Politische und menschenrechtliche Lage in der Demokratischen Republik Kongo
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Politische und menschenrechtliche Lage in der Demokratischen Republik Kongo
Deutscher Bundestag Drucksache 21/7832
21. Wahlperiode 03.09.2026
Kleine Anfrage
der Abgeordneten Vinzenz Glaser, Stella Merendino, Desiree Becker, Gökay
Akbulut, Janina Böttger, Maik Brückner, Mirze Edis, Katrin Fey, Ates Gürpinar,
Jan Köstering, Charlotte Antonia Neuhäuser, Cansu Özdemir, Lea Reisner,
Zada Salihović, Ulrich Thoden, Donata Vogtschmidt, Christin Willnat und der
Fraktion Die Linke
Politische und menschenrechtliche Lage in der Demokratischen Republik Kongo
Die Demokratische Republik Kongo (DRK) ist eines der größten Länder auf
dem afrikanischen Kontinent mit etwa 112 Millionen Einwohnerinnen und
Einwohnern (www.unocha.org/democratic-republic-congo). Das Land war bis
1960 eine belgische Kolonie. Bis 1908 war das Gebiet Privatbesitz des
belgischen König Leopold II. Seine Herrschaft gilt als eines der gewaltsamsten
Kolonialregime der Geschichte, in dessen Folge durch Zwangsarbeit, Gewalt,
Hunger und Krankheiten mehrere Millionen Menschen starben (doi.org/
10.1017/9781108765480.025). Im Jahr 1960 errang die DRK mit der Wahl von
Patrice Lumumba zum Premierminister Unabhängigkeit von Belgien. Patrice
Lumumba wurde kurze Zeit später im Jahr 1961 festgenommen und ermordet.
Laut der Untersuchungskommission des belgischen Parlaments war Belgien an
politischer Einflussnahme gegen Patrice Lumumba und seinem Transfer nach
Katanga beteiligt, wo er im Beisein belgischer Beamter ermordet wurde
(www.dekamer.be/kvvcr/pdf_sections/comm/lmb/conclusions.pdf). Einzelne
Autoren diskutieren noch weitreichendere Verantwortung der belgischen
Regierung (De Witte, 1999, De Moord op Lumumba). Zuvor hatte auch die Central
Intelligence Agency (CIA) Mordpläne verfolgt.
Die belgische Kolonialherrschaft prägte eine extraktive Wirtschaftsstruktur.
Forschende sehen in diesem kolonialen Wirtschaftsmodell eine wesentliche
Ursache dafür, dass die DRK bis heute in hohem Maße von der Ausfuhr
unverarbeiteter Rohstoffe abhängig ist, während ein erheblicher Teil der
Wertschöpfung außerhalb des Landes erfolgt (https://tuljournals.temple.edu/index.php/mu
ndi/article/view/744). Dadurch ist die DRK trotz ihres Rohstoffreichtums eines
der ärmsten Länder der Welt (doi.org/10.14207/ejsd.2025.v14n4p51).
Beispielsweise ist die DRK der größte Produzent von Kobalt weltweit. Etwa
75 Prozent des globalen Kobalts, welches für die Produktion von Lithium-
Ionen-Batterien essenziell ist und somit für viele Länder einen wichtigen
Bestandteil der Energiewende darstellt, kommt aus der DRK (https://pubs.usgs.go
v/periodicals/mcs2026/mcs2026-cobalt.pdf). Viele Kobaltminen in der DRK
werden von chinesischen Unternehmen betrieben, und die Weiterverarbeitung
von Kobalt findet zu großen Teilen in China statt (doi.org/10.1016/j.
resourpol.2022.103007 & https://iea.blob.core.windows.net/assets/4eb8c252-76b1-47
10-8f5e-867e751c8dda/GlobalSupplyChainsofEVBatteries.pdf). Im
Zusammenhang mit dem Abbau von Kobalt sind vielfältige
Menschenrechtsverletzungen wie Zwangsarbeit und Kinderarbeit dokumentiert (www.dol.gov/sites/dolg
ov/files/ILAB/DRC-FL-Cobalt-Report-508.pdf). Außerdem geht der Abbau oft
mit gesundheitlichen Risiken einher (doi.org/10.1016/j.envres.2009.04.012).
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler legen dar, dass auch die seit
Jahrzehnten andauernden Kriege auf Identitäten, Landverwaltungspraktiken und
politischen Hierarchien beruhen, die durch koloniale Herrschaftspraktiken
etabliert wurden. Heute instrumentalisieren postkoloniale Eliten diese Identitäten
und Hierarchien für ihre politischen Zwecke, um Zugang zu Ressourcen, Macht
und wirtschaftlichen Profiten zu sichern (doi.org/10.2139/ssrn.6309098). Die
unterschiedlichen Kriegsparteien profitieren weitestgehend von der etablierten
Kriegswirtschaft, was Friedensinitiativen erschwert (doi.org/10.18820/
24150479/aa48i2.6).
Etwa 18 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, doch fast
die Hälfte von ihnen werden aktuell nicht durch humanitäre Hilfe erreicht
(www.unocha.org/democratic-republic-congo). Trotz immenser Bedarfe
erfahren die Menschen kaum internationale Aufmerksamkeit. Seit zehn Jahren listet
das Norwegian Refugee Council die DRK als vergessene Krise (www.nrc.no/gl
obalassets/pdf/reports/neglected-2025/the-worlds-most-neglected-displacemen
t-crises.pdf).
Wir fragen die Bundesregierung:
1. Wie bewertet die Bundesregierung die aktuelle wirtschaftliche und
menschenrechtliche Lage in der Demokratischen Republik Kongo?
2. Welche Bedeutung misst die Bundesregierung der Demokratischen
Republik Kongo als Wirtschaftspartner zu, und für welche Sektoren bemisst die
Bundesregierung diese Bedeutung?
3. Hat die Bundesregierung Informationen über
Menschenrechtsverletzungen in der Demokratischen Republik Kongo, insbesondere im
Zusammenhang mit dem Abbau von Rohstoffen wie Kobalt?
4. Hat die Bundesregierung Kenntnisse über die Importmengen von Kobalt
aus der Demokratischen Republik Kongo nach Deutschland in den letzten
zehn Jahren, und wenn ja, welche (bitte nach Jahr, Direktimport oder
Import über Drittstaaten unter Angabe des Landes, sowie der jeweiligen
Importmenge aufschlüsseln)?
5. Liegen der Bundesregierung Informationen dazu vor, welche deutschen
Unternehmen Kobalt aus der Demokratischen Republik Kongo nutzen
bzw. am Abbau und der Verarbeitung beteiligt sind, und wenn ja, welche?
6. Unterstützt die Bundesregierung Projekte, die darauf abzielen, die
gesamte Wertschöpfungskette des Kobaltabbaus und der Verarbeitung in die
DRK zu verlagern, um die lokale Wertschöpfung zu fördern?
7. Setzt sich die Bundesregierung gegenüber relevanten Akteurinnen und
Akteuren für ein Ende der Menschenrechtsverletzungen im
kongolesischen Bergbau ein, und wenn ja, gegenüber welchen Akteurinnen und
Akteuren, und zu welchen Anlässen (bitte die Gesprächstermine,
Gesprächsinhalte und Gesprächspartner in der aktuellen Wahlperiode angeben)?
8. Welche konkreten Maßnahmen der bilateralen und multilateralen
Entwicklungszusammenarbeit führt die Bundesregierung mit der
Demokratischen Republik Kongo mit jeweils welchem finanziellen Volumen jeweils
jährlich seit 2020 durch (bitte die ausführende Organisation, die Höhe der
finanziellen Mittel und die Ziele der Maßnahmen angeben)?
9. Wie bewertet die Bundesregierung den Umstand, dass die globale
Kobaltproduktion von chinesischen Unternehmen dominiert wird, und wie
thematisiert die Bundesregierung diese in bilateralen Gesprächen mit der
chinesischen Regierung?
10. Hält die Bundesregierung die bisher im Rahmen der EU-
Konfliktmineralien-Verordnung (Verordnung (EU) 2017/821 des Europäischen
Parlaments und des Rates vom 17. Mai 2017 zur Festlegung von Pflichten
zur Erfüllung der Sorgfaltspflichten in der Lieferkette für Unionseinführer
von Zinn, Tantal, Wolfram, deren Erzen und Gold aus Konflikt- und
Hochrisikogebieten) festgelegten Sorgfaltspflichten für ausreichend, oder
sollte diese aus Sicht der Bundesregierung erweitert werden,
beispielsweise durch Ergänzung weiterer Ressourcen wie Kobalt?
11. Welche konkreten Ziele verfolgte der Menschenrechtsbeauftragte der
Bundesregierung, Dr. Lars Castellucci, mit seiner Reise in die
Demokratische Republik Kongo vom 26. April bis 2. Mai 2026, und welche
menschenrechtlichen, humanitären und politischen Schwerpunkte standen
dabei im Mittelpunkt?
12. Welche Organisationen und Unternehmen (bzw. deren Vertreterinnen und
Vertreter) begleiteten den Menschenrechtsbeauftragten der
Bundesregierung, Dr. Lars Castellucci, bei seiner Reise in die DRK vom 26. April bis
2. Mai 2026, und anhand welcher Kriterien wurde entschieden, wer den
Menschenrechtsbeauftragten auf dieser Reise begleiten durfte?
13. Welche Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner aus Regierung,
Zivilgesellschaft, internationalen Organisationen, humanitären Akteuren
sowie von Gewalt und Vertreibung betroffene Menschen traf der
Menschenrechtsbeauftragte während seiner Reise, und welche zentralen
Anliegen wurden dabei an ihn herangetragen?
14. Welche Erkenntnisse hat die Bundesregierung aus der Reise zur aktuellen
Menschenrechts- und humanitären Lage in der Demokratischen Republik
Kongo gewonnen, insbesondere zur Situation von Binnenvertriebenen,
Frauen und Kindern sowie zu Menschenrechtsverletzungen im
Zusammenhang mit den bewaffneten Konflikten im Osten des Landes?
15. Welche Erkenntnisse hat der Menschenrechtsbeauftragte während seiner
Reise zur menschenrechtlichen Situation im Zusammenhang mit dem
Abbau und Handel von Rohstoffen in der Demokratischen Republik Kongo
gewonnen, insbesondere hinsichtlich Arbeitsbedingungen, Kinderarbeit,
Vertreibungen und der Verantwortung internationaler sowie deutscher
Unternehmen, und welche konkreten politischen Schlussfolgerungen und
Folgemaßnahmen zieht die Bundesregierung daraus im Hinblick auf
Menschenrechtsschutz, humanitäre Unterstützung und verantwortungsvolle
Rohstofflieferketten?
16. Welche Bedeutung misst die Bundesregierung der Reise des
Menschenrechtsbeauftragten für die weitere Gestaltung der deutsch-kongolesischen
Beziehungen bei, insbesondere in den Bereichen Menschenrechte,
Entwicklungszusammenarbeit, humanitäre Hilfe und nachhaltige
wirtschaftliche Zusammenarbeit?
17. Ist der Bundesregierung das Strafverfahren gegen den ehemaligen
belgischen Diplomaten Étienne Davignon aufgrund der vorgeworfenen
Beteiligung an der Entführung und Ermordung Patrice Lumumbas bekannt, und
wenn ja, welche Schlüsse zieht die Bundesregierung aus der historisch
einzigartigen strafrechtlichen Verfolgung von Kolonialverbrechen für den
Umgang mit und die Aufklärung von Verbrechen während der deutschen
Kolonialzeit (www.ecchr.eu/fall/verbrechen-waehrend-der-unabhaengigke
itskriege-der-lumumba-mord/)?
18. Thematisiert die Bundesregierung die Aufklärung von kolonialen
Verbrechen in bilateralen Gesprächen mit der belgischen Regierung, wenn ja, zu
welchen Anlässen, und mit welchen Gesprächspartnerinnen und
Gesprächspartnern hat dies in den letzten fünf Jahren stattgefunden, und
wenn nein, warum nicht?
Berlin, den 11. August 2026
Heidi Reichinnek, Sören Pellmann und Fraktion
Gesamtherstellung: H. Heenemann GmbH & Co. KG, Buch- und Offsetdruckerei, Bessemerstraße 83–91, 12103 Berlin, www.heenemann-druck.de
Vertrieb: Bundesanzeiger Verlag GmbH, Postfach 10 05 34, 50445 Köln, Telefon (02 21) 97 66 83 40, Fax (02 21) 97 66 83 44, www.bundesanzeiger-verlag.de
ISSN 0722-8333
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