen Bildung entscheidend. Wenn die Systeme aufeinander zugehen, stets das Kind in das Zentrum stellen und ihre jeweiligen Kompetenzen wertschätzen, können wir Kinder im Sinne eines ganzheitlichen Bildungsverständnisses bestmöglich fördern.
Drittens. Wir müssen gemeinsam Verantwortung übernehmen. Bund, Länder und Kommunen und wir als Bundesregierung sind dazu bereit. Gemeinsam mit den Koalitionsfraktionen wollen wir die Einführung des Rechtsanspruchs noch besser unterstützen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Dazu gehört, in einem ersten Schritt die Rahmenbedingungen für die Umsetzung der Ganztagsförderung zu flexibilisieren und zu verbessern. Als deutliches Signal an Länder und Kommunen wollen wir die Fristen im Investitionsprogramm Ganztagsausbau um zwei Jahre verlängern.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Hierfür sind Änderungen im Ganztagsfinanzhilfegesetz und im Ganztagsfinanzierungsgesetz vorzunehmen. Gerade kleinere Schulträger, meine Damen und Herren, brauchen mehr Zeit für den Ausbau, weil Planungs- und Baukapazitäten knapp sind. Zukünftig wollen wir die Umsetzungsbelange von Ländern und Kommunen insgesamt besser berücksichtigen.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Dabei soll es nicht bleiben. In einem zweiten Schritt werden wir gemeinsam mit den Ländern die Umsetzung bürokratieärmer und mit Blick auf die Beteiligung der Träger der freien Kinder- und Jugendhilfe flexibler gestalten und die Investitionsmittel erhöhen; denn die Bundesregierung weiß um die Herausforderungen, mit denen Länder und Kommunen konfrontiert sind. Wir schätzen die fortwährenden Anstrengungen aller Beteiligten, die ganztägigen Bildungs- und Betreuungsangebote für Grundschulkinder sowohl quantitativ als auch qualitativ auszubauen.
Präsidentin Julia Klöckner:
Kommen Sie bitte zum Schluss.
Karin Prien, Bundesministerin für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend:
Ich komme zum Schluss. – Meine Damen und Herren, wir möchten mit dem Gesetz zur Verlängerung der Fristen im Investitionsprogramm Ganztagsausbau die Länder und Kommunen darin unterstützen, vom Schuljahr 2029/30 an für alle Kinder im Grundschulalter einen solchen Rechtsanspruch umzusetzen. Wir werden gemeinsam dafür sorgen, dass Kinder im Ganztag einen guten Lern- und Lebensort finden.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die AfD-Fraktion hat nun zu seiner ersten Rede Herr Abgeordneter Christian Zaum das Wort. Bitte.
(Beifall bei der AfD)
Christian Zaum (AfD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Und vor allem: Liebe Bürger! Ich beginne mit Ihrer Erlaubnis mit einem Zitat aus der zugrundeliegenden Drucksache:
„Qualitativ hochwertige ganztägige Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder im Grundschulalter fördern die Bildungsteilhabe von Kindern und ihre Entwicklung zu eigenverantwortlichen und gemeinschaftsfähigen Persönlichkeiten. Sie erleichtern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf […].“
Die Frau Ministerin hat das eben ja auch so ähnlich gesagt. Aber was ist das für ein bürokratischer Wortsalat! Eine Sprache, die der Bürger vielleicht versteht, aber nicht spricht. Eine schöne neue Welt.
Aber auch wir von der AfD wissen: Ja, wir leben nicht mehr in den 60er- oder 70er-Jahren. Das Leben ist vielfältiger, diverser, bunter, wie Sie immer betonen, geworden und vor allem auch sehr viel arbeitsintensiver. Warum? Beide Elternteile müssen heutzutage arbeiten. Sie sind dazu gezwungen. Die Miete ist hoch, möglicherweise gibt es einen Abtrag für das Eigenheim, die Lebenshaltungskosten steigen. Dem tragen wir natürlich Rechnung.
(Zuruf der Abg. Saskia Esken [SPD])
Wir werden diesen Gesetzentwurf nicht ablehnen.
Aber was auffällt, ist: Der Staat schickt sich hier an, der Problemlöser für Probleme zu sein, die der Bürger ohne ihn gar nicht hätte.
(Beifall bei der AfD)
Genau dafür wird dann ordentlich Geld in die Hand genommen. Man nennt es „Sondervermögen“, ein Begriff, bei dem man Bauchschmerzen hat. Unter der Bezeichnung „Ausbau ganztägiger Bildungs- und Betreuungsangebote für Kinder im Grundschulalter“ wird dann eben ein Paket von 3,5 Milliarden Euro aufgesetzt, die aber komischerweise nur zögerlich abgerufen werden.
Aber wie sieht es denn wirklich mit der Wahlfreiheit der Eltern aus? Uns ist diese ganz wichtig. Nehmen wir eine Bürokauffrau und einen Zerspanungsmechaniker: Wenn sie vielleicht in Dortmund oder Köln wohnen, dann haben sie keine Wahlfreiheit, sie müssen beide arbeiten und müssen die Kinder in die Betreuung schicken. Ja, richtig, es ist Betreuung, es ist kein Unterricht. Die Frage ist: Werden dadurch Familien tatsächlich gestärkt? Wohl eher nicht.
(Beifall bei der AfD)
Wenn die Familien Pech haben, hat das Betreuungsprogramm auch noch ideologische Schlagseite. Bei Trägern wie der AWO wird dann vielleicht gegen rechts gemalt, für das Klima gehüpft oder was auch immer. Träger wie die AWO, die Diakonie oder die Caritas machen aus der ganzen Angelegenheit dann auch noch ein Geschäftsmodell. Wir nennen es „Sozialindustrie“.
Ich bin Lehrer. Lassen Sie mich sagen: Ich wünsche mir grundsätzlich ein Sondervermögen für Regelschulen und weniger eine Schule neben und nach der Schule, ein zweites System, das am Ende dann vielleicht auch nicht funktioniert.
(Beifall bei der AfD)
In meiner Heimat NRW sind 7 000 Lehrerstellen unbesetzt, Unterricht fällt aus. Die maroden Gebäude müssten längst ertüchtigt werden. Man möchte doch einfach auf eine Schultoilette gehen, wo einem nicht speiübel wird. Das wäre doch mal ein Anfang. Dafür bräuchten wir ein Sondervermögen.
(Beifall bei der AfD)
Ich sage Ihnen noch was: Nach der Ganztagsschule rufen immer nur die Leute, die selbst nicht hingehen müssen. Für Lehrer, Schüler und Betreuer ist sie wie ein langweiliger, abgelutschter Kaugummi.
(Dr. Anja Reinalter [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und das als Lehrer!)
Nachmittagsunterricht macht eigentlich niemandem Spaß. Als meine Tochter aus der OGS kam, hatte sie auch keine Lust mehr, anschließend noch zum Sportverein zu gehen.
Ich habe es schon gesagt: Wir werden uns Ihrem Anliegen nicht versperren, aber wir als AfD kämpfen grundsätzlich für etwas anderes.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gut, dass Sie nicht mehr in der Schule sind, sondern hier!)
Wir kämpfen für unsere Bürger, für mehr Netto vom Brutto. Wir wollen: weniger Geld für Klimaschutz, weniger Geld für Migranten und stattdessen mehr für die eigenen Bürger, bitte schön.
(Beifall bei der AfD – Zuruf der Abg. Saskia Esken [SPD])
– Frau Esken, es ist ja hier ein bisschen wie in der Schule: Es wird viel dazwischengequasselt. Hören Sie doch gerne zu!
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Gut erkannt! – Ates Gürpinar [Die Linke]: Wenn von vorn nichts kommt! – Weitere Zurufe von der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken – Gegenruf des Abg. Martin Reichardt [AfD]: Mensch, das ist die erste Rede! Halt den Mund! – Gegenruf der Abg. Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Unverschämtheit!)
Wir wünschen uns, dass eben nicht beide Elternteile gezwungen sind, in Vollzeit zu arbeiten; da haben wir auch eine Schnittmenge mit den Fraktionen hier links, zum Beispiel in Bezug auf bezahlbare Mieten. Wir wünschen uns echte Wahlfreiheiten. Dann ist eine OGS eben eher die Ausnahme als die Regel.
Präsidentin Julia Klöckner:
Wenn Sie bitte zum Ende kommen.
Christian Zaum (AfD):
Letzter Satz. – Mit Fristverlängerungen für Fördermittel ersetzen Sie keine Familie. Eine echte Familienförderung gibt es nur mit der Alternative für Deutschland.
Vielen Dank.
(Beifall bei der AfD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Liebe Kolleginnen und Kollegen, wir haben hier ein ungeschriebenes Gesetz: Wenn jemand die erste Rede hält, gibt man ihm oder ihr die Möglichkeit, sie ohne Unterbrechung zu halten.
(Zuruf des Abg. Ates Gürpinar [Die Linke])
Aber ich sage auch: Zwischenrufe wie „Halt den Mund!“ ziemen sich hier, glaube ich, nicht. Wir sollten uns alle mal ein bisschen zurückhalten. Wenn man selbst Reaktionen provoziert, darf man sich auch nicht über diese wundern. Also, ich denke, das kriegen wir jetzt gemeinsam gut hin.
(Dr. Alice Weidel [AfD]: Wir hätten auch gerne mal die Präsidiumsleitung! Die Präsidiumsleitung für die AfD wäre der richtige erste Schritt!)
– Frau Weidel, welches Problem haben Sie jetzt gerade?
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie hat ganz viele Probleme!)
Wollen Sie vorkommen zu mir? Dann können wir das gerne besprechen, aber nicht im Dialog hier.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU, der SPD, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken – Dr. Alice Weidel [AfD]: Nein, ich muss bestimmt nicht zu Ihnen vorkommen! Sie können gerne zu mir kommen!)
Jetzt hat für die SPD-Fraktion die Abgeordnete Jasmina Hostert das Wort. – Bitte.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Jasmina Hostert (SPD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ja, Herr Zaum von der AfD, Sie haben es richtig erkannt: Wir sind nicht mehr in den 60er-Jahren, auch nicht in den 50ern. Kommen Sie doch mal an im Jahr 2025! Die Realität ist so, dass wir Frauen gerne Mütter sind; aber wir sind auch sehr gern erwerbstätig.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken – Zuruf des Abg. Martin Reichardt [AfD])
Der Ganztag wird kommen, und das ist gut so. Wir haben diesen Rechtsanspruch 2021 beschlossen. Seitdem sorgen wir dafür, dass unsere Länder beim Neubau, Umbau oder bei der Sanierung von Ganztagsschulen finanziell unterstützt werden. Und das ist erst der Anfang. Mit unserem Sondervermögen werden wir auch in dieser neuen Koalition kraftvoll in moderne Schulen investieren, weil wir wissen: Jedes Kind verdient die beste Bildung.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Der vorliegende Gesetzentwurf sieht eine Fristverlängerung des Investitionsprogramms um zwei Jahre vor. Das ist wichtig; denn die aktuellen Krisen im Bau- und Energiesektor stellen uns vor enorme Herausforderungen. Verzögerungen durch Materialausfälle oder Handwerksengpässe dürfen nicht dazu führen, dass finanzielle Hilfen wegfallen oder wichtige Projekte nicht abgeschlossen werden können. Die Kommunen arbeiten fleißig daran, dass der Ganztag vor Ort gelingt. Mit der Verlängerung der Frist stellen wir sicher, dass die Kommunen Planungssicherheit bekommen und ihre Projekte erfolgreich umsetzen können.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Wir alle sind diesbezüglich mit vielen Menschen in Kontakt und im Gespräch. Wir wissen, dass der Ganztag ein Kraftakt ist, und wir sagen: Wir müssen das gemeinsam schaffen – Kommunen, Länder und der Bund –, weil die Vorteile einer Ganztagsschule auf der Hand liegen. Wir schaffen die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, insbesondere für Frauen, und wir schaffen vor allem einen Ort, an dem die Kinder gerne lernen, spielen und besser gefördert werden. Wir gestalten einen rhythmisierten Ganztag, in dem sich Bildung, Erziehung, Spiel und Spaß an einem Ort vereinen und außerschulische Akteure wie Sportvereine und Musikschulen aktiv eingebunden werden. Das sind große Ziele, und da wollen wir gemeinsam hin.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Liebe Kolleginnen und Kollegen, unsere Kinder sollen die Welt von morgen gestalten. Deshalb ist es unsere Verantwortung, ihre Welt von heute aktiv zu formen. Der Ganztag muss und wird uns gelingen. Packen wir es gemeinsam an!
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat Frau Abgeordnete Dr. Anja Reinalter das Wort. Bitte.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Dr. Anja Reinalter (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Moin, Frau Ministerin! Sehr geehrte Damen und Herren! „Ganztagsbetreuung? Ach, Frau Reinalter, des braucht’s bei uns id. Bei uns isch die Welt no in Ordnung: Da essat die Kinder mittags dahoim und essen bei ihrer Oma oder bei ihrer Mutter zum Mittag, und da machat sie auch die Hausaufgaben.“ – Diesen Satz – es ist fast 20 Jahre her – werde ich nie vergessen. Das hat ein CDU-Stadtratskollege zu mir gesagt, als ich mich damals als frisch gewählte Gemeinderätin für die Ganztagesbetreuung eingesetzt habe. Damals war ich selbst mittendrin im Spagat zwischen Betreuung und Beruf.
Und was hat sich seither getan? Zum Glück hat sich viel getan. Aber es ist noch viel zu wenig.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wenn ich heute mit jungen Familien spreche, höre ich immer wieder dasselbe: Zuverlässige und gute Betreuung ist kein Nice-to-have. Es ist ein zentraler Faktor für die Vereinbarkeit der drei Ks: Kinder, Küche und Karriere.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Dr. Götz Frömming [AfD]: Früher hieß das mal „Kirche“!)
Ganztagesbetreuung ist ein echter Dreifachgewinn: für die Kinder, weil sie bessere Entwicklungs- und Bildungschancen haben, für die Eltern, weil sie Familie und Beruf überhaupt erst vereinbaren können, und für den Arbeitsmarkt, weil wir jede gut ausgebildete Fachkraft brauchen. Darum gilt: Nicht aufschieben, sondern endlich anschieben!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich will drei Dinge deutlich machen:
Erstens. Ganztag ist kein Luxus, sondern eine Voraussetzung für Chancengleichheit. Kinder brauchen Gelegenheiten, in denen sie zeigen können, was in ihnen steckt, ob in der Schreibwerkstatt, der Robotik-AG oder auf dem Fußballplatz.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Guter Ganztag ist ein Bildungsversprechen für alle Kinder.
Zweitens. Ganztag entlastet Familien. Der Spagat zwischen Beruf, Stundenplan und Hausaufgaben bringt viele an ihre Grenzen, insbesondere Mütter. Guter Ganztag bedeutet Planungssicherheit und weniger Stress für die ganze Familie.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Dagmar Schmidt [Wetzlar] [SPD])
Drittens ist guter Ganztag ein Standortfaktor; denn ohne verlässliche Betreuung bleiben die Fachkräfte zu Hause. Guter Ganztag bringt Menschen in Arbeit und sichert unsere wirtschaftliche Zukunft.
Deshalb sagen wir Grünen ganz klar: Der Rechtsanspruch ab 2026 muss stehen. Er darf nicht verschleppt und auch nicht auf die lange Bank geschoben werden.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Kinder freuen sich darauf, Eltern planen damit, und Unternehmen zählen darauf. Wer das infrage stellt, verspielt Vertrauen.
Ich weiß, wie groß die Herausforderungen für die Kommunen sind; als Gemeinderätin kenne ich die Realität vor Ort sehr gut. Bauverzögerungen steigern die Kosten und erschweren die Umsetzungen. Deshalb kann ich die Forderung der Länder und Kommunen, das Investitionsprogramm zu verlängern, auch sehr gut verstehen. Also ja: Die Kommunen brauchen mehr Zeit. Aber wenn Sie jetzt nur die Frist verlängern und keine zusätzlichen Mittel bereitstellen, starten Sie nicht ambitioniert, sondern halbherzig und bleiben hinter dem zurück, was im Koalitionsvertrag versprochen wurde.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Da steht wortwörtlich: Wir verlängern das Investitionsprogramm um zwei Jahre und erhöhen die Mittel. – Weshalb wird jetzt nur die halbe Zusage gemacht? Am Geld kann es nicht liegen. Das Geld haben wir im Sondervermögen zur Verfügung gestellt. Wer den Ausbau des Ganztags ernst meint, der muss jetzt liefern – nicht später, nicht halbherzig, nicht irgendwann, sondern jetzt.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Wir stehen für konstruktive Beratungen bereit, damit der Ganztag kommt: verlässlich, verbindlich, für alle.
Vielen Dank.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Das Wort für die Fraktion Die Linke hat jetzt Frau Abgeordnete Nicole Gohlke.
(Beifall bei der Linken)
Nicole Gohlke (Die Linke):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Vor vier Jahren, im Jahr 2021, hat der Bundestag nach jahrzehntelanger Debatte den Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder im Grundschulalter verabschiedet. Ursprünglich sollte es 2025 damit losgehen. Die Ampelregierung hat den Start dann auf 2026 verschoben. Dann gilt der Rechtsanspruch allerdings nur für die Schülerinnen und Schüler der ersten Klasse, nicht etwa für alle Grundschulkinder. Für sie gilt er erst ab dem Schuljahr 2029/30.
Heute möchte Schwarz-Rot die Fristen verlängern, damit die Kommunen die Gelder des Bundes für die Umsetzung des Ganztags länger abrufen können. Das ist natürlich richtig und notwendig. Aber man muss sich schon mal auf der Zunge zergehen lassen: Wir leben in einem der reichsten Länder der Erde, wollen Werte wie Gleichberechtigung und Vereinbarkeit von Beruf und Familie leben und müssen im Jahr 2025 darüber reden, ob es im nächsten Jahr eventuell gelingen wird, dass die Erstklässler auch am Nachmittag versorgt sind. Das ist schon wirklich peinlich.
(Beifall bei der Linken)
Kolleginnen und Kollegen, warum ist der Ganztag so wichtig? Es geht darum, dass Eltern, die arbeiten gehen, ihre Kinder gut untergebracht wissen und dass nicht wieder die Frauen und Mütter daheimbleiben und auf eine Arbeit und eine berufliche Verwirklichung verzichten.
(Beifall bei der Linken – Beatrix von Storch [AfD]: Das können auch die Väter sein!)
Es geht beim Ganztag aber auch darum, dass Kinder über den Schulunterricht hinaus und unabhängig von den Möglichkeiten und Voraussetzungen, die ihnen das Elternhaus bietet, Förderung bekommen, soziale Gemeinschaft erfahren und verschiedenste Bildungsangebote wahrnehmen können.
(Beifall bei der Linken)
Deswegen haben wir als Linke immer Ja gesagt zum Ganztagsausbau, zur Ganztagsbetreuung. Sie muss endlich zum pädagogischen Standard werden.
Aber so, wie die letzten Regierungen den Ganztag aufgesetzt haben, ist er wirklich nicht das, was und wie er sein soll. Die Kommunen, die den Ganztag umsetzen sollen, sind oft überlastet, ihnen fehlt immer wieder die Planungssicherheit. Die neuen Räumlichkeiten und die Umbauten, die dafür nötig sind, fallen natürlich nicht vom Himmel. Und was eben auch nicht vom Himmel fällt und was das größte Problem in der Bildung ist, ist der Fachkräftemangel – ein Problem, das Sie aber immer wieder beiseitewischen.
(Beifall bei der Linken)
Wenn es aber zu wenig Erzieherinnen und Erzieher in den Horten gibt, zu wenig Jugendsozialarbeiter/-innen an den Schulen, keine Trainer für die Sport-AGs, keine Lehrkraft für den Theaterkurs, dann klappt es natürlich auch nicht mit einem guten Ganztag, dann brennen die Pädagoginnen und Pädagogen, die da sind, aus, dann leidet die Qualität, dann findet weder gute Bildung statt, noch gibt es ein Umfeld, in dem sich alle Kinder wohlfühlen. Und dass Sie das so lassen, das ist verantwortungslos.
(Beifall bei der Linken)
Bis 2030 werden mehr als 100 000 Lehrkräfte und unzählige Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe fehlen. Viele der in der Ganztagsförderung Beschäftigten sind bereits jetzt völlig am Limit. Die schlechte Raumsituation, der schlechte Personalschlüssel und die andauernde Zeitknappheit, das Gefühl, der Aufgabe und den Kindern nicht gerecht werden zu können, das haben auch Sie als Bundesregierung zu verantworten, weil Sie sich weigern, einen echten Beitrag zur Lösung des Fachkräftemangels zu leisten.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Die Länder könnten aber auch mehr tun!)
Der Kampf gegen die Bildungsungleichheit ist eine der größten Herausforderungen für unsere Gesellschaft. Verstehen Sie endlich, dass es für diese Aufgabe mehr braucht als eine Fristverlängerung.
Vielen Dank.
(Beifall bei der Linken)
Präsidentin Julia Klöckner:
Das Wort für die CDU/CSU-Fraktion hat nun Frau Abgeordnete Anne König.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Anne König (CDU/CSU):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Verehrte Ministerin! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Die Ganztagsbetreuung in unseren Kindertagesstätten und Schulen ist für viele Eltern längst zu einem unverzichtbaren Instrument geworden, um ihren Alltag zu organisieren und die Sorge für ihre Kinder und ihren Beruf miteinander in Einklang zu bringen.
Für uns steht dabei die Wahlfreiheit im Mittelpunkt. Eine Fremdbetreuung ist kein Zweck an sich und anderen Betreuungsmodellen nicht überlegen. Wer aber aus guten Gründen auf Arbeitseinkommen nicht verzichten und nicht auf eine Betreuung aus dem familiären Umfeld zurückgreifen kann, dem wollen wir flächendeckend die Möglichkeit der Ganztagsbetreuung auch im Grundschulalter der Kinder garantieren.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir als CDU/CSU-Bundestagsfraktion sagen klar: Wer jungen Eltern, die arbeiten wollen, keine Betreuung anbieten kann, zwingt sie, zwischen Arbeit und Kindern zu wählen. Er verschenkt damit entweder dringend benötigtes Fachkräftepotenzial oder hindert junge Menschen daran, sich für Kinder zu entscheiden. Dabei sind echte Wahlfreiheit und ein gutes Angebot bei der Ganztagsbetreuung auch eine wichtige Antwort auf den Arbeitskräftemangel in unserer Gesellschaft. Diese Investitionen sind familienpolitisch und volkswirtschaftlich richtig und nachhaltig investiertes Geld. Damit bauen wir Zukunft, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Der Bundesgesetzgeber muss jetzt dafür die Voraussetzungen schaffen, dass unsere kommunalen Partner endlich Planungssicherheit erhalten, um den nötigen Rechtsanspruch überhaupt umsetzen zu können. Länder und Kommunen sollen zwei Jahre mehr Zeit bekommen, um Milliardenhilfen vom Bund zum Ausbau des Ganztages abrufen zu können. Die Bundeshilfen in Höhe von 3,5 Milliarden Euro sollen bis Ende 2029 bereitstehen. Regulär wäre diese Förderung Ende 2027 ausgelaufen. Es handelt sich also um eine längst überfällige Korrektur, die die Ministerpräsidentenkonferenz bereits im letzten Herbst gefordert hat.
Mit der Fristverlängerung lösen wir nicht nur unser Versprechen aus dem schwarz-roten Koalitionsvertrag ein, sondern wir schaffen für die Kommunen endlich die verlässlichen Voraussetzungen, die sie für diese Herkulesaufgabe benötigen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Für uns steht fest: Kommunen sind nicht unsere Erfüllungsgehilfen, sondern wir sehen uns als ihr verlässlicher Partner. Deshalb ist es entscheidend, dass wir das Gesetz noch vor der Sommerpause verabschieden.
Ich bitte Sie daher um Ihre Zustimmung für eine funktionierende Ganztagsbetreuung, für Planungssicherheit für unsere Kommunen sowie für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die AfD-Fraktion hat jetzt der Abgeordnete Herr Gereon Bollmann das Wort.
(Beifall bei der AfD)
Gereon Bollmann (AfD):
Frau Präsidentin! Frau Ministerin! Meine Damen und Herren! Seit rund 50 Jahren macht man uns die Ganztagsschule mit den Argumenten schmackhaft, sie verbessere die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen und Männern am Erwerbsleben und erhöhe die Bildungschancen, weil der Bildungserfolg der Kinder bis heute von ihrer sozialen Herkunft abhänge.
Man verschweigt dabei aber, dass die Ganztagsschule unsere Familien auch beschädigen kann. Wenn die gemeinsame Freizeitgestaltung in den Familien sich auf die Abendstunden und die Wochenenden beschränkt, wenn die Geschwister weniger Kontakt untereinander haben, wenn der Einfluss der Eltern auf die Erziehung vermindert wird, gibt man der Familie Steine statt Brot.
(Beifall bei der AfD)
Wenn man die Sache nämlich bei Licht betrachtet, sieht man: Beide Eltern sollen Erwerbseinkommen beziehen und als Steuerzahler und Lückenbüßer für den Fachkräftemangel dienen.
Zur Verbesserung der Bildungschancen. Nennen Sie mir einen empirischen Beleg für den positiven Einfluss der Ganztagsschule auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: 20 können wir Ihnen zeigen! Aber das hilft nicht!)
Professor Eckhard Klieme, Direktor am Leibniz-Institut für Bildungsforschung und Bildungsinformation, kennt jedenfalls keinen. Man darf sich also schon fragen, ob die Milliarden, über die wir heute sprechen, nicht besser in die direkte Familienförderung fließen sollten, in massive Steuerentlastungen, wie unsere Fraktion sie seit Jahren vorschlägt.
(Beifall bei der AfD)
Die neue Bundesregierung möchte aber lieber in Beton investieren: Nicht etwa pädagogisches Personal ist förderfähig, sondern allein Investitionen in Schulbauten, nämlich in räumliche Kapazitäten für eine zeitgemäße Ganztagsbetreuung.
Aber damit ist es eben nicht getan. Wenn länger unterrichtet werden soll, wenn besser unterrichtet werden soll, braucht man mehr und gut ausgebildete Lehrer. Und was sehen wir? Schon vor drei Jahren hatte die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes, Simone Fleischmann, davor gewarnt, dass Fächer gestrichen, Klassen größer und Hauptfächer nicht mehr von Lehrern unterrichtet werden könnten. Sogar eine Viertagewoche an Schulen war im Gespräch. Abhilfe seither: Fehlanzeige. Laut Statista werden im Schuljahr 2035/2036 etwa 85 000 Lehrerstellen fehlen. Die Kultusministerkonferenz ermittelte, schon bis 2030 würden rund 55 000 Lehrer zusätzlich benötigt, um den Unterricht – zumindest so wie bisher – weiter aufrechterhalten zu können.
Wir haben immer wieder auf dieses wichtige Problem hingewiesen. Was wird dann aus den üppig bezuschussten Bauten? Wie es scheint, bauliche Verwahranstalten für unsere Kinder. Aber wer um Himmels willen braucht solche Investitionsruinen?
(Truels Reichardt [SPD]: Wir! Deutschland!)
Schönen Dank.
(Beifall bei der AfD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion der SPD hat nun Herr Abgeordneter Truels Reichardt das Wort. Bitte sehr.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Truels Reichardt (SPD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Als Kommunalpolitiker begrüße ich ganz ausdrücklich die Fristverlängerung im Investitionsprogramm Ganztagsausbau. Sie ist richtig und notwendig; denn sie schafft Spielraum, wo zuvor Zeitdruck herrschte. Aber ich sage auch ganz deutlich: Das Thema Ganztagsausbau ist damit noch nicht erledigt; im Gegenteil: Der eigentliche Kraftakt liegt immer noch vor uns.
Ab nächstem Jahr werden in Deutschland alle Eltern von Grundschulkindern, aufwachsend ab der ersten Klasse, einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung haben. Ein wichtiger und längst überfälliger Schritt für mehr Chancengleichheit, für bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nicht nur, weil häufig beide Elternteile arbeiten müssen und weil wir jede Fachkraft auf dem Arbeitsmarkt brauchen, sondern, weil ganz oft beide Elternteile – selbst die Frauen, liebe AfD – arbeiten möchten. Aber Ihre Redebeiträge haben gezeigt, dass das möglicherweise Ihren Horizont übersteigt.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Dr. Alice Weidel [AfD]: Eine schön vorgeschriebene Rede! Wo war ich? In welcher Zeile? – Zuruf des Abg. Dr. Götz Frömming [AfD])
Die nun zur Verfügung stehenden Bundesmittel – insgesamt 3,5 Milliarden Euro – sind ein wichtiger Beitrag. Aber die Realität vor Ort sieht häufig anders aus: Baukostenexplosion, Fachkräftemangel, langwierige Genehmigungsprozesse und ein Maß an Bürokratie, das Kommunen mit ohnehin begrenzten Kapazitäten an ihre Belastungsgrenzen bringt. – Frau Ministerin, Sie hatten das gerade angedeutet. – Selbst bei bester Planung ist es für viele Kommunen schlicht nicht möglich, Fördermittel in dem ursprünglich vorgesehenen Zeitraum vollständig zu verausgaben.
Ich habe mich als Gemeindevertreter, der ich immer noch sehr gerne bin, lange mit einem Ausbau der offenen Ganztagsschule beschäftigt. Ich komme aus der Gemeinde Mildstedt. Wir haben eine Grund- und Gemeinschaftsschule und hatten vor, einen Grundschulneubau mit der offenen Ganztagsschule zu verbinden, haben fleißig losgeplant. 18 Millionen Euro sollte der Spaß kosten. Dann kam die Kommunalaufsicht vom Kreis Nordfriesland und hat gesagt: Geht nicht, könnt ihr nicht bezahlen, obwohl wir anerkennen, dass der Bedarf da ist. – Was machen wir jetzt? Wir planen neu, wir planen kleiner, mit der Möglichkeit, zu erweitern. Dafür brauchen wir und viele andere Kommunen jetzt einfach Zeit, damit wir das auch hinbekommen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Dass nun eine Fristverlängerung kommt, ist überfällig. Aber ich sage auch: Die kommunale Praxis zeigt deutlich, dass wir mehr brauchen als nur ein Aufschieben der Deadline und fast schon skurrile Windhundverfahren an ministeriellen Briefkästen, vor denen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister übernachten, um ihren Antrag als erste einwerfen zu können. Wir haben das in Schleswig-Holstein erlebt.
Wir brauchen jetzt verlässliche und längerfristig planbare finanzielle Unterstützung. Um es ganz kurz zu sagen: Wir brauchen mehr Zeit, mehr Geld und lebensnahe Bürokratie.
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion der CDU/CSU hat nun Frau Abgeordnete Dr. Anja Weisgerber das Wort.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Dr. Anja Weisgerber (CDU/CSU):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Werte Kolleginnen und Kollegen! Wenn Eltern arbeiten, müssen sie sicher sein, dass ihre Kinder gut betreut sind. Wir alle kennen das aus dem eigenen Erleben oder von anderen Müttern und Vätern in unserem Umfeld.
Bis zum Ende der Kitazeit werden unsere Kinder im Hort oft bis in den Nachmittag hinein gut betreut. Kommen die Kinder dann aber in die erste Grundschulklasse, ist die Nachmittagsbetreuung in vielen Regionen Deutschlands nicht mehr gewährleistet. Das ist auch meine Erfahrung als Mutter. Die Grundschulkinder sind oft schon ab dem späten Vormittag mit dem Unterricht fertig. Und was dann? Viele Mütter sind deshalb gezwungen, ihre Arbeitszeit wieder zu reduzieren. Weil die Nachmittagsbetreuung von Kindern im Grundschulalter nicht gewährleistet ist, bleiben Mütter oft in der Teilzeitfalle gefangen. Deshalb haben wir Frauen in der Unionsfraktion sehr für den Rechtsanspruch auf Nachmittagsbetreuung von Kindern im Grundschulalter gekämpft. Mit dem heutigen Beschluss werden wir die Kommunen weiterhin finanziell dabei unterstützen, diesen auch umsetzen zu können, liebe Kolleginnen und Kollegen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die Union liefert: Die Kommunen bekommen mehr Zeit bezüglich des Abrufens der Fördermittel des Bundes, und die flächendeckenden Ganztagsangebote können dann kommen. Das Investitionsprogramm wird um zwei Jahre verlängert. Das ist ein wichtiges Signal an die Eltern und die Kinder und schafft Planungssicherheit für die Kommunen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Der Ausbau der Nachmittags- und Schulaufgabenbetreuung ist aber nicht nur für die Eltern wichtig.
Präsidentin Julia Klöckner:
Würden Sie eine Zwischenfrage von Frau von Storch zulassen?
Dr. Anja Weisgerber (CDU/CSU):
Ich würde meine Rede gern erst zu Ende führen. – Die Bereitstellung dieses Angebots in allen Regionen Deutschlands bildet vielmehr die Grundlage dafür, dass unsere Grundschulkinder die gleichen Chancen für eine gute Zukunft und gute Bildung haben. Deshalb auch der Rechtsanspruch.
Als Bund können wir den Ländern und Kommunen aber nicht Vorgaben machen und sie dann im Regen stehen lassen, sehr geehrte Damen und Herren. Viele Länder und Kommunen hatten losgelegt und sind in Vorleistung gegangen. Das ist ein tolles Signal für den Willen und die Bereitschaft, hier voranzukommen. Aber leider waren unsere Kommunen beim Ganztagsausbau mit Investitionshindernissen konfrontiert. Grundstücke fehlen, die Planungsprozesse sind umfangreich, und Bürokratie und Fachkräftemangel am Bau kommen hinzu. Kein Wunder also, dass die Mittel nur zögerlich abgerufen wurden. Die Förderfristen drohten auszulaufen.
Das ändert sich jetzt. Auf uns ist Verlass. Wir investieren für euch. Das ist ein guter Tag, ein gutes Signal für die Kommunen, aber vor allen Dingen für die Eltern und die Kinder.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Frau Abgeordnete von Storch bittet um eine Kurzintervention. – Bitte sehr.
Beatrix von Storch (AfD):
Vielen Dank, Frau Präsidentin. – Ich habe jetzt bis zum letzten Redner der Union gewartet, weil mir ein Gedanke in all Ihren Ausführungen gefehlt hat. Vielleicht können Sie dazu noch mal ausführen.
Der Anspruch auf Nachmittagsbetreuung für kleine Kinder, damit beide Elternteile immer arbeiten können, ist doch eigentlich der Notwendigkeit geschuldet, dass viele arbeiten gehen müssen, weil sie von nur einem Einkommen die Familie nicht mehr unterhalten können. Natürlich wollen viele Mütter und viele Väter gerne arbeiten; das sollen sie auch tun. Aber ein großer Teil ist gezwungen, zu arbeiten, weil nur ein Einkommen nicht mehr reicht, weil die Abgaben und die Steuern zu hoch sind.
(Mirze Edis [Die Linke]: Wie wollt ihr das bezahlen?)
Deswegen die Frage: Wie wollen wir das durch eine Senkung der Steuern und Abgaben lösen, sodass sich die Familien wieder von einem Einkommen ernähren können
(Beifall bei der AfD)
und nicht beide gezwungen sind, zu arbeiten? Das wäre doch das Leitbild einer christlich-konservativen Partei. Auf jeden Fall ist das das Leitbild für Familienpolitik von der Alternative für Deutschland.
Vielen Dank.
(Beifall bei der AfD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Frau Dr. Weisgerber hat jetzt alleine das Wort, nicht andere Kommentatoren. – Bitte sehr.
Dr. Anja Weisgerber (CDU/CSU):
Sehr geehrte Frau Abgeordnete von Storch, natürlich wollen wir, dass die Bürgerinnen und Bürger mehr Netto vom Brutto haben. Wir haben im Koalitionsvertrag auch vorgesehen, dass wir Steuern und Abgaben senken müssen,
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
damit den Familien mehr Geld bleibt.
Aber zum Leitbild von uns als konservativer Partei gehört auch die Wahlfreiheit für Mütter.
(Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Sehr richtig!)
Es gibt eben auch Mütter, die arbeiten wollen.
(Dr. Alice Weidel [AfD]: Die können doch arbeiten!)
Die brauchen dafür dann auch entsprechende Rahmenbedingungen – ich spreche auch aus meiner eigenen Erfahrung; ich habe selbst zwei Kinder, die jetzt 12 und 14 sind –; sie brauchen die Wahlfreiheit und Möglichkeiten, auch arbeiten zu können. Das ist unser Anspruch.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle sagen: Das unterscheidet uns von Ihnen. Bei Ihnen hat man sehr oft den Eindruck, dass Sie zum alten Leitbild der Frau als Mutter, die nur zu Hause ist und nicht arbeitet, zurückwollen.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Da haben Sie den falschen Eindruck!)
Genau das wollen wir nicht. Wir wollen ein modernes Frauenbild. Wir wollen auch die Wahlfreiheit. Das heißt: Die Mutter, die zu Hause bleiben will, wird genauso unterstützt wie die Mutter, die arbeiten möchte. Das ist unser Leitbild.
(Dr. Alice Weidel [AfD]: Unser auch!)
Dafür stehen wir, und dafür kämpfen wir.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Das Ganze heißt Kurzintervention, deshalb auch bitte kurz antworten. – Hiermit schließe ich die Aussprache.
Interfraktionell wird Überweisung des Gesetzentwurfes auf Drucksache 21/216 an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Gibt es weitere Überweisungsvorschläge? – Das ist erkennbar nicht der Fall. Darum verfahren wir wie vorgeschlagen.
Ich rufe nun den Tagesordnungspunkt 9 auf:
Beratung des Antrags der Abgeordneten Dr. Gottfried Curio, Dr. Bernd Baumann, Christopher Drößler, weiterer Abgeordneter und der Fraktion der AfD
Reform der Einbürgerungspolitik als Voraussetzung einer wirklichen Migrationswende
Drucksache 21/223
Überweisungsvorschlag: Innenausschuss
Für die Aussprache wurde eine Dauer von 30 Minuten vereinbart.
Ich eröffne die Aussprache. Das Wort hat für die Fraktion der AfD Herr Abgeordneter Dr. Gottfried Curio.
(Beifall bei der AfD)
Dr. Gottfried Curio (AfD):
Sehr geehrte Präsidentin! Meine Damen und Herren! Nach einer Einbürgerungsfeier in Berlin sagt eine Frau nach Singen der deutschen Nationalhymne:
„Ich hätte lieber meine eigene Nationalhymne gesungen. Also, ich habe auch gar nicht mitgesungen; ich will das gar nicht. Für mich ist nur das Papier wichtig. Deutsch bin ich nicht.“
(Dirk Wiese [SPD]: Bei euch singen ja auch Leute die erste Strophe!)
Eine derart offensiv vorgetragene Verachtung des Aufnahmelandes mag nicht die Regel sein; die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs indes darf hier schon vermutet werden. Kalte Vorteilsnahme statt Identifikation mit der neuen Heimat mag weiter verbreitet sein, als es der deutschen Aufnahmegesellschaft lieb sein kann. Viel zu lange wurde doch kommuniziert, der Erhalt der Staatsbürgerschaft sei einfach ein Anspruch statt Ausweis einer wirklich gelungenen, abgeschlossenen Integration. Mit solcher Entwertung des Beitritts zum deutschen Staatsvolk muss Schluss sein, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der AfD)
Vor der Ampel gab es bei der Anspruchseinbürgerung eine Frist von acht Jahren. Allen bekannten Integrationsmängeln zum Trotz verkürzte die Ampel diese Frist auf nur noch fünf Jahre. An diesem Regelanspruch nach fünf Jahren hat die Union im Koalitionsvertrag nichts geändert. Und auch sonst hat es kein einziger der von der Union angeblich geforderten Punkte in den Koalitionsvertrag geschafft. Anders gesagt: Was also hält die unionsgeführte Regierung für nicht nötig für eine Einbürgerung? Darf man von den Einzubürgernden eine Einordnung in die deutschen Lebensverhältnisse erwarten? Die Unionsantwort heißt: Nein, nicht nötig. – Sind aber vielleicht humanitäre Aufenthaltsrechte grundsätzlich nur auf vorübergehenden Aufenthalt angelegt, also solange Gefahr in der Heimat besteht? Die Unionsantwort heißt: Nein. – Will man denn dann wenigstens klarstellen, dass ein solcher vorübergehender Aufenthalt – Asylverfahren, humanitärer Aufenthalt – nicht in die Frist zur Einbürgerung zählt? Das heißt, will man verhindern, dass per Fristablauf Ausländer eingebürgert werden, die lediglich humanitär aufenthaltsberechtigt waren?
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: „Lediglich“!)
Die Unionsantwort heißt: Nö. – Nicht zu fassen! Will man wenigstens verhindern, dass Straftäter eingebürgert werden? Unsere überlastete Gesellschaft, das geschundene Deutschland, erfährt:
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Von Ihnen geschunden!)
Nein, das will die Union mitnichten verhindern.
(Zuruf des Abg. Dr. Ralf Stegner [SPD])
Und sollen die Einbürgerungskandidaten denn wenigstens die Sprache ihres neuen Heimatlandes sprechen können, auf C1-Niveau? Nein, künftige deutsche Staatsbürger, die nicht mal richtig Deutsch können – für die Union keine Horrorvision. Das ist kein Versehen, das ist kein Kompromiss mehr, kein Ausverkauf, das ist blanke antideutsche, linke Politik in Reinkultur, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der AfD)
Wie konnte es zu diesem ganzen Gruselkabinett extrem linker Vorstellungen kommen, wie es geschehen, dass bei den Koalitionsverhandlungen die SPD die Union in einer Sekunde zu Boden gebracht hat, chloroformiert hat zum kaum noch strampelnden, willenlosen – Kafka, nicht ich, würde es vielleicht so sagen – Käfer gemacht hat,
(Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Das sind doch Geschichten, die Sie erzählen, Herr Curio! Geschichten sind das!)
der alles unterschreibt, was die Roten ihm vorlegen? Gibt es denn gar keine Führung im Kanzleramt, die sagt: „Bis hierhin und nicht weiter“, keinen verantwortungsvollen Blick auf die Konsequenzen der Masseneinbürgerung von Personen, denen überhaupt keine wesentlichen Integrationsleistungen mehr abverlangt werden? Wie kann das sein?
Ach so, der Kanzler ist gar nicht im Haus. Wo ist er? Kümmert er sich nicht um die innersten und drängendsten Belange Deutschlands? Wo ist er? – Ach so, nicht in Deutschland, in Brüssel. Nicht in Deutschland, in Kiew. Nein, in Warschau, in Rom, auf einem NATO-Gipfel, auf einem Gipfel der Willigen zur Kriegsfortsetzung. – Ja, es tut uns leid, der Kanzler ist unabkömmlich. Er ist gerade wieder dabei, irgendwo Hunderte Milliarden Euro deutsches Steuergeld zu verschenken,
(Wilfried Oellers [CDU/CSU]: Sie sind ein Schaumschläger!)
das noch gar nicht erarbeitet wurde, aber unsere Kinder und Kindeskinder erschuften dürfen,
(Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Völlig niveaulos!)
damit er jetzt draußen große Reden führen kann, was für eine Führungsrolle Deutschland unter ihm spielt.
(Beifall bei der AfD – Steffen Bilger [CDU/CSU]: AfD-Märchenstunde! – Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Sie sind ein Märchenonkel!)
Statt sich um die wachsenden Probleme Deutschlands im Innern zu kümmern, will Merz nur vermitteln, er mache Deutschland zum Lastenträger in der auswärtigen Politik, völlig unbekümmert um die wirkliche Leistungsfähigkeit Deutschlands,
(Steffen Bilger [CDU/CSU]: Wie naiv!)
um dessen tatsächliche aktuelle Nöte, etwa bei Migration und Integration.
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ihre eigene Fraktion ist irritiert! Das will schon was heißen! Die sind völlig perplex!)
Nicht das für das Land Notwendige steht da voran, sondern die anscheinend unausrottbare Krankheit deutscher Liebedienerei nach außen, wofür man sich dann vom Ausland feiern lassen will. Vertretung eigener deutscher Interessen? Fehlanzeige! Könnte weniger auswärtiges Schulterklopfen eintragen. Der Amtseid indes, meine Damen und Herren, sah anderes vor.
(Beifall bei der AfD)
Und inzwischen erhöht dieses Staatsbürgerschaftsrecht zu Hause, in Deutschland, nur weiter das Konfliktpotenzial in unserer Gesellschaft, forciert mit regelhaftem Doppelpass und mangelhaften Integrations- und Einbürgerungsbedingungen den Weg in die Multiminoritätengesellschaft. Der SPD war wichtiger, neue Wahlberechtigte zu konstruieren, denen Deutschland als gewachsener Kulturraum erst mal nicht unbedingt am Herzen liegt, die aber, hofft man, mit vaterlandslosen Gesellschaften verbundenen Vorstellungen zuneigen – eigene Wählerschaft in spe.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN], an die AfD gewandt: Da sind Sie selbst ganz betroffen über so viel Zeug! Das sieht man Ihnen an!)
Während die SPD so ihre privaten Parteiinteressen radikal gegen Deutschland durchsetzt, hat es die Union überhaupt nicht interessiert,
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Noch mehr Belege fürs Verfassungsgericht! Danke schön! Die Belegsammlung wird länger, Herr Curio! Danke schön! – Zuruf des Abg. Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
dass jetzt durch Einbürgerung nach fünf Jahren die von ihr selbst forcierte illegale Millionenmigration der Jahre 2015 bis zunächst 2020 irreversibel zu werden droht. Von wegen, wir haben Platz! Die Schrumpf-SPD in ihrem alten Saal vielleicht, aber nicht Deutschland, wo es in Gemeinden und Kommunen eher aussieht, wie wenn die AfD in den kleinen FDP-Saal gepfercht wird.
(Beifall bei der AfD – Zuruf des Abg. Dr. Ralf Stegner [SPD])
Und nicht zufällig fehlt im Koalitionsvertrag eine klare Aussage, wie jetzt mit den 1 Million Syrern umzugehen ist, nach Ende des Bürgerkriegs, nach Sturz des Assad-Regimes. Es gebe die Möglichkeit, auch mal nach Syrien abzuschieben – mehr kommt da nicht. Mit dem praktisch unveränderten Staatsbürgerschaftsrecht wird der Aufenthalt dieser Gruppe mittels Masseneinbürgerung irreversibel werden. Das ist das Ergebnis der grotesk schlechten, ja unterwürfigen Verhandlungsführung auf Unionsseite. Friedrich Merz wollte an die Macht und hat sich dafür einen ganzen Schwedentrunk von Kröten einlaufen lassen, und die Union hat willig mitgeschluckt, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der AfD)
Was braucht es denn in Wirklichkeit? Abschaffung des regelhaften Doppelpasses; Wegfall der absurden Idee, Deutschland schlicht als Örtlichkeit der Geburt könne einen Einbürgerungsanspruch begründen;
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Meine Güte!)
schließlich Rückgang auf die jahrzehntelang gültige verfassungskonforme Rechtslage der Einbürgerung nach Ermessen. Doch dafür müsste einem das Schicksal unserer Heimat am Herzen liegen, und darum kommt von dieser Koalition nichts. Nach zwei Wochen gut 70 Zurückweisungen, aber falsche Anreize im Staatsbürgerschaftsrecht – ein Witz! Für die echte Migrationswende braucht es, meine Damen und Herren, die AfD.
(Beifall bei der AfD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion der CDU/CSU hat nun Herr Abgeordneter Detlef Seif das Wort.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Detlef Seif (CDU/CSU):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Herr Curio, was war das für eine ekelhafte Rede –
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
menschenunwürdig, populistisch! Die Falschinformationen kann man ja gar nicht alle richtigstellen.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Dass Ihnen das nicht gefallen hat, kann ich schon verstehen!)
Die jüngste Einstufung der AfD durch das Bundesamt für Verfassungsschutz
(Zurufe von der AfD: Oh!)
als gesichert rechtsextrem
(Zuruf von der AfD: Wo bleibt denn der Antrag?)
beruht im Wesentlichen auf einer Tatsache, nämlich darauf, dass Sie ein ethnisch-abstammungsmäßiges Volksverständnis haben.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
Genau das ist in Ihrem Antrag erkennbar, und, Herr Curio – danke für die Deutlichkeit! –, das ist auch in Ihrer Rede erkennbar.
Präsidentin Julia Klöckner:
Lassen Sie eine Zwischenfrage von Frau von Storch zu?
Detlef Seif (CDU/CSU):
Gerne.
Präsidentin Julia Klöckner:
Bitte sehr.
(Zurufe: Oh! – Nein!)
– Also, der Redner entscheidet selbst, ob er eine Zwischenfrage zulässt. Das muss hier keiner kommentieren.
Beatrix von Storch (AfD):
Vielen Dank, Frau Präsidentin, und vielen Dank, Herr Seif, dass Sie diese Frage zulassen, weil sie an dieser Stelle wichtig ist; Sie können selbstverständlich darauf antworten.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Haben Sie wieder keine Redezeit bekommen? – Zuruf des Abg. Dr. Ralf Stegner [SPD])
– Nein, Sie wiederholen hier etwas vom Bundesamt für Verfassungsschutz,
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da ist der Redner! – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ich habe gar nichts gesagt!)
das der Regierung unterstellt ist und kein unabhängiges Amt ist. Wir sind dagegen vorgegangen, und das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine Stillhaltezusage abgegeben.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, aber der Herr Seif doch nicht! – Weitere Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es macht keinen weiteren Gebrauch mehr von dieser Einschätzung, für die es keinen Grund gibt.
(Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Manche Landesverbände sind gesichert rechtsextrem!)
Hätte es diese Zusage nicht abgegeben, wäre es verurteilt worden.
Präsidentin Julia Klöckner:
Eine Zwischenfrage, bitte.
Beatrix von Storch (AfD):
Ich finde es unredlich, davon weiter Gebrauch zu machen und die Einschätzung einer Ihnen weisungsgebundenen Behörde zu instrumentalisieren und hier gegen uns zu verwenden.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hier ist das Parlament, Frau von Storch!)
Das sollte nicht nur der Verfassungsschutz nicht mehr benutzen, sondern Sie auch nicht.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir sind nicht das Bundesamt für Verfassungsschutz!)
Präsidentin Julia Klöckner:
Frau von Storch, eine Zwischenfrage, bitte. Das war ein Statement und keine Zwischenfrage.
Beatrix von Storch (AfD):
Ja. – Wie stehen Sie dazu?
(Heiterkeit und Beifall bei der AfD)
Detlef Seif (CDU/CSU):
Frau von Storch, man muss Ihre Frage, die inhaltlich an mehreren Punkten falsch ist, zunächst einmal einordnen. Wir haben – das ist richtig – ein Verfahren der AfD beim Verwaltungsgericht Köln gegen diese Einstufung. Das ist ein verfahrensinterner Vorgang beim Bundesamt für Verfassungsschutz.
(Beifall der Abg. Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sehr gut erklärt!)
Daraus folgen nachrichtendienstliche Kompetenzen. Das heißt, im Prinzip kann das Bundesamt für Verfassungsschutz die kompletten zur Verfügung stehenden Tools der nachrichtendienstlichen Erkenntnisgewinnung heranziehen.
(Zuruf von der AfD)
Dieses Verfahren läuft, und in diesem Verfahren hat das Bundesamt für Verfassungsschutz
(Beatrix von Storch [AfD]: … zu schweigen!)
eine derartige Stillhaltezusage abgegeben.
(Dr. Alice Weidel [AfD]: Genau! – Weitere Zurufe von der AfD)
Das Verfahren ist aber nicht abgeschlossen, das Verfahren läuft weiter. Und natürlich kann ich als Parlamentarier und kann jeder in der Bundesrepublik Deutschland sagen, dass Sie dieses ethnische Volksverständnis haben. Punkt!
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken – Zurufe von der AfD)
Frau von Storch, Sie können sich wieder setzen, wenn Sie wollen.
Für die Union ist eine Selbstverständlichkeit – das muss man sagen; das folgt aus dem Verständnis, dass wir anderen Menschen, die verfolgt sind, Schutz bieten –:
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Wer ist denn „wir“?)
Wenn der Grund für die Schutzgewährung entfallen ist, müssen die Menschen das Land grundsätzlich wieder verlassen.
(Zurufe von der AfD)
Das bezieht sich auch auf Syrer, die grundsätzlich nach Syrien zu gehen haben.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Gottfried Curio [AfD]: Die ist irreversibel, die verkürzte Einbürgerung!)
Aber – und das ist wichtig – was ist mit den Menschen, die sich seit Jahren in unserem Land aufhalten,
(Dr. Gottfried Curio [AfD]: Höchst illegal aufhalten!)
mit den Menschen, die hier integriert sind,
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Die werden Mitglied der AfD!)
die fleißig arbeiten, die Wohnraum haben, die sich im Regelfall in unsere Gesellschaft einbringen? 7 Prozent der Syrer – und das verschweigen Sie; Sie reden von 1 Million Syrer, die im Prinzip wieder zurückgeschoben werden müssen – haben eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis, eine Niederlassungserlaubnis.
(Zurufe von der AfD)
Daran sind hohe Anforderungen geknüpft: 60 Monate Einzahlung von Rentenbeiträgen,
(Zuruf von der AfD: Da haben Sie Tür und Tor geöffnet!)
Unterhaltssicherung, Sprachkompetenz usw. usf. Sie aber unterscheiden nicht. Daran sieht man: Sie möchten Menschen, die Ihrem ethnischen Volksverständnis nicht entsprechen, nicht in Deutschland haben,
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Quatsch! – Zuruf des Abg. Dr. Gottfried Curio [AfD])
und das ist zutiefst abzulehnen.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Linken – Dr. Götz Frömming [AfD]: Sie wollen sich nur eine Konkurrenz vom Leibe halten! Das ist die Wahrheit!)
Sie stellen hier ja hier nicht abstrakte Anträge und reden dazu. Menschen gucken uns zu, Menschen, die betroffen sind, die hier seit fünf, sechs, sieben Jahren arbeiten, die fleißig sind, die integriert sind.
(Zurufe von der AfD)
Was meinen Sie denn, was bei denen im Kopf vorgeht, wenn sie hören, dass eine Gruppe hier will, dass sie letztlich in ihr Land zurückgeschoben werden? Ich kann, glaube ich, für das gesamte Haus sagen, dass sich diese Menschen keine Sorgen machen müssen. Es wird nicht dazu kommen. Die Menschen, die sich hier gut integriert haben, die eine unbefristete Niederlassungserlaubnis haben, können in Deutschland bleiben.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD – Zuruf des Abg. Jörn König [AfD])
Herr Curio, das Wort „Masseneinbürgerung“ ist auch wieder gefallen.
(Dr. Alice Weidel [AfD]: Ja, stimmt!)
Jede Einbürgerung braucht Voraussetzungen.
(Tino Chrupalla [AfD]: Welche denn noch?)
Erst mal muss eine unbefristete Aufenthaltserlaubnis
(Dr. Alice Weidel [AfD]: Die eben illegal hier erteilt wird!)
bzw. eine Niederlassungserlaubnis bestehen, und dann müssen weitere Voraussetzungen vorliegen. Schauen Sie sich doch mal das Staatsbürgerschaftsrecht an. Da steht: Eingebürgert werden kann nur, wer nicht wegen einer Straftat bestraft ist. – Sie haben in den Raum gestellt, es wäre selbstverständlich, alle könnten hier als Staatsbürger aufgenommen werden. Das stimmt nicht.
(Maximilian Kneller [AfD]: Die bleiben ja trotzdem hier!)
Da gibt es sehr hohe Anforderungen. Von den mehreren Millionen Menschen, die in der Tat hier sind, wird, selbst wenn sie noch länger hierbleiben, nur ein geringer Bruchteil – 7 bis 10 Prozent, vielleicht 15 Prozent – überhaupt in der Lage sein, eine Einbürgerung zu beantragen. Deshalb ist das kein Problem. Es wird hier keine Masseneinbürgerung geben.
Ganz zum Schluss. Sie machen hier reine Panikmache. Es geht darum, abzulenken. Wir sind doch auf einem guten Weg:
(Zurufe von der AfD)
europäisch mit Magnus Brunner, national mit Alexander Dobrindt.
Präsidentin Julia Klöckner:
Kommen Sie bitte zum Schluss.
Detlef Seif (CDU/CSU):
Die Zeichen für die Asylwende, die wir brauchen, sind gut.
(Jörn König [AfD]: In welcher Welt leben Sie, Herr Seif?)
Wir haben jetzt ein Momentum. Lassen Sie uns dieses Momentum nutzen!
Präsidentin Julia Klöckner:
Bitte zum Schluss kommen!
Detlef Seif (CDU/CSU):
Und lassen Sie doch Ihre – ich sage es an der Stelle – dämlichen und menschenunwürdigen Anträge!
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zurufe von der AfD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat Frau Abgeordnete Filiz Polat das Wort. Bitte.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Filiz Polat (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren Kolleginnen und Kollegen! Die Debatte um das Staatsangehörigkeitsrecht zeigt eines: Bei der Staatsangehörigkeit geht es nicht bloß um einen Verwaltungsakt oder einen bürokratischen Akt im Hinterzimmer, sondern um Zugehörigkeit, um Identität und, ja, auch und vor allem um unsere Demokratie.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Deutschland hat beim Staatsangehörigkeitsrecht zwei historische Wendepunkte erlebt. Die erste Reform wurde von Rot-Grün Anfang der 2000er-Jahre umgesetzt: Schluss mit dem aus der Kaiserzeit stammenden Prinzip „Nur wer deutsches Blut hat, kann Deutsche oder Deutscher sein“.
(Dr. Götz Frömming [AfD]: Was ist denn „deutsches Blut“, bitte schön? So ein Unsinn!)
Wir haben stattdessen den Geburtsort ins Zentrum gestellt und damit ein Zeichen gesetzt: Wer hier geboren ist, ist auch von hier. Punkt!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die zweite große rot-grüne Reform haben wir in der letzten Legislaturperiode durchgesetzt. Endlich, liebe Kolleginnen und Kollegen, haben wir die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglicht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Völlig falscher Weg!)
Ein längst überfälliger Schritt, Herr Hoffmann – und ein voller Erfolg:
(Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Nein, eben nicht! Millionen eingebürgert, die kein Wort Deutsch sprechen können, Frau Kollegin!)
ein regelrechter Boom bei den Einbürgerungen. Menschen, die seit Jahren hier leben, arbeiten, Kinder großziehen, sich längst als Teil dieser Gesellschaft fühlen, sich hier zu Hause fühlen,
(Dr. Irene Mihalic [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, so ist das!)
haben endlich die Möglichkeit bekommen, auch rechtlich dazuzugehören.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist das!)
Aber was passiert jetzt? Anstatt diesen Erfolg, das erfolgreichste Gesetz der letzten Legislaturperiode,
(Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: Das ist Ihre Erzählung!)
zu feiern, Herr Hoffmann, anstatt sich zu freuen, dass Menschen sich zu unserem Land bekennen, machen Sie Stimmung, Stimmung gegen die privilegierte Einbürgerung, gegen Menschen, die sich durch ihre besondere Integrationsleistung ausgezeichnet haben: unsere Hochqualifizierten, die wir im Land halten wollen. Meine Damen und Herren, das ist nicht nur falsch, sondern auch gefährlich.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf des Abg. Alexander Hoffmann [CDU/CSU])
Eine lebendige Demokratie erkennt man auch daran, ob sie bereit ist, Zugehörigkeit zu ermöglichen. Meine Damen und Herren, wenn Wohnbevölkerung und Wahlbevölkerung auseinanderdriften – da ist unser Bundesverwaltungsgericht klar –, ist unsere Antwort Einbürgerung und nicht Ausgrenzung. Wir öffnen die Tür, wir schließen sie nicht.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Herr Seif hat es schon gesagt: Nun kommt dieser AfD-Antrag. Aber, meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen Demokratinnen und Demokraten,
(Zurufe von der AfD: Oh!)
das Bundesverfassungsgericht war hier im NPD-Verbotsverfahren 2017 eindeutig: Wenn eine Partei wie die AfD zwischen „indigenen Deutschen“ und „Passdeutschen“ unterscheidet, wenn sie darüber schwadroniert, wer angeblich Träger deutscher Kultur ist und wer nicht, dann ist sie gesichert auf dem Weg zum Parteiverbot.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie der Abg. Nicole Gohlke [Die Linke])
Wir werden diesen Antrag ablehnen, und wir werden weiter für ein Staatsangehörigkeitsrecht kämpfen, das die Realität dieses Landes abbildet: vielfältig, offen, demokratisch. Denn Zugehörigkeit ist kein Privileg, sie ist ein Recht, und das werden wir verteidigen gegen alle, die es angreifen wollen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD – Marcel Emmerich [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sehr gut!)
Präsidentin Julia Klöckner:
Das Wort für die SPD-Fraktion hat Herr Abgeordneter Hakan Demir.
(Beifall bei der SPD)
Hakan Demir (SPD):
Sehr verehrte Frau Präsidentin! Meine geehrten Kolleginnen und Kollegen! Ich frage mich: Was hat man eigentlich gegen Menschen, die mindestens fünf Jahre hier leben, hier arbeiten, Deutsch sprechen
(Zuruf von der AfD)
und sich dann für eine Einbürgerung entscheiden? Ich kann mir den Antrag der AfD nur so erklären: Für die AfD sind Menschen mit Migrationsgeschichte immer nur Deutsche zweiter Klasse. Der letzte Bericht zeigt auch deutlich: Die AfD hat Schwierigkeiten damit, dass die Menschenwürde für alle Menschen in Deutschland gilt. Sie erträgt es nicht, dass Deutsche vielfältige Geschichten in sich tragen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken – Zuruf von der AfD: Was für ein Unsinn!)
Ganz besonders gilt das bei der AfD offenbar für die Syrerinnen und Syrer. Die AfD sagt diesen Menschen: Ihr dürft nicht heimisch werden. Da könnt ihr noch so gut Deutsch lernen, noch so fleißig in deutschen Krankenhäusern arbeiten. – Die AfD versteht nicht, dass eine Person, die hier als geflüchtet anerkannt ist und hier ein neues Zuhause gefunden hat, auch bleiben kann.
Kolleginnen und Kollegen, ich kann Ihnen sagen: Ich habe seit dem letzten Jahr viele Nachrichten bekommen. Aber anders, als es sich jetzt vielleicht die AfD denkt, habe ich viele Dankesbriefe bekommen von Deutschen in Kanada und in den USA. Denn auch für diese Gruppe fällt der Zwang weg, den deutschen Pass abgeben zu müssen, wenn sie den kanadischen oder den US-amerikanischen Pass haben wollen.
Da sehen Sie vielleicht Parallelen: Für diese Gruppe war es wichtig, den deutschen Pass nicht abzugeben. Und viele Menschen hier in Deutschland sagen gerade auch: Ja, ich möchte den deutschen Pass beantragen, aber ich möchte meinen alten noch behalten. – Das haben wir letztes Jahr zusammen mit den Grünen und der FDP so möglich gemacht, und das ist auch gut so.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Ich bin auch froh darüber, dass wir es in den Koalitionsverhandlungen geschafft haben, diese Errungenschaft, diese Reform weiterhin aufrechtzuerhalten. Dafür bin ich all den Verhandlerinnen und Verhandlern dankbar. Denn wenn Millionen von Menschen, die hier leben, hier arbeiten, aber am Ende des Tages nicht mal den Bürgermeister ihrer Stadt wählen können, dann haben wir ein Demokratiedefizit; Filiz Polat hat das gerade noch mal gesagt.
Und wir sehen, dass Menschen, die den deutschen Pass haben, sich stärker einbringen, dass der Arbeits- und Bildungserfolg wächst, wenn die Menschen die Staatsbürgerschaft bekommen. Wie die AfD mit ihnen hier im Parlament und außerhalb davon umgeht, ist mehr als abstoßend.
Für die SPD gilt, dass wir in einer solidarischen Gesellschaft leben, und das soll auch so bleiben. Das verteidigen wir.
Danke schön.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion Die Linke hat zu seiner ersten Rede der Herr Abgeordnete Ferat Koçak das Wort.
(Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Ferat Koçak (Die Linke):
Frau Präsidentin! Abgeordnete! Ich möchte Ihnen heute von meinem Opa erzählen. Er ist Anfang der 70er mit meiner Großmutter aus Anatolien nach Deutschland gekommen, auf der Suche nach einem besseren Leben. Die Koffer waren klein, aber die Hoffnung groß.
Er fand Arbeit als Asphaltierer. Die ersten Jahre waren hart. Er sprach kein Deutsch, die Arbeit war schwer, die Schichten lang. Er baute die Straßen dieser Stadt – die Straßen, auf denen Sie sich heute rumkutschieren lassen. Doch während er dieses Land mit aufbaute – Tag für Tag, Jahr für Jahr –, blieb er für viele ein Fremder.
Wer hier lebt, aber nicht eingebürgert wird, dem fehlt ein grundlegendes Recht: Bis zu seinem letzten Atemzug blieb meinem Großvater das Wahlrecht verwehrt. Er starb im Alter von 103 als „Gast“ in dem Land, das er mit aufgebaut, in dem er 54 Jahre gelebt hat.
(Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD)
Die Reform der Ampel beim Staatsbürgerschaftsrecht wäre für ihn vielleicht ein kleiner Trost gewesen. Aber sie kam viel zu spät und ging nicht weit genug. Und selbst für die, die heute eingebürgert werden wollen, ist es oft ein Hindernislauf. So geht es vielen meiner Nachbarn in Neukölln: Die Ämter sind überlastet, die Anträge dauern Jahre.
Doch anstatt hier nachzubessern und die echten Probleme der Menschen zu lösen, macht die black-rote Koalition mit der Abschaffung der sogenannten Turboeinbürgerung
(Alexander Hoffmann [CDU/CSU]: … genau das Richtige!)
den Weg frei für die AfD und ihre Hetze, besonders gegen Menschen ohne Pass.
(Beifall bei der Linken)
Sie von der AfD – das möchte ich hier noch mal sagen – haben null Plan von Artikel 1 Grundgesetz: „Die Würde des Menschen …“ Wenn Sie den Einbürgerungstest machen müssten, würden Sie doch alle selbst durchfallen.
(Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Mit diesem Antrag übertreffen Sie sich wieder einmal in Sachen Menschenverachtung. Sie hetzen gegen unsere Leute; gegen Menschen, die so aussehen wie ich; gegen Menschen, die hier zu Hause sind, die hier arbeiten und das Land am Laufen halten; gegen Menschen, die mit ansehen mussten, wie ihre Angehörigen im Mittelmeer ertrunken sind, in Gaza, Sudan oder in Shingal und Rojava ermordet wurden.
Sie verbreiten das Märchen vom kriminellen Ali Baba und bezeichnen die „Masseneinbürgerung“ als Gefahr für das Zusammenleben in Deutschland. Ich sage Ihnen eins: Sie selbst sind die größte Gefahr für das Zusammenleben in Deutschland. Ihre Hetze macht Sie zu dem, was Sie sind: eine rechtsextreme Partei.
(Beifall bei der Linken, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Sie wollen uns spalten. Wir wollen ein gutes Leben für unsere Familien, eine sichere Zukunft für unsere Kinder. Deshalb fordern wir: Deutsche Staatsangehörigkeit für alle, die hier geboren werden, für alle, die fünf Jahre hier leben, unabhängig vom Geldbeutel; Wahlrecht für alle Menschen, die ihren Lebensmittelpunkt in Deutschland haben,
(Zurufe von der CDU/CSU und der AfD)
und eine angemessene Ausstattung der Behörden, damit die Menschen nicht jahrelang auf ihre Einbürgerung warten müssen.
Wir werden nicht zulassen, dass die AfD unsere Gesellschaft spaltet und Union und SPD das Spiel mitspielen. Denn wir sind die Brandmauer!
(Beifall bei der Linken)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die CDU/CSU-Fraktion hat nun Herr Abgeordneter Heiko Hain zu seiner ersten Rede das Wort.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Heiko Hain (CDU/CSU):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Sehr geehrte Damen und Herren! Die AfD redet in ihrem heutigen Antrag mal wieder über die Migrationswende. Wir setzen sie bereits um.
(Beifall bei der CDU/CSU – Lachen bei Abgeordneten der AfD)
Mit den verschärften Grenzkontrollen ist ein erster wichtiger Schritt gemacht. Weitere notwendige Maßnahmen für eine funktionale Migrationspolitik werden folgen. Dazu gehört auch die Rückkehr zu realistischen Fristen beim Erwerb der Staatsbürgerschaft.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Wir haben es schon oft gesagt, und es bleibt immer richtig: Die Einbürgerung muss am Ende einer erfolgreichen Integration stehen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die Frage ist: Wann ist jemand erfolgreich integriert? Realitätsfern ist jedenfalls ein Zeitfenster von drei Jahren, wie es das derzeitige Recht vorsieht. Deshalb haben wir im Koalitionsvertrag auch vereinbart, die Turboeinbürgerung wieder zurückzunehmen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Geradezu abwegig ist aber der Vorschlag der AfD-Fraktion, eine Einbürgerung frühestens nach zehn Jahren in Aussicht zu stellen und sie dann auch noch von einer Ermessensentscheidung abhängig zu machen. Auch wenn Sie es nicht wahrhaben wollen: Deutschland ist ein Einwanderungsland.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Auf vielfältige Weise sind wir angewiesen auf Menschen, die zu uns kommen und Teil dieser Gesellschaft werden wollen. Es widerspricht geradezu den Prinzipien der Integration, von diesen Menschen eine maximale Integrationsleistung zu verlangen, sie aber jahrelang hinzuhalten und das Ob der Einbürgerung dann auch noch einer Ermessensentscheidung zu unterwerfen.
Wir müssen den Menschen doch einen Anreiz geben, sich anzustrengen. Menschen, die in unserem Land leben, die sich in unsere Gesellschaft integriert haben, die arbeiten, Steuern zahlen, Verantwortung übernehmen und die deutsche Sprache sprechen, sie haben eine Perspektive verdient.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir können diese Menschen nicht zehn Jahre lang im rechtlichen Niemandsland belassen. Ihr Antrag bekämpft nicht illegale Migration, sondern behindert den Zuzug von Fachkräften.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Zu guter Letzt will ich auch noch folgenden Punkt ansprechen: Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass derjenige, der einen deutschen Pass will, sich zu unserer Verfassung und zu unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung bekennt. Ebenso muss es für jeden selbstverständlich sein, dass Männer und Frauen hier in Deutschland gleichberechtigt sind. Schließlich gehört unabdingbar dazu, dass die Menschen, die hier dauerhaft leben und Deutsche werden wollen, das Existenzrecht Israels anerkennen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des Abg. Jörn König [AfD])
Präsidentin Julia Klöckner:
Kommen Sie bitte zum Ende.
Heiko Hain (CDU/CSU):
Das ist unser Maßstab; an diesen Werten, Normen und Regeln muss sich jeder Einzelne messen lassen. Das gilt übrigens auch hier im Hohen Haus. Und wenn ich so nach links und rechts blicke, bin ich mir nicht sicher, ob jeder diesen Maßstab auch an sich selbst anlegt.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die SPD-Fraktion hat Frau Abgeordnete Rasha Nasr das Wort.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der Linken)
Rasha Nasr (SPD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine sehr verehrten Damen und Herren! Werte Kolleginnen und Kollegen! Herr Curio, ich hoffe der Verfassungsschutz schaut ganz genau auf Ihre Rede.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der Linken)
Denn das, was Sie hier abgelassen haben, ist eine Schande für die Herzkammer der Demokratie.
(Beifall bei der SPD und der Linken sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Die AfD fordert heute, die Einbürgerung künftig nicht mehr nach klaren rechtlichen Ansprüchen zu gewähren, sondern nach Ermessen. Das heißt im Klartext: nach Bauchgefühl, nach politischer Stimmung und am liebsten nach Herkunft oder Religion. Das ist nicht nur integrations- und ordnungspolitischer Unsinn; das ist auch verfassungsrechtlich höchst bedenklich.
Wir sprechen hier über Menschen, die seit Jahren in Deutschland leben, arbeiten, Steuern zahlen, unsere Sprache sprechen und sich in unsere Gesellschaft einbringen, also Menschen, die längst Teil unseres Landes sind. Ihnen die deutsche Staatsangehörigkeit zu verweigern, obwohl sie alle Voraussetzungen erfüllen, ist nicht nur ungerecht, es untergräbt auch das Vertrauen in unseren Rechtsstaat.
(Beifall des Abg. Dirk Wiese [SPD] – Luigi Pantisano [Die Linke]: Das ist Rassismus!)
Die AfD will zurück in eine Zeit, in der Einbürgerung ein Gnadenakt war. Wir als SPD stehen aber für ein modernes Staatsangehörigkeitsrecht, das klare und faire Regeln bietet. Wir stehen dafür, dass Integration anerkannt wird – mit nachvollziehbaren Kriterien, mit Rechten und Pflichten, aber eben ohne Willkür. Die AfD will, dass nicht mehr objektive Kriterien wie Sprachkenntnisse, Schul- oder Berufsabschlüsse, gesellschaftliches Engagement zählen. Sie will ein Einwanderungsrecht, das nach Gesinnung urteilt. Und die AfD stellt sich hier nicht einfach gegen eine bestimmte Einwanderungspolitik. Sie stellt sich gegen die Menschen, die dieses Land längst mittragen, gegen den Opa von Ferat, der 103 Jahre geworden ist – maschallah!
(Beifall bei der Linken sowie bei Abgeordneten der SPD)
Sie will sie kleinhalten, sie will ihnen die Anerkennung verweigern, und sie instrumentalisiert das Staatsangehörigkeitsrecht, um ihre spalterische Ideologie durchzusetzen.
Ich selbst habe die doppelte Staatsbürgerschaft.
(Beifall bei Abgeordneten der Linken)
Ich bin Kind syrischer Einwanderer und Deutsche, und ich bin stolz darauf. Ich bin hier geboren. Ich bin hier zur Schule gegangen. Ich habe hier studiert, zahle hier Steuern. Ich engagiere mich politisch und gesellschaftlich.
(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Ich bin Teil dieses Landes, und ich lasse mir von Ihnen nicht absprechen, dass ich dazugehöre, nur weil ich auch woanders Wurzeln habe.
(Beifall bei der SPD, dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der Linken sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Zuruf des Abg. Maximilian Kneller [AfD])
Dass die doppelte Staatsbürgerschaft erhalten bleibt, ist richtig. Oft wird gesagt: Loyalität misst sich nicht an einem Pass, sondern am täglichen Leben. Ich sage: Wer hier arbeitet, seinen Lebensmittelpunkt hat, Kinder erzieht, Steuern zahlt, sich engagiert, der ist loyal.
(Abg. Dr. Anna Rathert [AfD] meldet sich zu einer Zwischenfrage)
Die doppelte Staatsbürgerschaft ist keine Bedrohung, sondern eine Brücke. Dass Menschen nach fünf Jahren Integration eingebürgert werden können, wenn sie die Voraussetzungen erfüllen, ist gerecht.
Präsidentin Julia Klöckner:
Lassen Sie eine Zwischenfrage zu?
Rasha Nasr (SPD):
Kommt drauf an.
Präsidentin Julia Klöckner:
Aus der AfD.
Rasha Nasr (SPD):
Nein, vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der Linken – Lachen bei Abgeordneten der AfD)
Staatsangehörigkeit ist kein Almosen, sie ist ein Recht. Wer Teil dieser Gesellschaft ist, der hat auch einen Anspruch darauf, politisch mitzubestimmen. Die AfD will zurück zu einem Land, das nach außen abschottet und nach innen spaltet. Wir aber kämpfen für ein Deutschland, das zusammenhält, für ein Land, das Integration fördert und nicht verhindert, und für eine Gesellschaft, in der Herkunft kein Hindernis ist, sondern Vielfalt als Stärke verstanden wird. Deshalb lehnen wir Ihren Antrag mit aller Entschiedenheit ab.
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU, des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN und der Linken)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die CDU/CSU-Fraktion hat Frau Abgeordnete Dr. Cornell-Anette Babendererde zu ihrer ersten Rede das Wort.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD)
Dr. Cornell-Anette Babendererde (CDU/CSU):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich bin ein Mensch, der nach vorn schaut und weniger zurück. Doch heute müssen wir den Blick noch einmal zurückrichten, zurück auf eine innenpolitische Geisterfahrt sondergleichen, auf der sich Deutschland in den Ampeljahren befunden hat.
(Zurufe von der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Oh! – Zuruf von der AfD: Hört! Hört!)
Die Reform des Staatsangehörigkeitsgesetzes ist eins der markantesten Beispiele für diese von den Grünen angeführte, linke migrationspolitische Irrfahrt.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und der AfD – Zuruf: Erst mal nach rechts schauen!)
Kolleginnen und Kollegen, ich bin kein Freund davon, wenn Regierungen Gesetze ihrer Vorgänger wieder rückgängig machen. Die Menschen wollen und verdienen Verlässlichkeit in der Politik. Was sie nicht wollen, ist, dass wir die deutsche Staatsangehörigkeit wie auf dem Wochenmarkt feilbieten.
(Zuruf von der SPD: Oijoijoi! – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hallo! Geht’s noch? Staatsbürgerschaft „auf dem Wochenmarkt“? Worüber reden Sie überhaupt? – Gegenruf des Abg. Steffen Bilger [CDU/CSU]: Erste Rede! – Gegenruf der Abg. Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da kann ich auch bei der ersten Rede nicht mehr! Wer so was sagt, braucht eine Antwort!)
Deshalb nehmen wir entsprechende Korrekturen vor. Darauf haben wir uns im Koalitionsvertrag mit der SPD verständigt.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Das bedeutet, vorübergehende humanitäre Aufenthalte führen in Zukunft nicht mehr automatisch zur deutschen Staatsbürgerschaft, und wir beseitigen entsprechende Pullfaktoren. Wenn jetzt der Aufschrei von ganz links und von ganz rechts kommt, dann machen wir wahrscheinlich einiges richtig.
(Beifall bei der CDU/CSU – Zurufe von der Linken)
Sehr geehrte Vertreterinnen und Vertreter von der AfD, Sie formulieren in dem Titel Ihres Antrages das Ziel einer wirklichen Migrationswende. Sie haben aber gar keine Lösungen. Auch heute Ihre Wortbeiträge: nichts, nur Hetze.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Eine wirksame Migrationspolitik, die eines Rechtsstaates würdig ist, kriegen wir nur mit unseren europäischen Partnern hin. Deshalb bin ich froh, dass wir mit Friedrich Merz einen überzeugten Europäer als Bundeskanzler haben.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Mit ihm setzen wir die wirkliche Migrationswende um.
Der heute hier vorliegende Antrag ist überflüssig. Die Bundesregierung arbeitet bereits an einem entsprechenden Gesetzentwurf. Wir brauchen keine parlamentarischen Initiativen, die allein den Zweck haben, unsere Gesellschaft zu spalten.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Herr Dr. Curio, Ihre Rede war ein gutes Exempel für diese Haltung in der AfD.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Meine Damen und Herren, Integration ist eine Riesenherausforderung für uns, für unsere Kommunen und für diejenigen, die zu uns kommen und sich ein neues Leben aufbauen. Unternimmt jemand diese Anstrengung und wird erfolgreich Teil unserer Gesellschaft, so steht der Einbürgerung nichts im Wege. Aber, Kolleginnen und Kollegen, dieses Recht, dieses Privileg muss am Ende des Integrationsprozesses stehen und nicht an dessen Anfang.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Die deutsche Staatsbürgerschaft ist ein hohes Gut. Deshalb nehmen wir die Expresseinbürgerung der Ampelregierung wieder zurück.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie ist keine „Expresseinbürgerung“!)
Weil wir mit Populisten, die die Sorgen und Ängste der Leute schüren, um daraus Profit zu schlagen, nicht zusammenarbeiten –
Präsidentin Julia Klöckner:
Kommen Sie bitte zum Schluss.
Dr. Cornell-Anette Babendererde (CDU/CSU):
– jawohl, Frau Präsidentin –, unterstützen wir den Antrag der AfD nicht.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Ich schließe hiermit die Aussprache.
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf Drucksache 21/223 an den Innenausschuss vorgeschlagen. Gibt es weitere Überweisungsvorschläge? – Das ist erkennbar nicht der Fall. Dann verfahren wir wie vorgeschlagen.
Ich rufe nun auf den Tagesordnungspunkt 8:
Beratung des Antrags der Bundesregierung
Fortsetzung der Beteiligung bewaffneter deutscher Streitkräfte an der durch die Europäische Union geführten Operation EUFOR ALTHEA in Bosnien und Herzegowina
Drucksache 21/228
Überweisungsvorschlag: Auswärtiger Ausschuss (f) Innenausschuss Ausschuss für Recht und Verbraucherschutz Verteidigungsausschuss Ausschuss für Menschenrechte und humanitäre Hilfe Ausschuss für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Ausschuss für die Angelegenheiten der Europäischen Union Haushaltsausschuss gemäß § 96 der GO
Für die Aussprache wurde eine Dauer von 30 Minuten vereinbart. – Ich bitte, jetzt etwas zügiger die Plätze einzunehmen oder den Saal zu verlassen, damit wir mit der Aussprache beginnen können und auch für die Redner Aufmerksamkeit aufbringen.
Ich eröffne hiermit die Aussprache. Das Wort hat für die Bundesregierung Herr Staatsminister Gunther Krichbaum. Bitte.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Gunther Krichbaum, Staatsminister beim Bundesminister des Auswärtigen:
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! In Bosnien-Herzegowina bleibt die Lage schwierig. Sie ist kompliziert. Fast 30 Jahre nach dem Abschluss des Dayton-Abkommens ist die Situation sehr fragil. Dayton war damals richtig. Dayton brachte den Frieden, zumindest die Beendigung des Krieges. Aber Dayton hat natürlich auch seine Webfehler. Einer der gravierendsten ist, dass sich die Menschen, die in Bosnien-Herzegowina lebten und leben, zu ihrer jeweiligen nationalen Entität bekennen müssen. Genau das hat aus heutiger Sicht die Gräben eher vertieft als zugeschüttet. Juden, Roma, sie blieben dabei auf der Strecke. Es hat die sogenannte Segregation mit sich gebracht. Selbst heute gibt es Schulen in Bosnien-Herzegowina, bei denen Schüler je nach Entität ihren Eingang zu benutzen haben. Das, liebe Kolleginnen und Kollegen, müssen wir dringend überwinden.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Wir müssen es überwinden mit einer Perspektive in Richtung der Europäischen Union.
Aber wir machen uns selbstverständlich nichts vor. Die Situation ist auch deswegen bis zum heutigen Tage so zerbrechlich, weil es jemanden gibt – und den möchte ich ausdrücklich benennen – wie Milorad Dodik, der mit seiner Entourage und der Republika Srpska, wie sie genannt wird, die Abspaltung von Bosnien und Herzegowina betreibt. Gerade deshalb müssen wir auch mit Althea, einer EU-gesteuerten Mission, für Stabilität in der Region sorgen. Ich bitte Sie daher heute schon darum, der Fortsetzung der Beteiligung zuzustimmen.
Dodik führt eines im Schilde: Er möchte die Spaltung vertiefen. Wie gefährlich diese Nationalismen sind, das sehen wir hier im Hohen Hause; wir sehen es aber auch dort in der Region, und wir sehen dort in der Region, wozu es führt, wenn wir dem nicht Einhalt gebieten.
Ich möchte eines ganz klar sagen: Meiner Vorgängerin im Amt, Anna Lührmann – sie ist auf ihrer letzten Dienstreise nach Bosnien-Herzegowina gereist – wurde Gewalt angedroht. Hier gibt es kein Schwarz oder Rot oder Grün. Hier gibt es nur eine Position von uns als Hohes Haus, dass wir nicht bereit sind, so etwas hinzunehmen. Deswegen müssen auch Sanktionen gegenüber Dodik ausgesprochen und fortgesetzt werden, wie beispielsweise eine Einreisesperre.
(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
EUFOR Althea ist die eine Seite, der Berliner Prozess ist die andere. Beides gehört zusammen. Wir engagieren uns seit Jahren dafür, dass wir den Ländern des sogenannten westlichen Balkans eine Perspektive geben. Und diese Perspektive ist ausdrücklich richtig. Aber bei all den vielen Reformen, die auf dem Weg in die Europäische Union anstehen, gilt: Diese Reformen werden nicht gemacht zum Gefallen von Brüssel oder Berlin oder Paris; sie werden gemacht im eigenen Interesse, für die eigenen Menschen. Dieses sogenannte Ownership müssen wir immer wieder in Erinnerung rufen.
Letzter Gedanke – er betrifft die Aussöhnung –: Ohne die Aussöhnung wird in Europa und vor allem in der dortigen Region nichts vorangehen. Deutschland und Frankreich können dafür Pate stehen und Modell sein. Aber das gebietet auch, dass man sich mit der eigenen Geschichte – egal ob in Serbien, Kroatien oder wo auch immer – kritisch auseinandersetzt.
Präsidentin Julia Klöckner:
Kommen Sie bitte zum Schluss.
Gunther Krichbaum, Staatsminister beim Bundesminister des Auswärtigen:
Eine kritische Selbstreflexion der Geschichte, die müssen wir anmahnen, da müssen wir die Länder in die Pflicht nehmen, um endgültig Stabilität und vielleicht eines Tages auch die Aussöhnung und damit den Frieden zu bekommen.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU und der SPD sowie des Abg. Niklas Wagener [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die AfD-Fraktion hat nun die Abgeordnete Frau Dr. Anna Rathert das Wort zu ihrer ersten Rede.
(Beifall bei der AfD)
Dr. Anna Rathert (AfD):
Frau Präsidentin! Sehr verehrte Kollegen! Die Bundeswehrbeteiligung an EUFOR Althea sichert einen Zustand, über den man, nüchtern betrachtet, sagen muss: Bosnien-Herzegowina ist auch drei Jahrzehnte nach dem Krieg kein souveräner Staat, sondern ein von außen gestütztes Gebilde, politisch gespalten, institutionell blockiert und ohne tragfähige Legitimation von innen.
Ein zentrales Element dieser Struktur ist das Amt des Hohen Repräsentanten, ausgeübt von einem deutschen Politiker, der nie von der dortigen Bevölkerung gewählt wurde, aber mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet ist. Er kann Gesetze erlassen, Amtsträger entlassen und demokratische Beschlüsse aufheben. Dass ausgerechnet ein ehemaliger Landwirtschaftsminister der CSU, Christian Schmidt, heute als oberster Verwalter eines fremden Staates agiert, zeigt, wie selbstverständlich internationale Machtausübung inzwischen geworden ist,
(Beifall bei der AfD – Thomas Erndl [CDU/CSU]: Das zeigt, wie wenig Ahnung Sie haben!)
ohne demokratisches Mandat von denjenigen, über die er herrscht, aber ganz offensichtlich mit internationaler Rückendeckung.
Dieser Herr Schmidt verwaltet nun einen Staat, dessen Volksgruppen nur durch äußeren Druck und finanzielle Abhängigkeiten überhaupt noch zusammengehalten werden können. Aber selbst das gelingt ihm kaum. Die serbische Seite kündigt ihm die Zusammenarbeit auf. Die bosniakische Seite begegnet ihm mit offener Geringschätzung. Von Autorität oder Vermittlung kann keine Rede sein. So bezeichnet ihn zum Beispiel der bosniakische Kommentator Sead Numanović als den schlechtesten Hohen Repräsentanten aller Zeiten, und sein gewöhnungsbedürftiges Auftreten in der Öffentlichkeit hat ihm mittlerweile den Spitznamen „Mr. Bean“ eingebracht.
(Heiterkeit und Beifall bei Abgeordneten der AfD)
2023 kündigte der Präsident der Republika Srpska, Milorad Dodik, an, Schmidt festnehmen zu lassen, sollte er republikanisches Staatsgebiet betreten.
Bei der Einigkeit über die Ablehnung Christian Schmidts hört es mit den Gemeinsamkeiten aber auch schon auf. Sie legt allein das Legitimationsproblem offen. Die Volksgruppen in Bosnien und Herzegowina, also Kroaten, Serben und Bosniaken, trennen nicht nur Sprache und Religion, sondern auch Verfassungen, Realitäten und Zukunftsbilder.
Das Dayton-Abkommen hat den Krieg beendet, aber es hat kein friedensfähiges Staatswesen geschaffen. Was wir heute sehen, ist ein Vielvölkerstaat, der nicht handlungsfähig ist. Ob Wahlrechtsreform, Haushalt oder Außenpolitik – es herrscht Stillstand. Und während wir heute hier über ein neues militärisches Mandat debattieren, wandert die mittlerweile hoffnungslose junge Generation schon längst aus ihrer Heimat aus. Dauerfremdverwaltung erzeugt eben keine Stabilität, und Frieden lässt sich nicht durch immer wieder neue Truppenrotationen erzwingen.
(Beifall bei der AfD)
In der Tschechoslowakei war die Auflösung eines instabilen Vielvölkerstaats zugunsten kleiner, funktionierender Einheiten friedlich möglich, und das darf auch auf dem Balkan kein Tabu mehr sein. Für uns als AfD ist immer klar: Das oberste Prinzip jeder Außenpolitik ist das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Wer Demokratie ernst nimmt, muss Völkern zutrauen, ihrer Identität entsprechend zu leben, sich zu ordnen und souverän zu handeln. Deshalb sagen wir Nein zur Verlängerung der Bundeswehrbeteiligung an EUFOR Althea und Ja zu einer souveränen deutschen Außenpolitik, die eigene deutsche Interessen schützt, Frieden nicht verwaltet, sondern ermöglicht und vor allem anderen Völkern zutraut, frei zu werden.
(Beifall bei der AfD – Zuruf des Abg. Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Denn, liebe Kollegen, wer Kontrolle über solche freiheitlichen Prozesse abgeben und loslassen kann, der macht den Weg frei für echte Stabilität, nicht nur im Ausland übrigens, sondern auch im Inland.
Vielen Dank.
(Beifall bei der AfD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Bundesregierung hat nun Herr Parlamentarischer Staatssekretär Dr. Nils Schmid das Wort.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie des Abg. Boris Mijatović [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Dr. Nils Schmid, Parl. Staatssekretär beim Bundesminister der Verteidigung:
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Dieses Jahr ist es 30 Jahre her, dass der Krieg in Bosnien und Herzegowina nach dreieinhalb Jahren mit über 100 000 Opfern und nach dem Genozid in Srebrenica durch das Friedensabkommen von Dayton beendet wurde. Seit 1995 ist es zu keinen Kampfhandlungen in Bosnien und Herzegowina mehr gekommen. Dieser Erfolg ist auch der durchgehenden militärischen Präsenz der internationalen Gemeinschaft zu verdanken.
Nachdem die NATO-geführten Operationen IFOR und SFOR bis 2004 im Auftrag der Vereinten Nationen die Implementierung der Friedensvereinbarung von Dayton übernahmen, wird diese seit 2004 durch die European Union Force Althea, kurz: EUFOR Althea, geleistet. Diese Operation ist beauftragt, zu einem stabilen und sicheren Umfeld in Bosnien und Herzegowina beizutragen. Dazu leistet sie seit zwei Jahrzehnten erfolgreich ihren Beitrag, indem sie sicherheitsrelevante Entwicklungen in den beiden Teilrepubliken Bosnien und Herzegowinas begleitet und als wesentlicher Kooperationspartner die Sicherheitsbehörden vor Ort unterstützt und stärkt. Derzeit sind 24 Staaten beteiligt, und die Operation weist eine Personalstärke von ungefähr 1 600 Soldatinnen und Soldaten auf. Sie ist in der Fläche mit 20 Verbindungs- und Beobachtungsteams, die über das gesamte Land in beiden Teilrepubliken verteilt sind, präsent und durch regelmäßige Patrouillen für die Bevölkerung Bosnien und Herzegowinas sichtbar.
Wir beantragen seitens der Bundesregierung, das Mandat unverändert fortzusetzen. Das heißt, wir beabsichtigen, uns weiterhin mit bis zu 50 Soldatinnen und Soldaten an der Operation zu beteiligen. Unsere Soldatinnen und Soldaten stellen zwei Verbindungs- und Beobachtungsteams in Čapljina und Vlasenica, sind in Schlüsselfunktionen im Hauptquartier der Operation in Sarajevo eingesetzt und wirken in wichtigen unterstützenden Rollen, unter anderem bei der sanitätsdienstlichen Versorgung, mit.
Wir sind zurzeit mit 35 Soldatinnen und Soldaten vor Ort vertreten. Sie leisten einen wichtigen Beitrag zu anhaltendem Frieden und für mehr Stabilität in Bosnien und Herzegowina. Ich möchte ausdrücklich meinen Dank und meine Anerkennung für ihren Einsatz heute aussprechen.
(Beifall bei der SPD, der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Staatsminister Krichbaum hat schon auf die weiteren den Zusammenhalt des Landes bedrohenden Belastungen hingewiesen, insbesondere durch die sezessionistische Politik und Rhetorik des Präsidenten der Entität Republika Srpska, Milorad Dodik. Deshalb ist leider eine Fortsetzung des militärischen Engagements notwendig. Sie ist aber eingebettet in den Beitrittsprozess von Bosnien und Herzegowina hin zur Europäischen Union. Das heißt, auch hier ist die Bundesregierung im Sinne eines vernetzten Ansatzes tätig.
Deshalb hoffe ich auf gute Beratungen in den Ausschüssen und auf Ihre Zustimmung für diesen wichtigen Einsatz für Frieden und Stabilität in Europa.
Herzlichen Dank für die Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen hat Herr Abgeordneter Boris Mijatović das Wort. Bitte.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Boris Mijatović (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Vielen Dank. – Frau Präsidentin! Sehr geehrter Herr Botschafter Damir Arnaut, herzlich willkommen! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Lieber Herr Wehrbeauftragter in spe Henning Otte! Ich möchte an allererster Stelle Ihnen, Herr Otte, alles Gute für das neue Amt wünschen und mich ganz herzlich für die Zusammenarbeit mit der bisherigen Wehrbeauftragten Dr. Eva Högl bedanken. Das war vertrauensvoll und kompetent. Das ist ein gutes Zeichen für die weitere Arbeit. Ich freue mich darauf.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Es ist angesprochen worden: Die Lage in Bosnien und Herzegowina ist fragil. Das ist kaum zu leugnen. Ich möchte auf die jüngsten Eskapaden näher eingehen.
Milorad Dodik hat seine sezessionistischen Bestrebungen so weit getrieben, dass das oberste Gericht in Bosnien-Herzegowina ihn zu einer Haftstrafe verurteilt hat, ihn, den Präsidenten der serbischen Teilrepublik, und zwei weitere hochrangige Politiker, den Ministerpräsidenten und den Parlamentspräsidenten der Republika Srpska, inklusive eines Amtsverbots für mehrere Jahre. Diese Urteile bleiben offen, weil Herr Dodik in der Teilrepublik nicht festgesetzt wird. Die Behörden in Banja Luka verweigern sich der Festnahme. Er ist somit auf der Flucht. Das ist der aktuelle Zustand in einem Nachbarland Europas.
Meine Damen und Herren, ich möchte betonen, wie wichtig es ist, dass wir uns auch weiterhin darum kümmern. Deutschland und auch andere europäische Länder haben nicht ohne Grund Sanktionen gegen Herrn Dodik verhängt, und ich bin sehr dafür, dass wir hier dem Rechtsstaat Vollzug verschaffen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Was die Ausrichtung der deutschen Außenpolitik betrifft, hat der neue deutsche Außenminister Johann Wadephul angekündigt, „Außenpolitik aus einem Guss“ machen zu wollen. Das hört sich sehr, sehr gut an – da bin ich dabei –; aber das sollte sich vor allen Dingen auch auf ein klares Bekenntnis zur EU-Erweiterung beziehen. Meine Damen und Herren, der Westbalkan kann nicht warten, bis die Europäische Union ihre Hausaufgaben gemacht hat. Wir müssen das Versprechen einlösen und den Westbalkan auch weiterhin in den Fokus rücken, so wie es die letzte Regierung auch getan hat.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der SPD und der Abg. Ellen Demuth [CDU/CSU])
Denn eines ist völlig klar: Die Bevölkerung sieht ihre Zukunft in der EU und nirgendwo sonst. Und das sollten wir nutzen.
Für die anstehende Debatte um die Mandatsverlängerung möchte ich Ihnen drei Argumente gerne mitgeben:
Erstens. Der Einsatz EUFOR Althea sichert, wie wir gehört haben, Frieden und Stabilität in einer unruhigen Umgebung. Allein die Anwesenheit der internationalen Einsatzkräfte sorgt dafür, dass im Land das Gewaltmonopol des Gesamtstaates eben nicht infrage gestellt wird. Es ist wichtig und richtig, dass die Bundesrepublik Deutschland seit 2022 wieder an dieser Mission beteiligt ist.
Das führt mich zu dem zweiten Argument. Mit unserer Beteiligung zeigen wir den internationalen Partnern, dass wir Verantwortung übernehmen. Das gilt nicht nur für die Europäische Union, das gilt nicht nur für die NATO; es sind vor allen Dingen auch die Interessen des Friedens bei den Vereinten Nationen, die wir hier mit dieser Teilnahme unterstreichen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Gerade in der heutigen weltpolitischen Lage ist es wichtig, dass wir uns um den Frieden und die Stabilität in unserer europäischen Nachbarschaft bemühen. Ich bin überzeugt, dass dies an vielen Stellen honoriert wird.
Das führt mich zu meinem dritten Argument. Diese Art von Zusammenarbeit, diese Art von Einsatz passiert auch an über 20 Stellen in Bosnien-Herzegowina, in sogenannten LOT-Häusern – Liaison and Observation Teams. Das sind Teams, die vor Ort mit der Zivilgesellschaft in Kontakt und in Austausch kommen. Das sind dort vor Ort Soldatinnen und Soldaten, die mit ihren Fahrzeugen Patrouillen fahren und zeigen, dass wir hier in der Bundesrepublik, dass wir hier in Europa an diesem Frieden ein großes Interesse haben.
Meine Damen und Herren, ich möchte Sie bitten, in den Debatten darauf zu achten, dass wir diese Soldatinnen und Soldaten nicht immer nur mit dem Dank von hier vorne, sondern eben auch mit dem notwendigen Equipment und mit Interesse bei dieser Arbeit unterstützen. Ich bin dafür, dass wir das so angehen.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der SPD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die Fraktion Die Linke hat nun Frau Abgeordnete Desiree Becker das Wort.
(Beifall bei der Linken)
Desiree Becker (Die Linke):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Vor knapp 30 Jahren endete der Bosnienkrieg – ein brutaler Krieg, der ethnische Spaltungen vertiefte und Hunderttausende Menschenleben forderte. Doch der Frieden, der folgte, war für viele kein wirklicher. Heutzutage werden zwei Drittel des Landeshaushalts dafür verwendet, Posten für die politischen Eliten der drei Volksgruppen – die bosnisch-muslimische, die bosnisch-kroatische und die bosnisch-serbische – zu bezahlen. Eine Folge des Krieges sind bis heute ungelöste Konflikte zwischen den Gruppen, welche immer wieder instrumentalisiert und befeuert werden.
Die typische Überschrift für das Bundeswehrmandat EUFOR Althea lautet auch hier: Sicherheit und Stabilität. Doch wie soll das gehen, wenn sich die EU um eine klare Haltung gegenüber dem serbischen Präsidenten Vučić drückt, einem Mann, der nationalistische Kräfte in der serbischen Teilrepublik unterstützt, Kräfte, die die Verbrechen von Srebrenica und anderswo leugnen und einen ethnisch homogenen Separatstaat anstreben? Wie soll das gehen, wenn ein von der EU unterstützter Hoher Repräsentant über alle demokratischen Institutionen herrscht und das dann auch für die eigene politische Agenda nutzt, wie die Änderung der Verfassung am Wahlabend zeigte? Das ist keine Stabilität. Das ist undemokratisch; das schafft Misstrauen.
(Beifall bei der Linken)
Währenddessen verlassen Hunderttausende, vor allem junge Menschen, das Land. Sie arbeiten als Migrantinnen und Migranten in Westeuropa, weil sie in ihrer Heimat keine Perspektive sehen. Diese Realität ist das Ergebnis einer gescheiterten Nachkriegspolitik, und sie ist wirklich beschämend.
Und jetzt sollen wir heute wieder für die Verlängerung dieses Mandates stimmen? Ausgerechnet gemeinsam mit Soldatinnen und Soldaten aus Ungarn, jenen ungarischen Kräften, deren autoritärer Präsident kürzlich eine Antiterroreinheit nach Banja Luka schickte, um den nationalistischen Separatistenführer Dodik vor der Justiz zu schützen? Dodik, Orbán und Vučić sind Teil des Problems, nicht Teil einer Lösung, und die EU macht dabei mit.
(Beifall bei der Linken)
Wir brauchen eine grundlegend andere EU-Politik: eine Politik, die auf zivile Konfliktlösung, Gerechtigkeit und soziale Entwicklung in Bosnien-Herzegowina setzt, nicht auf eine Verlängerung des militärischen Mandats, gewiss nicht auf den Einsatz – Sie haben es eben gesagt – von bis zu 50 Bundeswehrsoldatinnen und -soldaten. Deshalb werden wir die Verlängerung des Bundeswehreinsatzes in Bosnien-Herzegowina ablehnen.
Vielen Dank.
(Beifall bei der Linken)
Präsidentin Julia Klöckner:
Das Wort für die CDU/CSU-Fraktion hat nun Herr Abgeordneter Peter Beyer.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Peter Beyer (CDU/CSU):
Frau Präsidentin! Meine sehr geehrten Damen und Herren! Verehrte Kolleginnen und Kollegen! Ich grüße auch den Botschafter von Bosnien und Herzegowina auf der Tribüne sehr herzlich.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der AfD, der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Frieden in Europa ist keine Selbstverständlichkeit. Das haben die Menschen in Bosnien und Herzegowina bitter am eigenen Leib erfahren müssen. Heute müssen wir erneut sehen, dass der Frieden auf dem sogenannten Westbalkan wieder unter Beschuss steht: durch gezielte Destabilisierung, durch nationale Spaltungsversuche und auch durch den Versuch der Einflussnahme dritter Akteure.
Zur Gruppe der dritten Akteure zählt insbesondere Russland. Es spielt hier eine zentrale Rolle. Der Kreml wirkt direkt in das Land hinein, auf verschiedenen Ebenen – politisch, wirtschaftlich und auch propagandistisch. Wer heute noch glaubt, dass die Destabilisierung des Westbalkans losgelöst von der russischen Aggression zu betrachten ist, verkennt die Realität im geopolitischen Raum.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Adis Ahmetovic [SPD])
Meine Damen und Herren, das Ziel des Feiglings, der sich hinter den Kremlmauern versteckt, ist es, die Europäische Union zu schwächen, auch durch Instabilität bei den Beitrittskandidaten, die eben noch nicht über so gefestigte demokratische und rechtsstaatliche Strukturen verfügen. Da ist der sogenannte Westbalkan praktisch wie ein offenes Einfallstor. Die Mission EUFOR Althea, über die wir heute debattieren, ist deshalb nicht bloß als ein regionaler Stabilitätsfaktor zu sehen, sondern sie ist gewissermaßen als Bollwerk gegen die Ausweitung autoritärer Einflusszonen auf unserem Kontinent zu sehen.
Wir haben es bei den Vorrednern schon gehört: Diese Debatte heute hier im Hohen Haus führen wir auch vor dem Hintergrund eines düsteren Jubiläums. Im Juli vor 30 Jahren fand das unsägliche Massaker von Srebrenica statt. Rund 8 000 junge Männer und Jugendliche, meist muslimischen Glaubens, wurden von bosnischen Serben abgeschlachtet – mitten in Europa, mitten im UN-Schutzgebiet. Das war nicht nur ein Menschheitsverbrechen; das war auch eine europäische Tragödie, die uns bis heute verpflichtet, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Frieden in Europa muss gesichert, verteidigt und dann auch stabilisiert werden. Ungefähr 1 500 Soldaten leisten hierzu einen wichtigen Einsatz in der Mission EUFOR Althea und sind dafür ein unverzichtbares Instrument. Die Mission schützt die Umsetzung des Friedensabkommens von Dayton, Ohio, wo übrigens heute, während wir hier debattieren – wegen des Zeitunterschieds in ein paar Stunden –, auch Veranstaltungen stattfinden: 30 Jahre Friedensabkommen von Dayton. Diese Mission wirkt deeskalierend, sie stabilisiert die Region und schützt die Bevölkerung in Bosnien-Herzegowina.
Dass wir diesen Einsatz unterstützen – Frau Präsidentin, damit komme ich zum Schluss –, –
Präsidentin Julia Klöckner:
Ja, darum bitte ich.
Peter Beyer (CDU/CSU):
– ist Ausdruck unserer Verantwortung. Die Menschen vertrauen auf Deutschland. Sie vertrauen auf uns in Europa, und sie wollen dauerhaften Frieden. Dafür setzen wir uns ein.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsidentin Julia Klöckner:
Das Wort für die AfD-Fraktion hat zu seiner ersten Rede Herr Abgeordneter Jörg Zirwes.
(Beifall bei der AfD)
Jörg Zirwes (AfD):
Frau Präsidentin! Meine Damen und Herren! Liebe Landsleute! Liebe Gäste! Wir sprechen heute über die Verlängerung des deutschen Beitrags zur EU-geführten Mission EUFOR Althea in Bosnien und Herzegowina. Allein dieses Mandat läuft nun bereits seit über 20 Jahren. Als Soldat war ich selbst vor einem Vierteljahrhundert im ehemaligen Jugoslawien, nämlich genau dort, im Einsatz, und ich sage heute: Stabilität entsteht am Ende nicht durch militärische Dauerpräsenz, sondern durch Übernahme nationaler Eigenverantwortung.
(Beifall bei der AfD)
Nach über drei Jahrzehnten internationalen Engagements unter verschiedenen Mandaten auf diesem Teil des Balkans muss man sich die Frage stellen, ob wir hiermit noch zur Lösung beitragen können. Das Mandat wurde 2004 auf Grundlage des Dayton-Abkommens von 1995 erteilt – mit dem Ziel, ein sicheres Umfeld für die Stabilisierung Bosnien und Herzegowinas zu schaffen. Doch heute ist die Realität eine andere. Die politischen Institutionen sind blockiert, ethnische Spannungen bestehen fort, und eine eigenständige demokratische Entwicklung scheint durch die anhaltende internationale Präsenz eher gelähmt als gefördert.
(Beifall bei der AfD)
Was die Bundesregierung als Stabilisierung bezeichnet, ist in Wahrheit das Festhalten an einem Status quo ohne wirkliche Perspektive. Wir setzen eine kostspielige Mission fort, deren sicherheitspolitischer Nutzen zweifelhaft, deren politische Wirkung begrenzt und deren Legitimation zunehmend fragwürdig ist.
(Beifall bei der AfD – Peter Beyer [CDU/CSU]: Das Gegenteil ist der Fall!)
Die Mandatslogik von EUFOR Althea hat sich erschöpft und mit ihr auch die strategische Begründung für eine Mandatsverlängerung.
Statt routinemäßig zu verlängern, braucht es endlich politische Ehrlichkeit. Wenn es keine klaren Ziele, keine Exitstrategie, keinen anhaltenden Fortschritt im Einsatzland gibt, dann ist es Zeit, Verantwortung zurückzugeben. Dauerhafte internationale Rückversicherung kann keine Eigenverantwortung und nationale Souveränität ersetzen.
(Beifall bei der AfD)
Deshalb ist es Absicht der AfD-Fraktion – wie schon seit Fortführung der Mission im Jahr 2022 –, der Verlängerung dieses Mandates nicht zuzustimmen. Der Einsatz unserer Soldaten verdient klare politische Vorgaben, ein realistisches Ziel, einen realistischen Zeitansatz und einen echten sicherheitspolitischen Mehrwert für Deutschland. Er muss also mehr als nur EU-Symbolpolitik sein.
(Beifall bei der AfD – Peter Beyer [CDU/CSU]: Da hat er ja zu einem anderen Einsatz umgeswitcht! – Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie machen Putins Geschäft!)
Unsere Soldaten leisten in der Heimat und in den Einsatzländern ihren Dienst mit äußerster Professionalität, Disziplin, Mut und einem tiefen Pflichtbewusstsein. Gerade deshalb darf der Einsatz in Bosnien und Herzegowina nicht zu einer jahrzehntelangen Endlosmission werden.
Vielen Dank.
(Beifall bei der AfD)
Präsidentin Julia Klöckner:
Das Wort für die SPD-Fraktion hat Herr Abgeordneter Adis Ahmetovic.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Boris Mijatović [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Adis Ahmetovic (SPD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine Damen und Herren! Sehr geehrter Herr Botschafter, schön, dass Sie heute hier anwesend sind und dieser Debatte folgen. Im Windschatten globaler Herausforderungen, Kriege und Konflikte, im Windschatten des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine, im Windschatten humanitärer Katastrophen im Nahen Osten gibt es auch auf dem europäischen Kontinent Herausforderungen, die wir nicht übersehen dürfen.
Bosnien-Herzegowina ist ein Land, das seit über 30 Jahren in Frieden, Freiheit und Demokratie leben darf. Wer meint, sich aus dieser Region, aus Bosnien-Herzegowina zurückziehen zu müssen, verkennt, dass andere Staaten – vor allem antidemokratische, autoritäre Staaten wie Russland, aber auch Staaten, die die Demokratisierung Bosnien-Herzegowinas nicht voranbringen wollen, wie China – nur darauf warten, sich in dieses Vakuum hineinzubewegen. Deshalb muss es unsere Verantwortung sein, durch deutsche Außenpolitik und europäische Politik Bosnien-Herzegowina als unseren engen Partner ganz nah bei uns zu halten und gemeinsam mit ihm den Weg in die Europäische Union zu finden. Deshalb ist es richtig und wichtig, sehr geehrter Außenminister, lieber Staatssekretär, dass wir das Mandat EUFOR Althea heute in erster Beratung behandeln und nach der zweiten und dritten Beratung mit großer Mehrheit wieder verabschieden. Vielen Dank für diesen Einsatz!
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Weil sich hier im Deutschen Bundestag schon in der ersten Beratung unterschiedliche Voten abzeichnen – rechts außen die AfD, die klar und deutlich macht, dass sie EUFOR Althea nicht verlängern möchte und separatistischen Bewegungen, Sezessionisten nicht widerspricht –, will ich Ihnen sagen, was Sie damit bezwecken: Sie legitimieren mit einem Nichtwidersprechen von Nationalisten und Separatisten, vor allem aus der bosnisch-herzegowinischen Entität Republika Srpska, millionenfache Verfolgung, Vertreibung. Sie legitimieren Massenvergewaltigungen in der Republika Srpska, und Sie legitimieren mit einem Nichtwidersprechen von Milorad Dodiks sezessionistischen Bewegungen, dass des Genozids von Srebrenica zum 30. Jahrestag nicht gedacht wird. Sie legitimieren all das, was vor 30 Jahren passiert ist, mit Ihrer Haltung. Und deshalb lehnen wir uns genau dagegen auf, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Gerold Otten [AfD]: Unverschämtheit!)
Auf der anderen Seite teile ich die Analyse der Linkspartei – hervorragend, sehr gut zugespitzt. Das, was Sie daraus ableiten, ist aber ebenfalls ein Risiko für den Frieden und für die Stabilität in Bosnien-Herzegowina. Ich sage Ihnen: Zieht EUFOR Althea morgen ab, haben wir kein souveränes Bosnien-Herzegowina mehr, haben wir kein Bosnien-Herzegowina mit seiner territorialen Integrität mehr. Deshalb bitte ich Sie, diesen Diskussionsverlauf noch mal zu verfolgen, im Auswärtigen Ausschuss noch mal gemeinsam zu diskutieren, um vielleicht am Ende doch dazu zu kommen, dieses Mandat zu unterstützen.
Wir brauchen das Mandat; wir brauchen das Mandat für eine Stabilisierung Bosnien-Herzegowinas, für Frieden, für Freiheit. Und gerade jetzt, 30 Jahre nach Ende dieses Krieges im westlichen Balkan, am 30. Gedenktag des Massakers von Srebrenica im Juli, müssen wir dafür sorgen, dass Bosnien-Herzegowina stabilisiert bleibt, dass EUFOR Althea vor Ort weitermachen kann und dass dieses Land eine Perspektive in Richtung Europäischer Union hat.
Vielen Dank.
(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die CDU/CSU-Fraktion hat nun der Abgeordnete Ralph Edelhäußer das Wort.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Ralph Edelhäußer (CDU/CSU):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Wenn wir heute über die Verlängerung und die Unterstützung der EU-Mission EUFOR Althea sprechen, dann sprechen wir nicht nur über eine außenpolitische Maßnahme der Europäischen Union; wir sprechen über Verantwortung. Und bei Verantwortung geht es um Frieden, um Stabilität, um Sicherheit – und das in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Wir sprechen über Werte, die uns als Europäische Union einen. Es ist die Menschenwürde, es ist die Rechtsstaatlichkeit, es ist Solidarität, und es ist die Demokratie.
Bosnien und Herzegowina – ein Land, nicht mal zwei Flugstunden von uns entfernt – ist bis heute gezeichnet von den Folgen eines grausamen Krieges. Wir erinnern uns an die ethnischen Vertreibungen, an das Massaker von Srebrenica – wir haben es heute schon gehört –; das ist uns allen noch immer wirklich präsent. Und genau deshalb dürfen wir nicht wegsehen. Der Frieden dort ist noch immer fragil. Es ist unsere Aufgabe, dort Verantwortung zu zeigen.
(Beifall bei der CDU/CSU)
EUFOR Althea steht für mehr als nur eine militärische Präsenz. Diese Mission steht für europäische Verantwortung, für Verlässlichkeit und für das klare Signal: Wir lassen unsere Partner, unsere Nachbarn nicht allein. – Diese Mission steht für das Versprechen, dass wir Instabilität, ethnischem Nationalismus und politischer Blockadehaltung nicht tatenlos zusehen. Als Europäische Union sind wir bereit, für den Frieden einzustehen – nicht nur mit Worten, sondern auch mit konkretem, entschlossenem Handeln.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Unsere Soldatinnen und Soldaten leisten tagtäglich einen enorm wichtigen Beitrag dazu. Sie wahren die Sicherheit und ermöglichen dadurch auch die internationale Zusammenarbeit. Sie geben den Menschen vor Ort das, was sie am nötigsten brauchen, nämlich das Vertrauen in die Welt und in eine friedliche Zukunft in einer langfristig stabilen und sicheren Region. Sie tun dies mit höchster Professionalität, mit Besonnenheit und auch mit dem nötigen Fingerspitzengefühl – und das unter oft erschwerten Bedingungen.
Daher möchte ich an dieser Stelle ausdrücklich betonen: Wir stehen hinter unseren Soldatinnen und Soldaten.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Sie verdienen unseren Respekt, unsere Anerkennung und unsere politische Unterstützung – heute und an jedem Tag ihres Einsatzes.
Die europäische Friedenspolitik zeigt in Bosnien und Herzegowina, dass Europa mehr ist als nur ein Binnenmarkt. Wir stehen für ein Wertebündnis. Und es ist richtig, ja, es ist sogar notwendig, dass wir diese Verantwortung übernehmen, besonders dort, wo andere Kräfte, die unsere demokratischen, rechtsstaatlichen und freiheitlichen Werte eben nicht teilen, Einfluss nehmen wollen. Wir dürfen das Feld nicht diesen autoritären Akteuren überlassen.
EUFOR Althea ist keine unendliche Mission; aber in der aktuellen Lage ist sie unverzichtbar. Sie zeigt auch Wirkung: Sie schafft Raum für Dialog, für Entwicklung und für die europäische Perspektive des westlichen Balkans. Lassen Sie uns gemeinsam ein klares Signal aussenden: Europa steht zu seinen Nachbarn – für Stabilität und für eine Zukunft in Freiheit und Frieden!
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Präsidentin Julia Klöckner:
Ich schließe hiermit die Aussprache.
Interfraktionell wird Überweisung der Vorlage auf Drucksache 21/228 an die in der Tagesordnung aufgeführten Ausschüsse vorgeschlagen. Gibt es weitere Überweisungsvorschläge? – Das ist erkennbar nicht der Fall. Dann verfahren wir wie vorgeschlagen.
Ich rufe nun auf den Tagesordnungspunkt 11:
Beratung des Antrags der Abgeordneten Agnieszka Brugger, Dr. Julia Verlinden, Dr. Konstantin von Notz, weiterer Abgeordneter und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Sicherheit stärken, Energieabhängigkeiten durch erneuerbare Energien verringern – Rückkehr zu Nord-Stream-Pipelines ausschließen
Drucksache 21/224
Überweisung/Beschlussfassung Ausschuss für Wirtschaft und Energie
Für die Aussprache wurde eine Dauer von 30 Minuten vereinbart.
Ich eröffne die Aussprache und erteile das Wort der Frau Abgeordneten Agnieszka Brugger von der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. Bitte sehr.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Agnieszka Brugger (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Es ist der Herbst 2021: Russische Soldaten marschieren bedrohlich an der Grenze zur Ukraine auf, angeblich nur eine Militärübung. Seit Monaten lässt der russische Staatskonzern Gazprom gezielt die deutschen Gasspeicher leerlaufen. Die Regierung von Union und SPD aber arbeitet auf ihren letzten Metern mit Hochdruck daran, dass die Gaspipeline Nord Stream 2 möglichst schnell ans Netz gehen kann – das vergiftete Erbe von Putin-Lobbyist und Ex-Kanzler Gerhard Schröder.
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hört! Hört!)
Obwohl Putin Russland immer mehr zu einer Diktatur umbaute, obwohl er 2014 die Krim völkerrechtswidrig annektierte, trieben auch Kanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel Putins Pipeline-Milliardengeschäfte immer weiter voran, wider besseres Wissen und entgegen allen Warnungen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
2015 ermöglichten sie dann auch noch den Verkauf der deutschen Gasspeicher nach Russland.
Im Kanzleramt gab es sogar Berechnungen, mit wie vielen Geflüchteten in Deutschland zu rechnen sei, sollte Putin die Ukraine in großem Stil überfallen. Man erkannte also, wie gefährlich, wie wahrscheinlich dieser Krieg war, und trotzdem füllte man die Kriegskasse von Putin weiter.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Schändlich! – Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Unfassbar!)
Das schwarz-rote Märchen vom friedlichen und vermeintlich billigen russischen Gas und das Märchen von Nord Stream 2 als „privatwirtschaftliches Projekt“ waren und sind perfide und teure Lügen.
Das alles hat unser Land enorm viel gekostet – ein riesiger wirtschaftlicher Schaden, ein Winter kurz vor der Energiekatastrophe, große, milliardenschwere Rettungsschirme und ein massiver außenpolitischer Vertrauensverlust. Das alles hätte man sich im wahrsten Sinne des Wortes sparen können und sparen müssen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Meine Damen und Herren, nichts davon wurde richtig aufgearbeitet, und bis heute hat niemand echte Verantwortung dafür übernommen.
Und nun habe nicht nur ich ein ungutes Déjà-vu, wenn ich schaue, was passiert: wenn Wirtschaftsministerin Reiche
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wo ist die eigentlich? Ist doch Kernzeit!)
auf Basis unseriöser Bedarfsanalysen den Bedarf von mindestens 20 Gigawatt neuer Gaskraftwerke formuliert, wenn prominente Mitglieder von SPD und Union zu Geheimtreffen mit Putins Vertrauten fahren und Thomas Bareiß aus der CDU Nord Stream 2 wiederbeleben will,
(Gerold Otten [AfD]: Vernünftig! Sehr vernünftiger Vorschlag!)
wenn der russische Außenminister nach den ersten Gesprächen mit den USA verkündet, dass es bereits Verhandlungen genau dazu gebe, und wenn ein US-Unternehmer aus dem Umfeld von Donald Trump als Investor im Gespräch ist. Zugleich wirft die abgewendete Insolvenz der Nord Stream 2 AG mehr als nur eine seltsame und drängende Frage auf.
Meine Damen und Herren, nie wieder dürfen Kreml-Korruption, alte Moskau-Connections und fatale Abhängigkeiten von Putins Gas zurückkehren!
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: So ist es! – Zuruf des Abg. Gerold Otten [AfD])
Denn seine Aggression richtet sich nicht nur gegen die Ukraine. Ob Hackerangriffe, durchschnittene Internetkabel, Auftragsmorde, Sabotage bis hin zu Brandbomben in Flugzeugen: Auch unser Land ist schon lange im Visier. Diesen Staatsterror gegen die Ukraine und gegen ein freies und demokratisches Europa auch noch selbst zu bezahlen und erneut Putins Kriegsschatulle zu füllen, ist nicht nur dumm, sondern auch brandgefährlich.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es gibt aber auch eine gute Nachricht: Dank der Arbeit der letzten Jahre ist unser Land nicht mehr auf Öl und Gas aus Russland angewiesen. Solar, Wind und andere saubere Energien sind zur tragenden Säule unserer Energieversorgung geworden.
(Dr. Andreas Lenz [CDU/CSU]: Stimmt doch nicht!)
Sie schützen unser Klima und sind gut für den eigenen Geldbeutel. Sie machen unser Land sicherer und souveräner.
Meine Damen und Herren, Kanzler Merz muss jetzt handeln. Ein paar halbherzige Worte mit Hintertüren reichen nicht. Denn wir wissen nach den letzten Wochen leider – ob im Umgang mit der AfD, bei der Schuldenbremse oder beim Taurus –: Auf das Wort von Friedrich Merz kann man sich nicht verlassen.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Zuruf des Abg. Raimond Scheirich [AfD])
Die gesamte Regierung muss für ein endgültiges Aus der Nord-Stream-Pipelines sorgen. Denn Putins Gas schadet nicht nur dem Klima und der Zukunft unserer Kinder; es ist Gift für Sicherheit, Frieden und Freiheit auf unserem Kontinent.
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Peter Beyer [CDU/CSU]: Größer geht’s nicht!)
Präsidentin Julia Klöckner:
Für die CDU/CSU-Fraktion hat nun Herr Abgeordneter Dr. Andreas Lenz das Wort.
(Beifall bei der CDU/CSU – Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wieso ist eigentlich keiner der Minister da? Wirtschaft, Energie, Finanzen!)
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Versorgungssicherheit – gerade in Bezug auf die Energie – ist wichtig für die Wirtschaft, aber auch für die Menschen im Land. Schön, wenn die Grünen das grundsätzlich auch so sehen. Schade aber, dass Sie drei Jahre Ihrer gesetzlichen Pflicht, einen Evaluierungsbericht zum Kohleausstieg vorzulegen, nicht nachgekommen sind.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hä? – Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie haben die Energiekrise verschuldet!)
Jetzt stellt sich die Frage: Was hätte denn in diesem Bericht gestanden? Es hätte dringestanden, dass Sie, wenn Sie aus der Kernkraft aussteigen und am Kohleausstieg festhalten,
(Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nord Stream 2, darüber müssen Sie reden!)
neue Gaskraftwerke brauchen, meine Damen und Herren. Das wollten Sie die letzten drei Jahre nicht sagen, und jetzt sagen Sie es auch nicht.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Herr Lenz, das ist doch peinlich, was Sie hier vortragen! – Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Da klatschen nicht mal die eigenen Leute!)
Wir brauchen verfügbaren Strom, verfügbare Energie, und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Die Frage ist so wichtig, dass wir es eben nicht dem Zufall überlassen können und werden, ob Versorgungssicherheit gewährleistet ist.
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Und deswegen Gas aus Russland?)
Wir haben angesichts des Blackouts in Spanien, auf der Iberischen Halbinsel, gesehen, dass diese Gefahr entsprechend real ist.
(Abg. Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] meldet sich zu einer Zwischenfrage)
Deshalb geht es der Bundesregierung und uns im Koalitionsvertrag darum: Wir werden die Versorgungssicherheit für die Industrie, die Wirtschaft und die Menschen gewährleisten, meine Damen und Herren.
(Beifall bei der CDU/CSU)
Präsidentin Julia Klöckner:
Würden Sie eine Zwischenfrage von Herrn Kellner aus der Fraktion der Grünen zulassen?
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU):
Ja.
Michael Kellner (BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN):
Herzlichen Dank, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. Viel Erfolg in dem neuen Amt! – Ich habe eine Frage, weil ich aus beiden Regierungsfraktionen immer wieder Stimmen gehört habe, die Nord Stream 2 wieder nutzen wollen: Es gibt auf europäischer Ebene die Bestrebung, Nord Stream 2 zu sanktionieren. Wird sich Ihre Fraktion und werden Sie sich dafür einsetzen, dass Nord Stream 2 auf europäischer Ebene sanktioniert wird, damit diese Pipeline nicht mehr Schaden für Europa anrichten kann?
(Beifall beim BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN – Gerold Otten [AfD]: Völlig gaga!)
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU):
Danke, Herr Kellner, für die Frage. – Manchmal lohnt es sich auch, bis zum Ende der Rede zu warten, weil ich natürlich noch auf den Punkt zu sprechen gekommen wäre.
Ich weiß überhaupt nicht, was in Sie gefahren ist, da einen Widerspruch aufzubauen. Wir werden natürlich mit unseren europäischen Partnern abgestimmt in dieser Frage vorgehen – was denn sonst? –, genau so, wie wir das die letzten Jahre und Monate auch gemacht haben.
(Beifall bei der CDU/CSU – Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gerade Nord Stream 2 ist das beste Beispiel für Nichtabstimmung mit europäischen Partnern! – Zuruf der Abg. Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Also kein Gasboom, wie Sie unterstellen – danke für die Frage –,
(Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Was war jetzt die Antwort, Herr Lenz? Ich habe die Antwort nicht verstanden!)
sondern es geht um die Schaffung von Versorgungssicherheit, natürlich auch unter Einbeziehung der Erneuerbaren. Das ist sozusagen Teil der systemischen Versorgungssicherheit.
Aber natürlich müssen wir auch, wenn es um die Nachfrage nach Gas geht, weiter diversifizieren; das ist ja überhaupt keine Frage. Das heißt, dass mehr Anbieter aus unterschiedlichen Regionen, wenn es um die Gasversorgung geht, berücksichtigt werden müssen – in Frankreich sagt man übrigens: mehr Eier in den Korb legen –, um mehr Stabilität insgesamt zu schaffen.
Und da stimmt eben nicht – was Sie in Ihrem Antrag schreiben und auch gerade gesagt haben –, dass Sonne und Wind heute die tragenden Säulen der Energieversorgung sind. Das stimmt leider nicht; das muss ich Ihnen so sagen,
(Beifall bei der CDU/CSU)
da muss ich Sie leider enttäuschen. Das ist ja nicht einmal im Strombereich so.
Wir sind – und das ist Teil der Realität – weiterhin auf fossile Energieimporte angewiesen, weil sonst einfach das Licht ausgeht, meine Damen und Herren, und zwar zu annähernd 80 Prozent, wenn man den Primärenergieverbrauch betrachtet. Das war, Herr Kellner, auch die letzten drei Jahre so, und eigentlich müssten Sie es ja auch wissen aus Ihrer vorherigen Verwendung.
(Heiterkeit bei Abgeordneten der AfD)
Wir bauen die Erneuerbaren aus; aber wir sind auch angewiesen auf Moleküle. Diese werden jetzt importiert, und sie werden auch zukünftig zu einem großen Teil importiert.
Das stand auch in Ihren Strategien genau so. Es ist schon interessant, wie schnell die Grünen wieder in ihrer Oppositionsrolle angekommen sind. Man könnte ja fast glauben, Sie freuen sich, endlich wieder gegen etwas sein zu können, gegen jemanden sprechen zu können.
(Beifall bei der CDU/CSU – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Gegen Nord Stream 2 waren wir immer schon! – Weitere Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Aber schuld an der Energiekrise – und darin sollten wir doch zumindest einig sein, meine Damen und Herren – war doch der Angriffskrieg Putins gegen die Ukraine.
(Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das stimmt!)
Wenn Sie hier einen Keil zwischen unsere Fraktionen treiben wollen, dann ist Ihnen nicht mehr zu helfen.
(Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie waren sich da immer sehr einig!)
Als Opposition waren wir damals übrigens für den Bau der LNG-Terminals. Ich will jetzt gar nicht bemühen, dass die Grünen noch kurz vor dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine gegen LNG-Terminals insgesamt waren, auch dagegen demonstriert haben.
Wir werden in der Frage weiterer Sanktionen gegenüber Russland, wie gesagt, mit unseren europäischen Partnern abgestimmt vorgehen – was denn sonst!
(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Armand Zorn [SPD])
Sie wollen doch hier eine falsche Geschichte erzählen. Ich sage Ihnen eines: Das ist zutiefst unanständig und der Sache überhaupt nicht dienlich, meine Damen und Herren.
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Kommen Sie bitte zum Ende.
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU):
Kritische Infrastruktur werden wir europäisch abgestimmt und auch im nationalen Rahmen noch stärker schützen.
(Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Jetzt haben Sie so lange geredet und gar nichts gesagt!)
Wir brauchen weiterhin einen Energiemix für Resilienz, für Versorgungssicherheit.
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wollten Sie nicht die Frage von Herrn Kellner beantworten?)
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Herr Kollege, kommen Sie bitte zum Ende Ihrer Rede.
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU):
Und diese Versorgungssicherheit werden wir im Gegensatz zu Ihnen auch entsprechend gesetzlich verankern und umsetzen.
Herzlichen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der SPD)
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Als Nächster hat das Wort der Abgeordnete Steffen Kotré von der AfD-Fraktion.
(Beifall bei der AfD)
Steffen Kotré (AfD):
Frau Präsidentin! Sehr geehrte Damen und Herren! Russland hat immer zuverlässig Gas geliefert. Die Ampelregierung hat Gas dann zur Waffe gemacht; sie sagt den Russen: Deutschland will kein Gas mehr haben. Und welcher Auftragnehmer führt denn die Aufträge gerne fort, wenn er weiß, er hat keine Zukunft mehr? Direkte Gespräche hätten das Problem sofort gelöst.
(Beifall bei der AfD)
Bei Nord Stream handelt es sich nicht um Russland, es handelt sich auch nicht um Putin.
(Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hat Putin Ihnen die Rede geschrieben? – Weitere Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
Es handelt sich hier um einen Vorteil für Deutschland. Es gibt eben keinen preiswerteren Gasimport als durch Rohrleitung und direkt vom Exporteur abgenommen.
(Claudia Roth [Augsburg] [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Direkt von Putin!)
Wer Nord Stream nicht möchte, der möchte doppelte und dreifache Gaspreise,
(Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie wollen die Attacken auf unser Land finanzieren! So viel zum Patriotismus! – Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Bezahlt Sie Gazprom?)
der möchte, dass die chemische Industrie ihre Produktion weiterhin ins Ausland verlagert. Und er arbeitet aktiv daran, dass wir bald auch keine Düngemittelindustrie, keine Papierindustrie oder andere gasintensive Industrien mehr haben.
(Beifall bei der AfD)
Nord Stream zu verhindern, bedeutet eine massive Schädigung unserer Interessen.
(Markus Frohnmaier [AfD]: Absolut! – Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Sie wollen uns wieder abhängig machen!)
Kann man vor diesem Hintergrund diejenigen, die sich gegen Nord Stream stellen, noch als Patrioten bezeichnen, diejenigen, die sich willfährig den Interessen anderer Staaten unterwerfen
(Lachen bei Abgeordneten des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
und Deutschland geopolitisch verzwergen? Ich glaube, man kann sie nicht als Patrioten bezeichnen.
(Raimond Scheirich [AfD]: Wo kommt das LNG, das wir importieren, denn bitte her?)
Die deutsche Politik muss erwachsen werden! Ja, das kann durchaus schmerzhaft sein: Ein Erwachsener, der muss selbst für sich sorgen, der muss selbst Entscheidungen treffen, und er muss selbst seine Interessen wahrnehmen; das ist Erwachsensein. Und genau so muss unsere Politik auch sein.
(Beifall bei der AfD)
Um uns herum, ob uns das gefällt oder nicht, da wird eben erwachsene Politik betrieben. Und Deutschland? Deutschland schlingert schon seit Jahren und Jahrzehnten wie ein Schiff ohne Steuermann auf der rauen See ausländischer Interessen.
(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Aber wir brauchen wieder Steuermänner und -frauen, die den eigenen Kurs halten. Wir brauchen wieder eine wirksame Vertretung unserer Interessen zum Wohl unserer Bürger.
(Beifall bei der AfD – Zuruf von der AfD: Richtig!)
Um die eigene Feigheit – so möchte ich es mal titulieren – vor dem Erwachsenwerden zu überdecken, verstecken sich die Vertreter der Altparteien oftmals hinter Brüssel und der EU. Wir haben es gerade bei meinem Vorredner gehört, zweimal sogar. Da heißt es immer wieder: Wir müssen uns mit unseren Partnern abstimmen. – Und dann heißt es immer wieder: Keine Alleingänge machen! – Und dann heißt es auch immer: EU-Recht hindert uns. – Nein, meine Damen und Herren, das ist keine erwachsene Politik, das ist allenfalls erbärmlich.
(Beifall bei der AfD)
Und ist es erwachsene Politik, sich Nord Stream zerstören zu lassen, ohne den Schuldigen zur Rechenschaft zu ziehen? Der Täter des Terrorakts, vermutlich die Biden-Regierung in den USA,
(Dr. Andreas Lenz [CDU/CSU]: Quatsch! Da spricht doch alles dagegen!)
ist doch der alten und der neuen Bundesregierung selbstverständlich schon bekannt. Nein, diesen Angriff auf unsere Infrastruktur ohne Konsequenzen hinzunehmen, ist infantil, feige und selbstschädigende Politik.
(Beifall bei der AfD – Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Nennen Sie doch mal Ihre Kontakte! Machen Sie das doch mal transparent!)
Aktuell will die EU, dass Gasverträge mit Russland ohne Entschädigung gekündigt werden können. Damit gibt es keine Rechtssicherheit für Handelsbeziehungen mit EU-Ländern!
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Herr Abgeordneter, gestatten Sie eine Frage aus der CDU/CSU-Fraktion?
Steffen Kotré (AfD):
Ja.
Dr. Andreas Lenz (CDU/CSU):
Danke, dass Sie die Zwischenfrage zulassen. – Wie kommen Sie denn darauf, dass die USA hinter dem Anschlag auf Nord Stream 1 stehen?
(Lachen bei Abgeordneten der AfD)
Sämtliche nachrichtendienstlichen Erkenntnisse weisen eigentlich auf andere Urheber hin.
(Gerold Otten [AfD]: Bestimmt!)
Kann es sein, dass es sich da auch um eine Art von Desinformation handelt, die Sie hier im Parlament verlautbaren wollen?
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg. Armand Zorn [SPD])
Steffen Kotré (AfD):
Also, so etwas kann nicht unentdeckt bleiben. Und wenn die Bundesregierung sich dazu nie äußert – wir haben sie immer wieder gefragt –, dann ist völlig klar, dass da irgendwas hinterm Busch gehalten wird.
(Lachen bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN – Zuruf der Abg. Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Wir haben die Aussagen von Seymour Hersh; der hat ein Szenario beschrieben. Dann kam das Ablenkungsmanöver mit einem Segelboot, was nicht funktionierte. Dann haben die Geheimdienste von Dänemark und Schweden nicht mit den deutschen Geheimdiensten zusammengearbeitet.
(Filiz Polat [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie viele Agenten haben Sie denn gestern wieder getroffen?)
Dazu hat die Bundesmarine viel zu spät Schiffe dorthin geschickt. Es gab kaum eine Untersuchung. Oder nehmen Sie BALTOPS 2022, was da passiert ist und was da gesagt wird. Nehmen Sie die Aussage von dem Mitarbeiter aus dem dänischen Hafen und viele andere Dinge. Wenn Sie diese Mosaiksteine zusammenlegen, dann komme ich zu dem, was ich gerade gesagt habe.
(Tilman Kuban [CDU/CSU]: Spielen Sie jetzt Scotland Yard, oder was?)
Vermutlich ist es so. Ich weiß es nicht zu hundert Prozent,
(Zurufe von der CDU/CSU und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN: Ah!)
aber ich vermute, dass es so ist. Und wenn die Bundesregierung hierzu nichts sagt, dann macht sie sich mitschuldig, denn sie weiß es unter Garantie; davon bin ich überzeugt.
(Beifall bei der AfD – Dr. Andreas Lenz [CDU/CSU]: Das macht es alles nicht besser! – Armand Zorn [SPD]: „Russia Today“!)
Zusammenfassend: Die AfD steht im Dienste der Bürger und Unternehmen für Wachstum, Wohlstand, für Souveränität und eben für eine erwachsene Politik, die unser Land dringend braucht.
Vielen Dank.
(Beifall bei der AfD)
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Für die SPD-Fraktion hat nun die Abgeordnete Dr. Nina Scheer das Wort.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Dr. Nina Scheer (SPD):
Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Ich möchte einsteigen mit einer Nachricht, die wir heute Morgen vernehmen konnten – gestern Abend gab es schon Anzeichen dafür; es ist auch nichts Neues –: Donald Trump will sich jetzt auch noch eine eigene Währung schaffen, eine Kryptowährung.
Donald Trump steht – für uns zunehmend erkennbar, glaube ich, nicht erst seit heute – als ein Autokrat in der Welt.
(Maximilian Kneller [AfD]: Es wird langsam einsam für Sie!)
Wir sind zugleich zu Recht bemüht, in unseren Bündnissen, die wir mit Amerika, mit den USA haben, sowohl in der NATO – das ist natürlich die sicherheitspolitische Komponente – als auch in anderen Organisationen, solange die Mitgliedschaft von den USA unter Trump noch nicht aufgekündigt wurde, alles, was irgendwie möglich ist, zu tun, um Brücken zu bauen und Gemeinsamkeiten zu nutzen.
Warum steige ich so in dieses Thema ein?
(Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Das fragen wir uns auch!)
Ich möchte darauf hinweisen, dass wir, um den Frieden in der Welt zu sichern, immer darauf angewiesen sind, mit allen Kräften zusammenzuarbeiten, mit denen wir in Bündnissen sind, aus denen wir auch nicht so leicht herauskommen, ohne eine weitere Sicherheitsgefährdung oder Disruption in der Welt zu riskieren.
Wir wissen, dass wir mit der Bewältigung der Energiepreiskrise 2022 in der Ampel Großartiges geleistet haben, um die 55 Prozent Importabhängigkeit von russischem Gas zu beseitigen. Wir haben das geschafft.
(Raimond Scheirich [AfD]: Ja! Aber dafür sind wir jetzt von den USA abhängig!)
Das war eine Reaktion auf den Angriffskrieg, und sie war konsequent. Das war ein Riesenkraftakt, den uns keiner zugetraut hat.
Er war verbunden mit einem Infrastrukturausbau. Er war auch mit einer sehr überdimensioniert angelegten Infrastrukturausbaumaßnahme im Bereich der LNG-Terminals durch Beschleunigungsgesetze verbunden, die von Robert Habeck ausgearbeitet wurden und von uns in der Ampel in einem wahnsinnig schnellen Prozess im Parlament verabschiedet werden konnten. So konnten wir überhaupt in diese Unabhängigkeit von Russland gelangen.
Wir haben damit aber auch in Kauf genommen, dass wir eine Überdimensionierung schaffen. Wir haben damit auch in Kauf genommen, dass die Diversifizierung, die wir als Lehre aus dieser Abhängigkeit gezogen haben, vielleicht nicht so gut gelingt; denn wir stehen jetzt in der Tat in großer Abhängigkeit zu den USA.
(Zuruf des Abg. Michael Kellner [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Wir wissen nicht, wie wir in diesem Haus in fünf Jahren auf diese Importabhängigkeit von den USA blicken. Wir werden wahrscheinlich sagen, dass wir hier eine Abhängigkeit geschaffen haben, die auch Nachteile hat. Aber wir hier werden zugleich sagen können – ich werde das für den Fall, dass ich dann noch hier stehen darf, für mich reklamieren können –, dass wir es für richtig gehalten haben, diese Strategie zu verfolgen, um diese 55 Prozent Abhängigkeit zu beseitigen. Wir sind also das Risiko eingegangen, das wir auch damals schon erkennen konnten, dass wir uns auch in die Abhängigkeit von möglichen künftigen Autokraten begeben.
Deswegen möchte ich an dieser Stelle an uns alle appellieren, dass wir unsere Kräfte auf das fokussieren und bündeln, was es heute zu bewältigen gilt. Und die Fokussierung am heutigen Tag heißt, dass wir so schnell wie möglich auf erneuerbare Energien umsteigen müssen –
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Frau Abgeordnete, lassen Sie eine Frage aus der AfD-Fraktion von Herrn Frohnmaier zu?
Dr. Nina Scheer (SPD):
– nein! –, dass wir so schnell wie möglich die Abhängigkeit von fossilen Energien beseitigen müssen.
(Raimond Scheirich [AfD]: Dafür sind wir von China abhängig!)
Damit haben wir in der Ampel schon gut angefangen. Wir haben enorme Beschleunigungsprozesse in Gang gesetzt. Und wir haben jetzt mit dem Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und SPD genau die wichtigen Weichenstellungen adressiert, die wir weiterhin brauchen, um diesen Umstieg hinzubekommen. Wir setzen auf Flexibilisierung, wir setzen auf Speicher. Wir setzen weiterhin darauf, auf grüne Moleküle umsteigen zu können, weil wir diesen Umstieg brauchen, um dauerhaft von fossilen Gasen unabhängig zu werden.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und der Abg. Dr. Paula Piechotta [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] und Lorenz Gösta Beutin [Die Linke])
Wir können bei einer solch immensen Abhängigkeit von fossilen Gasen, die trotz des Switches auf andere Importe auch heute noch da ist, nicht einfach sagen: „Wir steigen aus“, sondern wir müssen mit Hochdruck Alternativen schaffen, um uns in die Lage zu versetzen, auszusteigen.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)
Genau in diesen Bereichen haben wir eigentlich auch eine große Einigkeit in diesem Haus. Wir haben in einem enormen historischen Kraftakt mit den Grünen zusammen eine Grundgesetzänderung geschafft, die es uns ermöglicht, mit einem Sondervermögen für die Infrastruktur diesen Schritt weiterzugehen.
Insofern möchte ich noch mal appellieren, keinen Keil zwischen die Fraktionen zu treiben, die gewillt sind und dies auch im Koalitionsvertrag verankert haben, den forcierten Ausbau erneuerbarer Energien voranzutreiben,
(Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wie denn?)
damit wir diese Infrastrukturleistungen auch hinbekommen.
Wenn wir den Friedensprozess mit den Autokraten dieser Welt, die leider auch regieren, weiterführen wollen – und der Friedensprozess läuft hoffentlich weiter –,
(Zurufe vom BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)
dann wird uns nichts anderes übrig bleiben, als uns möglicherweise bestimmte Angebote von den Seiten, die am Friedensprozess beteiligt sind, anzuschauen. Auch das gehört zur Geschichte dazu.
(Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Hört! Hört!)
– Zu dem „Hört! Hört!“ möchte ich wirklich mal etwas sagen.
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Frau Abgeordnete, kommen Sie bitte zum Schluss.
Dr. Nina Scheer (SPD):
Wir haben gemeinsam Verantwortung getragen und brauchen diese auch weiterhin, um auf einem Friedenspfad zu bleiben. Daher möchte ich dafür werben, –
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Frau Abgeordnete, kommen Sie bitte zum Schluss Ihrer Rede.
Dr. Nina Scheer (SPD):
– dass wir diese unter den demokratischen Fraktionen aufrechterhalten.
Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Für die Fraktion Die Linke hat nun Lorenz Gösta Beutin das Wort.
(Beifall bei der Linken)
Lorenz Gösta Beutin (Die Linke):
Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen der demokratischen Fraktionen! Linke Klimapolitik für Klimagerechtigkeit ist zurück im Bundestag. Ich verspreche Ihnen: Wir werden Ihnen als Linke gemeinsam Druck machen.
(Beifall bei der Linken)
Sauberes Gas ist eine dreckige Lüge. Wir erleben in diesen Tagen einen neuen Dürrerekord. Wir erleben sozusagen schon wieder eine Jahrhundertdürre wie seit 2018. Das heißt eine Jahrhundertdürre nach der nächsten Jahrhundertdürre.
(Lachen bei Abgeordneten der AfD – Markus Frohnmaier [AfD]: Glauben Sie das noch? – Raimond Scheirich [AfD]: Märchen! – Marc Bernhard [AfD]: Da, wo die Windräder stehen, da ist die Dürre!)
Worüber wir hier eigentlich sprechen müssten, wäre eine sichere und gerechte Energieversorgung, wäre der Ausbau der erneuerbaren Energien, wäre ein sozial gerechtes Klimageld, wäre die Frage, wie wir die Transformation in Industrie und Wirtschaft auf die Reihe bekommen, wie wir in Deutschland gute Arbeitsplätze halten und neue gute Arbeitsplätze, gerade im Bereich der Erneuerbaren, schaffen. Das wäre hier unsere Aufgabe und nicht, wieder über Nord Stream 2 zu diskutieren.
(Beifall bei der Linken – Katharina Dröge [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Warum nicht über Nord Stream 2?)
Aber vielleicht sieht die Realität der neuen deutschen Bundesregierung so aus, dass wir wieder über Nord Stream 2 reden müssen. Vielleicht sieht die Realität der deutschen Bundesregierung so aus, dass wir eine Wirtschaftsministerin Reiche haben, die von Westenergie kommt, einer EON-Tochter, und unser Land mit neuen Gaskraftwerken vollpflastern will, eine Wirtschaftsministerin, die nicht mehr von Effizienz in der Energiewende redet – denn das ist es, was wir in der Energiewende brauchen, weil erneuerbare Energien ein rares Gut sind und nicht im Überfluss vorhanden sind, solange wir sie nicht vernünftig ausgebaut haben –, sondern von Kosteneffizienz.
(Marc Bernhard [AfD]: Effektivität!)
Das bedeutet, Gaskraftwerke sollen genutzt werden, um die Preise zu drücken. Das ist aber der vollkommen falsche Weg. Wir können nicht, um die Preise im Energiemarkt zu drücken, Gas ausbauen und unsere Lebensgrundlagen weiter verheizen, sondern wir brauchen vernünftige, günstige, gerechte Strompreise und die Energiewende gemeinsam.
(Beifall bei der Linken sowie der Abg. Agnieszka Brugger [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN] – Zuruf von der AfD: Das schließt sich auch gar nicht aus!)
Das, was an dieser Stelle helfen würde, wäre in aller Konsequenz Photovoltaik, Windenergie, Speicher auszubauen.
(Zuruf des Abg. Maximilian Kneller [AfD])
Was helfen würde, wäre das sozial gerechte Klimageld, wäre ein vernünftiger, sachdienlicher Netzausbau mit Verstaatlichung der großen Übertragungsnetzbetreiber und der Übertragungsnetze, wäre eine Preiskontrolle und eine Übergewinnsteuer. Genau das wären die Sachen – nicht, über Nord Stream 2 zu reden, schon gar nicht jetzt, dreieinhalb Jahre nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs, während russische Bomben wieder auf die Ukraine regnen.
(Beifall bei der Linken – Tilman Kuban [CDU/CSU]: Erzählt das mal dem Kollegen Gysi!)
Aber wir haben eine Situation, wo der US-Investor Stephen Lynch Nord Stream 2 kaufen will. Trump hat daran ein Interesse. Wir als Linke sagen: Beenden Sie das! Wir brauchen Versorgungssicherheit, wir brauchen einen vernünftigen Netzausbau, wir brauchen eine gerechte Energiewende. Das geht nicht mit neuem Gaszubau, sondern das geht, indem wir es wagen, Erneuerbare konsequent und gerecht auszubauen und gute Arbeitsplätze in Deutschland zu erhalten.
Vielen Dank.
(Beifall bei der Linken)
Vizepräsidentin Josephine Ortleb:
Das Wort hat nun der Abgeordnete Tilman Kuban für die CDU/CSU-Fraktion.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei Abgeordneten der S
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