Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen Wasser in einer aufgeheizten Welt
Text
Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen Wasser in einer aufgeheizten Welt
[Deutscher Bundestag Drucksache 21/1260
21. Wahlperiode 08.08.2025
Unterrichtung
durch die Bundesregierung
Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung
Globale Umweltveränderungen
Wasser in einer aufgeheizten Welt
Zugeleitet mit Schreiben des Bundesministeriums für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit
und dem Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt vom 4. August 2025.
Wasser in einer
aufgeheizten Welt
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– I –
Prof. Dr. Karen Pittel (Co-Vorsitzende)
Direktorin des Zentrums für Energie, Klima und Ressourcen des ifo Instituts, Leibniz-Institut für
Wirtschaftsforschung und Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Prof. Dr. Sabine Schlacke (Co-Vorsitzende)
Professorin für Öffentliches Recht, insb. Verwaltungs- und Umweltrecht an der Universität Greifswald
und geschäftsführende Direktorin des Instituts für Energie-, Umwelt- und Seerecht (IfEUS).
Prof. Dr. Alexander Bassen
Professor für Kapitalmärkte und Unternehmensführung an der Universität Hamburg,
Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
Prof. Dr.-Ing. Jörg E. Drewes
Leiter des Lehrstuhls und der Versuchsanstalt für Siedlungswasserwirtschaft an der Technischen
Universität München.
Prof. Dr. Markus Fischer
Professor für Pflanzenökologie am Institut für Pflanzenwissenschaften und Direktor des
Botanischen Gartens der Universität Bern.
Prof. Dr. Anna-Katharina Hornidge
Direktorin des German Institute of Development and Sustainability (IDOS) und Professorin für
Globale Nachhaltige Entwicklung an der Universität Bonn.
Prof. Dr. Dr. h.c. Hans-Otto Pörtner
Leiter der Sektion Integrative Ökophysiologie am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für
Polar- und Meeresforschung.
Prof. Dr. Claudia Traidl-Hoffmann
Professorin für Umweltmedizin an der Universität Augsburg und Direktorin des Instituts für Umweltmedizin
bei Helmholtz Munich.
Prof. Dr. Anke Weidenkaff
Professorin an der TU Darmstadt für das Fachgebiet Werkstofftechnik und Ressourcenmanagement und
Leiterin der Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und Ressourcenstrategie IWKS.
Mitglieder des WBGU
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – II –
Wasser in einer
aufgeheizten Welt
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– III –
Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung
Globale Umweltveränderungen (WBGU)
Geschäftsstelle
Luisenstraße 46
10117 Berlin
Tel: 030 26 39 48 0
E-Mail: wbgu@wbgu.de
www.wbgu.de
Redaktionsschluss: 19.07.2024
Zur sprachlichen Gleichbehandlung: Als Mittel der sprachlichen Darstellung aller sozialen Geschlechter und
Geschlechtsidentitäten wird in diesem Gutachten bei allen Bezeichnungen, die auf Personen bezogen sind,
der Genderdoppelpunkt (z. B. Leser:innen) verwendet.
Zitierweise für diese Publikation: WBGU – Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale
Umweltveränderungen (2024): Wasser in einer aufgeheizten Welt. Berlin: WBGU.
Leitautor:innen: Alexander Bassen, Jörg E. Drewes, Markus Fischer, Anna-Katharina Hornidge, Karen Pittel,
Hans-Otto Pörtner, Sabine Schlacke, Claudia Traidl-Hoffmann, Anke Weidenkaff
Mitautor:innen: Mareike Blum, Kerstin Burghaus, Jonas Geschke, Tallulah Gundelach, Matti Gurreck,
Rüdiger Haum, Sarah Löpelt, Oskar Masztalerz, Katharina Michael, Alexander Mitranescu,
Katharina Molitor, Jürgen Orasche, Benno Pilardeaux, Marion Schulte zu Berge, Astrid Schulz,
Dominique Schüpfer, Jan Siegmeier, Finn Arnd Wendland
Bibliographische Information der Deutschen Bibliothek
Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar.
ISBN 978-3-946830-09-2
© WBGU Berlin 2024
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Das diesem Bericht zu Grunde liegende F & E-Vorhaben wurde im Auftrag des Bundesministeriums für
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Titelbild: Rosmarie Wirz/Kollektion: Moment Open/via Getty Images
Die illustrativen Elemente in der Zusammenfassung und am Anfang der Kapitel zeigen Ausschnitte
hochaufgelöster Karten von Gewässerstrukturen in verschiedenen Weltregionen. Quelle: Pekel et al. (2016) und
https://global-surface-water.appspot.com
Herstellung: WBGU
Satz: WBGU
Druck und Bindung: PIEREG Druckcenter Berlin
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – IV –
Wissenschaftlicher Stab der Geschäftsstelle
Dr. Marion Schulte zu Berge
(Generalsekretärin)
Dr. Astrid Schulz
(stellvertretende Generalsekretärin)
Dr. Mareike Blum
(seit Mai 2023)
Tallulah Gundelach, M. Sc.
Dr. Rüdiger Haum
(seit Jan. 2024)
Oskar Masztalerz, Arzt, B. Sc.
Dr. Benno Pilardeaux
(Medien- und Öffentlichkeitsarbeit)
Dr. Jan Siegmeier
Verlagsmanagement, Administration und
Assistenz in der Geschäftsstelle
Daniela Donadei, Dipl.- Des. (FH)
(Kommunikations- und Mediendesign)
Viola Märtin, Dipl.- Kulturarbeiterin (FH)
(Sekretariat, Assistenz, Veranstaltungsmanagement)
Mario Rinn, B. Sc.
(Systemadministration, Grafik)
Studentischer Mitarbeiter in der Geschäftsstelle
Tom Puhlmann, M. Sc.
Wissenschaftliche Mitarbeiter:innen der
Mitglieder des WBGU
Dr. Kerstin Burghaus
(ifo Institut, Zentrum für Energie, Klima und
erschöpfbare Ressourcen, München)
Jonas Geschke, M. Sc.
(Universität Bern, Institut für Pflanzen wissen -
schaften – IPS)
Dr. Matti Gurreck
(Universität Greifswald, Greifswald; seit Juni 2023)
Sarah Löpelt, M. Sc.
(German Institute of Development and
Sustainability – IDOS, Bonn; bis Sept. 2023)
Dr. Katharina Michael
(Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum
für Polar- und Meeresforschung)
Alexander Mitranescu, M. Sc.
(Technische Universität München, Lehrstuhl für
Siedlungswasserwirtschaft)
Katharina Molitor, M. Sc.
(German Institute of Development and
Sustainability – IDOS, Bonn; ab Okt. 2023)
Dr. Jürgen Orasche
Lehrstuhl für Umweltmedizin, Medizinische
Fakultät, Universität Augsburg)
Dr. Dominique Schüpfer
(Fraunhofer-Einrichtung für Wertstoffkreisläufe und
Ressourcenstrategie IWKS, Alzenau)
Finn Arnd Wendland, M. Sc.
(Universität Hamburg, Fakultät für Wirtschafts- und
Sozialwissenschaften)
Mitarbeiter:innen des Beirats
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– V –
Der Beirat dankt allen externen Expert:innen für die
Zuarbeit und wertvolle Hilfe.
Als fachlichen Einstieg in das Thema erhielt der
Beirat am 09. und 10. Mai 2023 wertvolle Anregungen
während Expert:innenanhörungen mit Prof. Dr. Akiça
Bahri (Landwirtschaftsministerin a. D., Tunesien), Prof.
Dr. Christoph Donner ( Berliner Wasserbetriebe) und
Prof. Dr. Uli Paetzel (Deutsche Vereinigung für
Wasserwirtschaft).
Sehr interessante Einblicke in die multilaterale
Wasserpolitik eröffnete dem Beirat am 17. November 2023
Dr. Johannes Cullmann (UN Water).
Während der Expert:innenanhörung am 02. Mai 2024
hatte der Beirat Gelegenheit zum Austausch mit Prof.
Dr. Dietrich Borchardt (Helmholtz Zentrum für
Umweltforschung – UFZ), Dr. Ines Dombrowsky (German
Institute of Development and Sustainability – IDOS),
Prof. Dr. Dieter Gerten (Potsdam Institut für
Klimafolgenforschung – PIK), Prof. Dr. HansPeter Grossart
(LeibnizInstitut für Gewässerökologie und Binnenfischerei), Dr.
Verena Höckele (Projekträger Karlsruhe/
Wassertechnologie, Karlsruher Institut für Technologie – KIT), Prof.
Dr. Torsten Schmidt (Instrumentelle Analytische Chemie,
Universität DuisburgEssen) und Prof. Dr. Kerstin Stahl
(Institut für Hydrologie, Universität Freiburg).
Danken möchte der Beirat darüber hinaus jenen
Personen, die durch Gespräche, Kommentare, Beiträge,
Beratung, Recherche oder Peer Reviews einzelner Teile
des Gutachtens dem Beirat wertvolle Dienste erwiesen
haben: Dr. Axel Berger (German Institute of
Development and Sustainability – IDOS), Prof. Dr. Clara Brandi
(German Institute of Development and Sustainability –
IDOS), Apl. Prof. Dr. Carsten Butsch (Geografisches
Institut, Universität Bonn), Prof. Dr. Beate Escher
(Helmholtz Zentrum für Umweltforschung, Leipzig),
Prof. Dr. Matthias Finkbeiner (Institut für Technischen
Umweltschutz, Technische Universität Berlin), Dr.
Christoph Lüthi (Eidgenössische Anstalt für
Wasserversorgung, Abwasserreinigung und Gewässerschutz –
Eawag), Dr. Farhad Mukhtarov (International Institute
of Social Sciences – ISS, Erasmus University Rotterdam),
Alexandra Skinner (Zukunft – Umwelt – Gesellschaft
(ZUG) gGmbH) und Dr. Olaf Wirth (Institut für Ökologie
und Politik GmbH).
Danksagung
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – VI –
Inhaltsverzeichnis
Mitarbeiter:innen des Beirats V
Danksagung VI
Kästen XV
Tabellen XVII
Abbildungen XVIII
Akronyme XXI
Zusammenfassung 1
Einleitung 25
Status quo im Umgang mit der Ressource Wasser 29
2.1 Wasser: Essenzielle Ressource für alles Leben und die Rolle der Ökosysteme 30
2.2 Globaler Wasserkreislauf unter menschlichem Einfluss 33
2.2.1 Wasser umfassend gesehen – blaues und grünes Wasser 33
2.2.2 Beobachtbare Auswirkungen des Klimawandels 35
2.2.3 Bedeutung von Landnutzung und Klimawandel für grünes Wasser 38
2.2.4 Übernutzung von blauem Wasser 38
2.2.4.1 Trends der Wassernutzung 39
2.2.4.2 Meerwasserentsalzung 39
2.3 Wirtschaftliche und soziale Aspekte der Wassernutzung 40
2.3.1 Virtuelles Wasser 40
2.3.2 Wasser, Armut und soziale Ungleichheit 42
2.3.3 Verschmutzung als Herausforderung für Mensch und Ökosysteme 44
2.3.3.1 Pfadabhängigkeiten durch zentrale Wasserinfrastrukturen 44
2.3.3.2 Nährstoffe und Pflanzenschutzmittel 45
2.3.3.3 Pathogene Mikroorganismen 45
2.3.3.4 Pharmazeutische Wirkstoffe 46
2.3.3.5 Industriechemikalien und Mikroplastik 47
2.3.3.6 Verschmutzung durch Rohstoffgewinnung und industrielle Aktivitäten 48
2.4 Politische und rechtliche Aspekte von Wasser 49
2.4.1 Internationale Leitbilder 50
2.4.1.1 Integriertes Wasserressourcenmanagement 51
2.4.1.2 Adaptives Wasserressourcenmanagement 52
2.4.1.3 Water-Energy-Food-Ecosystem Nexus 52
2.4.2 Staatliche Wassergovernance 53
2.4.2.1 Völkerrechtlich bindende Konventionen 53
2.4.2.2 EU-Wasserrahmenrichtlinie: Ansätze für Multi-Ebenen-Governance 54
2.4.2.3 Kommunalabwasserrichtlinie 55
2.4.2.4 Wasserwiederverwendungsverordnung 56
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– IX –
2.4.3 Selbstorganisierte Wassergovernance 56
2.4.4 Wassergovernance an ihren Grenzen 58
2.4.4.1 Koordination 58
2.4.4.2 Teilhabe 58
2.4.4.3 Anpassungsfähigkeit 59
2.5 Investitionsbedarf und Finanzierungsherausforderungen 59
2.5.1 Wasserinfrastrukturinvestitionen 60
2.5.2 Wasserpreise und Steuerungsinstrumente 61
3 Künftige Verschärfungen wasserbezogener Probleme 65
3.1 Verschärfungen durch Klimawandel und Verschmutzung 66
3.1.1 Fortschreitende Auswirkungen des Klimawandels auf den
globalen Wasserkreislauf 66
3.1.1.1 Veränderte Niederschlagsmuster und -mengen 66
3.1.1.2 Abnehmende Bodenfeuchte in vielen Regionen 67
3.1.1.3 Abnahme globaler Süßwasserreservoire: Grundwasser und Kryosphäre 68
3.1.1.4 Veränderte Abflussregime 70
3.1.1.5 Zunahme kombinierter Wasser-Extremereignisse 71
3.1.1.6 Meeresspiegelanstieg, variable Salinitäten und
abnehmende Ozeanströme 73
3.1.1.7 Schlussfolgerungen 74
3.1.2 Extremereignisse (über)fordern die Infrastruktur 74
3.1.3 Auswirkungen von Dürren und Extremereignissen
auf die Ernährungssicherheit 75
3.1.4 Verschärfungen durch Umweltverschmutzung 76
3.1.4.1 Trends der Wasserverschmutzung 77
3.1.4.2 Der Einfluss des Klimawandels auf Wasserverschmutzung 78
3.1.4.3 Wasserverschmutzung durch Mikroplastik 79
3.1.4.4 Chemikalienbelastung durch steigenden Rohstoffbedarf 79
3.1.4.5 Nährstoffe und schädliche Algenblüte 79
3.2 Verschärfungen durch sozioökonomische und geopolitische Entwicklungen 80
3.2.1 Übernutzung von Wasserressourcen und Auswirkungen wasserbezogener
Verschärfungen auf wirtschaftliche Entwicklung 80
3.2.1.1 Steigende Wassernachfrage und -konsum 80
3.2.1.2 Künftiger Handel mit wasserintensiven Gütern: Beispiel Agrargüter 81
3.2.1.3 Auswirkungen wasserbezogener Verschärfungen auf wirtschaftliche
Entwicklung und Armuts bekämpfung 83
3.2.2 Soziale Ungleichheiten und geopolitische Machtverschiebungen 85
3.2.2.1 Geopolitische Verschärfungen 85
3.2.2.2 Soziale Ungleichheiten, Armut und Machtungleichgewichte verschärfen
ungleiche Verteilung und Übernutzung von Wasser 86
3.3 Konsequenzen und Verschärfungen durch Gesundheitsschäden bei
Arten, Ökosystemen und Menschen 88
3.3.1 Auswirkungen auf Süßwasserökosysteme, Organismen und Biodiversität 88
3.3.2 Zunehmende Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit 91
3.3.2.1 Trinkwasserverfügbarkeit und -qualität 92
3.3.2.2 Physische und psychische Gefahren zunehmender Extremereignisse 93
3.3.2.3 Zunehmende Ausbreitung von Infektionskrankheiten 94
3.4 Von globalen Verschärfungen zu regionalen Wassernotlagen
mit planetarer Dimension 94
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – X –
4 Regionale Wassernotlagen mit planetarer Dimension 97
4.1 Die neue Qualität regionaler Wassernotlagen 97
4.1.1 Veränderungen jenseits des menschlichen Erfahrungsspektrums 97
4.1.2 Exemplarische Auswahl regionaler Wassernotlagen: Überblick 98
4.2 Wasserknappheit in Städten und urbanen Agglomerationen 100
4.2.1 Wirkungsmuster, Ausmaß und Projektionen 101
4.2.1.1 Wirkungsmuster 101
4.2.1.2 Heutiges Ausmaß und Projektionen 101
4.2.2 Ungleiche Lebensbedingungen und Wasser(un)sicherheit 102
4.2.3 Herausforderungen 104
4.3 Zunahme von Dürren und Sturzfluten in der MENA-Region 106
4.3.1 Wirkungsmuster, Ausmaß und Projektionen 106
4.3.2 Zunehmende Wasserknappheit: Negative Folgen für Mensch und Natur 107
4.3.2.1 Schwindende Wasserressourcen durch nicht nachhaltige Nutzung 107
4.3.2.2 Auswirkungen auf politische und gesellschaftliche
Stabilität und Konflikte 108
4.3.3 Zentrale Herausforderungen als Ansatzpunkte für politisches Handeln 110
4.3.3.1 Erschwertes Wassermanagement aufgrund
struktureller Herausforderungen 111
4.3.3.2 Schwieriger werdende grenzüberschreitende Kooperation 111
4.4 Gletscherschmelze im Hindukusch-Karakorum-Himalaya: Verlust natürlicher
Wasserspeicher 112
4.4.1 Wirkungsmuster, Ausmaß und Projektionen 112
4.4.1.1 Klimawandelbedingter Rückgang der Gletscher und veränderte
Abflussmengen 112
4.4.1.2 Verstärkung von Wasserknappheit durch steigen den
Wasserbedarf und Infrastrukturprojekte 114
4.4.2 Destabilisierungspotenziale: Wasserknappheit, Naturgefahren
und geopolitische Konflikte 116
4.4.2.1 Zunehmende Wasserknappheit: Konsequenzen für die
Ernährungs- und Energiesicherheit 116
4.4.2.2 Zunehmende Naturgefahren: Bedrohung für
Menschenleben und Infrastruktur 118
4.4.2.3 Gesellschaftliche und geopolitische Konflikte 118
4.4.3 Zentrale Herausforderungen 118
4.5 Wasserverschmutzung in Subsahara-Afrika 119
4.5.1 Wirkungsmuster, Ausmaß und Projektionen 119
4.5.2 Folgen der Wasserverschmutzung für Mensch und Natur 122
4.5.3 Zentrale Herausforderungen 123
4.6 Übernutzung des Grundwassers und Klimawandel im Central Valley, USA 125
4.6.1 Wirkungsmuster, Ausmaß und Projektionen 125
4.6.2 Ökologisches und sozioökonomisches Destabilisierungspotenzial 128
4.6.3 Zentrale Herausforderungen 129
4.7 Von regionalen Wassernotlagen zu Mustern mit planetarer Dimension 131
4.7.1 Ansatzpunkte für einen besseren Umgang mit Wassernotlagen 131
4.7.2 Lücken im Verständnis regionaler Wassernotlagen 132
5 Abstand zu Grenzen der Beherrschbarkeit sichern 135
5.1 Grenzen erkennen 135
5.2 Handlungsbedarfe und -prinzipien 138
5.2.1 Wasser als Gemeinschaftsgut für Mensch und Natur sicherstellen 138
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– XI –
5.2.2 Anpassungsfähigkeit angesichts fortlaufender Veränderungen steigern 138
5.2.3 Resilienz und Risikovorsorge statt Gefahrenabwehr 139
5.2.4 Blaues und grünes Wasser sektorübergreifend bewirtschaften 139
5.2.5 Wissenschaftsbasierten Diskurs über Probleme und
Handlungsoptionen ermöglichen 140
5.2.6 Wasser wertschätzen und Wasserwert schätzen 140
5.2.7 Umsetzung beschleunigen – Selbstorganisation fordern und fördern 141
5.3 Jenseits der Grenzen 141
6 Klimaresilientes Wassermanagement 143
6.1 Umgang mit Verschärfungen und Notlagen 144
6.1.1 Umsetzung der Handlungsprinzipien eines
klimaresilienten Wassermanagements 144
6.1.2 Vier Anforderungen an die Entwicklung, Auswahl und
Umsetzung von Maßnahmen 148
6.1.2.1 Beurteilung der wasserbezogenen Wirksamkeit auf
verschiedenen Zeitskalen 148
6.1.2.2 Analyse der Machbarkeit im jeweiligen Kontext 149
6.1.2.3 Stärkere Berücksichtigung möglicher Mehrgewinne 150
6.1.2.4 Vermeidung nicht intendierter Konsequenzen 151
6.1.3 Instrumente zur Abwägung unter Unsicherheit 152
6.1.4 Steuerung durch Planung und Zulassung 153
6.2 Lösungsraum Ökosysteme 155
6.2.1 Renaturierung für klimaresilientes Wassermanagement 155
6.2.2 Renaturierung von Feuchtgebieten 157
6.2.2.1 Beispiel Sümpfe und Marschen 157
6.2.2.2 Beispiel Moore 159
6.2.2.3 Beispiel Flusslandschaften, einschließlich Auen 160
6.3 Lösungsraum Landwirtschaft 162
6.3.1 Eingriffe der Landwirtschaft in den Wasserhaushalt 163
6.3.2 Angepasste Anbauweisen mit grünwasser bezogenen Maßnahmen kombinieren 164
6.3.3 Landwirt:innen sind auch Grünwasserwirt:innen –
Handlungsbereiche zur Umsetzung 167
6.4 Lösungsraum Städte 169
6.4.1 Wassersensible Stadtentwicklung als Leitbild etablieren 169
6.4.2 Klimaresilientes Wassermanagement im Kontext urbaner Transformationen 171
6.4.3 Der Ausbau blau-grüner Infrastruktur als urbane Mehrgewinnstrategie 171
6.5 Handlungsempfehlungen 175
6.5.1 Übergreifende Handlungsempfehlungen 175
6.5.2 Handlungsempfehlungen zum Lösungsraum Ökosysteme 180
6.5.3 Handlungsempfehlungen zum Lösungsraum Landwirtschaft 181
6.5.4 Handlungsempfehlungen zum Lösungsraum Städte 182
6.6 Forschungsempfehlungen 183
6.6.1 Übergreifende Forschungsempfehlungen 183
6.6.2 Forschungsempfehlungen zum Lösungsraum Ökosysteme 186
6.6.3 Forschungsempfehlungen zum Lösungsraum Landwirtschaft 187
6.6.4 Forschungsempfehlungen zum Lösungsraum Städte 188
7 Schutz der Wasserqualität 191
7.1 Stoffbezogenes Unionsrecht zum Schutz der Wasserqualität 193
7.1.1 Chemikalienrecht in der EU 193
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – XII –
7.1.1.1 Neue Verfahren zur Chemikalienbewertung 194
7.1.2 Novellierte EU-Kommunalabwasserrichtlinie 194
7.1.3 Globale Verbreitung und Rezeption von EU-Ansätzen 195
7.1.3.1 Globales Rahmenwerk für Chemikalien 195
7.1.3.2 Science-Policy Panel für Chemikalien, Abfall und
Vermeidung von Verschmutzung 197
7.2 Diffuse Stoffeinträge in den Wasserkreislauf 197
7.2.1 Pestizide und Nährstoffe 197
7.2.2 Pharmazeutika 198
7.2.3 Mikroplastik 198
7.3 Alternative Abwasserentsorgungs konzepte in Ländern mit niedrigem und
mittlerem Einkommen 200
7.3.1 Flexibler Einsatz zentraler und dezentraler Abwassersysteme 200
7.3.2 Praxisbeispiel: Das Lusaka Sanitation Program 201
7.4 Effekte der Energiebereitstellung auf die Wasserqualität 202
7.4.1 Auswirkungen der Stromerzeugung auf die Wasserqualität 203
7.4.1.1 Verschmutzung durch fossile Energieträger 203
7.4.1.2 Gesundheits- und Umweltrisiken durch Materialgewinnung
für die Energiewende 204
7.4.1.3 Recycling von lithiumbasierten Batterien 205
7.4.2 Rückgewinnung von Rohstoffen aus Abwasser 205
7.5 Handlungsempfehlungen 209
7.5.1 EU-Kommunalabwasserrichtlinie zielgerichtet umsetzen 209
7.5.2 Diffuse Einträge aus Land- und Forstwirtschaft verringern 209
7.5.3 Wasserverschmutzung durch Pharmazeutika eindämmen 211
7.5.4. Den Einsatz moderner Testverfahren fördern 211
7.5.5 Nutzung alternativer Abwasserentsorgungs konzepte fördern 212
7.5.6 Rohstoffrückgewinnung aus Abwasser fördern 212
7.6 Forschungsempfehlungen 212
8 Entwicklung einer klimaresilienten Wassergovernance 215
8.1 Internationale Verantwortung und Kooperation 217
8.1.1 Internationale Wassergovernance stärken 217
8.1.1.1 Die Agenda 2030 als normatives Fundament
internationaler Wasserkooperation 217
8.1.1.2 Gelegenheitsfenster und Schnittstellen auf globaler Ebene 219
8.1.1.3 Internationale Wasserdiplomatie stärken 220
8.1.1.4 Ausgestaltung einer Internationalen Wasserstrategie 223
8.1.1.5 Institutioneller Rahmen für UN-Wasser konferenzen 225
8.1.1.6 Wasserkonventionen stärken: grünes Wasser integrieren,
wasserbezogene Konventionen verzahnen und Staaten
zum Beitritt animieren 226
8.1.1.7 Berücksichtigung der Internationalen Wasserstrategie in
UN-Prozessen und jenseits von UN-Gremien 228
8.1.1.8 Politikkohärenz nach innen und außen herstellen 228
8.1.2 Regionale Verantwortungsübernahme und Koordination fördern 228
8.1.3 Chancen von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen nutzen 229
8.1.3.1 Integration von Wasser in wirtschaftliche Entscheidungen
auf internationaler Ebene stärken 231
8.1.3.2 Wirtschaftsbeziehungen und Handelspolitik an den Zielen
der Internationalen Wasserstrategie ausrichten 231
8.1.3.3 Kooperation mit Ländern niedrigen und mittleren Einkommens stärken 233
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– XIII –
8.2 Gestaltender Staat und Förderung der Selbstorganisation
klimaresilienten Wassermanagements 234
8.2.1 Selbstorganisierte Wassergovernance im Kontext eines gestaltenden Staates 234
8.2.2 Hybride Governance im Umgang mit verschärften Risiken –
nationale Praxisbeispiele 236
8.2.3 Dialogforen mit deliberativen Elementen als Instrumente hybrider,
klimaresilienter Wassergovernance 239
8.3 Finanzierung für lokale Ansätze mobilisieren und vermitteln 242
8.3.1 Wasserbezogene Risiken transparent machen,
um Investitionen zu mobilisieren und zu lenken 244
8.3.1.1 Informationsangebot zur Bewertung von Wasserrisiken verbessern 245
8.3.1.2 Nachhaltigkeitsberichterstattung zu wasser bezogenen Auswirkungen,
Risiken und Chancen stärken 246
8.3.2 Wassersektor attraktiver machen durch stabilere Einnahmequellen 247
8.3.2.1 Verursacher und Nutzer stärker an Kosten beteiligen 247
8.3.2.2 Stärkung der Kompetenz zur Mittelerhebung- und Verwendung
auf lokaler Ebene 248
8.3.2.3 Mehrgewinne nutzen und private Akteure besser entlohnen 249
8.3.3 Finanzierungen vermitteln: Intermediäre Institutionen strategisch stärken 250
8.4 Wissenschaft und Bildung 254
8.4.1 Wissenschaft 254
8.4.1.1 Wissenschaft im Lichte der Verschärfungen 254
8.4.1.2 Internationale Wissenschaftskooperation für klimaresilientes
Wassermanagement 258
8.4.1.3 Water Mapping Initiative 260
8.4.2 Bildung 261
8.5 Handlungsempfehlungen 262
8.5.1 Internationale Wassergovernance stärken 262
8.5.1.1 Wasserdiplomatie auf internationaler und regionaler
Ebene voranbringen 262
8.5.1.2 Schnittstellen stärken und nutzen 263
8.5.1.3 Chancen von Wirtschafts- und Handelsbeziehungen nutzen 263
8.5.1.4 Kooperation mit Ländern niedrigen und mittleren Einkommens 264
8.5.2 Staatliche Gestaltung und zivilgesellschaftliche Selbstorganisation 265
8.5.3 Finanzierung mobilisieren und vermitteln 266
8.5.3.1 Investitionsbereitschaft erhöhen, Finanzierungskosten senken:
bessere Transparenz über wasserbezogene Risiken 266
8.5.3.2 Stabilisierung der Einnahmen von öffentlichen und privaten Investoren 267
8.5.3.4 Intermediäre und lokale Kooperations plattformen stärken 269
8.5.4 Proaktive Rolle der Wissenschaft: Politik und Stakeholder zusammenbringen 269
8.5.5 Bildung als Grundlage für eine informierte Gesellschaft 271
8.6 Forschungsempfehlungen 272
8.6.1 Internationale Zusammenhänge verstehen und kommunizieren 272
8.6.2 Bi- und multilaterale Wissenschaftsförderung ausbauen 273
8.6.3 Forschung für eine nachhaltige Finanzierung 274
8.6.4 Forschung zu Herausforderungen der politischen Kommunikation 275
9 Kernbotschaften 277
Literatur 283
Glossar 321
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – XIV –
Kästen
Kasten 1 Kernbotschaften 2
Kasten 2 Regionale Wassernotlagen mit planetarer Dimension 6
Kasten 3 Anforderungen an Maßnahmen eines klimaresilienten Wassermanagements 10
Kasten 2.2-3 Partizipative Governance und intermediäre Strukturen bei der
Umsetzung der EU- Wasser rahmenrichtlinie: Beispiele Schweden und Deutschland 57
Kasten 2.4-4 Wasserbezogene Pfadabhängigkeiten und Lock-ins 59
Kasten 4.2-1 Wasserkrise in São Paulo, Brasilien, 2014–2016: Umsetzungsdefizite
der urbanen Wassergesetzgebung 103
Kasten 4.2-2 Wasserkrise 2019 in Chennai, Indien: Wassermangel in einer der
niederschlags reichsten Megastädte der Welt 104
Kasten 4.5-1 Das Nigerdelta: ein Biodiversitäts-Hotspot unter Druck 123
Kasten 5.1-1 Anpassung, Anpassungsgrenzen und Grenzen der Beherrschbarkeit 137
Kasten 6.1-1 Auf einen Blick: Vier Anforderungen, die bei der Entwicklung,
Auswahl und Umsetzung von Maßnahmen zu beachten sind 146
Kasten 6.1-2 Decision Scaling 153
Kasten 6.1-3 Steuerung durch Planung 154
Kasten 6.3-1 Maßnahmen zur Erhaltung der Bodenfeuchte 163
Kasten 6.3-2 Agroforstwirtschaft 164
Kasten 6.4-1 Praxisbeispiel: Blau-grüne Infrastruktur in Städten – der „Wolkenbruchplan“
in Kopenhagen 174
Kasten 6.4-2 Praxisbeispiel: Nutzung alternativer Wasserressourcen für die Bewässerung des
städtischen Grüns in Schweinfurt 176
Kasten 7.1-1 Die delegierte Verordnung (EU) 2023/707 der CLP-Verordnung über die Einstufung,
Kennzeichnung und Verpackung von Stoffen und Gemischen 195
Kasten 7.1-2 Inhalte der novellierten EU-Kommunalabwasserrichtlinie (91/271/EWG) 196
Kasten 7.2-1 Antimikrobielle Resistenzen 198
Kasten 7.4-1 Ein schwankendes Wasserdargebot kann den Kraftwerksbetrieb gefährden 203
Kasten 7.4-2 Wasserbedarf des Energiesektors und Auswirkungen des Klimawandels 206
Kasten 7.5-1 Beispiel: Das Pestizid Chlorpyrifos 210
Kasten 8.1-1 Das Menschenrecht auf Wasser als Teil des Menschenrechts auf
eine gesunde Umwelt 224
Kasten 8.1-2 FAO-Prozess zu Wasserbesitzverhältnissen 226
Kasten 8.1-3 Beispiel für regionale Governanceplattformen: Sendai Rahmenwerk
für Katastrophenvorsorge 229
Kasten 8.1-4 Positivbeispiel Mekong-Vertrag 230
Kasten 8.2-1 UNECE-Wasserkonvention: Protokoll zu „Wasser und Gesundheit“ 234
Kasten 8.2-2 Wassermanagement in der Landwirtschaft Usbekistans 236
Kasten 8.2-3 Wassernutzerverbände in Indien 237
Kasten 8.2-4 Formen der Selbstverwaltung von Wassermanagement in Europa 238
Kasten 8.2-5 Wasser- und Sanitärversorgung in Simbabwe 238
Kasten 8.2-6 Bürgerbeteiligung und die Förderung von Selbstorganisation 241
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– XV –
Kasten 8.3-1 EU-Taxonomie für nachhaltige Wirtschafts aktivitäten in Bezug auf
Wasser- und Meeres ressourcen 246
Kasten 8.3-2 Handelssysteme zur Reduktion von Nährstoffeinträgen in Gewässer und
Finanzierung naturbasierter Lösungen 251
Kasten 8.3-3 Blended Finance: Definition, typische Strukturen und Herausforderungen 253
Kasten 8.4-1 Demokratieschutz und -förderung durch internationale
Wissenschaftskooperationen zu Wasser 255
Kasten 8.4-2 Beispiele erfolgreicher Citizen Labs 256
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – XVI –
Tabellen
Tabelle 2.1-1 Ökosystemleistungen von Süßwasserökosystemen 32
Tabelle 2.3-1 Weltweite Todesfälle durch unzureichende Sanitärverhältnisse und
Trinkwasserverschmutzung 47
Tabelle 4.1-1 Auswahl weltweit auftretender regionaler Wassernotlagen 100
Tabelle 4.6-1 Folgen von Dürre und Trockenheit in Kalifornien 128
Tabelle 4.6-2 Veränderung der Gesamtwassermenge der großen
Grundwasseraquifere der Welt 130
Tabelle 4.7-1 Regionale Wassernotlagen mit planetarer Dimension: Risiken,
Maßnahmen sowie überregionale und globale Handlungsbedarfe 133
Tabelle 6.2-1 Ausgewählte Ökosystemtypen mit Beispielen für Renaturierungsmaßnahmen 156
Tabelle 6.3-1 Beispiele für wasserbezogene Anpassungsmaßnahmen in fünf Kategorien 165
Tabelle 6.4-1 Beispiele für Maßnahmen, die für eine wassersensible
Stadtentwicklung geeignet sind 173
Tabelle 8.1-1 Übersicht der Schnittstellen von Wassergovernance zu laufenden Prozessen der
internationalen Umweltpolitik 222
Tabelle 8.2-1 Dialogforen zu regionalen Wassernotlagen mit planetarer Dimension 240
Tabelle 8.3-1 Wasserbezogene Risikofaktoren, die bei Unternehmenswerten
zu Verlusten führen und sie zu Belastungen machen kann 244
Tabelle 8.3-2 Potenzielle Barrieren für die Umsetzung naturbasierter Lösungen
für verbesserte Wassersicherheit, nach Akteuren des Wassersektors
und Möglichkeiten diese Barrieren zu beseitigen 252
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– XVII –
Abbildungen
Abbildung 1 Geographische Lage der im Gutachten behandelten regionalen
Wassernotlagen mit planetarer Dimension. 6
Abbildung 2 WBGU-Konzept zu Grenzen der Beherrschbarkeit. 8
Abbildung 3 Vorschlag für eine Internationale Wasserstrategie 16
Abbildung 4 WBGU-Vorschlag für eine Water Mapping Initiative zur Vermeidung
drohender regionaler Wassernotlagen 17
Abbildung 2.1-1 Der Einfluss natürlicher Infrastrukturen auf die Wassersicherheit 31
Abbildung 2.2-1 Der Wasserkreislauf einschließlich direkter menschlicher Eingriffe. 33
Abbildung 2.2-2 Aufteilung von Niederschlag in grünes und blaues Wasser 34
Abbildung 2.2-3 Nigeria als produzierendes und empfangendes Gebiet von
Feuchtigkeit und Verdunstung 35
Abbildung 2.2-4 Globaler Überblick über das Auftreten von Sturzfluten 37
Abbildung 2.3-1 Ströme virtuellen blauen Wassers durch den Handel
mit Nahrungsmitteln (1996–2005) 41
Abbildung 2.3-2 Multidimensionaler Armutsindex, global 2010–2020 43
Abbildung 2.3-3 Anteil der Bevölkerung mit Zugang zu Trinkwasserversorgung
nach Region und Einkommensklasse (2022) 43
Abbildung 2.3-4 Anteil der Oberflächengewässer in Europa, die keinen guten chemischen
Status erreichen 44
Abbildung 2.3-5 Luft, Land- und Wasserverschmutzung: wesentliche Belastungspfade. 46
Abbildung 2.3-6 Simulation der Stickstoffbelastung in den großen Flusseinzugsgebieten der Welt 47
Abbildung 2.3-7 Wasserknappheitsfußabdruck der Abbauprozesse von Rohstoffen
für Lithium-Ionen-Batterien 49
Abbildung 2.4-1 Internationale Leitbilder für Wassergovernance im Überblick 50
Abbildung 2.4-2 Politikzyklus mit Planungs- und Implementierungsphasen von
Integriertem Wasserressourcenmanagement (IWRM) 52
Abbildung 2.4-3 Umsetzung von Integriertem Wasserressourcenmanagement (IWRM)
in einzelnen Ländern, gemessen anhand des SDG 6.5.1-Indikators im Jahr 2020 53
Abbildung 3-1 Verschärfungen wasserbezogener Probleme, wie sie in
Kapitel 3 diskutiert werden. 66
Abbildung 3.1-1 Änderungen der Temperatur des heißesten Tages des Jahres 67
Abbildung 3.1-2 Änderungen des Niederschlags am regenreichsten Tag des Jahres 68
Abbildung 3.1-3 Änderungen der jährlichen mittleren Bodenfeuchte 69
Abbildung 3.1-4 Auswirkungen von Gletscherschmelze 71
Abbildung 3.1-5 Zukünftige Änderungen der Abflüsse 72
Abbildung 3.1-6 Änderungen extremer Dürren 73
Abbildung 3.1-7 Dürretypen und ihre Auswirkungen 77
Abbildung 3.1-8 Dürreereignisse: Dynamiken 78
Abbildung 3.1-9 Wasserverschmutzung 79
Abbildung 3.2-1 Räumliche und zeitliche Darstellung der Einflussfaktoren sich
verändernder Wasserknappheit 82
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – XVIII –
Abbildung 3.2-2 Prognose virtueller Wasserexporte auf Ebene von Flusseinzugsgebieten
in 2050 und 2100 84
Abbildung 3.2-3 Die Beziehung zwischen dem Süßwasser-Status (Kombination aus
Süßwasser-Stress und Speichertrend pro Einzugsgebiet) eines Einzugsgebiets
und der sozialen Anpassungsfähigkeit 86
Abbildung 3.2-4 Modellierter Wasserverbrauch in Kapstadt nach gesellschaftlichen Gruppen. 87
Abbildung 3.3-1 Konzeptionelle Darstellung von globalen Bedrohungen für Süßwasserökosysteme 89
Abbildung 3.3-2 Trends in der globalen Biodiversität ausgehend von einer Basislinie von 1970 91
Abbildung 4.1-1 Geographische Lage der behandelten regionalen Wassernotlagen mit
planetarer Dimension 99
Abbildung 4.2-1 Globale Übersicht zur Wasserknappheit in Städten 102
Abbildung 4.3-1 Prognostizierte Niederschlagsänderungen und Wasserverbrauch
der Landwirtschaft in der MENA-Region 109
Abbildung 4.3-2 Virtueller Wasserhandel in der MENA-Region im Jahr 2015 110
Abbildung 4.4-1 Die Flusseinzugsgebiete und Bevölkerung der
Hindukusch-Karakorum-Himalaya-Region 113
Abbildung 4.4-2 Vulnerabilität, Bedeutung für die Wasserversorgung und projizierte
Veränderungen der wichtigsten kryosphärischen Wassertürme und
zugehörigen Flussbecken jedes Kontinents 114
Abbildung 4.4-3 Relative Änderungen des mittleren Jahresabflusses in den
Flussbecken der Hindukusch-Karakorum-Himalaya-Region
bei unterschiedlich starker Erwärmung 115
Abbildung 4.4-4 Zukünftige Veränderungen des menschlichen Wasserbedarfs in der
Hindukusch-Karakorum-Himalaya-Region 116
Abbildung 4.4-5 Anteil in der Hindukusch-Karakorum-Himalaya-Großregion
produzierter Lebensmittel an der globalen Lebensmittelproduktion 117
Abbildung 4.5-1 Zukünftige Verschmutzung von Oberflächengewässern in
Subsahara-Afrika und Anzahl der betroffenen Menschen 121
Abbildung 4.5-2 Anteil der Bevölkerung verschiedener Weltregionen, der Ende des
Jahrhunderts von Wasserverschmutzung betroffen sein wird 122
Abbildung 4.6-1 Entwicklung von Wasserverfügbarkeit und Wasserverbrauch
in Kalifornien 1923–2018 126
Abbildung 4.6-2 Jährliche Abweichungen von Lufttemperaturen in Kalifornien
vom Mittelwert des Referenzeitraums 1981–2000 126
Abbildung 4.6-3 Grundwasserrückgang im Central Valley 127
Abbildung 4.6-4 Wasserdargebot aus Oberflächengewässern und Zufluss bzw.
Verlust der Grundwassermenge im Central Valley 2002–2022 127
Abbildung 5.1-1 WBGU-Konzept zu Grenzen der Beherrschbarkeit 136
Abbildung 6.1-1 Kontinuum zwischen Fehlanpassung bis hin zu transformativer
Anpassung mit Beispielen für wasserbezogene Anpassungsmaßnahmen 145
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– XIX –
Abbildung 6.1-2 Mögliche Kategorisierung nicht intendierter Konsequenzen nach
Absehbarkeit und Vermeidbarkeit 152
Abbildung 6.2-1 Beispiel für ein renaturiertes Feuchtgebiet in Texas (USA) 158
Abbildung 6.2-2 Beispiel für den Rückbau großer Staudämme (Elwha River, USA) 161
Abbildung 6.3-1 Beispiele für Agroforstwirtschaft 164
Abbildung 6.3-2 Heutige und zukünftige Wirksamkeit wasserbezogener
Anpassungsmaßnahmen in der Landwirtschaft 166
Abbildung 6.3-3 Grundidee von Green Water Credits 168
Abbildung 6.4-1 Strategien zur Anpassung urbaner Wasserinfrastruktur an den Klimawandel 170
Abbildung 6.4-2 Der „Wolkenbruchplan“ in Kopenhagen als Beispiel für blau-grüne
Infrastruktur in Städten 175
Abbildung 6.4-3 Verteilung des recycelten Nutzwassers in Schweinfurt (Unterfranken) 177
Abbildung 7.1-1 Ansätze zur Ausgestaltung und konkreten Umsetzung von Zero Pollution 192
Abbildung 7.1-2 Inhalte der novellierten EU-Kommunalabwasserrichtlinie 196
Abbildung 7.2-1 Übertragung und Verbreitung von antimikrobiellen Resistenzen
über die Umwelt 199
Abbildung 7.4-1 Verbrauch blauen Wassers durch verschiedene Kraftwerkstypen
über ihren Lebenszyklus 207
Abbildung 7.4-2 Rohstoffrückgewinnung aus Industrieabwässern 208
Abbildung 8-1 Vorschlag für eine Internationale Wasserstrategie 216
Abbildung 8.1-1 Globaler Status der Zielereichung von SDG 6 218
Abbildung 8.1-2 Wasserpolitische Governanceprozesse 2023–2028 220
Abbildung 8.1-3 Schnittstellen einer zu entwickelnden Internationalen Wasserstrategie 221
Abbildung 8.1-4 Vorschlag für eine Internationale Wasserstrategie mit Governance zu
blauem und grünem Wasser 221
Abbildung 8.3-1 Ausgewählte Handlungsfelder bei der Finanzierung
wasserbezogener Investitionen 243
Abbildung 8.4-1 WBGU-Vorschlag für eine Water Mapping Initiative zur
Vermeidung regionaler Wassernotlagen 259
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – XX –
Akronyme
AMR Antimikrobielle Resistenzen
ANK Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz
ASEAN Association of South East Asian Nations
Verband Südostasiatischer Nationen
AU Afrikanische Union
BIP Bruttoinlandsprodukt
BMBF Bundesministerium für Bildung und Forschung
BMEL Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft
BMUV Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz
BMWSB Bundesministerium für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen
BMZ Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
BUND Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland
BSB/BOD Biochemical Oxygen Demand
Biochemischer Sauerstoffbedarf
CBD Convention on Biological Diversity
Biodiversitätskonvention, auch: Übereinkommen über die biologische Vielfalt
CCS Carbon Capture and Storage
CO₂-Abscheidung und -Speicherung
CLP Classification, Labelling and Packaging
Einstufung, Kennzeichnung und Verpackung
CO Kohlenstoffmonoxid
CO₂ Kohlendioxid
COP Conference of the Parties
Vertragsstaatenkonferenz
CWIS Citywide Inclusive Sanitation
Stadtweite inklusive Sanitärversorgung
DALYs Disability-adjusted life years
Messgröße der Krankheitslast
DFG Deutsche Forschungsgemeinschaft
DIN Deutsches Institut für Normung
DüV Düngeverordnung
EIB Europäische Investitionsbank
ESAP European Single Access Points
Zentrales Europäisches Zugangsportal
ESRS European Sustainability Reporting Standards
Europäische Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung
EU Europäische Union
EuGH Europäischer Gerichtshof
EZB Europäische Zentralbank
FAO Food and Agriculture Organization of the United Nations
Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– XXI –
Akronyme
FC Fecal Coliform
Konzentration coliformer Bakterien
FSM Fäkalschlamm-Management
G7 Gruppe der Sieben (Deutschland, Frankreich, Italien, Japan, Kanada,
Vereinigtes Königreich, Vereinigte Staaten)
G20 Gruppe der Zwanzig (Industrieländer der G7, Schwellenländer der O-5, EU)
GAP Gemeinsame Agrarpolitik
GBF Kunming-Montreal Global Biodiversity Framework
Globaler Biodiversitätsrahmen von Kunming-Montreal
GIZ Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit
GG Grundgesetz
GWL Global Warming Level
Globale Erwärmungsstufe
GWP Global Water Partnership
Globale Wasserpartnerschaft
HICs High-Income Countries
Hocheinkommensländer
HKH Hindukusch-Karakorum-Himalaya
HQ100 100-jährliches Hochwasser
IPBES Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services
Zwischenstaatliches Gremium zur wissenschaftlichen Politikberatung zu den Themen
biologische Vielfalt und Ökosystemleistungen (auch Weltbiodiversitätsrat)
IPCC Intergovernmental Panel on Climate Change
Zwischenstaatlicher Ausschuss für Klimaänderungen
IWRM Integrated Water Resources Management
Integriertes Wasserressourcenmanagement
KfW Kreditanstalt für Wiederaufbau
KI Künstliche Intelligenz
KMU Kleinere und Mittlere Unternehmen
LDCs Least Developed Countries
Am wenigsten entwickelte Länder
Li2CO3 Lithiumcarbonat
LiOH Lithiumhydroxid
LMICs Low- and middle-income countries
Länder niedrigen und mittleren Einkommens
MENA Middle East and North Africa
Naher/Mittlerer Osten und Nordafrika
MRC Mekong River Commission
Mekong-Flusskommission
NAMs New Approach Methodologies
Neuartige Methodiken (Bundesinsitut für Risikobewertung)
NAPs National Adaptation Plans
Nationale Anpassungspläne
NbS Nature-based Solutions
Naturbasierte Lösungen
NDCs Nationally Determined Contributions
National festgelegte Beiträge
NGO Non-Governmental Organization
Nichtregierungsorganisation
NOx Stickstoffoxide
ODA Official Development Assistance
Öffentliche Entwicklungszusammenarbeit
OECD Organisation for Economic Co-operation and Development
Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – XXII –
PAK Polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe
PBT Persistent, bioakkumulativ und toxisch
PFAS Per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen
PM Particulate matter
Feinstaub
PMT Persistent, mobil und toxisch
PPPs Public-Private-Partnerships
Öffentlich-private Partnerschaften
PV Photovoltaik
RCP Representative Concentration Pathway
Repräsentativer Konzentrationspfad
REACH Registration, Evaluation, Authorisation and Restriction of Chemicals
Registrierung, Bewertung, Zulassung und Beschränkung chemischer Stoffe
SDGs Sustainable Development Goals
Ziele für nachhaltige Entwicklung
SSP Shared Socioeconomic Pathway
Gemeinsam Genutzter Sozioökonomischer Pfad
TDS Total Dissolved Solids
Menge der im Wasser gelösten Feststoffe
THG Treibhausgase
TWS Total Water Storage
Gesamtwasserspeicherung
UBA Umweltbundesamt
UN United Nations
Vereinte Nationen
UNCCD United Nations Convention to Combat Desertification
Übereinkommen der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Wüstenbildung
(auch Desertifikationskonvention)
UNCTAD United Nations Conference on Trade and Development
Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung
UNDP United Nations Development Programme
Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen
UNECE United Nations Economic Commission for Europe
Wirtschaftskommission für Europa der Vereinten Nationen
UNEA United Nations Environment Assembly
Umweltversammlung der Vereinten Nationen
UNEP United Nations Environment Programme
Umweltprogramm der Vereinten Nationen
UNESCO United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization
Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur
UNFCCC United Nations Framework Convention on Climate Change
Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen
(auch Klimarahmenkonvention)
UNGA General Assembly of the United Nations
Generalversammlung der Vereinten Nationen
UN Habitat United Nations Human Settlements Programme
Programm der Vereinten Nationen für menschliche Siedlungen
UN-ESCWA Economic and Social Commission for Western Asia
Wirtschafts- und Sozialkommission für Westasien
UNICEF United Nations Children’s Fund
Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen
WEF World Economic Forum
Weltwirtschaftsforum
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– XXIII –
WEFE Water-Energy-Food-Ecosystem
Wasser-Energie-Landwirtschaft-Ökosystem
WHO World Health Organization
Weltgesundheitsorganisation
WTO World Trade Organization
Welthandelsorganisation
WWF World Wide Fund For Nature
Weltweiter Fonds für die Natur
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – XXIV –
In einer klimatisch und geopolitisch aufgeheizten Welt verschärfen sich die
Herausforderungen um Wasser substanziell. Unsicherheit wird Normalität,
Grenzen der Beherrschbarkeit könnten überschritten werden. Notwendig ist
ein klimaresilientes Wassermanagement mit langfristigem Blick, das blaues
und grünes Wasser zusammendenkt und flexibel auf Veränderungen
reagieren kann. Es muss vorhandene selbstorganisierte Strukturen einbeziehen und
benötigt eine begleitende Wissenschaft. Eine Internationale Wasserstrategie
mit regionalen Plattformen sollte entwickelt werden.
Wo Wasser ist, ist Leben. Wasser ist mächtig und fragil –
Konfliktgegenstand und einendes Medium zugleich. In
Zukunft ist mit fortschreitenden, beschleunigten
Änderungen des globalen Wasserkreislaufs zu rechnen.
Auswirkungen des Klimawandels, die Übernutzung der
Wasserressourcen, die ungleiche Verteilung von Wasser,
der Verlust von Ökosystemleistungen sowie
Gefährdungen durch wasserbezogene Gesundheitsrisiken
werden sich weiter verschärfen. Die Annahme von
Stationarität, also die Vorstellung, dass natürliche Systeme auf
der Grundlage empirischer Beobachtungen innerhalb
eines definierten Zeitfensters eine vorhersagbare
Variabilität aufweisen, ist angesichts des Klimawandels nicht
mehr tragfähig. Dies wird zunehmend in
Bedrohungslagen münden, die jenseits des menschlichen
Erfahrungsspektrums liegen und sich zu regionalen Wassernotlagen
zuspitzen können. Im Extremfall ergeben sich
Situationen, in denen Grenzen der Beherrschbarkeit
überschritten, gesellschaftliche Strukturen und Ökosysteme
substanziell destabilisiert werden und Handlungsspielräume
nicht mehr existieren. Dies sind bedrohliche Muster mit
planetarer Dimension.
Um krisenhafte Entwicklungen frühzeitig zu erken nen
und regionale Wassernotlagen mit planetarer Dimension
abzuwenden, sollte international eine Water Mapping
Ini tiative initiiert werden, bestehend aus einer
Wissenschafts plattform und einem Expert:innen gre mium.
Zudem sollte ein systematischer internationaler Austausch
über wirkungsvolle Anpassungs und Resilienzstrategien
erfolgen. Anzustreben ist eine Internationale
Wasserstrategie, um diesen Herausforderungen, vor denen alle
Staaten stehen, als Weltgemeinschaft zu begegnen.
Von zentraler Bedeutung ist ein klimaresilientes,
sozial ausgewogenes Wassermanagement weltweit, bei
dem sich Infrastrukturen und Managementansätze den
Veränderungen der lokalen Wasserhaushalte und
zunehmenden Extremereignissen anpassen. Dies umfasst
auch den Schutz der Wasserqualität durch eine
konsequente Umsetzung des ZeroPollutionAnsatzes und des
Leitbilds einer Kreislaufwasserwirtschaft, unter
Einbeziehung der Ökosysteme und einer aktiven
Bewirtschaftung des im Boden gebundenen grünen Wassers.
Nachhaltige Wasserpolitik kann zudem nur gelingen,
wenn auch in anderen Politikfeldern Fortschritte erzielt
werden. Eine stringente Klimaschutzpolitik,
Raumplanung für die Erhaltung und Renaturierung von
Ökosystemen sowie die Umsetzung der internationalen
Biodiversitätsziele sind unbedingte Voraussetzung, um
Handlungsspielräume zu bewahren. Sie müssen eng verbunden
sein mit globaler Sozial, Wirtschafts und Handelspolitik,
um eine friedliche „WasserZukunft“ zu ermöglichen. Um
die Anpassung an ein verändertes Wasserdargebot und
zunehmende Extremereignisse finanzieren zu können,
müssen private Investitionen mobilisiert und öffentliche
Einnahmen stabi lisiert werden. Der Zugang zu
Finanzierung sollte auch für lokale Akteure verbessert werden.
Zusammenfassung
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 1 –
Eine wichtige Ressource, um klimaresilientes
Wassermanagement zu ermöglichen, ist die Wissenschaft. Sie
ist gefordert, Erfahrungswissen durch Projektionen
zukünftiger Veränderungen und ihrer Unsicherheiten zu
ergänzen. Gleichzeitig müssen innovative Ansätze für
den Umgang mit großskaligen und disruptiven
Änderungen der Wasserverfügbarkeit und zunehmenden
Extremereignissen entwickelt und wissenschaftlich
begleitet werden. Entscheidungsabläufe können dafür
durch die Bereitstellung von Echtzeitdaten und
Prognosen beschleunigt werden.
Eine nachhaltige WasserZukunft setzt voraus, dass
Ziele und Verantwortung nicht allein vom Staat getragen
werden, sondern ebenso von Wirtschaft und
Gesellschaft. Der Staat muss dafür die Voraussetzungen
schaffen und einen politischen und regulierenden Rahmen
setzen, der selbstorganisierte Strukturen fördert und
eine Bildungsoffensive für einen verantwortlichen
Umgang mit Wasser unterstützt. Wasser als wertvolle
Ressource sollte konsequent und sozial ausgewogen
bepreist werden, um weltweit eine effiziente und
nachhaltige Nutzung zu fördern.
Es ist daher von höchster Dringlichkeit, das Thema
Wasser höher auf der internationalen Agenda zu
verankern. Das derzeitige starke Momentum durch die
UNWasserkonferenzen 2023, 2026 und 2028 sollte
von den Regierungen genutzt werden, um weltweit
durch umfassende Vorsorge einen ausreichenden
Abstand zu den Grenzen der Beherrschbarkeit einzuhalten.
Kurzfristig sollten effektive Strategien für ein
resilientes Wassermanagement entwickelt werden, die
mittelfristig die weltweite Kooperation stärken und
langfristig in ein von der Staatengemeinschaft getragenes
Wasserabkommen münden.
Die internationale Wasserpolitik muss sich auf die
fortschreitenden und beschleunigten Änderungen im
globalen Wasserkreislauf einstellen. Dazu sollte Wasser
als Querschnittsthema in vielen Foren mit bedacht
werden, braucht aber auch einen eigenen Prozess und
politische Aufmerksamkeit. Der WBGU empfiehlt, bis 2030
eine Internationale Wasserstrategie zu erarbeiten. Ziele
und Maßnahmen der Strategie sollten auch in
zwischenstaatliche Wirtschafts und Handelsbeziehungen
einfließen, um Synergien zwischen dem Schutz der
Wasserressourcen sowie der Unterstützung von klimaneutraler
Entwicklung und Ernährungssicherheit zu ermöglichen.
Die Strategie sollte langfristig zu einem eigenen
internationalen Abkommen für Wasser – vergleichbar den
RioKonventionen – weiterentwickelt werden.
Kasten 1 zeigt die Kernbotschaften des WBGU im
Überblick.
Heutiger Umgang mit Wasser
Wasser durchläuft auf der Erde einen kontinuierli chen,
globalen Kreislauf, der in Form von Niederschlägen über
Land immer wieder neu Süßwasser zur Verfügung stellt.
Dieses steht in der Folge als blaues oder grünes Wasser
zur Verfügung: Blaues Wasser umfasst alle Wasser
ressourcen in Flüssen, Seen, Talsperren und Grundwasser.
Grünes Wasser bezeichnet das im Boden gebundene
Wasser; es kann durch Pflanzen produktiv die Bil dung
von Biomasse befördern (Rockström et al., 2023b).
Ökosysteme mit ihrer Biodiversität sind ein wichtiger
Teil des globalen Wasserkreislaufs. Der Mensch
beeinflusst den natürlichen Wasserkreislauf durch
Wasserent nahmen, nutzungen und ableitungen regional und
global mittlerweile in einem großen Ausmaß, wodurch
sich Verdunstung, Niederschläge, Grundwasser neu
bildung, Abflussverhalten, Wasserqualität usw. verän dert
haben und weiter verändern. Zudem ist bereits heute
Kasten 1
Kernbotschaften
> Abstand zu den Grenzen der
Beherrschbarkeit wahren
> Regionale Wassernotlagen mit planetarer
Dimension antizipieren und abwenden
> Klimaresilientes Wassermanagement umsetzen
und naturnahe Wasserqualität erhalten
> Integrierte Klima- und Biodiversitäts- und
Sozialpolitik sind effektive Wasserpolitik
> Transformatives WasserWissen:
Vorausschauende und begleitende Wissenschaft praktizieren
> Mit der Gesellschaft, nicht gegen sie: der
gestaltende Staat und die selbstorganisierte
Gesellschaft in der Verantwortung
> International Verantwortung übernehmen –
Internationale Wasserstrategie entwickeln
> Nationale Wasserstrategie in den
internationalen Diskurs zu Wasser einbringen
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 2 –
ein massiver Einfluss von Klimawandel und
Ökosystemdegradation spürbar.
Global entfallen 72 % aller Süßwasserentnahmen auf
die Landwirtschaft, 15 % auf die Industrie und 13 % auf
Kommunen und Haushalte (AQUASTAT, 2024). Der
Anteil der Wasserentnahme für die Landwirtschaft an der
Gesamtentnahme variiert jedoch regional und nach
Einkommensniveau erheblich. In Hocheinkommensländern
sind es im Durchschnitt nur 41 % der gesamten
Entnahmen, in Ländern mit mittleren und niedrigen
Einkommen dagegen 80–90 % (Ritchie und Roser, 2017).
Die Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft, deren
Fläche sich von 1961–2018 mehr als verdoppelt hat
(UNESCO, 2024), und der Wasserbedarf einer
wachsenden Stadtbevölkerung haben in vielen Regionen und
Städten der Welt zur einer Übernutzung von nicht
erneuerbarem Grundwasser (Tiefengrundwasser) und einer
zunehmenden Absenkung des Grundwasserspiegels
geführt. Besonders betroffen sind der Nahe und Mittlere
Osten, Nordafrika, Indien, Nordchina sowie der
Südwesten der USA. In den meisten dieser Regionen
machte der Wasserverbrauch für Bewässerung der
Landwirtschaft von 1960 –2010 durchschnittlich über 90 % des
gesamten Wasserkonsums aus. Mindestens etwa die
Hälfte davon stammte aus nicht erneuerbarem
Grundwasser (Wada und Bierkens, 2014).
Rund 2,2 Mrd. Menschen haben keinen sicheren
Zugang zu sauberem Trinkwasser – vor allem Länder
niedrigen und mittleren Einkommens sind betroffen
(UNESCO, 2024). Dabei ist vor allem in ländlichen
Gebieten die Versorgungslage schwierig: Dort haben vier
von fünf Menschen keinen sicheren Zugang zu
sauberem Trinkwasser. Rund 3,5 Mrd. Menschen haben
keinen Zugang zu angemessener sanitärer Versorgung.
Mittel der öffentlichen Entwicklungsleistungen (ODA)
für den Wassersektor lagen im Jahr 2022 mit
9,1 Mrd. US$ mehr als 4 % unter ihrem Maximum von
2018 (UN Water, 2024).
Zwischen 2002 und 2021 waren 1,6 Mrd. Menschen
von Überflutungen betroffen, und rund 100.000
verloren ihr Leben. Im gleichen Zeitraum litten 1,4 Mrd.
Menschen unter Dürren, mit rund 21.000 Toten (UNESCO,
2024). Rund die Hälfte der Weltbevölkerung leidet
derzeit zumindest einen Teil des Jahres unter schwerem
Wassermangel (IPCC, 2023a).
In vielen Regionen der Erde hat sich die
Gewährleistung einer sicheren Wasserver und entsorgung deutlich
verbessert, aber ein substanzieller Anteil der
Weltbevölkerung hat weiterhin keinen adäquaten Zugang zu
diesen Dienstleistungen: Für mindestens 3 Mrd.
Menschen ist die Wasserqualität wegen mangelnder
Überwachung ungewiss (UN, 2022). Eine Gefährdung durch
pathogene Mikroorganismen im Trinkwasser betrifft
immer noch 2 Mrd. Menschen weltweit.
Neben den Wirkungen vor Ort kann es über den
Handel mit Gütern, für deren Herstellung Wasser
benötigt wird, auch zu Fernwirkungen (Telecoupling)
kommen. Das zur Herstellung von Gütern benötigte und das
in den Gütern enthaltene Wasser lassen sich als
virtuelle Wasserströme über den Globus verfolgen. Etwa 65–
90 % der weltweiten Ströme virtuellen Wassers stammen
aus dem Handel mit Agrarprodukten, gefolgt mit
deutlichem Abstand von der Industrie und dem
Energiesektor. Besonders Länder mit hohen Agrarexporten führen
somit indirekt das eigene Wasser aus.
Wasser wird vielerorts verschwendet, übernutzt und
ungerecht verteilt. Nutzungsmuster sind durch politische
Rahmenbedingungen und die existierende
Wasserinfrastruktur geprägt – dabei gibt es starke
Pfadabhängigkeiten, die Kurskorrekturen und substanzielle
Veränderungen erschweren.
Künftige Verschärfungen
wasserbezogener Probleme
Menschheit, Ökosysteme und der Planet bewegen sich
in eine Zukunft, in der die für Mensch und Natur
verfügbaren Wassermengen und Wasserqualitäten einem
zunehmenden Wandel unterliegen. Insbesondere durch
den Klimawandel ist die Annahme von Stationarität nicht
mehr tragfähig.
Klimawandel und Verschmutzung
Der Klimawandel intensiviert den globalen
Wasserkreislauf: Die Verdunstung von Wasser aus der Tier und
Pflanzenwelt sowie von Boden und Wasseroberflächen
steigt, wie auch die in der Luft gespeicherte Menge an
Wasser – pro 1 °C Erwärmung kann die Luft 7 % mehr
Wasser speichern. In der Folge sind mehr und stärkere
Niederschlagsereignisse möglich.
Die fortschreitende Erwärmung treibt globale und
regionale Veränderungen von Niederschlag und
Verdunstung voran, verschiebt das Gleichgewicht von
gefrorenem zu flüssigem Wasser, erhöht den Wassergehalt
in der Atmosphäre und führt zu einer Zunahme von
Extrem ereignissen wie Überflutungen oder Dürren. Eine
Milliarde Menschen leben derzeit küstennah und sind
direkt vom zunehmenden Meeresspiegelanstieg und
ist gefordert, Erfahrungswissen durch Projektionen
zukünftiger Veränderungen und ihrer Unsicherheiten zu
ergänzen. Gleichzeitig müssen innovative Ansätze für
den Umgang mit großskaligen und disruptiven
Änderungen der Wasserverfügbarkeit und zunehmenden
Extremereignissen entwickelt und wissenschaftlich
begleitet werden. Entscheidungsabläufe können dafür
durch die Bereitstellung von Echtzeitdaten und
Prognosen beschleunigt werden.
Eine nachhaltige WasserZukunft setzt voraus, dass
Ziele und Verantwortung nicht allein vom Staat getragen
werden, sondern ebenso von Wirtschaft und
Gesellschaft. Der Staat muss dafür die Voraussetzungen
schaffen und einen politischen und regulierenden Rahmen
setzen, der selbstorganisierte Strukturen fördert und
eine Bildungsoffensive für einen verantwortlichen
Umgang mit Wasser unterstützt. Wasser als wertvolle
Ressource sollte konsequent und sozial ausgewogen
bepreist werden, um weltweit eine effiziente und
nachhaltige Nutzung zu fördern.
Es ist daher von höchster Dringlichkeit, das Thema
Wasser höher auf der internationalen Agenda zu
verankern. Das derzeitige starke Momentum durch die
UNWasserkonferenzen 2023, 2026 und 2028 sollte
von den Regierungen genutzt werden, um weltweit
durch umfassende Vorsorge einen ausreichenden
Abstand zu den Grenzen der Beherrschbarkeit einzuhalten.
Kurzfristig sollten effektive Strategien für ein
resilientes Wassermanagement entwickelt werden, die
mittelfristig die weltweite Kooperation stärken und
langfristig in ein von der Staatengemeinschaft getragenes
Wasserabkommen münden.
Die internationale Wasserpolitik muss sich auf die
fortschreitenden und beschleunigten Änderungen im
globalen Wasserkreislauf einstellen. Dazu sollte Wasser
als Querschnittsthema in vielen Foren mit bedacht
werden, braucht aber auch einen eigenen Prozess und
politische Aufmerksamkeit. Der WBGU empfiehlt, bis 2030
eine Internationale Wasserstrategie zu erarbeiten. Ziele
und Maßnahmen der Strategie sollten auch in
zwischenstaatliche Wirtschafts und Handelsbeziehungen
einfließen, um Synergien zwischen dem Schutz der
Wasserressourcen sowie der Unterstützung von klimaneutraler
Entwicklung und Ernährungssicherheit zu ermöglichen.
Die Strategie sollte langfristig zu einem eigenen
internationalen Abkommen für Wasser – vergleichbar den
RioKonventionen – weiterentwickelt werden.
Kasten 1 zeigt die Kernbotschaften des WBGU im
Überblick.
Kernbotschaften
> Abstand zu den Grenzen der
Beherrschbarkeit wahren
> Regionale Wassernotlagen mit planetarer
Dimension antizipieren und abwenden
> Klimaresilientes Wassermanagement umsetzen
und naturnahe Wasserqualität erhalten
> Integrierte Klima- und Biodiversitäts- und
Sozialpolitik sind effektive Wasserpolitik
> Transformatives WasserWissen:
Vorausschauende und begleitende Wissenschaft praktizieren
> Mit der Gesellschaft, nicht gegen sie: der
gestaltende Staat und die selbstorganisierte
Gesellschaft in der Verantwortung
> International Verantwortung übernehmen –
Internationale Wasserstrategie entwickeln
> Nationale Wasserstrategie in den
internationalen Diskurs zu Wasser einbringen
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 3 –
entsprechend höher auflaufenden Sturmfluten betroffen
(IPCC, 2019a). Im globalen Mittel nehmen die
Niederschläge zu; jede weitere globale Erwärmung um 1 °C
erhöht den mittleren Niederschlag weltweit um 1–3 %,
wobei sich regional das Ausmaß und die Richtung der
Änderungen und damit auch ihre Wirkungen stark
unterscheiden. Im Vergleich zum Zeitraum 1995–2014
könnte die Niederschlagsmenge bis Ende des Jahrhunderts
um bis zu 13 % ansteigen. Da die Erwärmung zugleich
auch zu einer potenziell höheren Verdunstung führt,
ergeben sich regional unterschiedliche Auswirkungen
auf das insgesamt verfügbare Wasser. Die
Bodenfeuchte und damit das grüne Wasser wird in vielen Regionen
verstärkt abnehmen – bei einer globalen Erwärmung um
4 °C könnte dies z. B. in Amazonien, dem südlichen
Afrika und Westeuropa eine Minderung von bis zu 40 %
bedeuten – in anderen Regionen wird sie weiter
zunehmen. Als Reaktion auf den Klimawandel werden die
Grundwasserentnahmen z. B. für Bewässerung
voraussichtlich ansteigen und könnten die nicht erneuerbaren
Grundwasseranteile weltweit erschöpfen. Die
Kombination aus weiter steigenden Temperaturen, veränderten
Niederschlagsmustern, zurückweichenden Gletschern
und einer reduzierten Schneedecke führt dazu, dass die
mittleren Abflussmengen mit fortschreitender globaler
Erwärmung zunehmen, jedoch mit regional
unterschiedlichen Ausprägungen. Zunehmende Abflussmengen
werden insbesondere für die nördlichen hohen Breiten grade
sowie Regionen in Zentral und Ostafrika vorhergesagt,
während Abnahmen im Mittelmeerraum sowie in Teilen
Mittel und Südamerikas insbesondere in den
Sommermonaten zu erheblichen Verknappungen blauen Wassers
führen werden (Douville et al., 2021).
Auch die Wasserqualität wird zukünftig weiter
abnehmen, sofern die Einleitungen unzureichend geklärter
Abwässer – aktuell betrifft dies etwa 80 % der
weltweiten Abwässer – und damit von Krankheitserregern,
schwer abbaubaren Chemikalien, Nährstoffen und festen
Abfällen fortgesetzt werden. Dadurch werden
Grundwasser, viele Süßgewässer, Küstenzonen und Meere für
Tiere und Pflanzen zum Teil durch Sauerstoffmangel und
Giftblüten unbewohnbar (dead zones); die
Selbstreinigungskraft der Gewässer geht verloren. Durch moderne,
neu entwickelte Stoffe sowie durch Stoffgemische und
möglicherweise Wechselwirkungen mit z. B. sie
umgebenden Mikroorganismen steigt die Komplexität der
Verschmutzung (EEA, 2022). Die Langzeitrisiken sind
noch unbekannt und Gegenstand der aktuellen
Forschung. Mikro und Nanoplastik beispielsweise können
als Vektor für zusätzliche schädliche Kontaminanten mit
potenziell schweren Folgen für Umwelt und Gesundheit
wirken. In einem Zukunftsszenario ohne
Gegenmaßnahmen ist global bis zum Jahr 2060 eine Verdopplung
des in die Umwelt eingebrachten Plastiks und somit auch
des Mikro und Nanoplastiks auf 44 Mio. t pro Jahr zu
erwarten (OECD, 2022b). Der Klimawandel verschärft
die Situation zusätzlich: In Dürreperioden kann z. B. die
Konzentration von Schadstoffen in
Oberflächengewässern nicht mehr ausreichend verdünnt werden. Durch
Überschwemmungen und das Abschmelzen von Schnee
und Eis werden Schadstoffe mobilisiert und damit
bioverfügbar. Steigende Wassertemperaturen während
Hitze wellen beeinflussen die physikalischen, chemischen
und biologischen Prozesse in Oberflächengewässern, die
sich auf die Konzentration und die chemischen
Eigenschaften transportierter Stoffe auswirken können.
Insgesamt resultiert daraus zusammen mit dem
ungebremsten Klimawandel eine extreme, kaum kontrollierbare
Belastungssituation für die globalen Wasserressourcen.
Die Kapazität zur Anpassung nimmt mit
fortschreitendem Klimawandel kontinuierlich ab – dies betrifft
die Menschen, ihre technologischen und
institutionellen Systeme sowie auch die der Natur (IPCC, 2022a).
Um Anpassungsfähigkeit weitgehend zu erhalten, ist
es nach dem Vorsorgeprinzip alternativlos, den
Klimawandel bei 1,5 °C globaler Erwärmung zu begrenzen
und langfristig – sofern möglich – sogar rückgängig zu
machen. Dies erfordert die Beendigung anthropogener
CO2 Emissionen und die starke Minderung der
Emissionen anderer Treibhausgase sowie die Entfernung von
CO2 aus der Atmosphäre.
Sozioökonomische und geopolitische
Entwicklungen
Künftig wird ohne wirksame Gegenmaßnahmen je nach
Region die Wassernutzung und damit die Gefahr der
Übernutzung weiter wachsen. Die UNESCO (2023)
schätzt, dass die globale Wassernachfrage jährlich um
ca. 1 % steigen und damit bis 2050 um 20–30 %
zunehmen wird. Allerdings beträgt die Fehlerspanne für
diese Berechnung mehr als 50 %. Ein Großteil des
erwarteten Anstiegs der Nachfrage entfällt auf Länder
niedrigen und mittleren Einkommens, insbesondere
Schwellenländer. Nachfragesteigerungen in den
Kommunen und Haushalten sind am stärksten in solchen
Regionen, in denen die Wasserver und entsorgung
ausgeweitet wird. Zunahmen in der industriellen
Wassernachfrage gehen in der Regel mit fortschreitender
Industrialisierung einher, und können durch
Effizienzverbesserungen in der Wassernutzung auch wieder sinken.
Die Wassernachfrage in der Landwirtschaft ist vor allem
durch die Bewässerung getrieben. Je nach
zugrundeliegenden Annahmen über sozioökonomische,
technische und klimatische Entwicklungen variieren
Projektionen zur Entwicklung des Wasserbedarfs erheblich.
Der IPCC schätzt, dass der Wasserbe darf für Bewässerung
bis zum Ende des Jahrhun derts auf das Doppelte bis
Dreifache zunehmen könnte (Caretta et al., 2022).
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 4 –
Projektionen zeigen, dass steigende Bewässerungsbedarfe
neben erhöhter Verdunstung infolge des Klimawandels
zur zunehmenden Erschöpfung von
Grundwasservorkommen bis zum Ende des Jahrhunderts beitragen.
Globale geopolitische und gesellschaftliche
Entwicklungen kommen verschärfend hinzu. Mangelnde
Wasserverfügbarkeit und Extremereignisse wie Dürren oder
Überschwemmungen können Wachstum, Entwicklung
und Armutsbekämpfung behindern. Multidimensionale
Armut und soziale Ungleichheiten sowie
Autokratisierungsund Polarisierungsprozesse schwächen gesellschaftlichen
Zusammenhalt, befördern die Fragmentierung von
Governancesystemen und mindern gesellschaftliche
Widerstandsfähigkeit gegenüber wasserbezogenen Krisen wie
Dürren und Überschwemmungen. Das Management von
Wasser ist häufig eine Aufgabe, die politische Grenzen
überschreitet, und wird daher ebenso wie
wasserbezogene multilaterale Verhandlungen durch die
gegenwärtigen geopolitischen Spannungen erschwert. Wasserkrisen
gehen zudem häufig nicht auf fehlende Verfügbarkeit,
sondern auf ungleiche Verteilung zurück. Klimatisch und
ökologisch bedingte Verfügbarkeiten der Ressource und
Verteilungsdefizite verstärken sich gegenseitig.
Gesundheitsschäden bei Arten, Ökosystemen
und Menschen
Die zunehmende Klimakrise und Verschmutzung und
ihre Auswirkungen auf hydrologische Prozesse und nicht
zuletzt auf die Biodiversität werden direkte und
indirekte Folgen für die menschliche Gesundheit sowie für
die Gesundheit anderer Organismen haben. Dies hat
Auswirkungen auf die Funktionalität und
Artenzusammensetzung der Ökosysteme. Die Verfügbarkeit von
Wasser ist grundlegend für Pflanzenwachstum – und
damit für das Funktionieren von Ökosystemen wie
Wäldern oder Graslandschaften. Umgekehrt sind gesunde
Ökosysteme wesentlich für eine lokal stabile
Süßwasserverfügbarkeit und qualität. Wasser hat somit nicht nur
eine Bedeutung für Biodiversität, sondern Biodiversität
auch für Wasser.
Auch die Lebensbedingungen des Menschen können
sich im Zusammenwirken der Klimafaktoren so
ungünstig verändern, dass Lebensunterhalt und Ernährung vor
Ort nicht mehr gewährleistet sind. Dabei sind Verän
derungen der Wasserqualität und quantität und der damit
verbundene Mangel an gesundheitlich unbedenklichem
Wasser nur ein Teil der Bedrohungslage.
Wasserknappheit, Verschmutzung und Überschwemmungen wirken
sowohl direkt als auch indirekt auf den Menschen. Sie
können den dauerhaften Verlust der gesundheitlichen
Unversehrtheit und einer hohen Anzahl an
Menschenleben zur Folge haben. Auch soziale Gefüge und
Gesundheitseinrichtungen können verloren gehen. Durch
unregelmäßige bzw. unzureichende Wasserversorgung
wer den nicht nur die Vitalität des Einzelnen und seine
Leistungen in der Gesellschaft beeinträchtigt, sondern
schließlich auch die Leistungsfähigkeit der Gesellschaft
insgesamt, mit entsprechenden wirtschaftlichen und
gesellschaftspolitischen Konsequenzen.
Die sich abzeichnenden globalen Verschärfungen und
ihr Zusammenwirken führen dazu, dass Notlagen
entstehen können, die kaum noch durch den Menschen
beherrschbar sind. Beispiele regionaler Wassernotlagen,
die sich so oder ähnlich auch in anderen Weltregionen
ereignen können, sind in Kasten 2 illustriert.
Abstand zu Grenzen der
Beherrschbarkeit sichern
Bei Wassernotlagen können Grenzen der
Beherrschbarkeit erreicht werden, jenseits derer sich
gesellschaftliche Strukturen und Ökosysteme destabilisieren:
Menschen und Ökosystemen der betroffenen Region
werden die Lebensgrundlagen entzogen (Kasten 2).
Angesichts der prognostizierten klimatischen,
ökologischen, sozioökonomischen und geopolitischen
Entwicklungen ist zu erwarten, dass derartige
Grenzzustände und regionale Wassernotlagen weltweit immer
häufiger erreicht werden.
Um einen sicheren Abstand zu Grenzen der
Beherrschbarkeit zu halten, sind Maßnahmen auf globaler und
lokaler bzw. regionaler Ebene erforderlich (Abb. 2):
Erstens müssen Verschärfungen in Grenzen gehalten
werden, die als globale Treiber direkt auf den globalen
Wasserhaushalt wirken: Dafür ist eine ambitionierte
Klimapolitik einschließlich der Einhaltung der Ziele des
Pariser Übereinkommens Voraussetzung, denn nur so
können die Änderungen des globalen und lokalen
Wasserhaushalts durch den Klimawandel begrenzt werden.
Ebenso zentral ist die Umsetzung des Kunming Montreal
Global Biodiversity Framework, um die elementare
Rolle der Natur im globalen Wasserhaushalt zu schützen.
Je früher gehandelt wird, desto mehr
Handlungsoptionen bestehen.
Zweitens müssen regionale Wassernotlagen mög lichst
vermieden werden. Gelingt es nicht, die Verschärfungen
wasserbezogener Probleme einzuhegen, steigt die
Wahrscheinlichkeit des Auftretens regionaler Wassernot lagen
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 5 –
Kasten 2
Regionale Wassernotlagen mit
planetarer Dimension
Dürren und Extremniederschläge werden klimawandelbedingt
weltweit zunehmen. Mit dem Abschmelzen von Gletschern wird
sich vielerorts das Wasserdargebot massiv verändern. Hinzu
kommen die Degradation und Zerstörung von Ökosystemen, die
wertvolle Wasserspeicherung unterstützen, z. B. in Form von
grünem Wasser. In einigen Weltregionen wird zudem die
Wasserverschmutzung deutlich zunehmen. Diese Verschärfungen
wasserbezogener Probleme können sich gegenseitig verstärken
und mittel und langfristig zu regionalen Wassernotlagen mit
planetarer Dimension zuspitzen. Das Ausmaß und die Dynamik
dieser Wassernotlagen können bisher beherrschbare Risiken
überschreiten. Der WBGU beschreibt hier exemplarisch fünf
regionale Wassernotlagen, deren Muster sich auch in anderen
Weltregionen wiederfinden.
Wasserknappheit in Städten
In den letzten 20 Jahren waren weltweit über 80 Metropolen
bzw. Metropolregionen von schwerem Wassermangel betroffen
(Rusca et al., 2023). Die Zahl der Berichte über Städte, denen
das Wasser auszugehen droht, steigt. 2016 haben über 30 % der
urbanen Bevölkerung in Gebieten mit Wasserknappheit gelebt.
Mangel an Oberflächenwasser, Bodenversiegelung,
Grundwasserübernutzung sowie der Anstieg des Wasserbedarfs durch
(rasche) Verstädterung und steigenden ProKopfBedarf sind
die Haupttreiber für urbanen Wassermangel. Leckagen in der
Wasserinfrastruktur und Missmanagement verstärken die
Wasserknappheit. Die Zahl der Menschen, die weltweit in Städten
mit Wasserknappheit leben, könnte von mehr als 933 Mio. im
Jahr 2016 auf 1,6–2,3 Mrd. Menschen im Jahr 2050 ansteigen;
das wäre ein Drittel bis fast die Hälfte der globalen
Stadtbevölkerung (He et al., 2021). Die Megacity São Paulo (Brasilien)
erlebte 2014–2016 eine gravierende Wasserknappheit, Chennai
(Indien) war 2019 als eine der niederschlagreichsten Megastädte
der Welt von der massivsten Wasserknappheit seit 30 Jahren
betroffen. Barcelona, Kapstadt, Bogotá, Montevideo und
MexikoStadt sind weitere Beispiele für Städte, in denen in jüngster
Vergangenheit der Wassernotstand ausgerufen werden musste.
Zunahme von Dürren und Sturzfluten in der
MENA-Region
Die MENARegion (Mittlerer Osten, Nordafrika) wird im
globalen Vergleich mit am stärksten von den negativen
Auswirkungen des Klimawandels betroffen sein (Hajat et al., 2023). Im
Zeitraum von 2007–2018 ist die Verfügbarkeit von
erneuerbarem Süßwasser pro Kopf in der Region um etwa 24 %
gesunken (SIWI und UNICEF, 2023). Veränderte
Niederschlagsmuster, zunehmende Trockenheit und Dürren,
Starkregenereignisse und Sturzfluten sowie vor allem Übernutzung, begleitet von
großen Governanceherausforderungen bei der gerechten
Verteilung der wenigen verfügbaren Süßwasserressourcen, führen
in der Region bereits heute zu Wasserknappheit und
ungleicher Wasserverfügbarkeit für Mensch und Umwelt.
Projektionen deuten darauf hin, dass in der MENARegion zukünftig
MENA-Region
São Paulo
Chennai
Hindukusch-Karakorum-
Himalaya
Central Valley
Subsahara-Afrika
Abbildung 1
Geographische Lage der im Gutachten behandelten regionalen Wassernotlagen mit planetarer Dimension.
Quelle: WBGU
> 933 Mio.
Menschen sind heute in Städten von
Wasserknappheit betroffen
30–50 %
der Weltbevölkerung werden es 2050 sein
um 80 %
wächst die urbane Wassernachfrage bis 2050
6 %
der Weltbevölkerung leben in der MENA-Region
nur 1 %
der globalen Süßwasservorräte ist dort verfügbar
um 24 %
sank die Pro-Kopf–Verfügbarkeit von
erneuerbarem Süßwasser 2007–2018
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 6 –
ein deutlich extremeres Klima zu erwarten ist. Hitzeextreme,
mehr Trockenheit, länger anhaltende Dürren und mehr
Starkregenereignisse werden gemeinsam mit dem zunehmenden
Nutzungsdruck die Wasserknappheit in der Region
zukünftig weiter ansteigen lassen, mit negativen Auswirkungen für
Mensch und Natur. Dieser Trend ist auch ein globales Muster:
In den Jahren 2022 und 2023 wurde in 22 Ländern weltweit
der Dürrenotstand ausgerufen (UNCCD, 2023).
Gletscherschmelze in der Gebirgskette Hindukusch-
Karakorum-Himalaya: Verlust natürlicher Wasserspeicher
Neben den Polen sind die Gletscher der Hindukusch
KarakorumHimalayaGebirgskette die größten gefrorenen
Süßwasserspeicher der Erde. Die Flussbecken der Region
versorgen fast 2 Mrd. Menschen mit Wasser, also ein Viertel
der Weltbevölkerung. Bis 2100 wird auch ohne eine weitere
Erwärmung ein Verlust von mehr als 20 % der Eismasse und
vergletscherten Fläche in der Gebirgskette projiziert, je nach
Klimaszenario steigt dieser Anteil auf bis zu 65 %. Bereits heute
leiden fast 200 Mio. Menschen in der Region an Wasserstress
(Nie et al., 2021) und es ist damit zu rechnen, dass sich die
Lage bis Ende des Jahrhunderts weiter zuspitzen wird. Ein
vermindertes Wasserdargebot, insbesondere in Flussbecken
wie dem Indus, die zu hohen Anteilen von Schmelzwasser
gespeist sind, trifft auf einen steigenden Wasserbedarf. Diese
Entwicklung birgt ein erhebliches Destabilisierungspotenzial:
z. B. kann erhöhter Wasserstress für Menschen und Ökosysteme
zu gesellschaftlichen und geopolitischen Konflikten führen,
zunehmende Naturgefahren eine Bedrohung für
Menschenleben und Infrastruktur darstellen und verminderte Abflüsse
in den Sommermonaten nicht nur die regionale, sondern auch
die globale Lebensmittelproduktion beeinträchtigen. Aus der
Region stammen 61 % der globalen Reisernte, 41 % der
globalen Kartoffelproduktion und 24 % der globalen Maisernte
(Hu und Tan, 2018). Abschmelzende Gletscher bergen auch in
anderen Regionen der Welt wasserbezogene Gefahren;
besonders betroffen sind z. B. die südlichen Anden, Westkanada
und die westlichen USA (insbesondere Alaska) oder die Alpen.
Wasserverschmutzung in Subsahara-Afrika
Global könnte sich die Zahl der Menschen, die von
Wasserverschmutzung durch organische Verbindungen betroffenen
sind, von heute 2,7 Mrd. auf bis zu 4,2 Mrd. Menschen zum
Ende des Jahrhunderts erhöhen. Für die Belastung durch
pathogene Mikro organismen, Salze und Nährstoffe werden
ähnliche Muster prognostiziert (Jones et al., 2023). Dies
betrifft besonders SubsaharaAfrika: Bis Ende des
Jahrhunderts werden voraussichtlich 25 % aller Menschen in Afrika
leben, aber 38 % der weltweit von Wasserverschmutzung durch
organische Verbindungen betroffenen Menschen. Pathogene
Mikroorganismen stellen eine direkte Gefahr für die
menschliche Gesundheit dar, organische Kohlenstoffverbindungen
fördern in Oberflächengewässern mikrobielles Wachstum und
Sauerstoffzehrung, die zu Fischsterben führen. Nährstoffe wie
Stickstoff und Phosphor verursachen Eutrophierung,
Algenblüten und den Verlust von Habitaten und Biodiversität. Neben
SubsaharaAfrika zeichnen sich auch in Zentral und
Nordwestmexiko, in Nordindien sowie in Ostchina globale Schwerpunkte
der Wasserverschmutzung ab.
Übernutzung des Grundwassers und Klimawandel im
Central Valley (USA)
Das Risiko lokaler Wasserengpässe hat sich in den letzten
Jahrzehnten im Central Valley durch eine steigende Nachfrage
und den Klimawandel deutlich zugespitzt. Im mehrjährigen
Mittel überstieg der Grundwasserverlust die Rate der
Neubildung. In der Folge erlitten 2018–2023 mehr als 75 % der
Brunnen eine Grundwasserspiegelabsenkung um mehr als
1,5 m (CNRA, 2023). Die Aufrechterhaltung der
Trinkwasserversorgung gestaltet sich angesichts hoher Verbräuche und
häufigerer Trockenperioden als immer herausfordernder. Eine
Entspannung der Lage ist nicht abzusehen. Das Central Valley
ist als grundwasserabhängige und semiaride Region weltweit
jedoch nicht die einzige, in der sich lokal eine Erschöpfung
der erneuerbaren Grundwasserressourcen mit weitreichenden
Folgen für Mensch und Natur abzeichnet. Auch der Nordosten
Chinas (HaiHeBecken und Aquifer der Nordchinesischen
Ebene), der Norden Indiens (GangesBrahmaputraAquifer),
der Nordosten Südamerikas (SãoFranciscoBecken), der
Südwesten und Süden der USA (Central und South High Plains),
Osteuropa (Don und DneprBecken) oder der Nahe Osten
(Arabische Halbinsel, Iran) geraten durch jahrelange intensive
Bewirtschaftung und die Folgen der Erderwärmung an die
Grenzen ihrer natürlichen Belastbarkeit.
2 Mrd.
Menschen beziehen Wasser aus den
Flussbecken der Region
200 Mio.
Menschen leiden bereits unter
erhöhtem Wasserstress
20 % bis 65 %
Gletscherverlust je nach Klimaszenario
2,7 Mrd.
Menschen sind heute von organischer
Wasserverschmutzung betroffen
auf 4,2 Mrd.
könnte ihre Zahl bis 2100 ansteigen
38 %
der von organischer Wasserverschmutzung
betroffenen Weltbevölkerung wird 2100 in
Subsahara-Afrika leben
25 %
der Obst- und Nussproduktion der USA
stammen aus dem Central Valley
10 %
sind die erwarteten Wasserverluste in der
Region bis 2030
75 %
der Brunnen erlitten eine
Grundwasserabsenkung um 1,5 m (2018–2023)
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 7 –
mit planetarer Dimension. Zu ihrer Abwehr bedarf es
trans formativer Anpassungsmaßnahmen und eines
klima resilienten, sozial ausgewogenen
Wassermanagements mit transformativer Eingriffstiefe, da bisherige
(inkrementelle) Anpassungsmaßnahmen nicht mehr
ausreichen werden. Konkret bedeutet dies die Bereitschaft
zu radikaler Umsteuerung, insbesondere durch die
Gestaltung eines Strukturwandels, etwa in der
Landnutzungs, Industrie, Siedlungs und Infrastrukturpolitik –
national wie im Rahmen internationaler Zusammenarbeit.
Da ein sicherer Abstand zu Grenzen der
Beherrschbarkeit nicht immer eingehalten werden kann, müssen
gefährdete Regionen frühzeitig einen Plan B vorbereiten.
Helfen auch transformative Maßnahmen nicht mehr
weiter, ist gegebenenfalls ein geordneter rechtzeitiger
Rückzug die letzte Gestaltungsoption. Dort, wo Grenzen
der Beherrschbarkeit überschritten werden, reduzieren
sich Handlungsmöglichkeiten akut auf ein reaktives
Krisen und Katastrophenmanagement, das den Rückzug
begleitet. Welche Risiken als intolerabel eingeschätzt
werden und welche Anpassungspfade im Einzelnen
beschritten werden sollten, ist dabei auch Gegenstand
gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.
Handlungsprinzipien etablieren
Der WBGU empfiehlt ein klimaresilientes, sozial
ausgewogenes Wassermanagement mit den folgenden
Handlungsprinzipien.
> Wasser als Gemeinschaftsgut für Mensch und Natur
sicherstellen: Wasser muss als globales, Leben
spendendes Gemeinschaftsgut nach den Bedürfnissen aller
Menschen und der Natur verteilt und gespeichert
werden. Naturbasierte, technische und institutionelle
Lösungen für die Sicherstellung einer resilienten
Wasserversorgung bei einwandfreier Wasserqualität
müssen die Multifunktionalität für Mensch und
Ökosysteme berücksichtigen und diese ausbalancieren.
Handlungsspielräume
schwinden
Ze
it
Ze
it
Handlungsspielräume
werden erhalten
Handlungsspielräume
HANDLUNGSSPIELRÄUME
verminderte
Verschärfungen
transformative
Anpassung
wenig
Anpassung
ungebremste
Verschärfungen
Jenseits der Grenzen der
Beherrschbarkeit
Jenseits der Grenzen der
Beherrschbarkeit
Handlungsspielräume
regional spezifische Anpassungsgrenzen
hohe Vulnerabilität, hohe Schadenspotenziale
hohe Resilienz
regional spezifische A
npassungsgrenzen
Abbildung 2
WBGUKonzept zu Grenzen der Beherrschbarkeit. Durch ungebremste Verschärfungen bei Wasserdargebot, verteilung und
Extremereignissen sowie zu geringe Anpassung besteht die Gefahr, dass regionale Wassernotlagen entstehen und Grenzen
der Beherrschbarkeit überschritten werden. Jenseits dieser Grenzen, die sich regional unterscheiden können, sind die Risiken
intolerabel hoch (roter Bereich). Welche Risiken als intolerabel eingeschätzt werden und welche Anpassungspfade im Einzelnen
beschritten werden sollten, ist dabei auch Gegenstand gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.
Links: Werden nur geringe Anpassungsmaßnahmen vorgenommen, schwinden Handlungsspielräume (grüner Bereich).
Wasserbezogene Verschärfungen durch zunehmenden Klimawandel, Ökosystemdegradation und Verschmutzung sowie
sozioökonomische und geopolitische Entwicklungen können ihre ganze Wucht entfalten. Vulnerabilität und Schadenpotenziale
nehmen zu, im Zeitverlauf steigt die Gefahr, Grenzen der Beherrschbarkeit zu überschreiten.
Rechts: Transformative Vorsorge steigert die Resilienz und vermindert die Auswirkungen wasserbezogener Verschärfungen,
gleichzeitig werden die Verschärfungen selbst in Grenzen gehalten. Handlungsspielräume (grüner Bereich) werden auch
längerfristig erhalten.
Quelle: WBGU
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 8 –
> Anpassungsfähigkeit angesichts fortlaufender
Veränderungen steigern: Systeme zur Bereitstellung und
Nutzung von Wasser sollten angesichts bisher
ungekannter Schwankungen und nicht genau
prognostizierbarer, fortlaufender Veränderungen resilient erhalten
und wissenschaftsbasiert neu aufeinander abgestimmt
werden. Verwaltungen, Betreiber und Nutzer müssen
sich auf eine hohe Dynamik einstellen. Dafür müssen
Strukturen sowie Planungs und
Entscheidungsprozesse akteursübergreifend, anpassungsfähig und
korrigierbar gestaltet sein.
> Resilienz und Risikovorsorge statt Gefahrenabwehr:
Für die Sicherung einer klimaresilienten
Wasserinfrastruktur und Wasserqualität muss das
Vorsorgeprinzip konsequent angewendet werden.
Risikovorsorge und Risikominimierung statt Gefahrenabwehr
sollten Grundlage von Planungsprozessen und
Entscheidungen im gesamten Wassersektor und davon
beeinflussten Sektoren sein.
> Blaues und grünes Wasser sektorübergreifend
bewirtschaften: Blaues und grünes Wasser müssen bei
regionalen und lokalen Lösungsansätzen gemeinsam
und sektorübergreifend berücksichtigt und
bewirtschaftet werden. Beide besitzen strategische,
geopolitische Relevanz: Neben Flusseinzugsgebieten
müssen auch grenzüberschreitende
Verdunstungsund Niederschlagsmuster berücksichtigt werden.
Kohärenz zwischen Politikebenen und feldern ist
hierfür Voraussetzung.
> Wissenschaftsbasierten Diskurs über Probleme und
Handlungsoptionen ermöglichen: Der WBGU empfiehlt,
einen wissenschaftsbasierten Diskurs über
Strategieentwicklung und Handlungsoptionen bei
Unsicherheiten zu initiieren und Bedenken von Bürger:innen
und Stakeholdern zu berücksichtigen. Dazu müssen
Ausmaß und Dynamiken von Verschärfungen
wasserbezogener Probleme und daraus resultierende
regionale Wassernotlagen mit planetarer Dimension
identifiziert, verstanden und Handlungsoptionen erforscht
werden. Wissenschaft sollte die Politik kontinuierlich
informieren und eine beratende Rolle einnehmen, z. B.
durch ein wissenschaftliches Monitoring eingesetzter
Instrumente. Politische und gesellschaftliche Teilhabe,
Bildung und Kooperation sollten gefördert werden.
> Wasser wertschätzen und Wasserwert schätzen: Die
Politik, öffentliche Institutionen, Unternehmen und
Finanzmärkte sollten den Wert von Wasser und den
systemischen Charakter von Wasserrisiken in ihren
Entscheidungen erfassen und integrieren.
Wirtschaftliche Entscheidungen müssen mit den langfristigen
Zielen eines nachhaltigen Wassermanagements
kompatibel sein.
> Umsetzung beschleunigen – Selbstorganisation
fordern und fördern: Der regulatorische Rahmen und
alle Instrumente des Wassermanagements müssen
eine beschleunigte Umsetzung ermöglichen und
informelle, dezentrale Governancestrukturen
einbinden, wo dies sinnvoll ist. Insbesondere bedarf es
der Einbindung und Ertüchtigung nichtstaatlicher,
selbstorganisierter Akteure.
Klimaresilientes Wassermanagement
Übernutzung von Wasserressourcen, ungleiche
Verteilung, Verlust von Ökosystemleistungen sowie
wasserbedingte Gesundheitsrisiken sind vielerorts durch ein
fehlgeleitetes und ineffektives Wassermanagement
mitverursacht. Managementansätze, die auf eine
Überwindung von Missständen und Fehlstellen abzielen, wie der
etablierte IntegratedWaterResources
ManagementAnsatz (IWRM), werden den Anforderungen durch den
Klimawandel bisher nicht hinreichend gerecht. Die im
folgenden skizzierten Grundzüge eines klimaresilienten,
sozial ausgewogenen Wassermanagements, das auf den
oben ausgeführten Handlungsprinzipien basiert, sollen
Impulse für die Weiterentwicklung bestehender
Managementansätze (IWRM, WaterEnergyFoodEcosystem
Nexus, adaptives Wassermanagement) und für die
stärkere Umsetzung transformativer Anpassung im
Wassersektor setzen.
Wassermanagement anpassungsfähig und
resilient gestalten
Der WBGU empfiehlt, eine neue Herangehensweise im
Wassermanagement zu etablieren, die darauf abzielt, mit
Unsicherheit zu leben, aber auch, Unsicherheit zu
mindern. Ein flächendeckend etabliertes klimaresilientes,
sozial ausgewogenes Wassermanagement sollte lokale,
regionale und globale Wasserkreisläufe vorausschauend
bewirtschaften und die verschiedenen Funktionen von
Wasser für Menschen und Ökosysteme langfristig
erhalten. Um ein Handeln unter Unsicherheit zu
ermöglichen, bedarf es transdisziplinärer und kollaborativer
Lernund Entscheidungsprozesse über Sektoren und räumliche
Skalen hinweg. Grundlage sind empirische Daten,
Echtzeitinformationen und Zukunftsprojektionen unter
verschiedenen Klimaszenarien zu Wasserdargeboten und
bedarfen, wobei auch zunehmender Wasserbedarf im
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 9 –
Zuge der Energiewende berücksichtigt werden muss. Dies
erfordert eine Digitalisierungsoffensive.
Bewirtschaftungsmethoden müssen auf dieser Grundlage konstant
überwacht und gegebenenfalls kurzfristig angepasst
werden. Dafür müssen Planungs und
Entscheidungsprozesse im Wassermanagement korrigierbar und
Infrastrukturmaßnahmen dezentraler und adaptiver gestaltet werden.
Das Wassermanagement sollte zudem auf die
Bewahrung, Stärkung und Wiederherstellung eines
klimaresilienten Landschaftswasserhaushalts ausgerichtet sein.
Da entsprechende Maßnahmen teilweise erst
zeitverzögert wirken, ist es erforderlich, sie mit kurzfristig
wirksamen Maßnahmen zu kombinieren, ohne
unerwünschte Pfadabhängigkeiten zu erzeugen. In Anlehnung an
den vom WBGU vorgeschlagenen integrierten
Landschaftsansatz (WBGU, 2020) sollte ein integrierter
Landschafts und Wasserhaushaltsansatz verfolgt werden,
der den Schutz von Klima und Biodiversität, den
Flächenbedarf zur Ernährungssicherung und die Stärkung
natürlicher Puffer im Wasserhaushalt auf Flächen aller
Nutzungsarten zusammendenkt. Das in Böden
gespeicherte grüne Wasser muss unter Berücksichtigung der
Auswirkungen des Klimawandels stärker in das
Wassermanagement einbezogen werden.
Klimaanpassung, Wassermanagement und
Ökosystemschutz sollten besser verzahnt werden. Um eine stärkere
Nutzung regulierender Ökosystemleistungen zur
Stabilisierung des Wasserdargebots zu ermöglichen, sollte die
Sicherstellung der Funktionen von Wasser für
Ökosysteme eine zentrale Rolle im Wassermanagement spielen.
Um die lokale Trinkwasserversorgung resilienter
aufzu stellen, ist die Nutzung verschiedener
unabhängiger blauer Wasserressourcen erforderlich, die redundant
sind und sich gegenseitig ergänzen. Wo erforderlich und
technisch möglich, empfiehlt sich auch die stärkere
Nutzung alternativer Wasserressourcen wie entsalztes
Meerwasser oder kommunale Kläranlagenabläufe, sofern
nachteilige Konsequenzen, etwa für Ökosysteme und
menschliche Gesundheit, vermieden werden können.
Mehrfachnutzungen von Wasser verschiedener
Qualitätsstufen sollten beim Bau von Wasserinfrastruktur und
Gebäuden antizipiert werden. Flächendeckend sollten
digitale Wasserinformationssysteme etabliert werden,
die Entnahmen von Privathaushalten, öffentlichen
Einrichtungen und der Industrie erfassen, damit die
Bereitstellung durch den Versorger angepasst werden kann.
Dabei sollte künftig auch künstliche Intelligenz zum
Einsatz kommen, hierzu besteht jedoch noch
Forschungsbedarf. Bei Großverbrauchern können dezentrale
Wasserspeicher und Wasserwiederverwendung etabliert werden,
die zu einer flexibleren Wasserentnahme beitragen.
Um kurzfristig mit zunehmenden Extremereignissen
umzugehen, sollte – kombiniert mit langfristig
wirksamen Maßnahmen zur Wiederherstellung eines
klimaresilienten Landschaftswasserhaushalts – ein breites
Spektrum adaptiver, schnell wirksamer und
ressourceneffizienter Maßnahmen zum Einsatz kommen, von rein
technischen bis hin zu stärker naturbasierten
Maßnahmen. Die Auswahl und Kombination der Maßnahmen
sollten sich an den in Kasten 3 dargestellten
Anforderungen orientieren.
Zudem sollten Ansätze für Abwägungsprozesse unter
Unsicherheit weiterentwickelt und in die Anwendung
gebracht werden. In besonders durch Wassernotlagen
gefährdeten Gebieten sollten transdisziplinäre Foren
geschaffen werden, um die anstehenden
Herausforderungen zu thematisieren und kollaborativ
Anpassungsoptionen zu entwickeln. Um agile Anpassung von Politik
Kasten 3
Anforderungen an Maßnahmen eines
klimaresilienten Wassermanagements
Der WBGU schlägt vier Anforderungen vor, die bei der
Auswahl, Umsetzung und Entwicklung von Maßnahmen eines
klimaresilienten, sozial ausgewogenen Wassermanagements
zu beachten sind:
Beurteilung der wasserbezogenen Wirksamkeit auf
verschiedenen Zeitskalen: Die Wirksamkeit von Maßnahmen sollte
zum einen im Hinblick auf spezifische wasserbezogene Ziele
und zum anderen in jedem Fall bezüglich ihres Beitrags für
die Wiederherstellung eines klimaresilienten
Landschaftswasserhaushalt beurteilt werden. Vor dem Hintergrund der
wasserbezogenen Verschärfungen müssen verschiedene
Zeithorizonte, Unsicherheiten und Wirkungsverzögerungen sowie
Anpassungsgrenzen beachtet werden.
Analyse der Machbarkeit im jeweiligen Kontext: Die
Machbarkeit von Maßnahmen sollte kontextspezifisch unter
Berücksichtigung der Verfügbarkeit von Technologien, finanziellen
Mitteln, institutionellen Kapazitäten, ihrer Akzeptanz sowie
ihres Flächen und Ressourcenbedarfs beurteilt werden – auch
im Hinblick auf ihren langfristigen Betrieb und ihre
möglicherweise im Zeitverlauf nötige Anpassung.
Stärkerer Fokus auf mögliche Mehrgewinne: Mögliche
Mehrgewinne für Klima und Biodiversitätsschutz sowie Gesundheit,
soziale und wirtschaftliche Vorteile von Maßnahmen sowie
Effekte auf die Verringerung von Ungleichheiten sollten
antizipiert, evaluiert und bei der Beurteilung von Maßnahmen
berücksichtigt werden.
Vermeidung nicht intendierter Konsequenzen: Um
Fehlanpassung und weitere nicht intendierte wasserbezogene,
ökologische, gesundheitliche, soziale und wirtschaftliche
Konsequenzen zu vermeiden, sollten möglichst alle Auswirkungen
von Maßnahmen durch einen systemischen und
transdisziplinären Ansatz identifiziert, evaluiert und berücksichtigt werden.
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 10 –
zu fördern, sollten mehr Forschungsvorhaben finanziert
werden, die zeitnahe technische Anpassungsmaßnahmen
und Politikmaßnahmen sowie deren (Wasser)
Wirksamkeit überprüfen. Technische Anpassungsmaßnahmen,
z. B. Planungsgrundlagen für Infrastrukturmaßnahmen
wie das Auftreten eines 100jährlichen
Hochwasserereignisses (HQ100), müssen angepasst werden.
Lösungsraum Ökosysteme
Für ein klimaresilientes Wassermanagement spielt die
Renaturierung von Feuchtgebieten wie Sümpfen und
Marschen, Fluss und Auenlandschaften oder Mooren
sowie weiterer wasserrelevanter Ökosysteme wie Wälder
eine wichtige Rolle. Seit der vorindustriellen Ära sind
schätzungsweise mehr als 80 % der weltweiten
Feuchtgebiete durch Landnutzungsänderungen und
Entwässerung verloren gegangen und die verbleibenden
Feuchtgebiete sind größtenteils degradiert (UNEP, 2021a).
Renaturierungsmaßnahmen in Feuchtgebieten können
den Rückhalt von Wasser in der Landschaft verbessern
und damit die lokale Wasserverfügbarkeit für Mensch
und Natur erhöhen, die Trinkwasserversorgung
stabilisieren, zum Hochwasserschutz beitragen sowie
Wasserqualität und Nährstoffspeicherung verbessern.
Mehrgewinne umfassen z. B. die Bereitstellung von
Lebensraum für eine diverse Flora und Fauna, die Verbesserung
der Bodenqualität sowie Beiträge zum Lebensunterhalt
und der Kultur lokaler Gemeinschaften. Die
Wiedervernässung von Mooren ist außerdem für den Klimaschutz
von großer Bedeutung. Ob die Renaturierung eines
Feuchtgebiets machbar ist, hängt auch von der
regionalen Verfügbarkeit von Wasser mit entsprechender
Wasserqualität ab. Unbeabsichtigte Konsequenzen wie
die Verbreitung invasiver Arten oder eine Veränderung
des lokalen Wasserkreislaufs, die z. B. die
Landwirtschaft beeinträchtigt, sollten einkalkuliert und
vermieden werden.
Der WBGU empfiehlt, die Renaturierung von
Ökosystemen mit großer Bedeutung für den Wasserhaushalt
auf allen politischen Ebenen voranzutreiben. Dies
umfasst explizit wasserbezogene Aktivitäten innerhalb der
UNDekade für die Wiederherstellung von Ökosystemen,
der UNWasserdekade, der Agenda 2030 für
Nachhaltigkeit, der RamsarKonvention, der EU
Wasserrahmenrichtlinie, der EUVerordnung zur Wiederherstellung der
Natur sowie der relevanten nationalen Strategien.
Außerdem sollte das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz
sowie verwandte relevante Strategien wie die Nationale
Moorschutzstrategie langfristig gefördert und
enthaltene Maßnahmen auch im Interesse eines klimaresilienten
Wassermanagements zeitnah umgesetzt werden.
Im Sinne eines integrierten Landschaftsansatzes
(WBGU, 2020) ist es empfehlenswert, frühzeitig mit
Landnutzer:innen, Anrainern zu renaturierender Flächen
und weiteren Stakeholdern in Dialog zu treten. Dadurch
können Konflikte vermieden, Mehrgewinne gesteigert
und die gesellschaftliche Akzeptanz für die
Renaturierung erhöht werden. Die Umsetzung der Maßnahmen
sollte mit Blick auf die Multifunktionalität des gesamten
Ökosystems (z. B. einer Fluss und Auenlandschaft)
erfolgen und den Mosaikansatz in der Raumplanung
berücksichtigen (WBGU, 2024). So können vielfältige
Fluss und Auenlandschaften mit hoher Biodiversität
entstehen, die diverse Funktionen wie Stabilisierung der
Wasserpegel, Wasseraufbereitung, Grundwasserbildung
und regenerierung, CO2Bindung, Bereitstellung von
Lebensräumen oder Erholung erfüllen. Entlang des
gesamten Flusssystems kann eine nachhaltige Nutzung u. a.
für Schifffahrt, Fischerei, Tourismus und
Trinkwasserversorgung ermöglicht und ein naturnahes, harmonisches
Erscheinungsbild wiederhergestellt werden.
Der Rückbau von Barrieren in Flussläufen sollte
vorangetrieben werden, um die Konnektivität von
Flussläufen wiederherzustellen und weitreichende
ökologische und wasserbezogene Mehrgewinne zu ermöglichen.
Es wird empfohlen, bei Renaturierungsmaßnahmen und
Raumplanung die Möglichkeit der Entstehung neuer
Ökosysteme einzubeziehen. Dies sollte zu einer
Reflexion des gesetzlich geregelten „guten ökologischen
Zustands“ (EUWasserrahmenrichtlinie) führen. Unter
Umständen kann dies sogar eine Ergänzung unter
Berücksichtigung von Renaturierung zur Steigerung der
Resilienz von Ökosystemen bedeuten. Adaptives
Management, das regelmäßiges Monitoring mit Hilfe
wissenschaftlich erprobter Methoden und robuster
Modellierungen mit einbezieht, kann helfen, die Prozesse der
Renaturierung eines Ökosystems zu antizipieren und bei
Bedarf rechtzeitig Folgemaßnahmen zu ergreifen.
In der Forschung sollten die Perspektive der
Wasserversorgung sowie der Schutz und die Wiederherstellung von
Ökosystemen, insbesondere Süßwasserökosysteme,
integriert bzw. stärker berücksichtigt werden, etwa in der
Forschungsstrategie Zukunft und Innovation. Die
Forschung zu Sumpf und Flusslandschaften sollte ausgebaut
werden: Um unterschiedlichen Nutzungsansprüchen an
Flussläufe und landschaften gerecht zu werden, braucht
es verstärkt auch Forschung, die ihre vielfältigen
Ökosystemleistungen abhängig von
Renaturierungsmaßnahmen analysiert. Die Erkenntnisse sollten in eine
multifunktionale Raumplanung einfließen.
Langzeitstudien, Forschungs und
Monitoringprojekte nehmen einen wichtigen Stellenwert ein und sollten
gefördert werden: Beispiele sind Studien zu den
vielfältigen Auswirkungen des Rückbaus von Dämmen sowie
zum Vergleich zwischen dem Ausgangszustand, dem
ökologischen Zustand nach Dammbau und nach
Entfernung, oder zum Wassereintrag in Hochmooren.
Forschungsbedarf besteht bei der Typisierung und Kartierung
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 11 –
von Mooren, um Moore und ihren Beitrag zum
Klimaschutz und zur Erhaltung spezifischer Biodiversität
effektiv überwachen, schützen und renaturieren zu können.
Auch sozialökologische Forschung sollte gestärkt
werden: Zum Beispiel sollten die Leistungen von
Ökosystemen sowie die Einflüsse von Management und
Renaturierung umfassend untersucht und Methoden zur
wirksamen Umsetzung des Integrierten
Landschaftsansatzes für Ökosysteme mit großer Bedeutung für den
Wasserhaushalt erforscht und bereitgestellt werden.
Lösungsraum Landwirtschaft
Klimaresilientes Wassermanagement in der
Landwirtschaft bedeutet zum einen, Anbaukulturen und methoden
anzupassen (und gegebenenfalls zu bewässern), um mit
Schwankungen des Wasserdargebots und dem
Klimawandel insgesamt umzugehen. Zum anderen beeinflussen
landwirtschaftliche Praktiken ihrerseits auch den
Wasserhaushalt bzw. das Wasserdargebot; die Landwirtschaft
muss also zu einem klimaresilienten
Landschaftswasserhaushalt beitragen. Ansätze zur Reduktion
wasserbezogener Risiken sind vielfältig und lokalspezifisch, ihre
Wirksamkeit nimmt mit zunehmendem Klimawandel ab
und ist mit Unsicherheiten behaftet. Unter den in Betracht
kommenden Ansätzen sind Maßnahmen zur Erhaltung
der Bodenfeuchte sowie Agroforstwirtschaft auch noch
bei stärkerer Erwärmung relativ wirksam. Oft werden
einzelne Maßnahmen aber nicht mehr ausreichen,
sondern Kombinationen nötig sein (Caretta et al., 2022). Der
WBGU hat in seinem Gutachten „Landwende im
Anthropozän: Von der Konkurrenz zur Integration“ umfangreiche
Empfehlungen für eine ökologischnachhaltige
Landwirtschaft und deren Einbettung in einen integrierten
Landschaftsansatz gegeben (WBGU, 2020). Darüber hinaus
werden die folgenden Empfehlungen zum
klimaresilienten, sozial ausgewogenen Wassermanagement in der
Landwirtschaft präsentiert:
Erstens sollten Daten und Projektionen zu
Wassernutzung und dargebot verbessert sowie mehr Wissen
zu wasserbezogenen Anpassungsmaßnahmen in der
Landwirtschaft bereitgestellt werden. Viele Maßnahmen
liegen im Eigeninteresse und grundsätzlich auch im
Einflussbereich des einzelnen landwirtschaftlichen Betriebs.
Beratungs und Schulungsangebote oder regionale
Unterstützungsteams sollten Landwirt:innen daher Wissen und
Fähigkeiten für ein klimaresilientes Wassermanagement
vermitteln und sie in dessen praxistaugliche
Weiterentwicklung einbeziehen. Für die übergreifende Planung
und Regulierung sollten Entnahme und Verbrauchsdaten
möglichst in Echtzeit erhoben, Daten zum
Wasserdargebot, Grundwasserkörpern usw. verbessert und
gemeinsam mit entsprechenden Projektionen zur
Verfügung gestellt werden. Dies sollte Teil einer breiteren
Digitalisierungsoffensive für die Landwirtschaft sein. Es
sollten Kapazitäten für die Verbesserung öffentlich
verfügbarer, lokaler Projektionen und wissenschaftliche
Begleitung von Anpassungsmaßnahmen aufgebaut
werden. Erfahrungen sollten in internationalen Netzwerken
ausgetauscht werden, auch mit Ländern niedrigen
Einkommens. In diesen Ländern, etwa in SubsaharaAfrika,
sollte das Potenzial lokaler Wissenssysteme in lokalen
Anpassungs und Transformationsstrategien der
Landwirtschaft noch besser genutzt werden. Entsprechende
Beratungsangebote und Vernetzungsaktivitäten könnten
international z. B. durch die GIZ und in Deutschland durch
die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung
weiter ausgebaut werden.
Zweitens sollte Landwirtschaft auch als
„Grünwasserwirtschaft“ wertgeschätzt und in integrierte
Landschaftsund Wassermanagementansätze eingebunden werden:
Von Anpassungsmaßnahmen, die den Wasserhaushalt
und die Wasserqualität beeinflussen – z. B. durch
Schaffung von Puffern, höhere Grundwasserneubildung oder
Erhaltung von Ökosystemleistungen – profitieren auch
andere Wassernutzer oder die Allgemeinheit. Landnutzer
sollten daher stärker als Wasserakteure verstanden und
Landwirt:innen in ihrer Rolle als „Grünwasserwirt:innen“
stärker unterstützt werden. Dies sollte sich im politischen
und gesellschaftlichen Umgang mit der Landwirtschaft,
ihrer Wertschätzung, in der Aus und Fortbildung sowie
in ihrer Einbindung in Wassermanagementprozesse –
etwa einem integrierten Landschafts und
Wasserhaushaltsansatz und Klimaanpassungsstrategien – und in
finanziellen Anreizen widerspiegeln.
Drittens sind finanzielle Anreize für Landwirt:innen
und eine Absicherung von
Transformationsanstrengungen erforderlich; in Ländern niedrigen und mittleren
Einkommens muss z. T. überhaupt erst ausreichender
Zugang zu Ressourcen und Kapital geschaffen werden.
Es sollten Ausgleichsmechanismen zwischen
Landnutzern und Wassernutzern für wasserwirksame
Maßnahmen etabliert werden, etwa Wasserfonds.
Wasserbezogene landwirtschaftliche Subventionen können in diese
Mechanismen eingebunden werden. In der EU betrifft
dies den nächsten Zyklus der gemeinsamen Agrarpolitik,
die zu einer „gemeinsamen Ökosystempolitik“
umgestaltet werden sollte (WBGU, 2020). Da bei Wasserrisiken
die Kooperation zwischen Landwirt:innen und
öffentlicher Hand unabdingbar ist, könnten hier neue
Verhandlungsspielräume entstehen. Flankierend sollten
existenzsichernde Angebote für den Übergang
geschaffen werden, die die Risiken der Transformation für die
Landwirtschaft mindern, z. B. durch temporäre
Einkommensunterstützungen oder eine teilweise
Absicherung möglicher Mindererträge bei der Erprobung neuer
Anbaumethoden. Eine mögliche Regulierung oder
Bepreisung tatsächlicher Wasserentnahmen und
verbräuche (auf Basis verbesserter Daten) sollte durch die
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 12 –
genannten unterstützenden Maßnahmen auch mit Blick
auf die soziale Ausgewogenheit unterstützt werden.
Die Forschung sollte neue Leitbilder für die
Landwirtschaft entwickeln. Lernen aus der praktischen Erfahrung
mit Anpassungsstrategien steht im Vordergrund. Auch
Werkzeuge und Metriken zur Bewertung von
Anpassungsmaßnahmen sollten weiterentwickelt werden.
Optionen wie Verhaltensänderungen oder
kapazitätsbildende Maßnahmen können in aktuellen Klima und
Wirkungsmodellen bisher oft nicht erfasst werden.
Geeignet skalierte Modelle sind nötig, die ökonomische,
soziale, kulturelle und Managementaspekte für
verschiedene Anpassungsoptionen berücksichtigen sowie
Mehrgewinne und Zielkonflikte für nachhaltige
Entwicklung einbeziehen. Bei der potenziellen Wirksamkeit
von Anpassungsmaßnahmen zur Reduktion
wasserbezogener Risiken bestehen vor allem für Klimaszenarien
mit Erwärmungen von 2 °C und mehr noch Wissenslücken.
Speziell die Potenziale und Grenzen von Bewässerung
als Anpassungsoption sollten besser erforscht werden,
da globale Modellierungen die lokale Verfügbarkeit von
Wasser häufig nicht hinreichend berücksichtigen. Auch
um Wechselbeziehungen im WaterEnergyFood
Ecosystem Nexus besser zu verstehen und veränderte
sektorale Ansprüche im Klimawandel zu projizieren,
müssen Werkzeuge entwickelt werden.
Lösungsraum Städte
Bis zum Jahr 2050 wird die globale Stadtbevölkerung auf
schätzungsweise 6,6 Mrd. Menschen anwachsen, zwei
Drittel der Menschheit werden dann in Städten leben
(UN, 2019). Zugleich sind die Auswirkungen des
Klimawandels in vielen Städten weltweit immer deutlicher zu
spüren. Neben steigendem Nutzungsdruck führen
häufigere und längere Dürreperioden zu zunehmender
Wasserknappheit, und weltweit steigt die Zahl der Städte, in
denen bereits ein Wassernotstand ausgerufen werden
musste. Häufigere und stärkere Extremniederschläge
verursachen, verstärkt durch urbane Flächenversiegelung
und überforderte Abwassersysteme, immer mehr
Flutschäden. Zunehmender Hitzestress, der durch den
urbanen Hitzeinseleffekt noch verstärkt wird, führt zu einer
steigenden Zahl hitzebedingter Todesfälle.
Der WBGU empfiehlt, ein klimaresilientes urbanes
Wassermanagement gemäß des Leitbilds der
wassersensiblen Stadtentwicklung flächendeckend zu etablieren.
Es ist, gemeinsam mit dem Zugang zu erschwinglichem,
klimaangepasstem Wohnraum, zentral für eine
nachhaltige und gerechte Stadtgestaltung der Zukunft. Dabei
muss die städtische Infrastruktur so gestaltet werden,
dass sie den Auswirkungen von Extremereignissen
resilienter begegnen kann und den lokalen Wasserkreislauf
darin stärkt, zunehmende Wasserextreme effizient
abzupuffern. Städtische Infrastruktur sollte sich in den
natürlichen Landschaftswasserhaushalt einfügen. Es ist
essenziell, hierbei mittel und langfristige
Klimaprojektionen zu berücksichtigen. Synergien zwischen
wassersensibler Stadtentwicklung und der Abfederung des
städtischen Wärme inseleffekts sollten gezielt angestrebt
werden. Zudem sollten stets die Gewährleistung urbaner
Lebensqualität und der Abbau sozialer Ungleichheiten
als wesentliche Beiträge zu einer verbesserten urbanen
Klimaresilienz mitgedacht und antizipiert werden.
Angesichts der vielerorts zunehmenden
Verschärfungen im Wassersektor ist in Städten weltweit eine
Beschleunigung der Anpassung an den Klimawandel
dringend notwendig. Neben der Etablierung eines
klimaresilienten Wassermanagements gehört hierzu
insbesondere der Auf und Ausbau klimaresilienter urbaner
Wasserinfrastruktur. Er muss insbesondere in schnell
wachsenden Städten deutlich beschleunigt werden, um mit
dem raschen, oftmals informellen Wachstum (vor allem
in Afrika und Asien) Schritt zu halten. Dabei sollten
informelle Stadtquartiere besondere Berücksichtigung
finden, wobei z. B. auf dezentrale und nicht
leitungsgebundene Abwassersysteme zurückgegriffen werden
kann. Bei deren Planung und Umsetzung sollte die lokale
Bevölkerung einbezogen, über gesundheitliche Vorteile
informiert und Kapazitäten vormals informeller
Dienstleister gestärkt werden. Die Finanzierung des Auf und
Ausbaus klimaresilienter urbaner Wasserinfrastruktur in
Ländern niedrigen und mittleren Einkommens sollte
verstärkt in der bi und multilateralen
Entwicklungszusammenarbeit vorangetrieben werden.
Um Fehlanpassung und eine Verstärkung von
Vulnerabilität und bestehenden Ungleichheiten zu verhindern,
ist beim Auf und Ausbau blaugrüner Infrastruktur in
Städten darauf zu achten, negative soziale,
gesundheitliche und ökologische Konsequenzen zu vermeiden.
Verdrängungseffekten sollte vorgebeugt werden. Die
Vegetation sollte für zu erwartende Klimaänderungen
geeignet sein und ein geringes allergenes Potenzial
aufweisen. Urbane Grünräume sollten gut erreichbar,
zugänglich und auf die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung
zugeschnitten sein.
Der WBGU empfiehlt weiterhin, Notfallpläne für
urbanen Wassermangel zu entwickeln. Die Zahl der Städte, die
aufgrund von Wassermangel den Notstand ausgerufen
haben, steigt weltweit an. Dieses wachsende globale
Problem hat ungelöst ein erhebliches
Destabilisierungspotenzial und verdient daher in der internationalen
Nachhaltigkeitspolitik höhere Aufmerksamkeit.
Darüber hinaus gilt es, wasserbedingte Grenzen des
Städtewachstums in den Blick zu nehmen. Der
Klimawandel wird viele Städte mit existenziellen
Herausforderungen im Zusammenhang mit Wasser konfrontieren,
die heute vielfach noch kaum thematisiert werden.
Insbesondere Städte, die mittel und langfristig das Problem
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 13 –
der Wasserknappheit allein mit Infrastrukturmaßnahmen
nicht wirksam werden lösen können, sollten nach
Ausschöpfung aller Mittel rechtzeitig Optionen zur
Begrenzung des Städtewachstums bzw. im Extremfall Optionen
für einen geordneten Rückzug prüfen.
Im Zeitalter der Urbanisierung sehen sich immer mehr
städtische Kommunen mit saisonaler oder dauerhafter
Wasserknappheit konfrontiert. Zur effektiven Umsetzung
bekannter Anpassungsmaßnahmen, aber auch zum
Umgang mit den genannten hydrologischen
Grenzbedingungen besteht Forschungsbedarf.
Bei existierender urbaner Infrastruktur sind
innovative Ansätze für die Integration resilienzsteigernder
Lösungen im Bestand erforderlich, um transformative
Anpassungsmaßnahmen umzusetzen. Dabei stellt sich die
Frage, wie neue Wasserbereitstellungskonzepte
möglichst wenig invasiv und kostengünstig im Bestand
realisiert werden können.
Gerade in Regionen mit angespanntem
Wasserdargebot ist eine bessere zeitliche und räumliche Erfassung
privater und gewerblicher Bedarfe notwendig,
idealerweise in Echtzeit. Forschungsbedarf besteht zur
Erfassungsdichte von Verbrauchsstellen, ethischer Aspekte
der Datenerhebung, Datenverarbeitung, Datensicherheit
und Bereitstellung sowie Möglichkeiten des Einsatzes
künstlicher Intelligenz.
Schutz der Wasserqualität
Die Qualität von Wasserressourcen ist durch die
Freisetzung von Schadstoffen und Pathogenen weltweit
stark beeinträchtigt. Die Nutzung von Wasser als
Transportmedium führt in vielen Fällen zu erheblichen
Aufkonzentrierungen von Schadstoffen im Wasser. Dies
überfordert regelmäßig die Selbstreinigungskraft der
Natur. Der Schutz der Wasserqualität ist daher
unabdingbar, um der Verknappung der Wasserressourcen
durch die beschriebenen Verschärfungen entgegen zu
wirken. Im Europäischen Green Deal ist bereits das Ziel
„Zero P ollution“ bis zum Jahr 2050 verankert
(Europäische Kommission, 2021b). Zero Pollution bedeutet, dass
die Verschmutzung auf ein Niveau gesenkt wird, welches
für die menschliche Gesundheit und die Gesundheit von
Ökosystemen nicht mehr schädlich ist. Das Leitbild Zero
Pollution ist von hoher Bedeutung und erfordert die
Umsetzung einer Kreislaufwirtschaft.
Zentrale Bausteine zur Umsetzung beider Leitbilder
sind (1) eine zügige Umsetzung der EU
Kommunalabwasserrichtline, (2) moderne Testverfahren und
Methoden zur Stoffbewertung, die persistente und (wasser)
mobile Schadstoffe besser erfassen können und präventiv
stärker in behördlichen Zulassungsverfahren zu
berücksichtigen sind, (3) integrierte Ansätze zur Rückgewinnung
von Rohstoffen aus Abwässern sowie (4) der flexible
Einsatz zentraler und dezentraler
Abwasserentsorgungssysteme beim Ausbau sanitärer Infrastruktur in Ländern
mit mittleren und niedrigen Einkommen.
Herstellerverantwortung in der EU ausweiten
Die EUKommunalabwasserrichtlinie ist eine bedeutende
Richtungsentscheidung zur Bewahrung der
Wasserqualität und sollte nach Erlass zügig in den EUMitgliedstaaten
umgesetzt werden. Der WBGU begrüßt insbesondere die
integrierte erweiterte Herstellerverantwortung, wonach
Produzenten von Arzneimitteln und Kosmetika
mindestens 80 % der Kosten von Bau und Betrieb der zur
Entfernung organischer Spurenstoffe notwendigen vierten
Reinigungsstufe in Klärwerken tragen sollen. Es sollte
geprüft werden, inwieweit eine Ausweitung der
erweiterten Herstellerverantwortung für weitere
Schadstoffgruppen (z. B. toxische und persistente
Haushaltschemikalien und Pestizide) und Stoffeigenschaften (neben
Toxizität auch Persistenz in der aquatischen Umwelt)
möglich ist. Bei der Umsetzung der EU
Kommunalabwasserrichtlinie ist entscheidend, Anreize zur
Reduktion der Emission umweltgefährdender Stoffe zu setzen,
z. B. durch eine Staffelung der Beteiligung von
Unternehmen nach Umweltgefährdung der in Verkehr
gebrachten bzw. produzierten Stoffe oder Ausnahmen für
rasch abbaubare Produkte.
Rückgewinnung von Rohstoffen aus
Abwasser ausweiten
Abwasser ist eine wertvolle Ressource und sollte in
dreierlei Hinsicht zur Schließung von Lücken in der
Kreislaufwirtschaft genutzt werden. Abwasser sollte erstens
neben der Rückführung in die Gewässer je nach Bedarf
und entsprechend seiner Qualität z. B. zur Bewässerung
in der Landwirtschaft aufbereitet und wiederverwendet
werden. Zweitens sollten Potenziale zur Rückgewinnung
von Energie aus den Prozessen der Abwasserbehandlung
stärker genutzt werden. Dies kann auch helfen, die in
der EUKommunalabwasserrichtlinie angestrebte
Energieneutralität kommunaler Kläranlagen zu erreichen.
Abwasser ist drittens ein Träger für Stoffe, die teilweise
als schädlich gelten, aber als wertvolle Sekundärrohstoffe
genutzt werden können, z. B. Biopolymere und
Metallionen wie Lithium und Kupfer. Vorbild für den Umgang
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 14 –
mit ihnen könnte die in der deutschen
Klärschlammverordnung festgeschriebene Rückgewinnung von Phosphor
sein. Bei erfolgreicher Wiedergewinnung könnten der
Bedarf an Primärabbau sowie die damit verbundenen
negativen Umweltfolgen möglicherweise sinken.
Allerdings sind nicht alle Abwässer hinsichtlich der
Wirtschaftlichkeit und der technischen Machbarkeit
gleichermaßen zur Rückgewinnung geeignet.
Der WBGU sieht in den Technologien zur
Rohstoffrückgewinnung ein großes Potenzial.
Materialrückgewinnung gewinnt an Bedeutung. Die Energiewende ist
auch eine Materialwende, die sehr relevant für Wasser
ist. Forschungsbedarf besteht zu den Risiken, die mit
den für die Energiewende wichtigen Materialien (z. B.
Lithium) verbunden sind, etwa ihr Verhalten in der
Umwelt und für die Gesundheit.
Eintrag schädlicher Chemikalien vermeiden
Beeinträchtigungen der Wasserqualität durch
Industriechemikalien, die sich entlang von Wasserpfaden
ausbreiten und sich nicht rückgewinnen lassen, sind vermeidbar,
wenn Stoffe vor der Registrierung und Inverkehrbringung
auf Gesundheits und Umwelteigenschaften getestet
werden. Innovative biologische Hochdurchsatz
Testverfahren und Simulationen bei der Stoffentwicklung mittels
künstlicher Intelligenz ermöglichen der herstellenden
Industrie eine deutlich schnellere und umfassendere
Risikobewertung und Kennzeichnung. Neue Stoffe lassen
sich so kostengünstiger und trotzdem sicherer auf den
Markt bringen; bereits auf dem Markt befindliche Stoffe
lassen sich nachträglich besser charakterisieren. Dies kann
substanziell zur Umsetzung des ZeroPollutionLeitbilds
beitragen und präventiv Wasser, Öko systeme und die
menschliche Gesundheit schützen.
Zentrale und dezentrale Abwassersysteme
flexibel einsetzen
Die unzureichende Behandlung häuslicher Abwässer
ist in Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen
eine Hauptursache für die Verschmutzung von
Grundwässern und Oberflächengewässern mit pathogenen
Mikroorganismen, organischen
Kohlenstoffverbindungen, Nährstoffen und Makro und Mikroplastik. Um
dieser Form der Verschmutzung zu begegnen, wurde
historisch der kostenintensive Aufbau einer zentralen
Abwasserbehandlung mit ausgedehnten Kanalnetzen
nach Vorbild der Hocheinkommensländer favorisiert. Für
viele formelle und insbesondere informelle Siedlungen in
Ländern mit niedrigen und mittleren Einkommen ist eine
zentrale Abwasserbehandlung jedoch keine geeignete,
standortgerechte Lösung.
Vielversprechend ist dagegen der flexible Einsatz
zentraler und dezentraler Abwassersysteme wie das Konzept
der Citywide Inclusive Sanitation (CWIS) mit Fokus auf
einem sozial ausgewogenen Zugang aller
Bevölkerungsgruppen und aller Stadtteile zu Wasser, Sanitär und
Hygiene (WASH). CWIS versteht Abwasserentsorgung und
behandlung als Servicekonzept und nicht als reine
Infrastrukturversorgung; verschiedene technische Lösungen
können gleichberechtigt betrachtet und flexibel
eingesetzt werden. Dazu gehören die zentrale Kanalisation,
aber auch dezentrale, nicht an ein Abwassernetz
angeschlossene Sanitäranlagen (nonsewered sanitation) mit
Fäkalschlammmanagement. Internationale Geldgeber
(Weltbank, Asian Development Bank) und
Branchenverbände (International Water Association) haben das
CWISKonzept bereits aufgegriffen. Der WBGU empfiehlt
die Förderung der Bereitstellung von Zugang zu sicherem
Wasser und Hygiene anhand des CWISKonzepts statt
einer Fokussierung auf ausschließlich zentrale
Abwasserbehandlungskonzepte. Dies erfordert ein Umdenken bei
Entscheidungsträgern, Geldgebern, Planungsbüros und
Universitäten, um hygienische, dezentrale, nicht
leitungsgebundene Abwassersysteme als echte Alternative zu
zentralen Abwassersystemen zu sehen. Voraussetzung
ist auch die Verbesserung und Formalisierung informeller,
bestehender (unsicherer, unhygienischer) dezentraler,
nicht leitungsgebundener Abwassersysteme, die
Priorisierung von WASH in politischen Agenden sowie
Übernahme von Leadership durch nationale Regierungen. Im
Rahmen von Forschung müssen Finanzierungs und
Geschäftsmodelle für dezentrale, nicht
leitungsgebundene Abwassersysteme entwickelt sowie deren
technische Weiterentwicklung vorangetrieben werden.
Entwicklung einer klimaresilienten
Wassergovernance
Um Schäden an Menschen und Natur zu vermeiden und
Verteilungskonflikten vorzubeugen, bedarf es einer
vorausschauenden, lern und anpassungsfähigen
Wassergovernance.
International Verantwortung übernehmen –
Internationale Wasserstrategie entwickeln
Der WBGU empfiehlt die Entwicklung einer
Internationalen Wasserstrategie als neuen Impuls für die
Wasserdiplomatie (Abb. 3). Diese soll dazu beitragen, die
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 15 –
bisherigen Prozesse zu Wasser institutionell als
Austauschund Koordinierungsplattform zu verstetigen. Da
zahlreiche Schnittstellen zu anderen Politikbereichen
bestehen, z. B. zur Klima und Biodiversitätsgovernance
und nachhaltigen Landnutzung sowie zu regionalen
(z. B. der EU) und nationalen Wasserstrategien, sollten
die Kapazitäten an den Schnittstellen erhöht werden.
Dadurch können Akteure, die bereits jetzt an den
relevanten Schnittstellen arbeiten und über wasserspezifische
Netzwerke und Erfahrungswissen verfügen, zukünftig
eine aktive Rolle in der Aushandlung und Entwicklung
einer Internationalen Wasserstrategie einnehmen.
Die Internationale Wasserstrategie sollte den Schutz
der Ressource Wasser als gemeinsames Anliegen der
Menschheit (common concern of humankind)
anerkennen und dabei auch den Umgang mit grünem Wasser
und dessen mögliche völkerrechtliche Regulierung
adressieren. Sie sollte eine bessere Verzahnung der
bestehenden Wasserkonventionen mit weiteren
wasserrelevanten völkerrechtlichen Verträgen anstreben. In
der Gestaltung des Prozesses sollte darauf geachtet
werden, zunächst die weniger kontroversen Themen zu
behandeln. Diese umfassen Trinkwasser, Integration,
Bildung und Forschung sowie Kooperation. Zur
Steigerung der Konsensfähigkeit sollte die Strategie zunächst
auf unverbindliche Instrumente setzen. Langfristig
sollte die Internationale Wasserstrategie in ein
völkerrechtliches Abkommen – vergleichbar den Rio
Konventionen – münden.
Die Internationale Wasserstrategie könnte Staaten
motivieren und animieren, den bestehenden
völkerrechtlichen Wasserkonventionen – der UN
Gewässerkonvention und der UNECEWasserkonvention – beizutreten.
Was diesen Wasserabkommen fehlt, ist ein Fokus neben
blauem auch auf grünem Wasser. Perspektivisch sollte
daher ihr Anwendungsbereich erweitert werden, um
einen klimaresilienten Umgang auch mit grünem Wasser
zu erreichen. Die komplexen internationalen
Wirkungszusammenhänge von grünem und atmosphärischem
Wasser, z. B. Auswirkungen von
Landnutzungsänderungen auf Verdunstungsströme und Niederschläge anderer
Länder, müssen dringend erforscht werden. Für
entsprechende wissenschaftliche Kooperation mit Blick auf
eine nachfolgende angemessene Wassergovernance kann
die Internationale Wasserstrategie als Plattform für
regelmäßigem Austausch dienen. Eine Governance blauen
und grünen Wassers könnte etwa Informations,
Konsultations und Zustimmungspflichten bei Vorhaben und
bei umfangreichen Landnutzungsänderungen umfassen,
die signifikanten Einfluss auf den grenzüberschreitenden
atmosphärischen Wassertransport haben.
In
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Internationale Wasserstrategie
> komplementär zu bestehenden Abkommen; multilaterale Treffen und regionale Plattformen
> Umgang mit blauem und grünem Wasser in Zeiten des Klimawandels
> gemeinsame Vorsorge für Wassernotlagen, Water Mapping Initiative
Nationale klimaresiliente Wasserstrategien
> gesellschaftliche Aushandlung akzeptabler Risiken und vorsorglicher Anpassungen
> Rahmensetzungen für Transformationen
> fortlaufende Weiterentwicklung mit wissenschaftlicher Begleitung
Lokales klimaresilientes
Wasser management
> vorsorgeorientiert, adaptiv, systemisch
> staatlich und selbstorganisiert
Katastrophenhilfe und
Krisenmanagement
> z. B. Reaktion auf Dürren, Fluten
> technisch, institutionell, finanziell
Abbildung 3
Vorschlag für eine Internationale Wasserstrategie. Die Internationale Wasserstrategie und nationale Wasserstrategien wirken
mit dem lokalen Wassermanagement zusammen. Das lokale Wassermanagement umfasst neben Kommunen alle
relevanten Akteure, inklusive selbstorganisierter Strukturen. Nationale Wasserstrategien sollten kohärent mit der Internationalen
Wasserstrategie formuliert werden. Sie sollten lokal Maßnahmen des klimaresilienten Managements anstoßen sowie Nothilfe
und Krisenmanage ment beinhalten.
Quelle: WBGU
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 16 –
Der WBGU befürwortet weiterhin die staatliche
Anerkennung und Kodifizierung eines allgemeinen
Menschenrechts auf Wasser, das nicht lediglich den Zugang
zu sauberem Trinkwasser umfasst, sondern auch die
Beteiligung der Zivilgesellschaft an wasserrelevanten
Entscheidungsprozessen sowie den Zugang zu
Umweltinformationen und Rechtsschutz. Die Anerkennung
sollte zudem klarstellen, dass es sich bei dem
Menschenrecht auf Wasser um eine Ausprägung des
Menschenrechts auf eine gesunde Umwelt handelt, das ebenfalls
noch nicht kodifiziert ist (WBGU, 2023).
Um den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse zu
Wasser in die Politik zu verbessern, spricht sich der
WBGU für die Gründung und international geteilte
Planung und Umsetzung einer Water Mapping Initiative aus.
Sie sollte aus zwei Einheiten bestehen: einer
Wissenschaftsplattform und einem Expert:innengremium. Die
Wissenschaftsplattform soll bestehende
wissenschaftliche Expertise zusammenführen, um drohende regionale
Wassernotlagen zu identifizieren. Das
Expert:innengremium steuert die Plattform und speist ihre
Arbeitsergebnisse in politische Prozesse ein (Abb. 4).
Damit Wassernotlagen frühzeitig erkannt und
eingrenzt werden bzw. Pläne zum Umgang mit ihnen
entwickelt werden können, bedarf es der Zusammenführung
globaler Daten und Monitoringkapazitäten. Dies umfasst
die Prognosen von IPCC und IPBES, Langzeitdatenreihen,
Monitoring und Beobachtungsdaten aus nationalen
Monitoringeinrichtungen sowie die Ergebnisse aus
regionalen und nationalen Forschungsvorhaben. Weiterhin
müsste die Plattform Daten und Erfahrungen zu
vergangenen Notlagen, Ergebnisse nationaler und
überregionaler Wasserforschung sowie lokale Daten und Erfahrungen
zu Notlagen integrieren. Hinzu kommen hoch aufgelöste
räumliche und zeitliche Daten aus Beobachtungen und
Prognosemodellen auf lokaler (Flusseinzugsgebiete),
regionaler, nationaler bzw. internationaler sowie globaler
Ebene. Sobald das von der UNUmweltversammlung
beschlossene, in Verhandlung befindliche Science Policy
Panel zu Chemikalien, Abfall und Vermeidung von
Verschmutzung seine Arbeit aufgenommen hat, sollen seine
Ergebnisse ebenfalls berücksichtigt werden.
Zur Aufsicht und Steuerung der Plattform soll ein
Expert:innengremium eingerichtet werden. Sind
drohende regionale Wassernotlagen mit planetarer Dimension
identifiziert, soll das Gremium Prognosen für
gefährdete Regionen erstellen. Parallel könnte es den
Informationsaustausch zwischen Wissenschaft, Politik und
Stakeholdern befördern. Auf internationaler Ebene soll
das Expert:innengremium die UNWasserkonferenzen
informieren. Zudem sollte das Gremium wasserbezogene
Dialogplattformen in unterschiedlichen Weltregionen und
in unterschiedlichen Länderverbünden sowie
Politikdialoge für die Ausgestaltung einer Internationalen
Wasserstrategie sowie die UNWasserkonferenzen 2026 und
2028 informieren. Lokal soll das Gremium bei drohenden
Wissenschaftliche
Grundlagen
> Prognosen von IPCC
und IPBES, ggf. Ergebnisse
des in Verhandlung
befindlichen Weltchemikalienrats
> Daten und Ergebnisse
nationaler Wasserforschung
> Lokale und regionale Daten
und Erfahrungen mit
vergangenen Notlagen
> Hochaufgelöste Daten aus
Prognosemodellen der
lokalen Ebene
(Flusseinzugsgebiete) und mittleren
Ebene (Weltregionen,
z. B. Europa)
Water Mapping Initiative
Ziel:
Wassernotlagen, um Abstand zu Grenzen
der Beherrschbarkeit zu wahren.
Wissenschaftsplattform
Aufgabe:
> Führt bestehende wissenschaftliche
Expertise zusammen, um drohende
Wassernotlagen zu identifizieren
Expert:innengremium
Aufgaben:
> Erstellt Szenarien zur Entwicklung des
Wasserhaushalts in Notlagenregionen
> Schafft Grundlagen für Austausch mit
Wirtschaft, Politik, Stakeholdern
Adressierte
Politikprozesse
> Informiert auf
internationaler Ebene UN-
Wasserkonferenzen
> Informiert auf regionaler
Ebene wasserbezogene
Dialogplattformen der
Weltregionen (im Rahmen
der vorgeschlagenen
Internationalen
Wasserstrategie)
> Unterstützt auf lokaler
Ebene Wasserbehörden
in Notlagenregionen
bei Umsetzung von
klimaresilientem
Wassermanagement
Abbildung 4
WBGUVorschlag für eine Water Mapping Initiative zur Vermeidung drohender regionaler Wassernotlagen. Die
Wissenschaftsplattform soll drohende Wassernotlagen durch die Integration wissenschaftlicher Grundlagen möglichst frühzeitig erkennen. Das
Expert:innengremium soll auf dieser Basis internationale, regionale und lokale Politikprozesse informieren und unterstützen.
Quelle: WBGU
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 17 –
Notlagen auch Wasserbehörden bei der Umsetzung von
klimaresilientem Wassermanagement unterstützen.
Als Voraussetzung für die Arbeit der Water Mapping
Initiative und für den grundsätzlichen Umgang mit
wasserbezogenen Verschärfungen im Rahmen globaler
Gover nance ist weitere Forschung erforderlich. Zentral
ist, Erfahrungswissen in allen Regionen der Welt durch
Daten aus Szenarien zu ergänzen, da der Klimawandel
den Wasserkreislauf bereits stark verändert. Daher
sollten Daten nicht nur auf lokaler, sondern auch auf Ebene
der Weltregionen generiert werden. Es bedarf also
dringend mehr klimasensibler Wasserforschung auf mittlerer
Ebene. Die Auswirkungen und Wechselwirkungen
globaler Änderungen und lokaler Maßnahmen müssen
zudem für Entscheidungsprozesse als Informationsquelle
zur Verfügung stehen. Nur wenn Kapazitäten für
Datenerhebung und Modellierung in den Ländern mit
niedrigem Einkommen vor Ort aufgebaut werden, kann
klimaresiliente Planung auch umgesetzt werden.
Für die Verstetigung der UNWasserkonferenzen
bedarf es der Einrichtung eines UNWassersekretariats, das
zukünftig durch den Sondergesandten für Wasser
(special envoy) geleitet werden könnte. Eine Internationale
Wasserstrategie sollte zudem regelmäßige Treffen sowohl
auf UNEbene als auch auf Ebene der unterschiedlichen
Weltregionen beinhalten. Neue regionale
Forschungsallianzen könnten diese regionalen Plattformen
informieren. Hierfür werden die oben beschriebenen
Szenarien auf mittlerer Ebene sehr relevant sein.
Vergleichbare Governanceansätze haben gezeigt, dass
es die Motivation der Länder erhöht, sich mit globalen
Risiken auseinanderzusetzen, wenn sich ihre
Vertreter:innen regelmäßig auf regionaler Ebene über Ziele
und Zielerreichung und bevorstehende Gefahren und
Risiken in ihrer Weltregion austauschen können. Dies
kann im Rahmen einer Internationalen Wasserstrategie
durch die Stärkung regionaler Organisationen, wie z. B.
der EU, erfolgen. Die gestärkten Regionalorganisationen
könnten regionale Wassergovernanceplattformen
koordinieren und so die Länder befähigen, globale und
regionale Wasserziele möglichst effektiv umzusetzen.
Schutzmaßnahmen auf regionaler Ebene könnten zudem
durch internationale Finanzierung oder internationale
Kooperation gefördert werden. In Europa könnte eine
Wasserstrategie („EU Blue Deal“) auf den Europäischen
Green Deal aufsetzen und auf die Europäische
Biodiversitätsstrategie Bezug nehmen.
Politikkohärenz nach innen wie außen herstellen
Deutschland und die EU sollten in ihrem internationalen
politischen Handeln Politikkohärenz zwischen den
verschiedenen externen sowie zwischen den externen und
internen Politikfeldern mit Wasserbezug herstellen. Im
Rahmen ihrer internationalen Beziehungen verfolgen
sie eine Vielzahl von Zielen, die zum einen aus
internationalen klima und umweltpolitischen
Vereinbarungen resultieren, zum anderen z. B. aus
Wirtschaftsinteressen oder geopolitisch strategischen Interessen und
Werten. Politische Maßnahmen zur Förderung dieser
Ziele müssen auf Kompatibilität und Kohärenz geprüft
werden. Dies kann verschiedenste Bereiche mit
Wasserbezug betreffen, z. B. die Deckung der deutschen
Energienachfrage, Agrarsubventionen oder
Investitionsabkommen. Gerade vor dem Hintergrund geopolitischer
Machtverschiebungen rückt die Bedeutung
vertrauensvoller Partnerschaften und die Sicherstellung der
Glaubwürdigkeit Deutschlands in seinem eigenen politischen
Handeln zunehmend ins Zentrum politischer Abwägung.
Auch in Vorbereitung der anstehenden Prozesse zur
Neuverhandlung einer Post2030Agenda auf
multilateraler Ebene ist die Förderung der europäischen und
deutschen Glaubwürdigkeit in den Augen strategischer
Partnerländer weltweit von zentraler Bedeutung.
Handels- und Wirtschaftsbeziehungen gestalten,
privaten Sektor in die Verantwortung nehmen
Internationale Wirtschaftsbeziehungen und
Handelspolitik sollten nachhaltige Wassernutzung fördern
und Wasserknappheit in Regionen unter Wasserstress
keinesfalls verschlimmern. Dies erfordert eine bessere
Integration wasserbezogener Auswirkungen und Risiken
im Rahmen internationaler Handelspolitik,
beispielsweise im Rahmen der World Trade Organization (WTO),
von regionalen Handelsabkommen oder auch von
Investitionsschutzabkommen.
Handelsbeziehungen der EU sollten gezielt auf
Effekte in anderen Ländern im Wasserbereich untersucht
werden (SpilloverEffekte). Fehlanreize, die negative
SpilloverEffekte begünstigen, z. B. aus Regelungen in
Handelsabkommen oder durch Fernwirkungen
europäischer Regulierung, sollten abgebaut werden. Zudem
sollten Handelsbeziehungen dazu genutzt werden, die
Umstellung auf wassersparende Produktions und
Anbaumethoden bzw. alternative Einkommensquellen zu
fördern.
Der WBGU empfiehlt, den Schutz von
Wasserressourcen in bestehenden Handelsabkommen stärker zu
verankern. Dies sollte möglichst unter WTORecht
geschehen, um kohärente Regelungen für eine möglichst
große Gruppe von Ländern zu erreichen, jedoch auch in
bi und multilateralen Abkommen, da eine Reform des
WTORechts kurz und mittelfristig schwierig sein dürfte
(Zengerling, 2020).
Unternehmen und Investoren sollten zudem
international stärker in die Verantwortung genommen
werden. Basierend auf der Berichterstattung über
Wassernutzung und Wasserrisiken sollten Unternehmen und
Investoren dazu angehalten werden, Maßnahmen zu
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 18 –
ergreifen, um negative Auswirkungen ihrer Aktivitäten
auf Wasserressourcen zu vermeiden. Länder niedrigen
und mittleren Einkommens sollten bei der Einführung
von Berichtspflichten unterstützt werden, z. B. durch
kapazitäts bil dende Maßnahmen. Deutschland sollte
darüber hinaus prüfen, inwieweit der Schutz von
Wasserressourcen und die Erfassung von Wasserrisiken
stärker in das deutsche Lieferkettengesetz integriert
werden können.
Gestaltender Staat
Der Staat sollte eine aktive, gestaltende Rolle im Bereich
der Wassergovernance einnehmen. Um dem
Vorsorgeund Verursacherprinzip gerecht zu werden, bedarf es
demokratischer Prozesse, um Strategien und
Instrumenten für Wasserpolitik auszuhandeln, zu konzipieren und
umzusetzen. Die Zusammenarbeit mit verschiedenen
Akteuren ist wichtig („mit und nicht gegen die
Gesellschaft“); dies darf aber nicht bedeuten, dass sich der
Staat zurückzieht und sich passiv gegenüber den
Herausforderungen der Wassergovernance verhält. Der WBGU
empfiehlt eine Erhöhung administrativer Kapazitäten
und Ressourcen, so dass Staaten ihre Rolle und
Verantwortung angemessen wahrnehmen können.
Ein zukünftiges klimaresilientes, sozial ausgewogenes
Wassermanagement bedarf des gesteuerten und
geplanten Zusammenspiels des gestaltenden Staats mit all seiner
rahmengebenden Verantwortung (top down) sowie der
in Teilen schon praktizierten und historisch gewachsenen
Selbstorganisation (bottom up) im Wassermanagement,
die nicht aus der Notwendigkeit heraus entsteht, sondern
aus der Chance einer verbesserten Wassergovernance,
die die Ziele eines klimaresilienten Wassermanagements
beschleunigt umsetzen kann.
Selbstorganisation auf regionaler und lokaler
Ebene fördern
Insbesondere in stark von wasserbezogenen
Verschärfungen betroffenen Weltregionen spricht sich der WBGU
für die gezielte Förderung von Strukturen aus, die
(1) Selbstorganisation auf regionaler und lokaler Ebene
ermöglichen (bottomup), (2) Schwachstellen der
formellen und häufig von staatlicher Hand gestalteten
Wassergovernance ausgleichen sowie (3) auch Defizite
informeller Systeme anerkennen und adressieren. Die
Förderung von Selbstorganisation, gerade auch entlang
der IWRMPrinzipien, hat sich in der Vergangenheit
bewährt, um partizipative und inklusive Formen der
Entscheidungsfindung auszubauen. Gerade in Zeiten
zunehmender Autokratisierungsprozesse auf politischer
Ebene in der Mehrheit aller Staaten ist diese Förderung
inklusiver Governanceansätze auf lokalen Ebenen und
im Bereich des Wassermanagements wichtig.
Internationale Allianzen für klimaresilientes
Wassermanagement
Beim Aufsetzen von Förderlinien im Bereich des
Wassermanagements und der Wasserforschung sollte gezielt
darauf geachtet werden, kooperative Forschungsprojekte
mit Ländern zu fördern, die zunehmende
Herausforderungen im Wassermanagement haben (z. B. Dürren,
Überschwemmungen), die von sozialer Polarisierung und
politischen Autokratisierungsprozessen betroffen sind
bzw. die auf Ebene geopolitischer Aushandlungsprozesse
von hoher strategischer Relevanz als Partner und
Allianzen für Deutschland und Europa sind. Die empfohlene
Wissenschaftskooperation sollte alle wissenschaftlichen
Akteure umfassen, einschließlich Universitäten,
beratende Institute und Think Tanks.
Bei der Unterstützung vertrauensbildender
Maßnahmen, insbesondere in Konfliktgebieten, ist es wichtig,
auf institutionelle Kapazitäten und einen auf
gemeinsame Ziele fokussierten Dialog zu achten, und sich nicht
vornehmlich auf technologische Lösungen und
Datenverfügbarkeit zu fokussieren. Allzu oft wird
Infrastrukturprojekten Vorrang eingeräumt, ohne die Bedürfnisse
vor Ort für die langfristige Pflege dieser Infrastrukturen
und Einbettung in formale und gesellschaftliche gelebte,
informelle Steuerungssysteme mit zu bedenken.
Schwieriger ist es, Normen, Denkmuster und Gewohnheiten zu
ändern. Notwendig sind daher vertrauensfördernden
Maßnahmen in Institutionen (über u. a. Politikkohärenz,
Transparenz, Rechenschaftsablegung), langfristige
Partnerschaften und ein echter Dialog mit den Partnern –
auch bei der Finanzierung von Forschungsprojekten. Zu
häufig sind (Forschungs)Projekte kurzfristig angelegt
und es findet kein echter Dialog zwischen Gebern und
Empfängern statt.
Die deutsche und europäische
Wissenschaftsförderlandschaft sollte gezielt inter und transdisziplinäre
Projekte im Bereich nachhaltigen Wassermanagements
in unterschiedlichen Weltregionen und bezüglich
verschiedener Managementherausforderungen fördern.
Dies umfasst die wissenschaftliche Erarbeitung und
lokal angepasste Innovationsentwicklung im Bereich der
Bewässerungslandwirtschaft genauso wie städtische
Wasserver und entsorgung, Behandlung von Abwasser
sowie die Energieerzeugung durch Wasserkraft. Wichtig
ist hierbei, auf transdisziplinäre Forschungsdesigns zu
achten, in denen die transformative CoProduktion von
WassermanagementWissen in enger Zusammenarbeit von
Wissenschaftler :innen und Praktiker:innen gefördert wird.
Als Instrument einer nachhaltigen klimaresilienten
Governance sollten Dialogforen mit deliberativen
Elementen institutionell aufgebaut und miteinander
verknüpft werden. Beteiligung wirkt präventiv und hilft, das
Konfliktpotenzial zwischen verschiedenen Akteuren zu
verringern. Dies fördert zudem eine demokratisch gelebte
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 19 –
Praxis und kann innerhalb von Ländern und international
zur Friedenssicherung beitragen. Dialogforen bieten
zudem die Chance, diverse Wissensformen und Akteure
(z. B. Städte, Verbände, religiöse Gemeinschaften und
Unternehmen) in die Lösungssuche einzubinden.
Finanzierung auch für lokale Ansätze mobilisieren
und vermitteln
Weltweit wurde der in den UNNachhaltigkeitszielen
(SDG 6) vereinbarte sichere Zugang zu Trinkwasser und
Sanitäreinrichtungen verbessert, aber auch heute müssen
noch 2,2 bzw. 3,5 Mrd. Menschen darauf verzichten. In
140 Ländern müssten die Investitionen auf insgesamt über
100 Mrd. US$ pro Jahr verdreifacht werden, um die SDGs
6.1 und 6.2 bis 2030 zu erreichen (Hutton und Varughese,
2016); hinzu kommen Aufwände für den
Wasserressourcenschutz und die Reduktion wasserbezogener Risiken
(auch durch den Klimawandel). Der jeweilige Nutzen wird
allerdings auf das Zweieinhalb bis Siebenfache der
Kosten geschätzt (UNESCO, 2024; GCA, 2019).
Zur Finanzierung werden öffentliche wie private
Investitionen benötigt. Daher muss gerade auch privates
Kapital stärker mobilisiert werden, insbesondere in
Niedrig einkommensländern, in denen z. B. nur 1,4 % der
privaten Finanzmittel, die 2012–2017 mit Mitteln der
Entwicklungszusammenarbeit gehebelt wurden, auf den
Bereich Wasser und Abwasser entfielen (OECD, 2019b).
Bereits heute zielen viele Strategien (z. B. der Weltbank,
des BMZ sowie die deutsche Wasserstrategie) auf die
Erhöhung der Attraktivität von Investitionen im
Wassersektor und der Kreditwürdigkeit von Wasserversorgern
ab. Fähigkeiten und Kapazitäten müssen vor allem bei
öffentlichen Unternehmen und Institutionen für
effiziente Planung, Investitionsabwicklung und Betrieb bzw.
für Aufsicht und Regulierung aufgebaut werden.
Aufgrund der beschriebenen wasserbezogenen
Verschärfungen müssen aber auch die folgenden drei
Handlungsfelder mehr Aufmerksamkeit erfahren.
Erstens sollten wasserbezogene Risiken transparent
gemacht werden, um private und öffentliche Investitionen
zu mobilisieren. Nur wenn Unternehmen, Investoren und
Kommunen wasserbezogene Risiken und Auswirkungen
ihrer Aktivitäten stärker berücksichtigen, werden sie
vermehrt in deren Minderung investieren oder sich an
Anstrengungen wie dem internationalen
Klimaanpassungsfonds beteiligen. Die Bundesregierung sollte sich
für eine Harmonisierung der nicht finanziellen
Berichterstattung zu SDG 6 einsetzen, beispielsweise durch
Unterstützung der International Platform on Sustainable
Finance und eigene Aktivitäten. Aufbauend auf
Erfahrungen mit der EUTaxonomie und der Ausgestaltung
„blauer“ Finanzinstrumente kann Deutschland dabei eine
Vorreiterrolle einnehmen. Zum anderen sollten
Informations und Unterstützungsangebote zur Bewertung von
Wasserrisiken verbessert werden. Bessere Daten und
langfristige Projektionen zu Wasseraufkommen,
Wassernutzungen sowie regionalen und sektoralen Kopplungen
sollten bedarfsorientiert erhoben, bereitgestellt,
Kompetenzen zu deren Nutzung vermittelt und auch andere
Länder dabei unterstützt werden. Klimatologische,
meteorologische und hydrologische öffentliche Dienste und
Forschungseinrichtungen müssen dafür gestärkt und
vernetzt werden. Die Einrichtung eines digitalen und
kostenfreien europäischen Zugangsportals (European
Access Point, ESAP) sollte unterstützt werden. Öffentliche
Unterstützungsangebote wie der Deutsche
Nachhaltigkeitskodex sollten gestärkt und Erfahrungen dazu mit
anderen Ländern ausgetauscht werden.
Zweitens sollte der Wassersektor durch stabile
Einnahmequellen attraktiver gemacht werden. Die Nutzer
von Wasser oder spezifischer Infrastrukturen (z. B.
Hochwasserschutz) sollten ebenso wie die Verursacher von
Schäden stärker an Kosten beteiligt werden. Dafür sollte
zum einen die Bepreisung von Wasser umfassend, aber
sozial ausgewogen sein und umweltbezogene Kosten mit
abdecken. Ausnahmen bei Entnahmeentgelten sollten
abgebaut werden. Zum anderen sollten Inverkehrbringer
und Nutzer gewässerbelastender Stoffe stärker am
Gewässerschutz beteiligt werden. In Deutschland und der
EU gibt es hierfür im Rahmen einer erweiterten
Herstellerverantwortung bereits Ansätze, die auf weitere
Stoffund Produktgruppen und eigenschaften erweitert
werden sollten. Deutschland sollte sich auch für eine
EUweite Pestizidabgabe einsetzen, die Umwelt und
Gesundheitsrisiken einbezieht und Stoffe mit höheren
Risiken stärker belastet. Die Einnahmen können für
Gewässerschutz, zur Abmilderung außergewöhnlicher
Belastungen, z. B. für Landwirt:innen, sowie für Beratung
zu alternativen Pflanzenschutztechniken verwendet
werden. Die Bundesregierung sollte in Ländern mit
niedrigen und mittleren Einkommen den Aufbau von
Kapazitäten zur Planung und Umsetzung von Preisreformen
ebenso wie zur Einführung von Herstellerverantwortung
und wasserbezogenen Umweltabgaben unterstützen.
Darüber hinaus sollten Maßnahmen mit
Mehrgewinnen für die Allgemeinheit besser entlohnt werden.
Öffentliche Kofinanzierung, Steuererleichterungen oder
Subventionen können dabei Anreize für private
Investoren erhöhen. Die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der EU
sollte ab 2028 so reformiert werden, dass sie die
Erhaltung von Wasserressourcen und naturbasierte
Maßnahmen mit Mehrgewinnen stärker fördert und Fehlanreize
vermeidet. Die in der ersten Säule der GAP vorgesehenen
ÖkoRegelungen sollten auf Kosten der bisherigen
flächengebundenen Direktzahlungen ausgebaut werden.
Auch indirekt wasserwirksame Subventionen sollten
wasserbezogene Mindeststandards erfüllen und könnten
z. B. auf Basis der DoNoSignificantHarmPrinzipien
Drucksache 21/1260 Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode – 20 –
der EUTaxonomie geprüft werden. Länder mit
niedrigen und mittleren Einkommen können, sofern sie die
notwendigen institutionellen Voraussetzungen erfüllen,
durch wasserbezogene Debt Swaps (Schuldenerlass unter
Auflagen) bei der Einführung eines klimaresilienten
Wassermanagements unterstützt werden.
Schließlich sollte die Einnahmengenerierung und
verwendung auf lokaler Ebene gestärkt werden. Aber
auch Einnahmen aus zentral erhobenen Abgaben,
z. B. auf wassergefährdende Produkte, sollten
Kommunen und Städten anteilig zufließen, um daraus
resultierende Aufgaben zu erfüllen (z. B. Wasseraufbereitung).
Dies kann durch horizontale Ausgleichsmechanismen
ergänzt werden, wenn Kosten und Nutzen lokaler
Maßnahmen in unterschiedlichen Kommunen anfallen. In
Mittel und Niedrigeinkommensländern erfordert eine
effizientere Erhebung und Verwendung von Einnahmen
oftmals institutionelle und strukturelle Reformen,
Korruptionsbekämpfung sowie mehr Transparenz und
Rechenschaftspflicht.
Drittens sollten vermittelnde Institutionen
(Intermediäre) und lokale Kooperationsplattformen strategisch
gestärkt bzw. aufgebaut werden: Spezialisierte Banken,
revolvierende Wasserfonds, NGOs oder
Forschungseinrichtungen können kleinere Projekte bzw.
Wasserund Landakteure sowie öffentliche und private
Investoren „poolen“, zwischen ihnen vermitteln und geeignete
Finanzierungen strukturieren. Mit Hilfe dieser
Intermediäre sollten die EU, nationale und subnationale
Regierungen lokale Austausch und Kooperationsformate
zwischen Stakeholdern und Geldgebern flächendeckend
institutionalisieren. In diesen können eine gemeinsame
Wissensbasis hergestellt, Strategien und Maßnahmen
abgestimmt sowie Finanzierungen organisiert werden.
Begleitend sollten öffentliche Kapazitäten und Best
PracticeNetzwerke für die Umsetzung ergebnisorientierter
BlendedFinanceAnsätze aufgebaut und
Vergütungsmodelle für Projekte mit ökologischen und sozialen
Mehrgewinnen geplant, überprüft und skaliert werden.
Forschungsbedarf besteht u. a. zu (1) Projektionen
potenzieller wasserbezogener Schäden,
Anpassungskosten und Mehrgewinnen sowie der Modellierung von
Unsicherheiten; (2) Auswirkungen möglicher
wasserbezogener Schäden auf Volkswirtschaften und den
Finanzsektor; (3) Möglichkeiten zur stärkeren Beteiligung
institutioneller Investoren bei der Finanzierung
wasserbezogener Ziele; (4) hybriden
Finanzierungsinstrumenten und neuen Geschäftsmodellen für naturbasierte
Ansätze; (5) der effizienten Bewertung lokaler
Mehrgewinne naturbasierter Ansätze und ihrer systematischen
Nutzung; (6) Wirkungen einer erweiterten
Abgabenreform inklusive z. B. nicht beabsichtigten Belastungen
Dritter oder Verlagerungen verschmutzungs intensiver
Wirtschaftsaktivitäten.
Wissenschaft und Bildung für eine nachhaltige
WasserZukunft
Dem Wissenschaftssystem kommt beim Umgang mit
Herausforderungen und Verschärfungen eine
zentrale Rolle zu. Besonders die durch den anthropogenen
Klima wandel bedingte Nichtstationarität hydrologischer
Regime erfordert die kontinuierliche Produktion von
Wissen und Daten, die bei Innovationen zur Sicherung der
Wasser bedarfe für Mensch und Ökosysteme
berücksichtigt werden müssen. Nichtstationarität bedeutet, dass die
Annahme, ein System weise eine vorhersagbare, aus
empirischen Beobachtungen ableitbare Variabilität auf, nicht
mehr haltbar ist. Wissenschaft kommt weiterhin verstärkt
eine beratende und begleitende Rolle im Politikprozess
zu. Die Komplexität und Veränderungsgeschwindigkeit
der sozialökologischen Prozesse, verschärft durch den
Klimawandel, verlangen gleichzeitig eine
vorausschauende, lern und anpassungsfähige lokale und globale
Wassergovernance. Hierfür ist unabhängige, kritische
Wissenschaft als Grundlage unerlässlich.
Die wissenschaftlichen Kapazitäten in Ländern mit
niedrigen und mittleren Einkommen sollten gestärkt
werden. Internationale Forschungskooperationen
können zu deren Aufbau beitragen. Bislang sieht der
rechtliche Rahmen in internationalen
Wissenschaftskooperationen vor, dass sämtliche Personal, Sach und
Reisemittel in den Wissenschaftseinrichtungen der Geberländer
verwaltet werden. Als Mittel zur Stärkung der
Wissenschaftskapazitäten empfiehlt der WBGU, die rechtlichen
Voraussetzungen zur direkten Mittelverwaltung
inklusive Abrechnung und Prüfung in Partnerländern zu
schaffen. Dies stärkt die Rolle der dort forschenden
Wissenschaftler:innen und schafft Kapazitäten in der
Mittelverwaltung. Eine weitere Maßnahme wäre, die
rechtlichen Voraussetzungen zur Weiterleitung von
Mitteln zu schaffen, mit geteilter Haftung zwischen den
involvierten Partnerinstituten und dem Geber.
In Citizen Labs können Bürger:innen aktiv an
wissenschaftlichen Forschungsprojekten teilnehmen. Durch die
Einbindung der Bürger:innen in den
Entscheidungsprozess können Citizen Labs, ähnlich wie deliberative
Partizipationsprozesse, zu resilienteren Strukturen in
Kommunen beitragen. Sie können maßgeschneiderte und
durch transparente Entscheidungen akzeptierte
Lösungen für lokale Herausforderungen wie Wasserknappheit
finden und Wasserressourcen besser schützen. Der
WBGU hält diese Form der Bürgerbeteiligung zum Schutz
von Wasser und Biodiversität für sehr wichtig und
plädiert für ihren weiteren Ausbau.
Bildung ist für den Übergang zu einer nachhaltigen
Gesellschaft im Allgemeinen sowie für die Vermeidung
von Wasserkrisen im Speziellen essenziell. Maßnahmen
wie Information, Aufklärung, die Aneignung von Wissen
durch praktische Erfahrung oder öffentlicher Dialog
Deutscher Bundestag – 21. Wahlperiode Drucksache 21/1260– 21 –
stärken das Bewusstsein für die Bedeutung der Ressource
Wasser. Selbstbestimmtes Handeln und eine aktive
Beteilung an Politikprozessen werden durch ein besseres
Verständnis der Zusammenhänge von Lebensweise,
Wirtschaft und Wasserqualität ebenso gefördert wie
durch Kenntnisse über die neuen, klimawandelbedingten
Herausforderungen im Wassermanagement und die
komplexen Zusammenhänge globaler Governance. Der
WBGU empfiehlt, verstärkt Bildungsprogramme national
und länderübergreifend zu initiieren sowie eine
internationale Diskussion über neue Formen des
Wirtschaftens und der Wertschätzung von Ökosystemleistungen
anzuregen. Weiterhin sollten Beratungs und
Schulungsprogramme – auch auf Basis der Ergebnisse des
Wissensaustauschs – auf regionaler Ebene durchgeführt und auf
die Begebenheiten vor Ort zugeschnitten werden, um
so das Bewusstsein für lokale Wasserprobleme zu
schärfen und Akteure zum Umdenken sowie zu gezieltem
Handeln zu befähigen. Das Thema Wasser ermöglicht
Kindern und Jugendlichen durch lebensnahe
Lerneinheiten unter anderem
Anzeige gekürzt – vollständiger Text im Original.
Relationen
- authored ← Bundesregierung
- part_of_vorgang → Hauptgutachten des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen Wasser in einer aufgeheizten Welt (Unterrichtung)