Rede von Dirk Niebel (FDP) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Teil von Protokoll der 88. Sitzung des 16. Deutschen Bundestages · TOP 4 a bis 4 c und 19 b: Drucksachen 16/2211, 16/4210 –.
Text
Rede von Dirk Niebel (FDP) – Drucksachen 16/2211, 16/4210
Herr Präsident! Meine sehr verehrten Damen und
Herren! Die Zusammenlegung von Arbeitslosenhilfe
und Sozialhilfe ist – das muss man nach wie vor
feststellen – der richtige Schritt gewesen. Es war völlig
unverständlich, dass wir als wohl einziger Staat der Welt
für den gleichen Lebenssachverhalt – dass man sich von
der eigenen Tätigkeit nicht ernähren kann – zwei
unterschiedliche steuerfinanzierte Transferleistungen
vorgehalten haben. Das war nicht nur unsinnig. Das war auch
teuer – zum Thema „teuer“ komme ich noch – und für
die betroffenen Menschen entwürdigend. Denn sehr
viele Arbeitslosenhilfeempfänger haben gleichzeitig
auch Sozialhilfe als ergänzende Leistung zum
Lebensunterhalt bekommen. Diese Personen mussten sich im
Hinblick auf ihre intimsten wirtschaftlichen Daten vor zwei
wildfremden Behörden praktisch entkleiden. Das war
Dirk Niebelunwürdig. Deswegen war die Zusammenlegung vom
Grundsatz her völlig richtig.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU)
Nichtsdestotrotz bin ich immer noch der Ansicht, man
hätte es anders machen können. Es gibt die
unterschiedlichsten Stilblüten, die man sich wirklich kaum
vorstellen kann.
(Klaus Brandner [SPD]: Jetzt spricht wieder
der Sachbearbeiter des Arbeitsamtes! Der
Inspektor!)
So hat zum Beispiel ein kommunaler Träger der Hilfe
die Wohnung einer kommunalen
Wohnungsbaugesellschaft, die zu groß war, dadurch „passend“ gemacht,
dass ein Zimmer in der Wohnung abgeschlossen wurde.
So einen Schwachsinn muss man sich erst einmal
einfallen lassen.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der LINKEN)
Ein zweites Beispiel: Der Partner in einer
Bedarfsgemeinschaft, der sich in einem dauerhaften
Beschäftigungsverhältnis befand, wurde aufgefordert, dieses zu
beenden, um in einem befristeten
Beschäftigungsverhältnis eine Tätigkeit mit einem höheren Stundenlohn
aufzunehmen, um dadurch kurzzeitig den Bedarf der
Gemeinschaft zu decken. Auch das ist dämlich hoch zehn.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Elke Reinke [DIE LINKE]:
Genau das ist die Realität!)
Dennoch bleibt die Zusammenführung grundsätzlich
richtig.
Wer allerdings glaubt, er könne, indem er aus zwei
Behörden drei Behörden macht, Geld einsparen und
damit die Schaffung zusätzlicher Krippenplätze
finanzieren, der ist schlichtweg nicht in der Lebenswirklichkeit
angekommen.
(Klaus Brandner [SPD]: Der Inspektor legt
sich wieder Beispiele zurecht!)
Wer aus zwei Behörden drei Behörden macht, kann mit
Sicherheit nicht Geld einsparen, sondern wird stets mehr
Kosten haben. Deswegen haben wir von vornherein die
einheitliche Trägerschaft auf kommunaler Ebene
gefordert. Das ist, wie die Fakten belegen, nach wie vor
richtig.
Dieser Schritt ist nicht nur effizienter, sondern dadurch
wird auch verhindert, dass es zu Stilblüten der eben
genannten Art kommt.
Wenn der Main-Kinzig-Kreis als Optionskommune
(Dr. Heinrich L. Kolb [FDP]: SPD-regiert,
Herr Brandner!)
– ja, der dortige Landrat ist von der SPD – vor den
hessischen Sozialgerichten das Recht einklagen muss, auf die
Stellendaten der Bundesagentur zugreifen zu dürfen,und dies sogar mit der Androhung von Beugehaft für den
Anstaltsleiter in Nürnberg, Herrn Weise, verbunden
wird, dann frage ich mich wirklich, in welcher Republik
wir eigentlich leben.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Klaus Brandner [SPD]:
Haben Sie sich schon einmal mit dem
Datenschutz befasst?)
Jeder, der vermitteln kann, sollte dies tun dürfen und
demzufolge auch Zugriff auf die Stellendaten haben. Das
zeigt wieder einmal, wie richtig es wäre, die Betreuung
der Arbeitslosen in einer Hand zu bündeln.
(Beifall bei der FDP – Klaus Brandner [SPD]:
Wollen Sie jetzt etwa auch noch die
Arbeitsämter abschaffen?)
Diese Bündelung in einer Hand macht nach unserem
Dafürhalten nur dort Sinn, wo die Menschen und die
Arbeitsplätze sind: vor Ort auf kommunaler Ebene.
(Klaus Brandner [SPD]: Wollen Sie sich
immer noch arbeitslos melden?)
Aus diesem Grund, Herr Kollege Brandner, sind wir
nach wie vor der festen Überzeugung: Weil die
Bundesagentur als Mammutbehörde in ihrer jetzigen Struktur
nicht reformierbar ist, ist der beste Weg, um zu einer
besseren Betreuung von Arbeitsuchenden und
Arbeitgebern zu kommen, der Akt der Auflösung der
Bundesagentur für Arbeit.
(Beifall bei der FDP sowie bei Abgeordneten
der CDU/CSU – Klaus Brandner [SPD]: Gut,
dass Sie im Bundestag sind! Sonst wären Sie
ja jetzt arbeitslos geworden!)
Herr Brandner – das sage ich Ihnen, damit auch Sie
das irgendwann einmal verstehen –, die Auflösung der
Bundesagentur bedeutet, dass es diese Behörde eine
juristische Sekunde lang nicht gibt. Das hat unheimlich
viele Vorteile. Eine Behörde, die es nicht gibt, hat keine
internen Verwaltungsvorschriften, deren Anwendung die
Arbeitszeit mehr als in Anspruch nehmen würde,
sondern sie ist an das Gesetz gebunden. Man kann zwar die
eine oder andere neue Vorschrift erlassen, aber man
braucht bei Weitem nicht mehr den Umfang von
Vorschriften, den es gegenwärtig gibt.
Eine Behörde, die es nicht gibt, hat keine
drittelparitätische Selbstverwaltung, in deren Rahmen
Arbeitgeberfunktionäre, Gewerkschaftsfunktionäre und diejenigen,
die ihre öffentlichen Hände meistens in den Taschen der
Bürger haben, die Arbeitsmarktpolitik undemokratisch
auskungeln.
(Beifall bei der FDP – Klaus Brandner [SPD]:
Na, na! Sie haben wohl lange nicht mehr mit
Frau Engelen-Kefer gesprochen, oder? Das
fällt aber auf!)
– Lieber Herr Brandner, Ihr sozialdemokratischer
Kollege, der ehemalige Arbeitsminister Ehrenberg, hat
damals gesagt: Wer immer in den Vorstand der
Bundesanstalt für Arbeit gewählt wird, nimmt nach kurzer Zeit
Dirk Niebelden gleichen drittelparitätischen schafsähnlichen
Gesichtsausdruck an.
(Heiterkeit und Beifall bei der FDP sowie bei
Abgeordneten der CDU/CSU – Klaus
Brandner [SPD]: Das lag an der miserablen
Gesetzgebung, als Sie an der Regierung
waren!)
Dort wird das Geld anderer Leute auf eine Art und Weise
verwaltet, die zur Folge hat, dass die Arbeitsuchenden
keine Integrationschancen haben und die Arbeitgeber
nicht die passenden Arbeitskräfte bekommen.
Herr Brandner, da schon der Kollege Lafontaine die
Betriebsräte im Zusammenhang mit den Hartz-
Reformen erwähnt hat – das war ein ganz besonderes
Bonmot –,
(Klaus Brandner [SPD]: Sprechen Sie jetzt
von den Siemens-Betriebsräten?)
möchte ich auf einen weiteren entscheidenden Vorteil
der Auflösung einer Behörde hinweisen. Eine solche
Auflösung bedeutet, dass die Personalräte nicht mehr
jede vernünftige Veränderung blockieren und sich nicht
mehr jede Mitwirkungsmöglichkeit wie auf einem
arabischen Basar teuer erkaufen können. Nach der Auflösung
der Behörde kann man für eine vernünftige
Personalstruktur sorgen, indem man das Personal der Aufgabe
folgen lässt: mit Änderungskündigungen, Versetzungen
und gesetzlichen Betriebsübergängen. Den richtigen
Weg, wie man eine vernünftige Struktur schaffen kann,
haben wir in unserem Antrag auf Schaffung effizienter
Strukturen in der Arbeitsverwaltung sehr dezidiert
beschrieben.
(Beifall bei der FDP – Dr. Heinrich L. Kolb
[FDP]: Genau! Machen wir es doch einfach
so! – Klaus Brandner [SPD]: Der ist noch
sauer, dass er nicht befördert worden ist!)
Meine Damen und Herren, es ist tatsächlich richtig,
dass die Arbeitslosenversicherung eine
Ausfallbürgschaft für einen klar begrenzten Suchzeitraum ist, in
dem der Lebensstandard abgesichert werden soll. Man
kann trefflich darüber streiten, wann dieser
Suchzeitraum beendet sein muss und wann nicht.
Der Kollege Weiß hat sehr genau beschrieben, wie
eine lange Arbeitslosengeldbezugsdauer auf
Frühverrentungen und auf die Initiative wirkt, wieder eine Tätigkeit
aufzunehmen, wo sich doch die Leistung, die man
bezieht, an dem letzten Nettogehalt orientiert, das mit der
Dauer der Arbeitslosigkeit in der Regel nur geringer
erzielt werden kann. Deswegen geht es bei der Frage der
Gerechtigkeit nicht darum, ob man einen Monat länger
oder kürzer Arbeitslosengeld I bezieht.
Die Frage, die sich den Menschen unter dem
Stichwort Gerechtigkeit unmittelbar stellt, lautet, was
passiert, wenn der Bezug des Arbeitslosengeldes wann auch
immer zu Ende ist. Wird dann die gesamte
Lebensleistung eines Menschen zur Disposition gestellt? Wird
derjenige, der gearbeitet und vorgesorgt, also das getan hat,
was Politiker zu Recht von ihm fordern, schlechter
gestellt als derjenige, der vielleicht niemals Eigenvorsorgebetrieben hat – ob er es nicht konnte oder nicht wollte,
sei völlig dahingestellt –, sondern der das Geld, das er
zur Verfügung hatte, auch ausgegeben hat? Hier stellt
sich die Gerechtigkeitsfrage.
Deswegen glaube ich ernsthaft, dass wir zwar
vielleicht darüber reden müssen, was nach Auslaufen des
Bezuges von Arbeitslosengeld mit der erarbeiteten
Lebensleistung geschieht, aber wir sollten mit Sicherheit
nicht den Fehler begehen, bei der Bezugsdauer von
Arbeitslosengeld I als Regelsatz eine Rolle rückwärts zu
machen. Nach unserem Konzept – wir fordern die
Auflösung der Bundesagentur – ist das auch gar nicht nötig,
weil wir die Arbeitslosenversicherung über den
Regeltarif hinaus nach dem Äquivalenzprinzip gestalten. Da
kann jeder seinen eigenen Anspruch auf Absicherung
über Wahltarife gewährleisten und gestalten.
(Beifall bei der FDP – Klaus Brandner [SPD]:
Freiheit für alle!)
Das ist eine freiheitliche Lösung, mit der den
Bürgerinnen und Bürgern die Möglichkeit gegeben wird, bei
voller sozialer Absicherung in einem solidarischen
System dafür zu sorgen, dass ihre individuellen
Sicherheitsbedürfnisse ebenso Berücksichtigung finden.
(Klaus Brandner [SPD]: Das, was Sie da
vorhaben, ist Sozialismus!)
Deswegen kann ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass
Sie unserem Antrag nicht zustimmen, und ich freue mich
auf Ihre Zustimmung.
Vielen herzlichen Dank.
(Beifall bei der FDP – Anton Schaaf [SPD]:
Da werden wir Sie aber überraschen! – Klaus
Brandner [SPD]: Jeder darf wählen, was er
möchte! Freiheit für alle!)