Rede von Dr. Peter Ramsauer (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/222
Teil von Protokoll der 222. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages.
Text
Rede von Dr. Peter Ramsauer (CDU/CSU) – Plenarprotokoll 16/222
Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Meine sehr geehrten Damen und Herren! 60 Jahre
Grundgesetz, das ist für uns alle ein Grund zur Freude.
Der Deutsche Bundestag hat – man kann sagen: partei-
und fraktionsübergreifend – Grund zu dieser Freude. Wir
sollten diesen Tag in Einigkeit und Dankbarkeit
begehen.
Wir alle stehen mit unserer politischen Arbeit und mit
unserer Politik insgesamt auf einem stabilen Fundament,
das unser Land und unseren Staat 60 Jahre sicher
getragen hat. Noch nie zuvor in der deutschen Geschichte
konnten die Menschen unseres Landes eine so lange
Periode der Stabilität und des Friedens genießen, wie sie
unserer und der Generation unserer Eltern zuteil
geworden ist. Die Männer und Frauen, die 1948 im
Parlamentarischen Rat in Bonn mit ihrer Arbeit an einer
Verfassung für einen damals noch nicht einmal in Umrissen
erkennbaren neuen deutschen Staat begannen, hätten
sich in ihren kühnsten Visionen gewiss nicht träumen
lassen, welch ein Werk von Dauer und politischer
Nachhaltigkeit sie schaffen würden.
Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist
für das deutsche Volk zu einem Dokument des Glücks
geworden. Auch wenn es in den sechs Jahrzehnten
seiner Gültigkeit mancherlei Ergänzungen und
Veränderungen erfahren hat, blieben sein Kern und seine Substanz
immer unangetastet. Ich glaube, wir alle sind gut
beraten, mit demokratischer Leidenschaft dafür zu sorgen,
dass dies auch in Zukunft so bleibt.
Meine Fraktion erteilt allen Überlegungen, die dahin
gehen, mit diffusen Begründungen grundsätzliche
Veränderungen am Grundgesetz vorzunehmen und es
sozusagen mit überflüssigen Zutaten zu befrachten, klipp und
klar eine Absage. Nicht die Quantität, sondern die
Qualität zeichnet unsere Verfassung aus.
Das Grundgesetz zog die Lehren aus den Schwächen
der Weimarer Republik und stellte ein starkes und
glaubwürdiges Kontrastprogramm zu jenen zwölf Jahren
deutscher Geschichte und deutscher Politik dar, die aufgrund
der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, des
Krieges und des Massenmordes an den Juden in Deutschland
und in Europa im bittersten Sinne des Wortes Jahre des
Unheils waren. Franz Josef Strauß hat die Wurzeln allen
Übels dieser teuflischen Jahre im verhängnisvollen
Abfall vom christlichen Sittengesetz und dessen Normen
gesehen.
Der Aufbau eines neuen und demokratischen deutschen
Staates, der mit unserem Grundgesetz seinen Anfang ge-nommen hat, fand in einer Haltung und Gesinnung statt,
die politisches Handeln anderen als nur menschlichen
Maßstäben verantwortlich weiß.
Im Bewußtsein seiner Verantwortung vor Gott und
den Menschen, …
So beginnt die Präambel unseres Grundgesetzes. Damit
wird eine Orientierung jenseits von politischem Angebot
und politischer Nachfrage markiert, die wir alle
brauchen und uns allen guttut.
Die Präambel der bayerischen Verfassung ist von
einem Sozialdemokraten, dem unvergessenen Wilhelm
Hoegner, im gleichen Geiste geschrieben worden:
Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem eine Staats-
und Gesellschaftsordnung ohne Gott, ohne
Gewissen und ohne Achtung vor der Würde des
Menschen die Überlebenden des zweiten Weltkrieges
geführt hat, in dem festen Entschlusse, den
kommenden deutschen Geschlechtern die Segnungen
des Friedens, der Menschlichkeit und des Rechtes
dauernd zu sichern …
Ich glaube, man kann den Irrwegen, auf die sich die
deutsche Politik in den zwölf Jahren zwischen 1933 und
1945 begeben hat, keine feierlichere und
beschwörendere Absage erteilen als die von Hoegner verfasste.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD)
Das Grundgesetz hat der Politik klare
Handlungsaufträge gegeben. Einen Auftrag, vielleicht den wichtigsten,
haben wir erfüllt: die Einheit unseres Vaterlandes zu
erreichen. Der Appell, der hierzu in der ursprünglichen
Präambel stand, wurde durch den Einigungsvertrag vom
3. Oktober 1990 hinfällig. Er wurde nicht hinfällig, weil
etwa das Grundgesetz, wie Sie, Herr Müntefering,
neulich meinten, den Menschen in der ehemaligen DDR
übergestülpt worden wäre. Herr Müntefering, nichts
wurde übergestülpt. Vielmehr hat die letzte, frei
gewählte Volkskammer der DDR den Beitritt zur
Bundesrepublik Deutschland und damit die Übernahme des
Grundgesetzes für das ganze Deutschland in Freiheit
beschlossen.
Ihr Parteifreund Richard Schröder hat Ihnen zu Recht
entgegengehalten, dass den Menschen in der DDR dieser
Beitritt damals gar nicht schnell genug gehen konnte.
Hände weg vom Namen der Bundesrepublik
Deutschland und von einem überflüssigen Herumbasteln an
unserem Grundgesetz!
Selbstverständlich bedeutet dies nicht, dass Ergänzungen
und Veränderungen nicht dort vorgenommen werden
können oder auch müssen, wo dies zwingend
erforderlich ist. Die Ergebnisse der Föderalismuskommission II
sind ein Beispiel dafür. Auch hier sollte es mehr auf die
Substanz als auf die Länge des zu ergänzenden Textes
ankommen.
Dr. Peter RamsauerNatürlich darf ich einen persönlichen, gewissermaßen
heimatlichen Bezug zum Anlass und Thema der
heutigen Debatte nicht vergessen. Zu meinem Wahlkreis
– Traunstein und das Berchtesgadener Land – gehört
bekanntlich der Chiemsee. Auf einer Insel im Chiemsee
wurde Verfassungsgeschichte geschrieben. Liebe Frau
Kollegin Künast, es freut und erstaunt mich, dass
ausgerechnet Sie auf den Geist von Herrenchiemsee
hingewiesen haben.
(Renate Künast [BÜNDNIS 90/DIE GRÜ-
NEN]: Ich habe zwei Staatsexamen! Da
kommt man nicht drum herum!)
Auf Einladung der auch damals schon CSU-geführten
Bayerischen Staatsregierung trat im Alten Schloss auf
der Herreninsel ein Ausschuss von Bevollmächtigten der
damals bestehenden elf deutschen Länder in den
westlichen Besatzungszonen und des Magistrats von Berlin
zusammen. Dieser Verfassungskonvent tagte vom
10. bis zum 23. August 1948. Er erstellte einen Bericht,
der auch den Entwurf eines Grundgesetzes enthielt, der
Grundlage der Arbeit des Parlamentarischen Rates
wurde. So gesehen hat das Grundgesetz der
Bundesrepublik Deutschland durchaus auch bayerische Wurzeln.
Eine Verfassung lebt vom Geist, von dem sie erfüllt
ist, und wird lebendig durch die Politik, die auf ihrer
Grundlage gemacht wird. Hier hat meine Partei in sechs
Jahrzehnten des Bestehens des Grundgesetzes ihre
politische Pflicht für das ganze Deutschland erfüllt. Wir
haben – auch im Wechselspiel zwischen
Regierungsverantwortung und Opposition – Verantwortung getragen,
haben nicht nach Bequemlichkeit, sondern nach der
Richtigkeit des zu beschreitenden Weges gefragt, in
allen wichtigen, weichenstellenden Fragen unseres
Landes.
Die politische Kompetenz einer Partei, die Richtigkeit
ihres Kompasses und ihr Mut erweisen sich nicht nur in
der Regierung, sondern natürlich auch in der Opposition.
Die von Franz Josef Strauß durchgesetzte Klage des
Freistaates Bayern zum Grundlagenvertrag zwischen
der Bundesrepublik Deutschland und der DDR im
Jahr 1973 war – das müssen wir auch und gerade am
heutigen Tag im Rückblick sagen – ein
deutschlandpolitischer Meilenstein.
Das Verfassungsgericht schob damals allen offenen
und schleichenden Bestrebungen zur Anerkennung einer
deutschen Zweistaatlichkeit oder einer eigenen DDR-
Staatsbürgerschaft entschlossen einen Riegel vor. Meine
Partei hat sich mit dieser Klage gegen den damaligen
Zeitgeist gestellt. Sie hat den zum Sturm gewordenen
Gegenwind der öffentlichen Meinung nicht gefürchtet.
Sie hat es ausgehalten, dass die damalige
Bundesregierung die Anrufung des Bundesverfassungsgerichts in
dieser Frage regelrecht als Anschlag auf die
Entspannungspolitik bezeichnete. Wir haben uns davon nicht
beirren lassen. Durch die Verfassungsklage meiner Partei
wurde die deutsche Frage und damit das Tor zur
deutschen Einheit offengehalten.(Beifall bei der CDU/CSU)
60 Jahre Grundgesetz unseres Landes – dieses
Jubiläum fällt in eine wirtschaftlich äußerst schwierige Zeit.
Jammern hilft uns aber nicht weiter. Vielleicht hilft ein
Blick zurück in jene Zeit, in der das Grundgesetz
entstand und das politische Leben wieder begann. Halten
wir uns die damalige Lage und die Lebensumstände der
Menschen vor Augen – die Not und das Elend, den
Trümmerhaufen, den Deutschland damals darstellte –, so
können wir nur den Mut und die Tapferkeit sowie den
Fleiß und den Willen unserer Eltern und Großeltern
bewundern, anzupacken, aufzubauen und die Dinge zum
Besseren zu wenden. Aus dieser Haltung, fernab von
Resignation und Wehleidigkeit, gilt es auch heute zu
lernen.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie des Abg.
Florian Toncar [FDP])
An dieser Stelle ist es angebracht – eine solche
Bemerkung habe ich in dieser Debatte noch nicht gehört –,
Dank zu sagen, Respekt zu zollen und Anerkennung zu
leisten für die großartige Integrationsleistung und
Aufbauarbeit, die Heimatvertriebene und Flüchtlinge in den
Nachkriegsjahrzehnten geleistet haben.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der FDP)
Ohne diese großartige Aufbauleistung wäre Deutschland
heute nicht das, was es ist. Ohne die Charta der
Heimatvertriebenen aus dem Jahre 1950, diesen Verzicht
auf Rache und Vergeltung, was eine großartige,
friedensstiftende Leistung war und womit ein Zeichen gesetzt
wurde, wäre auch Deutschland nicht das, was es heute
ist.
Die Probleme sind groß, aber auch unsere Chancen
sind groß. Besinnen wir uns auf unsere Stärken. Geben
wir ihnen im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft
Raum und Entfaltungsmöglichkeiten. Nur mit der
bewährten Ordnung dieser sozialen Marktwirtschaft
werden wir die gegenwärtige Wirtschaftskrise überwinden.
Es sind falsche Propheten, die den Menschen jetzt
Konzepte der Staats- und Zwangswirtschaft – ob sie nun
Sozialismus oder Kommunismus heißen – als Ausweg
einreden möchten; denn all diese Konzepte sind krachend
gescheitert.
Ich glaube, ein lebendiger und selbstbewusster
Patriotismus, wie er anderen Ländern der Welt immer
schon ganz selbstverständlich zu eigen war, steht auch
uns Deutschen, steht auch unserem Volk zu.
Gerade in diesen Krisenmonaten muss gelten: Wir
stehen zusammen. Wir wollen unserem Land, unseren
Bürgerinnen und Bürgern dienen. Linke
Klassenkampfrhetorik ist von gestern. Die Bereitschaft zur Verantwortung
für das Große und Ganze ist das Gebot der Stunde.
Dr. Peter RamsauerWir Deutschen stehen zu unserem Land. Umfragen
aus den letzten Tagen unterstreichen das. Wir Deutsche
vertrauen auf unsere Leistungsbereitschaft, wir
vertrauen auf unser Pflichtbewusstsein, und wir vertrauen
auf unsere Weltoffenheit. Ich finde, das alles sind
exzellente Grundlagen, um die gegenwärtige Krise zu
überwinden.
Das gemeinsame Vaterland verbindet zu
gemeinsamer Anstrengung. Ich bin überzeugt: Das Grundgesetz
hat unserem Patriotismus ein verlässliches und solides
Fundament gegeben.
Vielen Dank.
(Beifall bei der CDU/CSU sowie bei
Abgeordneten der SPD und der FDP)