Demokratien schützen und Bündnisse schmieden - In Europa, transatlantisch und weltweit
Text
Demokratien schützen und Bündnisse schmieden - In Europa, transatlantisch und weltweit
Deutscher Bundestag Drucksache 21/8901
21. Wahlperiode 03.11.2026
Antrag
der Abgeordneten Deborah Düring, Agnieszka Brugger, Dr. Konstantin von Notz,
Dr. Andreas Audretsch, Misbah Khan, Omid Nouripour, Ayse Asar, Katharina Beck,
Schahina Gambir, Michael Kellner, Chantal Kopf, Denise Loop, Max Lucks, Boris
Mijatovic, Sara Nanni, Karoline Otte, Claudia Roth, Jamila Schäfer, Dr. Sebastian
Schäfer, Marlene Schönberger, Robin Wagener, Dr. Sandra Detzer, Luise
Amtsberg, Dr. Alaa Alhamwi, Jeanne Dillschneider, Marcel Emmerich, Julian
Joswig, Sven Lehmann, Dr. Andrea Lübcke, Dr. Anna Lührmann, Dr. Irene Mihalic,
Ulle Schauws, Awet Tesfaiesus und der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
Demokratien schützen und Bündnisse schmieden – In Europa, transatlantisch und
weltweit
Der Bundestag wolle beschließen:
I. Der Deutsche Bundestag stellt fest:
Demokratien stehen weltweit so stark unter Druck wie seit Jahrzehnten nicht –
bedroht von innen wie von außen. Nach dem Demokratiebericht 2026 des V-
Dem-Instituts der Universität Göteborg gibt es weltweit 80 Autokratien, in denen
72 bis 74 Prozent der Weltbevölkerung leben, 44 Staaten befinden sich in einem
Prozess der Autokratisierung, während nur 18 demokratischer werden. Der
russische Präsident Putin führt einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen
die Ukraine, gerade weil sich die Menschen dort für den freien und
demokratischen europäischen Weg entschieden haben. Russland greift mit
Spionage, Sabotage, Desinformation und anderen Arten der Einflussnahme die
offenen Gesellschaften und den Zusammenhalt in Europa an. Auch die
Kommunistische Partei Chinas untergräbt mit Spionage, Sabotage,
Desinformation und verdeckter Einflussnahme Demokratien in der Region und
Europa und versucht Wahlen zu beeinflussen. Sie versucht, unsere kritischen
Infrastrukturen strategisch aufzukaufen, baut weltweit wirtschaftliche und
technologische Abhängigkeiten weiter aus und verfolgt damit eine langfristige,
gegen Demokratien und Menschenrechte gerichtete Strategie der wirtschaftlichen
Macht, um die Weltordnung nach ihren Interessen umzugestalten und zu
dominieren. Sie setzt Industrieregionen mit subventionierten Exporten massiv
unter Druck. Gerade dort, wo Strukturwandel Arbeitsplätze gekostet hat,
Infrastruktur verfällt und Menschen sich von der Politik vergessen fühlen, finden
rechtspopulistische Versprechen das meiste Gehör, indem sie eine vermeintlich
bessere Vergangenheit beschwören, statt Lösungen für die Zukunft anzubieten.
Autokraten und rechtsextreme Kräfte bilden keinen geschlossenen Block.
Vielmehr gehen sie arbeitsteilig vor und arbeiten höchst strategisch zusammen,
internationale Kooperationen wurden über Jahre gezielt ausgebaut. Längst
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unterstützt man sich gegenseitig auf diversen Ebenen und über Staatsgrenzen
hinweg - finanziell, logistisch und auch militärisch. Verbunden sind sie weniger
durch eine gemeinsame Ideologie als durch das Interesse, demokratische
Strukturen zu unterwandern, sich selbst zu bereichern und den Wunsch,
Machtpositionen jenseits völkerrechtlicher Verbindlichkeiten zu etablieren und
die bestehende regelbasierte Weltordnung in ihrem Interesse umzugestalten. Das
Völkerrecht verliert durch die fortlaufende Missachtung an globaler Wirkkraft.
Dabei ähneln sich ihre Strategien: Sie besetzen gezielt gesellschaftliche
Reizthemen, schüren Ängste und Konflikte, delegitimieren unabhängige Medien
und Wissenschaft, greifen Gerichte und andere demokratische Institutionen an
und stellen demokratische Regeln infrage, sobald diese den eigenen
Machtinteressen entgegenstehen. Sie versuchen, das Vertrauen in demokratische
Verfahren zu zerstören und den Eindruck zu erzeugen, demokratische Politik sei
grundsätzlich handlungsunfähig. Hierbei schrecken sie auch nicht vor direkten
Einflussnahmen, selbst auf Wahlen und Wahlkämpfe, zurück. Die konkreten
Ausprägungen unterscheiden sich von Land zu Land, doch die wiederkehrenden
Muster sind unübersehbar. Wer diese Entwicklungen verstehen und ihnen
wirksam begegnen will, muss sie deshalb auch international betrachten.
Den autoritären Akteuren stehen jene gegenüber, die Freiheit, Menschenwürde,
Gewaltenteilung, freie Wahlen, Menschen- und Völkerrecht und eine
regelbasierte Ordnung verteidigen. Diese Menschen gab und gibt es in allen
Ländern weltweit. Zusammenarbeit und Solidarität über Grenzen hinweg, gerade
in schwierigen und düsteren historischen Zeiten, war immer wieder das
Fundament ihres Erfolges. So hat der Wunsch nach Freiheit und Demokratie
schon oft gegen seine vermeintlich stärkeren und brutaleren Gegner gewonnen.
Die Zusammenarbeit zwischen autokratischen, nationalistischen und
chauvinistischen Kräften hingegen wird genau aufgrund der ihr zugrundliegenden
Logik immer brüchig und rein interessengeleitet bleiben. Sie erscheint sehr viel
fester, als sie in der Realität oftmals ist.
Die Vereinigten Staaten von Amerika sind seit ihrer Gründung trotz einer
komplizierten und in Teilen dunklen Geschichte für viele Menschen weltweit
noch immer ein Vorbild für Demokratie und Freiheit, auch auf Grund ihrer
jahrhundertealten demokratischen Tradition mit dem System der Checks-and-
Balances. Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung formulierte den bis heute
prägenden Grundsatz moderner Demokratien, dass staatliche Macht sich aus der
Zustimmung der Regierten legitimieren muss. Die amerikanische
Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre, die gleiches Wahlrecht
unabhängig von der Hautfarbe erkämpfte, hat Demokratiebewegungen weltweit
inspiriert.
Unter der Regierung von Präsident Donald Trump wenden sich die Vereinigten
Staaten zunehmend von diesem Erbe ab. Das V-Dem-Institut stuft die USA nicht
mehr als liberale Demokratie ein und stellt fest, dass der Abbau der
amerikanischen Demokratie in einer in der jüngeren Geschichte beispiellosen
Geschwindigkeit voranschreitet. Gewaltenteilung, Presse- und
Wissenschaftsfreiheit sowie die Handlungsräume der Zivilgesellschaft stehen
weiter massiv unter Druck. Ganze Forschungsfelder, von der Klima- über die
Gesundheits- bis zur Sozialforschung, werden politisch gekürzt oder eingestellt
und Hochschulen über den Entzug von Bundesmitteln zu Zugeständnissen in
Lehre, Zulassung und Governance gezwungen. Auch die Freiheit von Kunst und
Kultur sowie des internationalen Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftsaustauschs
geraten unter Druck. Dadurch werden nicht nur die Handlungsspielräume
kritischer Stimmen eingeschränkt, sondern auch internationale Kooperationen
und wichtige Räume für freie Debatten und demokratische Verständigung
gefährdet.
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Besonders deutlich zeigen sich die Folgen des demokratischen Rückbaus für
Minderheiten sowie Migrantinnen und Migranten. Die Einwanderungsbehörde
ICE hat ihr Haftsystem massiv ausgebaut, die Zahl der Inhaftierten erreichte
Anfang 2026 mit über 71.000 einen Höchststand und 2025 starben so viele
Menschen in ICE-Haft wie nie seit Gründung der Behörde.
Seit Jahren verbreitet die MAGA-Bewegung („Make America Great Again“) die
vielfach widerlegte Erzählung vom massenhaften Wahlbetrug im eigenen Land.
Mit dieser Behauptung bestritt Präsident Trump seine Niederlage bei der Wahl
2020. Diese Leugnung der demokratischen Entscheidung und seine umstrittenen
Äußerungen zum ausgerufenen Widerstand bereitete den Boden für den Sturm auf
das Kapitol am 6. Januar 2021. Im Vorfeld der US-Zwischenwahlen zum
Kongress am 3. November 2026 führt seine Regierung diesen Kurs mit staatlichen
Mitteln fort und greift damit das grundlegende Fundament moderner Demokratie
an: freie, gleiche und faire Wahlen. Dahinter steht ein erkennbares Muster: Wer
das Vertrauen in Wahlen systematisch untergräbt, beschädigt den demokratischen
Prozess lange vor dem Wahltag und bereitet den Boden dafür Wahlergebnisse
später nicht anzuerkennen. Das wirkt weit über die aktuellen US-Zwischenwahlen
hinaus, zersetzt gezielt das Vertrauen in einer Gesellschaft sowie zwischen den
Bürgerinnen und Bürgern und den von ihnen gewählten Repräsentanten und
Repräsentantinnen. Diese Angriffe auf die Integrität demokratischer
Willensbildungsprozesse verfolgen das Ziel eine vermeintlich alternativlose
Untergangsstimmung zu wecken. Dieses Vorgehen folgt einem Muster, das wir
aus autoritären Staaten nur allzu gut kennen. Neben Angriffen auf Minderheiten,
demokratische Institutionen, die Justiz, die freie Presse und NGOs ist das
Infragestellen von Wahlergebnissen zentraler Bestandteil des immer gleichen
Drehbuchs der Populisten und Extremisten.
Das anzuerkennen schmerzt vor dem Hintergrund unserer langen und engen
Partnerschaft mit den USA sehr. Nach wie vor ist unser Land erheblich abhängig
von den USA. Es wurde politisch versäumt, diese Abhängigkeiten zu reduzieren.
Auch die aktuelle Bundesregierung geht hier viel zu langsam voran. Das ist
insofern fatal, als dass eine Politik, die die Augen vor diesem Kurs der Trump
Regierung verschließt, auch nicht mit der notwendigen Entschiedenheit für
Demokratie, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit eintreten kann.
Die Trump-Administration macht aus ihrer Ablehnung gegenüber der
Europäischen Union als starke Stimme eines geeinten Europas keinen Hehl. Auch
wenn es nach wie vor gemeinsame Interessen, gesellschaftliche und
wirtschaftliche Verbindungen und gegenseitige Abhängigkeiten, sowie eine
vielerorts weiterhin funktionierende Zusammenarbeit abseits der politischen
Führung gibt, stellt sich die fundamentale Frage, welche gemeinsamen Werte
nach so vielen Jahrzehnten gemeinsamer Geschichte des Westens heute die
europäischen Demokratien noch mit den Verantwortlichen in der Trump-
Administration verbinden. Präsident Trump feierte den Wahlerfolg der als
gesichert rechtsextremistisch eingestuften AfD in Sachsen-Anhalt.
Spitzenvertreterinnen und -vertreter seiner Regierung pflegen gezielt Kontakte zu
autoritären, rechtspopulistischen und rechtsextremen Parteien in Europa.
Präsident Trump, Mitglieder seiner Regierung und sein Umfeld unterstützen offen
die Wahlkämpfe illiberaler Kräfte in Europa und Lateinamerika. Über Stiftungen
und Vereine fließen erhebliche Mittel aus den USA in das Umfeld rechtsextremer
Parteien, vorbei an bestehenden Regeln zur Parteienfinanzierung. Allein die
Alliance Defending Freedom und weitere US-amerikanische Organisationen
haben zwischen 2019 und 2024 mindestens 46 Mio. US-Dollar in Europa in
Kampagnen gegen Gleichstellung, Minderheitenrechte und europäische
Regulierung investiert. Tech-Milliardäre wie Elon Musk und Peter Thiel nutzen
ihre Plattformen und ihr Geld, um rechtsextremen Positionen und Parteien
weltweit Reichweite zu verschaffen und ihnen gegenüber kritisch eingestellten
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Kandidatinnen und Kandidaten gezielt zu benachteiligen. Auch Russland und
China nutzen digitale Kanäle zur Verbreitung von Desinformation und
Propaganda, Hass und Polarisierung. Wer sich dagegen einsetzt, gerät inzwischen
auch unter Druck von Donald Trump und seiner Regierung. Der Druck trifft dabei
nicht nur internationale Initiativen, sondern auch einzelne zivilgesellschaftliche
Akteure.
Zugleich sucht der US-Präsident die Nähe zu Autokraten, um sich seine Familie
und sein direktes Umfeld massiv zu bereichern und Partikularinteressen zu
bedienen. Zuletzt vereinbarte er am 9. Oktober 2026 mit Wladimir Putin
Diesellieferungen, lockerte im Gegenzug Sanktionen gegen Russland und
schränkte die Unterstützung der Ukraine ein. Donald Trump verschafft damit
einem Staat, der einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine
führt, zusätzliche Einnahmen und schwächt die gemeinsame Sanktionspolitik
einer breiten internationalen Allianz. Er folgt dem gleichen Muster wie der
Alaska-Gipfel und der 28 Punkte Plan, mit dem der US-Präsident vermeintlich
den Krieg Russlands gegen die Ukraine beenden wollte. Er bedient
kleptokratische Interessen und Putins Wünsche und ist bereit, dafür die Ukraine
und unsere europäischen fundamentalen Sicherheitsinteressen zu opfern, aber
auch das Ansehen und die Interessen der USA zu untergraben.
Auch auf dem Westbalkan droht die Trump-Regierung, wirtschaftliche
Eigeninteressen über Rechtsstaatlichkeit und regionale Stabilität zu stellen. Eine
solche Politik gefährdet Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und die europäische
Integration der Region.
Die Trump-Regierung greift auch die internationale regelbasierte Ordnung, die
die Vereinigten Staaten nach 1945 maßgeblich aufgebaut haben und von der sie
ebenso wie die Staatengemeinschaft als solche bis heute profitieren, systematisch
an. Nach dem Austritt aus dem Pariser Klimaabkommen, der
Weltgesundheitsorganisation und dem UN-Menschenrechtsrat zog sie sich im
Januar 2026 aus 66 weiteren internationalen Organisationen zurück, darunter
Einrichtungen der Demokratieförderung wie der Demokratiefonds der Vereinten
Nationen. Der Rückzug aus diesen Organisationen und ihrer Finanzierung führt
zu enormen Haushaltslücken internationaler Organisationen, schwächt deren
Handlungsfähigkeit und trägt weltweit zur Verschärfung humanitärer Notlagen
sowie der Gefahr von Pandemien bei. Auch das umstrittene, von Trump initiierte
und seinem dauerhaften Vorsitz unterstehende „Board of Peace“ ist eine bewusst
institutionalisierte Parallelstruktur zu den Vereinten Nationen und damit kein
Beitrag zu Frieden, sondern ein Angriff auf die bestehende multilaterale Ordnung.
Besonders schwer wiegt der Angriff auf das Völkerstrafrecht zur Ahndung
schwerster Verbrechen. Nach persönlichen Sanktionen gegen den Chefankläger
des Internationalen Strafgerichtshofs sowie die Hälfte aller Richterinnen und
Richter und die Präsidentin des Gerichts hat die Trump-Administration am 9.
Oktober 2026 erstmals den Internationalen Strafgerichtshof als Ganzes
sanktioniert.
In den USA selbst gibt es zugleich erfolgreichen Widerstand gegen den Abbau
demokratischer Rechte und Institutionen. Wiederholt haben Gerichte Übergriffe
der Exekutive gestoppt, der Senat hat den SAVE America Act nicht
verabschiedet, und breite Proteste der Zivilgesellschaft in Minnesota haben
maßgeblich dazu beigetragen, dass die Trump-Administration einen massiven
und brutalen Einsatz der Einwanderungsbehörde ICE nach zwei Monaten
zurückfuhr. Trotz Gewalt und Einschüchterung lassen sich viele Menschen nicht
davon abhalten, füreinander einzustehen und mit großem Mut und Solidarität die
Rechte ihrer Mitmenschen im Sinne des Gemeinwohls zu verteidigen. Ihr
Engagement verdeutlicht, wie wichtig eine starke Zivilgesellschaft für den Schutz
der Demokratie ist, gerade dann, wenn demokratische Rechte unter Druck
geraten.
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Auch Wahlverwaltungen, Gouverneurinnen und Gouverneure,
Bürgermeisterinnen und Bürgermeister, Abgeordnete, Journalistinnen und
Journalisten, Künstlerinnen und Künstler, Universitäten und eine engagierte
Zivilgesellschaft leisten einen wichtigen Beitrag zur Verteidigung der
demokratischen Institutionen in den USA. Sie alle sind die natürlichen
Partnerinnen und Partner einer aktiven Zivilgesellschaft in Deutschland und
Europa, unabhängig vom Ausgang der US-Zwischenwahlen. Die Kooperation
zwischen US-amerikanischen Bundesstaaten und unseren Ländern ist gerade in
der Klimapolitik und im Hochschulbereich von großer Bedeutung. 23
Bundesstaaten gehören beispielsweise der US Climate Alliance an. Auch die von
Baden-Württemberg und Kalifornien initiierte Under2 Coalition wurde zuletzt
nochmal von allen bundesstaatlichen Mitgliedern bekräftigt. Auch
Städtepartnerschaften stärken die Bande zwischen unseren Ländern nach wie vor.
Demokratische Solidarität muss sich insbesondere dann bewähren, wenn
demokratische Rechte und Institutionen derart unter Druck stehen, wie dies
derzeit der Fall ist.
Auch international gibt es Widerstand gegen den Rückbau von Demokratie und
Rechtsstaatlichkeit. In Ungarn haben die Wählerinnen und Wähler die illiberale
Fidesz-Regierung nach 16 Jahren an der Macht abgewählt. Nach Jahren, in denen
unabhängige Institutionen geschwächt, freie Medien unter Druck gesetzt und
Bürgerrechte eingeschränkt wurden, leitete das Wahlergebnis einen
demokratischen Neuanfang und die Wiederherstellung des Rechtsstaats ein.
Der deutliche Wahlsieg der Studentenliste, die aus einer breiten Protestbewegung
gegen den Langzeitmachthaber Aleksandar Vučić und seine Serbische
Fortschrittspartei (SNS) hervorgegangen ist, signalisiert auch in Serbien den
Wunsch nach einer Abkehr von illiberalen Entwicklungen. Vučić hat das Land
über Jahre zunehmend von der EU entfernt und ein politisches System mit stark
autokratischen und illiberalen Zügen etabliert.
Europa ist kein machtloser Spielball. Auf dem ganzen Kontinent vernetzt sich die
demokratische Zivilgesellschaft, um sich gemeinsam gegen „shrinking spaces“
und vor Angriffen auf ihre Arbeit, aber auch die Presse- und Meinungsfreiheit,
die Unabhängigkeit der Justiz und der Medien zu schützen und Menschen- und
Bürgerrechte zu verteidigen. Universitäten vertiefen ihre Zusammenarbeit und
nehmen Studierende und Forschende auf, die in den USA nicht mehr willkommen
sind. Und international rücken Demokratien enger zusammen. Das Recht des
Stärkeren, das die Trump-Administration nach innen wie nach außen durchsetzen
will, mag ihr kurzfristig Vorteile verschaffen, beschädigt aber dauerhaft das
Vertrauen, auf dem Bündnisse beruhen, von denen auch die USA über Jahrzehnte
massiv profitiert haben. Immer mehr Staaten stärken deshalb Formate der
Zusammenarbeit auch ohne die Vereinigten Staaten, wie zuletzt die Europäische
Union und Kanada. Daraus kann eine Allianz der Gegenmacht entstehen, ein
Bündnis von Demokratien und regelorientierten Staaten, die sich gegenseitig
beistehen, wenn einer von ihnen unter Druck gerät, und gemeinsam für ihre Werte
und Interessen, für Zusammenarbeit statt Willkür eintreten. In einer unsicheren
Welt sind möglichst verlässliche Partnerschaften und Solidarität der beste Schutz.
Dafür muss man aber selbst ein verlässlicher Partner sein.
Die Antwort auf autoritäre Angriffe kann nur ein Europa sein, das seine
Demokratien und die Menschenrechte selbstbewusst verteidigt, souveräner wird
und sich nicht erpressen lässt. Europa muss bestehende Abhängigkeiten
reduzieren, klare Grenzen gegenüber Angriffen auf die Demokratie ziehen und
gemeinsam mit verlässlichen Partnern eine eigenständige Antwort und
Zukunftsperspektive entwickeln. Es ist unabdingbar, kritische Infrastrukturen
(KRITIS) und technologische Schlüsselbereiche in europäischer Hand zu
behalten, um Sicherheitsinteressen proaktiv zu schützen. Es braucht ein Europa,
in dem wir mit Hilfe erneuerbare Energien Wohlstand schaffen können und fossile
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Energieabhängigkeiten überwinden, die oft von nicht demokratischen Kräften
kontrolliert werden, in dem digitale Technologien den Menschen dienen statt
wenigen Konzernen und Machthabern, in dem Klimaschutz und soziale Sicherheit
zusammengehören, in dem die Rechte von Frauen, LGBTIQ und Minderheiten
geschützt und gestärkt werden und das stark genug ist, sich selbst und seine
Nachbarn zu schützen. Ein entscheidender Hebel für ein souveränes und
handlungsfähigeres Europa sind die laufenden Verhandlungen über den
kommenden Mehrjährigen Finanzrahmen (MFR). Dieser schafft die finanzielle
Grundlage dafür, dass die Europäische Union (EU) den Herausforderungen der
Zukunft gewachsen ist. Ein solches starkes Europa mit vielen verlässlichen
Partnern auf allen Kontinenten ist die überzeugendste Antwort auf die
autokratische Versuchung und die anhaltenden internationalen Regelbrüche.
Wenn zu Russlands völkerrechtswidrigem Angriffskrieg gegen die Ukraine und
dem hybriden Krieg gegen unser Land und unsere europäischen Verbündeten
sowie Chinas verdeckter Einflussnahme ein zunehmend autokratischer Kurs der
US-Regierung tritt, wird unsere Demokratie von vielen Seiten gleichzeitig unter
Druck gesetzt. Dies wird verstärkt durch Netzwerke, über die antidemokratische
Kräfte Geld, Reichweite und Strategien über Staatsgrenzen hinweg teilen, sowie
die dubiosen und teils strafrechtlich relevanten Kontakte der AfD zu Russland und
China. Gegenüber der Trump-Regierung bleibt die Bundesregierung jedoch zu oft
zu zurückhaltend und ängstlich und nimmt die politischen und wirtschaftlichen
Abhängigkeiten zu wenig zum Anlass, die europäische Handlungsfähigkeit
entschlossen zu stärken. Wer mit zweierlei Maß misst und Angriffe auf die
Demokratie nur benennt, wenn sie von autoritären Staaten ausgehen und nicht von
historischen Verbündeten, die zunehmende autoritäre Tendenzen aufzeigen,
verliert an Glaubwürdigkeit und ermutigt jene, die sie angreifen.
II. Der Deutsche Bundestag wird die Initiative für ein Parlamentarisches
Schutznetzwerk der Demokratie ergreifen, in dem sich Abgeordnete aus
demokratischen Staaten weltweit zusammenschließen, um bei Angriffen auf
freie Wahlen, bei illegitimer Einflussnahme aus dem Ausland und bei
Sanktionen oder Drohungen gegen Abgeordnete, Gerichte, Medien und
Zivilgesellschaft über ein gemeinsames Frühwarnsystem rasch
Informationen auszutauschen, gemeinsam öffentlich Stellung zu beziehen
und gemeinsame parlamentarische Initiativen anzustoßen.
III. Der Deutsche Bundestag fordert die Bundesregierung auf,
1. die Partnerschaften mit Demokratien weltweit gezielt auszubauen und
gemeinsam mit den europäischen Partnern und weiteren engen Verbündeten
sowie Demokratien des sogenannten Globalen Südens eine Allianz der
Gegenmacht voranzutreiben, deren Mitglieder sich bei Druck, Willkür und
Erpressung gegenseitig beistehen, und die bei wirtschaftlichen Angriffen mit
Zöllen, Währungsmanipulation oder Dumping geschlossen antwortet, sich
rasch und abgestimmt gegen ausländische Einflussnahme und
Desinformation wehrt, gemeinsame Standards für den Schutz des
Informationsraums entwickelt und unabhängige Wahlbeobachtung, freie
Medien und Zivilgesellschaft dort unterstützt, wo sich andere Geldgeber
zurückziehen, und klar Stellung zum Schutz von Demokratie und
Menschenrechten beziehen;
2. einen nationalen Demokratieschild einzurichten und in diesem Rahmen die
Haushaltsmittel für Demokratieförderung im In- und Ausland substanziell
zu erhöhen, demokratische Akteure besser vor Diffamierung und Bedrohung
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zu schützen, gezielt in die Resilienz gegen Desinformation zu investieren
und hierfür
a) sich im Mehrjährigen Finanzrahmen 2028–2034 für eine starke
Förderung von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Zivilgesellschaft
innerhalb der Europäischen Union, insbesondere über das Programm
AgoraEU, sowie von Demokratie und Menschenrechten in ihrem
Außenhandel einzusetzen; unter anderem durch die substanzielle
Stärkung der Demokratieförderung im Rahmen des Global Europe
Instrument einzusetzen und die Team Europe Democracy Initiative zu
stärken;
b) die Förderung von Demokratie und guter Regierungsführung sowie die
Stärkung von Zivilgesellschaft, freier Wissenschaft, Kunst und Medien
durch die Entwicklungszusammenarbeit in den Partnerländern im
Globalen Süden gezielt und verlässlich auszubauen, statt zu kürzen;
c) die Forschung zu Desinformation, Demokratie und Autoritarismus auf
dauerhaft gesicherten Strukturen zu stellen und die Anlaufstelle
Scicomm-Support für angegriffene Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler zu verstetigen;
3. wirtschaftliche Kooperation mit den USA und strategische wirtschaftliche
Souveränität zugleich voranzutreiben, zum Beispiel durch eine konsequente
Umsetzung europäischen Rechts für große Digitalkonzerne (Digital Services
Act, Digital Markets Act), dabei die freie Wahl der Inhalte durch
Bürgerinnen und Bürger auf Social Media Plattformen zu gewährleisten und
sich Forderungen der US-Regierung zur Abschwächung dieser Gesetze
entschlossen entgegenzustellen, den Aufbau eigener Zahlungssysteme wie
den digitalen Euro, die Stärkung der Spar- und Investitionsunion und weitere
Harmonisierung der nationalen Kapitalmärkte hin zu einer voll
funktionsfähigen europäischen Kapitalmarktunion oder gezielte
Investitionen in grüne Zukunftstechnologien sowie europäische Alternativen
etwa bei Cloud- und industriellen KI-Anwendungen;
4. sich den Sanktionen der Vereinigten Staaten von Amerika gegen den
Internationalen Strafgerichtshof entschieden entgegenzustellen, indem sie
a) gegenüber der US-Regierung auf die unverzügliche Aufhebung
sämtlicher Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof als
Institution, Richterinnen, Richter und Beschäftigte sowie mit ihm
zusammenarbeitende zivilgesellschaftliche Organisationen drängt,
b) sich auf EU-Ebene für die Aufnahme der gegen den Internationalen
Strafgerichtshof gerichteten US-Sanktionsmaßnahmen in den Anhang
der Verordnung (EG) Nr. 2271/96 (EU-Blocking-Verordnung) einsetzt
und gemeinsam mit den europäischen Partnern wirksame Maßnahmen
zur Sicherung der institutionellen, finanziellen und operativen
Handlungsfähigkeit des Gerichtshofs ergreift, insbesondere im Bereich
des internationalen Zahlungsverkehrs, der Gehaltszahlungen und der
IT-Infrastruktur, um die Abhängigkeit von zeitlich befristeten US-
Ausnahmegenehmigungen zu beenden und sanktionsbedingte
Mehrkosten aufzufangen;
5. weitere multilaterale Institutionen gegen Angriffe zu schützen, indem sie
a) zentrale internationale Organisationen verlässlich finanziert und eine
aktiv gestaltende Rolle bei Reformprozessen sowie dem Schutz von
UN-Organisationen und ihren Mitarbeitenden einnimmt;
b) gemeinsam mit Partnern die Finanzierungslücken auffangen, die die
Zerschlagung von USAID, der Austritt aus dem Pariser
Klimaabkommen, der Weltgesundheitsorganisation und dem UN-
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Menschenrechtsrat sowie aus 66 weiteren internationalen
Organisationen hinterlässt;
c) das Board of Peace trotz des bestehenden regelmäßigen Austauschs
nicht als Parallelstruktur zu den Vereinten Nationen zu legitimieren,
weiterhin keine Mittel für das Board of Peace oder seine Projekte
bereitzustellen und die UN-Organisationen als zentrale Partner
internationaler Zusammenarbeit konsequent zu stärken;
6. Angriffe auf Menschenrechte, freie und faire Wahlen, auf Grund- und
Bürgerrechte wie die Meinungs-, Presse-, Kunst- und Versammlungsfreiheit,
auf die Rechte von Minderheiten sowie von Migrantinnen und Migranten
und auf rechtsstaatliche Verfahren klar zu benennen und öffentlich zu
verurteilen, auch und gerade, wenn sie von einem Verbündeten ausgehen,
und potenziellen Versuchen, legitim entstandene Wahlergebnisse zu
beeinflussen oder in Frage zu stellen gemeinsam mit demokratischen
Partnern entschieden entgegenzutreten;
7. die Zusammenarbeit mit demokratischen Kräften in den Vereinigten Staaten
überparteilich auszubauen und die Forderungen aus dem Antrag der Fraktion
BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN „Die transatlantischen Beziehungen neu
denken“ (Drucksache 21/3618) und „Freiheit von Forschung und Lehre
weltweit schützen – Wissenschaft nachhaltig stärken (Drucksache 21/582)
umzusetzen, indem sie
a) bestehende Austausch- und Kooperationsformate unter
Berücksichtigung der veränderten Rahmenbedingungen evaluiert, die
Programmkomponenten und Betreuungsangebote anpasst und neue
Austausch- und Kooperationsprogramme mit demokratischen Akteuren
unter Bereitstellung entsprechender Haushaltsmittel auf- oder ausbaut;
b) Städtepartnerschaften und Partnerschaften mit Bundesstaaten als
wichtige Träger des demokratischen und kulturellen Austauschs stärkt,
die bestehenden Kooperationen insbesondere im Klimabereich mit den
Bundesstaaten stärkt und die Zivilgesellschaft dafür aktiv einbindet und
ihre Resilienz und Beständigkeit über geeignete Förder- und
Kooperationsinstrumente ausbaut;
c) über die deutsche Botschaft in Washington D. C. den direkten
Austausch mit demokratischen zivilgesellschaftlichen Organisationen
und Journalistinnen und Journalisten intensiviert sowie
Menschenrechts- und Demokratieprojekte in den USA noch stärker
fördert und sich explizit auch für den Schutz der Rechte von Frauen,
LGBTIQ und Migrantinnen und Migranten einsetzt;
d) die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik als strategischen Pfeiler der
transatlantischen Resilienz stärkt und ihre Programme
weiterentwickelt, sodass kulturelle, wissenschaftliche und
zivilgesellschaftliche Kooperationen unter Einbeziehung und durch den
Ausbau der Arbeit der Mittlerorganisationen vor Ort verlässlich
fortgeführt werden können, sowie Forschenden, Studierenden und
Kultur- und Wissenschaftsprojekte, deren Arbeit in den USA aufgrund
politischer Einflussnahme eingeschränkt oder beendet wurde, zu
ermöglichen, ihre Arbeit in Deutschland oder der EU weiterzuführen
und dafür vorgesehene Programme auszubauen;
8. die Sanktionen der G7 und der Europäischen Union gegen Russland
geschlossen aufrechtzuerhalten, auszubauen und gegen Umgehung
abzusichern sowie die Unterstützung der Ukraine auszubauen und gegenüber
der Regierung der Vereinigten Staaten deutlich zu machen, dass
Vereinbarungen mit Russland, die die gemeinsame Sanktionspolitik
untergraben, inakzeptabel sind und stattdessen gegen über der U.S.-
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Regierung für eine konsequente Umsetzung des Lindsey O. Graham
Sanctioning Russia and Iran Act of 2026 zu werben;
9. Deutschland wirksam vor ausländischer Einflussnahme zu schützen, auch
wenn sie von verbündeten Staaten ausgeht, indem sie
a) staatliche und nicht-staatlich unterstützte Förderung von
verfassungsfeindlichen und extremistischen Akteuren in Deutschland
und Europa klar als unzulässige Einmischung zurückweist, und
zugleich sicherstellt, dass der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit
verpflichtete zivilgesellschaftliche Organisationen nicht stigmatisiert
oder in ihrer Arbeit eingeschränkt werden und keine Regelungen nach
dem Vorbild sogenannter Gesetze über ausländische Agenten
entstehen;
b) Einreiseverbote und Sanktionen gegen deutsche Mandatsträgerinnen
und Mandatsträger sowie zivilgesellschaftliche Organisationen nicht
hinnimmt und mit Entschiedenheit beantwortet, insbesondere wenn
diese wegen der Durchsetzung europäischen und deutschen Rechts oder
wegen ihres Einsatzes für den Schutz der Demokratie und
Menschenrechte verhängt oder angedroht werden, und sich hierfür für
eine geschlossene Reaktion der Europäischen Union einsetzt;
10. die Europäische Union als demokratische Gemeinschaft zu stärken, indem
sie die Unabhängigkeit Deutschlands und Europas in Energie, Rohstoffen,
Verteidigung, Hard- und Software, Künstlicher Intelligenz und digitaler
Infrastruktur entschlossen vorantreibt, sich dafür geopolitischen Absprachen
zwischen Putin und Trump entschieden entgegenstellt, und Abhängigkeiten
abbaut, die uns erpressbar machen, und Europas Wettbewerbsfähigkeit und
wirtschaftliche Stärke fördert.
Berlin, den 3. November 2026
Katharina Dröge, Britta Haßelmann und Fraktion
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